Alles eine Frage des Geschmacks

Die Sache mit dem Lieblingsessen und mir ist eine ganz spezielle: Ich habe gar keine echte Leibspeise. Anders gesagt: Ich esse sehr viele Gerichte gerne, aber wenn es drei Tage hintereinander Pfannekuchen gibt, möchte ich sie für längere Zeit nicht mehr auf dem Teller haben.

Als Kind haben mir viele Dinge nicht geschmeckt, Rosenkohl und fettes Fleisch gehörten beispielsweise dazu. Trotzdem blieben sie mir selten erspart. Nur meine Oma hatte ein Einsehen und löffelte mir über Kartoffeln und Gemüse nur die Soße. Das Essen in Schulküche und Mensa war eher ein Fall für: Schmeckt nicht besonders, macht halt ein bisschen satt. Dass immer genügend davon in der Restmülltonne landete, muss ich nicht erwähnen, oder? Überhaupt war Essen in Kindheit und der frühen Erwachsenenzeit kein Thema, sondern einfach Notwendigkeit. Erst als ich anfing, selbst zu kochen und den Ehrgeiz entwickelte, dass das Essen gut schmecken solle, änderte sich das. Mein Gewicht leider auch.

Inzwischen esse ich zwar immer noch kein fettes Fleisch, aber Rosenkohl schmeckt mir sehr gut, besonders dann, wenn er nicht in Wasser gekocht, sondern in der Pfanne angeschwitzt und dann gedünstet wird. Ja, Essen kann glücklich machen. Wer jemals trostsuchend den Löffel ins Nutellaglas gesteckt hat, weiß das.

Rote Bete.

Damit ein Essen zum Lieblingsessen wird, gehören die Geschichten und die Erinnerung dazu, wie an das Schlückchen Eierlikör, das mir die Oma im Schokobecherchen gab. Erst das „weißt du noch“ macht ein Essen zur Leibspeise und aus einem Lebensmittel ein Mittel, das wir zum Leben brauchen.

Die rote Bete auf dem Teller hätte ich als Kind vermutlich abgelehnt. Damals gab es allerdings rote Bete nur als säuerliche Beilage, meistens zu Königsberger Klopsen und Reis. Ob es gut war, dass Essen früher bedeutungsloser war als heute, einfach da war, auf dem Teller aufgetischt wurde und gegessen werden musste, das kann ich nicht beurteilen. Was ich allerdings sicher weiß: Heute schmeckt es deutlich besser. Das ist doch schon mal etwas.

(Jetzt bin ich zwar etwas spät für Sunnys PunktPunktPunkt, doch besser das, als nie)

Wochenende in Wolfenbüttel

An diesem Freitag wird das nichts mit dem Feierabend. Der Mitbewohner fuhr mich heute morgen mit dem Auto zum Bahnhof nach Forchheim, damit ich in den Zug steigen konnte. Das junge Mädchen auf dem Nebenplatz hatte farblos glänzend lackierte Nägel, die oben mit einem dunklen Rand geschmückt waren, sie stieg aber bereits an der nächsten Station, in Erlangen, aus. Mein nächster Mitfahrer streichelte erst den rauen Stoff seiner Tasche, dann das geriffelte Styropor des Kaffeebechers, drückte mit beiden Daumen rund um den Deckel, damit dieser auch tatsächlich und sicher geschlossen sei, bevor er sein Smartphone griff und dieses zärtlich bis Nürnberg befingerte. img_20160916_150220

Die Menschen im ICE sind sämtlich verstöpselt und verkabelt, ich komme mir fast wie auf einer Intensivstation vor, auf der allerdings nichts blinkt und piept. Kurz vor Würzburg kommen drei junge Frauen ins Abteil, eine trägt eine Gardine wie einen Schleier, der von einem Blütenkranz gehalten wurde. „Kaffee? Brezel? Ich heirate nächste Woche, ich brauche noch Geld!“, ein älterer Herr spendiert ihr etwas, bekommt Brezel und Kaffee und wundert sich erst laut, als die Mädchen bereits außer Hörweite sind. Die Frau, die auf dem Sitz hinter ihm fährt, klärt ihn auf, dass das ein Junggesellinnenabschied war, sie hätte auch so etwas gehabt. Es ist nicht ganz klar, ob sie jetzt dem Herrn etwas erklärt oder zu ihrer Freundin auf dem Nebensitz spricht, es ist allerdings laut genug, dass alle mitbekommen, dass sie selbst damals mit Blinklichtern verkleidet war, zu ihrem Junggesellinnenabschied. Die Hochzeit war kurz darauf, 300 Leute zum Polterabend im Zelt mit DJ, die Hochzeit im Schloss und Feier im Tivoli. Den Ehering behielt sie, ließ ihn ändern und mit einem Stein versehen, den gravierten Namen auslöschen.

Als der ICE in Würzburg hält, sucht ein älteres Paar seine reservierten Plätze, hält alles auf, lässt Kofferträger rückwärts gehen, da der Mann mit seinem Krückstock fuchtelt und raumgreifend Platz braucht. Endlich – mit Hilfe der anderen Mitreisenden – wird der Platz identifiziert und – ist besetzt. Die Passagiere müssen ihn räumen, der Alte will seinen Platz und motzt noch eine Weile vor sich hin, während er seiner Frau Anweisungen gibt: Er will jetzt was essen und trinken, packt die belegten Brote aus dem Butterbrotpapier und redet grummelnd weiter, während er kaut.

In Göttingen steige ich um. Auf dem Bahnsteig sehe ich, dass der hintere Teil des Zuges qualmt und Rauch von unten, von den Rädern oder irgendwo aufsteigt und alles einhüllt, fast so, als säße unten ein kleiner Drache oder wie früher der Dampf in der Leitung. Die beiden Zugbegleiter laufen außen entlang, leuchten mit einer Taschenlampe unter den Zug, verlangen am Telefon, dass der Zugführer kommen möge, doch der meldet den Zug abfahrbereit, bleibt aber noch zehn Minuten lang stehen. Ich muss auf den nächsten ICE warten, der vom gleichen Gleis fahren soll und – da ja dieses noch besetzt ist – irgendwo vor dem Bahnhof warten muss.

Auf meinem reservierten Platz sitzt schon jemand, muss Kaffeebecher, Papier, Tasche und sonstiges Geraffel zusammenkramen, bevor ich mich setzen kann. Leider sehe ich keinen anderen freien Platz auf den ich mich sonst setzen könnte. „Noch jemand zugestiegen?“ fragt der Schaffner, prüft den ausgedruckten Zettel, der als Fahrschein dient: „Nach Wolfenbüttel? Dann machense das mal!“ Kurz hinter Göttingen hält der Zug im Tunnel, weil ein Zug vor uns steht, wie die Durchsage erklärt. Das wird hoffentlich nicht der ICE nach Hamburg sein, aus dem ich gerade stieg und der weiterfuhr, obwohl es qualmte? Im nächsten Tunnel wieder Halt, weil Gegenverkehr. Hier sei die Strecke eingleisig, erklärt die Stimme aus dem Lautsprecher. Ein Halt mit Aussicht auf Landschaft wäre mir ja lieber, als so ein Blick in den finsteren Tunnel. Eine Reisegruppe in der Sitzgruppe vor mir plaudert, lärmt und lacht, sekt-, wein- und kaffeeselig im Ruheabteil.

Von der großzügigen Umsteigezeit ist in Braunschweig kaum noch etwas übrig, der Regionalzug nach Goslar über Wolfenbüttel stand schon bereit und fuhr bald ab.

In Wolfenbüttel steige ich aus, orientiere mich kurz, wo der Bus fahren soll, halte inne: Dieser soll zwanzig Minuten für einen halben Kilometer brauchen? Da laufe ich ja zu Fuß schneller, selbst mit Köfferchen.

Jetzt sitze ich in der Schünemannschen Mühle, in einer halben Stunde beginnt das Wochenende, das hier arbeitsreich sein wird. Mit der Klingel, die deswegen „außer Betrieb“ ist, reihe ich mich bei Frau Tonaris Freitagsgeklingel ein.

Alles für die Katz #42

In diesem Sommer haben sich die lebenden Katzen vor mir gut versteckt: Kaum kam ich mit der Kamera in Sichtweite, tauchten sie ab und unter, wedelten nur noch von weitem mit dem Katzenschwanz, als wollten sie sagen: Ätsch, ich war schneller.

Doch zwei große Katzen konnten nicht weg: Eine fuhr als Statue in einem Kirmeszug mit und war auf einem Autodach befestigt, die andere fand ich im Höllental, auf einem stillgelegten Bahnhof, in dem der letzte Zug offensichtlich seinen Anschluss verpasst hat. Oder warum steht er noch?

Der Löwe auf dem Autodach

Der Löwenhof hat die Abfahrt verpasst.

alles_fuer_die_katz_logo_120x120Wer sich gerne am Projekt “Alles für die Katz” beteiligen möchte, kann das an jedem 1. und 15. des Monats machen. Einfach den eigenen Beitrag im Kommentar verlinken: Und schon freuen sich alle Katzenfans über schöne Bilder. Das von Kerstin gestaltete Logo darf sich auch jeder mitnehmen und verwenden, der bei “Alles für die Katz” dabei ist. Klickt euch durch die Galerie der Katzen, streichelt ihnen über den Kopf, lasst euch auch einmal anfauchen – und sagt einfach denen, die sie fotografiert haben, wie schön ihre Katzen sind.

12 Bilder vom 12. September

Es ist mal wieder der 12., und die freundliche Blognachbarin bei „Draußen nur Kännchen“ möchte sehen, was ich den ganzen Tag über mache. Nun, morgen beginnt die Schule wieder und die Lieblingshausziege darf wieder jeden Morgen mit dem Bus in die Stadt fahren und besucht ebendiese Bildungseinrichtung ein letztes Jahr. Es sei denn, sie dreht eine Ehrenrunde, aber das wollen wir ja nicht hoffen. Weil letzter Ferientag ist, nutzen wir das schöne Wetter und die Gelegenheit, fahren hinaus in die Fränkische und laufen von Mostviel bis Hohenschwärz. Das geht an einem Montag sehr viel besser als am Wochenende, weil dann alle, die aus Nürnberg und anderen Städten der Metropolregion in die Fränkische einfallen, wieder brav ihrer Arbeit nachgehen müssen. Steppt am Wochenende hier der Bär, ist es in der Woche schön ruhig, ganz so, wie es sich für diese sonst eher verschlafene Region gehört.

Das Walberla im Morgenlicht.

Wir halten kurz an, als wir am Walberla vorbeifahren, dem ehemals heiligen Berg der Kelten und Wahrzeichen der Franken.

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Noch liegt Tau auf dem Gras.

Auf dem Gras glitzert noch der Tau und lässt alles funkeln. Während es in der Sonne bereits schön warm ist, wirkt es im Schatten noch frisch und kühl. Ob ich mir doch eine Jacke überziehen sollte?

In der Ferne: Burg Egloffstein.

Hinten ist schon Burg Egloffstein zu sehen, wie sie hoch über dem Tal thront.

Mühlbach auf Stelzen.

Der Mühlbach steht in den letzten Metern auf Stelzen und treibt ein Wasserrad von oben an. Mit diesem wird tatsächlich noch Strom erzeugt. Ob sich damit die Taschentelefone der Wanderer aufladen lassen?

Stromerzeugung durch Wasserkraft.

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Burg Egloffstein über Egloffstein.

Burg Egloffstein ist jetzt besser zu sehen. Wir bleiben trotzdem im Tal und laufen an ihr vorbei.

Alter Bewässerungsgraben.

Rechts neben dem Weg ist ein kleines Rinnsal, das früher der Bewässerung diente, wie ein Schild erklärte. Viel Wasser war allerdings nicht darin.

Weg von Egloffstein nach Hohenschwärz.

Der Weg gibt sich richtig Mühe, uns zu gefallen. Wir sind denn auch ordentlich begeistert. Ein paar Schritte weiter steht ein älterer Herr mit Säge und kürzt einige der Äste, die auf den Weg reichen. Deswegen ist also kaum Wasser im Bächlein.

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Klares Wasser im Bächlein.

Ein paar Schritte weiter plätschert es im Bächlein. Glasklares Wasser rinnt über die Steine und Pflanzen, wir probieren, es ist ganz schön kalt. Noch ein Stück weiter kommt der Abzweig, der einen Teil der Trubach in den Bewässerungsgraben leitet. Hier stehen vier Kisten mit Getränken im Wasser und werden von diesem gekühlt. Das ist ein Angebot der Lamastation, so steht es auf einem Schild, das gleichzeitig darüber informiert, wie viel Geld in das Blechkästchen, das hier die Kasse des Vertrauens darstellt, für eine Flasche zu legen sei.

Von nun an geht es bergauf. Immer im Wald. Das Klopfen eines Spechts, der Schlag eines Taubenflügels – es gibt nicht viele Geräusche, welche die Stille stören. Die Sonnenstrahlen haben noch etwas Mühe, wenn sie bis auf den Waldboden reichen wollen. Die meisten von ihnen werden vom dichten Laub abgefangen, so bleibt es hier unten schattig, kühl und feucht.

Pflaumenbäume.

Oben auf der Höhe brennt die Sonne gnadenlos, so dass wir schnell verschwitzt weiterlaufen. Die Pflaumenbäume sind in ihrer Krone zwar ein wenig struppig, doch unten hängt alles voll mit leckeren Früchten. Leider brauchen sie noch ein paar Tage, bis sie richtig reif und süß sind.

Hohenschwärz. Angekommen.

Jetzt ist es nicht mehr weit bis zur Brauerei. Dort haben wir uns zwei Hohenschwärzer Bier redlich verdient.

Prost!

Anschließend gehen wir auf dem gleichen Weg wieder zurück zum Auto und fahren nach Hause. Die Lieblingshausziege kommt Nachmittags, sie hat sich einen Kuchen mit Birnen gewünscht. Den gibt es auch, jetzt schneidet sie ein Schnittmuster zurecht, weil sie sich noch eine Bluse nähen möchte, bevor der Sommer ganz vorbei ist.

Und ich muss schreiben. Da gibt es nichts zu sehen.

 

Alter Falter

Neulich, auf der Erfurter Gartenausstellung, habe ich meine Nase in Rosen, Zinnien, Dahlien, Fuchsien und sonstiges Freugemüse gesteckt, über die bunt gepflanzte Vielfalt gestaunt, schließlich sieht immer alles so leicht aus – und macht mehr Arbeit, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Wenn ich aus dem Küchenfenster gucke, freue ich mich im Sommer immer darüber, wie schön es im Garten der Nachbarin blüht. Dafür ackert sie auch ordentlich, putzt die Stauden aus, jätet zwischendrin das Unkraut, gießt, ihr Mann mäht den Rasen, was eben alles so anfällt, wenn der Garten schön aussehen soll.

Weil in Erfurt auch Gewächshäuser standen, gingen wir hinein. Waren die Temperaturen draußen schon warm, innen wurde es noch wärmer. Und feuchter. Wie das eben in Tropen und anderen warmen Gegenden so ist. Im Schmetterlingshaus flatterten Falter, saugten Obst und torkelten von Blatt zu Stamm zu Schale. Ich hätte den Flattertierchen ja ewig zugucken können, allein ich war nicht allein und eine Bank zum Setzen gab es auch nicht. Also hab ich wenigstens einige von ihnen fotografiert.

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Schmettern: Ein Wort, das kraftvoll schlagen, werfen oder das Hervorbringen lauter Töne bezeichnet. Wie kommt ein solch zartes Wesen wie der Schmetterling ausgerechnet an einen solchen Namen? Die Erklärung, die ich fand, hört sich bezaubernd an: Smetana ist tschechisch und heißt Milch und mit dem Wort „schmetten“ wurde früher Rahm bezeichnet, auch wenn das schon lange her ist. Seit dem 16. Jahrhundert wird der Falter deswegen Schmetterling genannt, weil die Menschen dachten, es sei eine verzauberte Hexe, die Milch und Sahne stiehlt. Anderswo wird der Schmetterling Buttervogel oder Butterfly genannt.

Damit beteilige ich mich heute bei der Aktion punkt.punkt.punkt. von Sunny, die ich schon eine Weile bei anderen beobachte, aber bisher nie geschafft habe. Tadaa.

Das Boot war voll #Freitagsklingeln

In Bamberg mit dem Boot die Regnitz zu befahren, an „Klein Venedig“ vorbeigleiten, bis irgendwohin, wenden und wieder zurück, hoch droben wacht der Bamberger Dom, das wollte ich. Der Mitbewohner, der vor Jahren in Bamberg studiert und nieundnimmernich die Lust auf Bamberger Bootstour verspürt hatte, fragte denn auch verwundert, was ich dort zu sehen gedenke. Da ich noch nicht dort gewesen, kann ich es ja nicht wissen, entgegnete ich.

Jetzt legt die Bamberg ab. Im Hintergrund die Domspitzen.

Ich hatte jedoch die Rechnung ohne die Touristen gemacht, von denen so viele mitfahren wollten, dass das Boot schnell voll war und wir doch lieber an Land blieben.

Der 1. September ist längst vorbei.

Dabei ist es bereits September – aber vielleicht kommt bald eine Zeit, in der das Wetter immer noch schön – aber die Stadt vielleicht ein wenig weniger voll ist. Wie sich die Massen durch die manchmal engen Gassen schieben, das ist mir zu viel.

Blick auf die Rathausuhr in Bamberg.

Wir trödelten noch hie und da, bis die Rathausuhr sagte, dass es Zeit sei, zu gehen. Feierabend.

Feierabend.

Mit dem kleinen Glöckchen in der offenen Turmhaube des Rathauses läute ich heute das Wochenende ein, zusammen mit den vielen anderen Glocken, Klingeln und Krachmachern bei Frau Tonari. 

Vorräte hamstern

Wir sollen wieder Vorräte vorrätig haben, so für den Ernstfall, der hoffentlich nie eintreten wird, empfiehlt die Bundesregierung. Die hätten mal hier im Keller stöbern sollen…

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Vorräte sammeln.

Der alte Mensch, der unten im Haus wohnt, hat in seiner Jugend gelernt, dass Essen nicht weggeworfen wird und dass die Früchte des Gartens konserviert werden müssen. Trägt der Kirschbaum schwer an seiner Last, werden nicht etwa die frischen Kirschen an alle diejenigen verschenkt, die sie gerne essen würden, nein, die Kirschen werden gepflückt und entsteint und die, die nicht zu Marmelade verkocht werden, landen im ewigen Frost der Tiefkühlschränke Damit sie weniger Platz brauchen, dreht er sie erst durch den Fleischwolf, so passt mehr Kirschmasse in die 3-Liter-Beutel, die anschließend im Froster gestapelt werden. Auch die Johannisbeeren werden fein säuberlich gepflückt und mitsamt der Schale zu Marmelade verkocht. In große Gurkengläser gefüllt, kann er die Masse mit dem großen Löffel auslöffeln und auf die Pfannekuchen streichen, nach denen alle zwei Tage das Treppenhaus duftet. In den Schalen steckt doch die ganze Kraft, murmelte er, als ich ihn einmal darauf ansprach, dass Johannisbeergelee besser schmecken würde.

Im Garten steht auch ein Pfirsichbäumchen, das jeden zweiten Sommer so schwer an den Früchten trägt, dass es fast zusammenbricht. Leider schmecken die Pfirsiche nicht, trotzdem matscht der alte Mensch sie mit dem Fleischwolf zu Mus und weckt alles ein. Die schlechten Zeiten, an die er dabei denken mag, spielen wahrscheinlich noch nicht einmal in seiner Erinnerung eine Rolle. Erzählt er von seiner Jugend, dann davon, wie er auf einem großen Hof aufwuchs und sich an Fleischbergen satt essen konnte.

Weggeworfen wird nichts. Das gilt für alte Schlittschuhe ebenso, wie für die Ersatzteile für Autos, die längst auf dem Schrott gelandet sind. Sollen die frisch gewaschenen Unterhosen und gebügelten Hemden zurück in den Schrank sortiert werden, ist dort kein Platz mehr, so viel Wäsche liegt darin gestapelt. Eine Kleiderstange im Zimmer trägt all das bereitwillig, was partout nicht mehr in den großen Schrank passen will. Wie das aussieht? Das ist ihm egal, ebenso wie der muffige Geruch, der sich aus dem Zimmer schleicht, wenn die Tür geöffnet ist. Schließlich schläft er nicht im Schlafzimmer, sondern in der Küche auf der Eckbank. Von dort ist der Weg zur Speisekammer nicht so weit. Wacht er nachts auf, schneidet er sich eine Scheibe Brot ab, löffelt Johannisbeermarmelade mit Johannisbeerschalen darauf und isst.

Bis vor wenigen Jahren lebte noch ein Sohn bei ihm im Haus. Im Frühjahr steckten sie gemeinsam Zwiebelchen in die Erde, säten Buschbohnen und Radieschen. Die Radieschen wuchsen rasch in die Höhe, sobald sie einen halben Meter hoch waren, riss sie der alte Mann aus und fuhr sie gemeinsam mit dem Unkraut zur Deponie. Der Sohn kochte die Buschbohnen gemeinsam mit den Zwiebeln, bis beiden ein kleines Bäuchlein wuchs.

Ob geschnittene Zucchini, riesige Wildschweinkeulen oder die Reste vom Geburtstagskuchen: Alles lässt sich in großen Beuteln oder praktischen Plastikdosen einfrieren. Seit der Sohn allerdings nicht mehr beim Vater wohnt, gibt es niemanden, der etwas aus den Gefrierschränken holt, um es zuzubereiten. Nein, das stimmt nicht ganz: Manchmal öffnet der alte Mann einen der Schränke und kramt eine große Tüte mit Wildfleisch heraus, gibt sie seinem jüngsten Sohn, auf dass dieser sie so zubereite, wie es in den alten Kochbüchern beschrieben wird. Sonntags drauf kommt er zum Mittag, bekommt Rehbraten mit Rotkraut und Klößen. Er würde gerne öfter kommen, jedesmal ein Stück vom Reh spendieren, doch der Sohn hat das Reh längst satt.

Sind irgendwann einmal die Gefrierschränke voll, die nächste Ernte ist reif und soll darin gelagert werden, wird ausgeräumt und sortiert. Auf jedem Beutel ist akribisch genau das Jahr vermerkt und immer wieder die Überraschung groß: Guck mal, das ist schon vier Jahre alt, das essen wir jetzt doch nicht mehr. Aber wie gesagt, weggeworfen wird nichts.

Tagebuchbloggen am 5. September

Grau und tief hingen die Wolken schon früh am Morgen vom Himmel, gerade als hätte sich alles in dicke Plusterdecken gekuschelt. Gestern habe ich zwei alte Bilder aus der Kiste gekramt, eingescannt und einen Text zu ihnen geschrieben, inspiriert von der Mützenfalterin: Mutterbilder. Heute morgen las ich ihn noch einmal durch und merkte, dass ich ihn eigentlich noch mit vielen Szenen ergänzen könnte. Das ließ ich lieber bleiben, trank meinen Kaffee aus und fing an, meinen ersten Text zu schreiben, der heute fertig werden muss.

Da wir gestern ein halbes Reh vom Förster bekamen, haben wir alles zwar gleich portioniert und eingefroren, doch die Knochen und sonstigen Reste lagen noch in der Küche. Der Mitbewohner holte Zwiebeln, Lauch und Sellerie, briet alles im Bräter scharf an und jetzt schmort der Topf, in dem der Fond gekocht wird, auf dem Balkon und der Bratenduft zieht durch die ganze Wohnung. Etwas Ragout behielten wir gestern zurück, das kam heute in die Tajjine. Passend dazu gab es Paprika, Aubergine, Zucchini, Fenchel und Tomate, alles klein in die Pfanne geschnippelt und geschmort.

Zwei sich knutschende Bankträger. Oder was meint ihr, was das ist?

Das Mutterthema ließ mich nicht los, also schlich ich immer wieder auf den Balkon, schaute nach dem Topf, überlegte, ob ich mir die Bügelwäsche vornehmen sollte, weil sich bei dieser Tätigkeit so trefflich nachdenken lässt, wuselte ein bisschen im Internet herum, schrieb einen Text fertig, machte mir noch einen Kaffee, schnippelte einen Apfel klein, was man eben so macht, wenn man sich vor etwas davonschleichen möchte.

Die Lieblingshausziege ist noch zwei Wochen lang aushäusig, schließlich hat sie noch Ferien. Wenn ich mich richtig erinnere, könnte sie jetzt mit ihrem Vater in Borkum sein und ich hoffe für sie, dass das Wetter noch einmal besser wird, als es momentan hier ist. Dabei finde ich es nicht schlecht: Es ist immer noch ziemlich warm, auch wenn die Sonne nicht scheint und es regnet nur gelegentlich, so dass wir nur in den beiden Gewächshäusern gießen müssen, in denen die Tomaten, Gurken, Paprika und Auberginen wachsen.

Jetzt warte ich darauf, dass die Bügelmaschine heiß ist, so dass ich mich um die Wäsche kümmern kann, zwei Stunden habe ich noch Zeit dafür, bevor ich zu einer Gemeinderatssitzung muss. Mehr passiert heute nicht mehr, also reihe ich meinen Tag zu den anderen, die bei Frau Brüllen verlinkt werden.

Mutterbilder

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Meine Mutter. Und ich.

Das Bild ist irgendwann im Frühjahr 1967 entstanden, vermute ich mal, als die letzten Schneereste noch lagen. Ich wurde im Oktober 1966 geboren, könnte auf diesem Bild ein halbes Jahr alt sein, vielleicht auch schon ein bisschen älter. So wichtig ist das auch nicht.

Eigentlich habe ich ein ganz anderes Mutterbild gesucht, eines, auf dem vier Mütter und fünf Töchter zu sehen sind. Es hängt bei meinen Eltern im Hausflur, immer, wenn ich dort bin, gehe ich daran vorbei und kann mich noch genau an den Tag erinnern, an dem es gemacht wurde.

Es zeigt eine Hollywoodschaukel, die lang genug ist, dass ein müder Mensch auf ihr seinen Mittagsschlaf halten kann, sie steht in dem kleinen Garten hinter dem Haus, das von meinen Urgroßeltern erbaut wurde. Ganz links auf der Schaukel sitzt meine Urgroßmutter, in Kittelschürze und mit weißen Löckchen, so, wie ich sie kennengelernt habe und sie immer noch in meiner Erinnerung ist. Sie war Jahrgang 1899, das fand ich als Kind besonders spannend, da sie damit gewissermaßen aus einem anderen Jahrhundert, einer längst vergangenen Zeit stammte. Als ich – vor nicht allzu langer Zeit – mal ein Foto von ihr sah, auf der sie als junge Frau mit ihrem Mann und den Kindern zu sehen war, habe ich sie zunächst nicht erkannt. Zu anders sah die Urgroßmutter auf diesem Bild aus und entsprach nicht dem Bild, das ich von ihr in meiner Erinnerung mit mir trage.

Zwei Kinder bekam die Urgroßmutter, ein Mädchen und einen Jungen und eines davon sitzt auf dem Foto neben ihr: Meine Oma. Geboren 1925, war sie 1945 schon 20 Jahre alt und verheiratet, wenn auch zu dieser Zeit noch ohne Kind. Von ihrem Bruder jedoch fehlt jede Spur, nein, das stimmt nicht ganz: Seine letzte Postkarte schrieb er noch kurz vor Berlin, erzählte die Urgroßmutter, danach kam nie wieder ein Lebenszeichen. Leider auch keine Todesmeldung. Übrig blieb die Tochter. Die Urgroßmutter passte auf, dass diese wartete, bis ihr Mann aus italienischer Kriegsgefangenschaft nach Hause kam. Dabei bewunderte die Tochter die amerikanischen Soldaten, wie überhaupt alles, was aus dem Westen kam und war neidisch auf sämtliche Freundinnen, die sich einen GI angeln konnten, um mit diesem ins gelobte Land zu ziehen.

Statt dessen kam 1946 ihr Mann zurück, sie bekamen fünf Kinder, von denen meine Mutter die Älteste war. Während die Urgroßeltern in dem von ihnen gebauten Haus in der oberen Etage wohnten, lebten die Großeltern in der unteren Wohnung. Wäre der Bruder meiner Großmutter zurückgekehrt, hätte dieser im Haus gewohnt, nehme ich mal an. Da er nie wieder kam, durften die Großeltern dort wohnen. Ja, wie lebt man miteinander unter einem Dach, wenn die eigene Mutter immer wieder erzählt, wie sehr ihr der Sohn fehlt? Wie ist es, wenn man sich damit nur als zweite Wahl fühlen darf? Als Teenie lebte ich einige Jahre in einem Internat, das oberhalb von Berlin lag. Kam ich in den Ferien in das Urgroßeltern- und Großelternhaus, fragte mich die Urgroßmutter gelegentlich, ob ich denn nicht auf den Friedhöfen der Umgebung gucken könne, ob ihr Sohn dort begraben sei.

Wie schon erwähnt, meine Mutter war die Älteste von insgesamt fünf Kindern. Manchmal erzählt sie von dem, wie eng es früher so zuging, schließlich ist das Haus nicht sehr groß: Die exakt gleichen Wohnungen hatten Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer und ein Kinderzimmer. Das Klo war auf der halben Treppe, gebadet wurde im Keller in der Waschküche oder in dem kleinen Anbau, den die untere Wohnung hatte. Oma passte auf. dass ihr nichts entging und alles seine Richtigkeit hatte: Einmal wurde meine Mutter von Klassenkameraden nach Hause begleitet, da wartete Oma schon am Gartentor und schickte alle anderen Kinder weg: Hier hätten sie nichts zu suchen. Meine Mutter hielt sich lieber bei ihrer Oma auf, als bei ihrer eigenen Mutter, dort hatte sie ihre Ruhe, sowohl vor den Eltern, als auch vor den drei Schwestern und dem Bruder. Als sie ihr Abitur bestanden hatte, hätte sie gerne in einer anderen Stadt studiert, da sie jedoch die Älteste war, musste sie zu Hause wohnen bleiben und studierte das, was dort eben möglich war. Als künftige Lehrerin lernte sie meinen zukünftigen Vater kennen, wurde schwanger und mit 19 Jahren ebenfalls Mutter. Oben auf dem Bild, auf dem sie den Kinderwagen mit mir schiebt, könnte sie allerdings bereits 20 Jahre alt sein.

Auf dem Foto mit der Hollywoodschaukel sitzt meine Mutter in der Mitte, neben ihrer Mutter. Sie heiratete meinen Vater, noch bevor ich zur Welt kam, damals machte man das so und wenn man etwas Glück hatte und nicht zu große Ansprüche stellte, reichte das für ein ganzes Leben. Allerdings war der Start in das junge Familienglück nicht einfach. Beide studierten, hatten kein Geld und keine Wohnung. Mein Urgroßvater kaufte einen kleinen Ofen, stellte diesen in eine der beiden Dachkammern, die es im Haus gab und in der nur eine dünne Wand von den Ziegeln ein wenig die Kälte und Hitze fernhielt. Diese vielleicht 15 Quadratmeter wurden zur ersten Wohnung. Lange durfte sich allerdings meine Mutter ihrem Mutterglück nicht hingeben, ich sei in die Wochenkrippe zu verfrachten, damit das Studium zügig fortgesetzt werden könne, befand meine Großmutter. Obwohl meine Urgroßmutter interveniert hatte und bereit gewesen wäre, mich zu versorgen – so erzählt es meine Mutter wenigstens – musste ich montags in die Wochenkrippe und durfte freitags wieder nach Hause. An diese Zeit kann ich mich nicht erinnern, zum Glück, nehme ich mal an. Wenn meine Mutter davon erzählt, sagt sie, dass ich freitags keinen Piep mehr sagen konnte, einfach weil mich die Krippenerzieherinnen so lange schreien ließen, bis ich völlig heiser war.

Übrigens: Bis heute ist mein Verhältnis zu meiner Mutter eher, nunja, unterkühlt. Auch das Verhältnis meiner Töchtern zu ihr, immerhin ihrer Oma. Wer von diesen Frauen, die da so nebeneinander scheinbar einträchtig auf der Hollywoodschaukel sitzen, damit angefangen hat, die Töchter emotional auf Abstand zu halten und dafür die Söhne zu hätscheln und hofieren, das weiß ich nicht. Aber es hatte System.

Die vierte auf der Hollywoodschaukel, das bin ich und halte meine älteste Tochter im Arm, die damals noch ein Baby war, gerade ein halbes Jahr alt. Fünf Generationen, fünf Frauen. Ich habe versucht, Dinge anders zu machen als meine Mutter. Ob es mir immer geglückt ist, müssen später meine drei Töchter beurteilen. Leicht war es nicht, schließlich klebt vieles von der Mutter widerwillig ererbte hartnäckiger als Spinnweben an mir und bildet einen Kokon, aus dem ich mich im Lauf der Jahre nur mühsam befreien konnte. Gelegentlich entdecke ich immer noch Reste davon, und weiß nicht: Soll ich mit diesen jetzt Frieden schließen oder sie weiter eifrig abschrubben, solange, bis die Haut gerötet und entzündet ist?

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Tochter und Mutter.

Links sitze ich neben meiner Mutter, in dem Sommer, der vor der Aufnahme mit den fünf Generationen lag. Viel zu sagen hatten wir uns nicht.

Der Text entstand dank der Inspiration von „Mützenfalterin“, die tausend Mütterbilder sucht.

Vielleicht gibt es – irgendwann einmal – hierzu noch eine Fortsetzung. Das Mutterthema ist ein, ja, unendliches und auch dann längst nicht abgeschlossen, wenn die eigene Mutter nicht mehr am Leben sein sollte.

Alles für die Katz #41

Mal mir eine Katz, sagte das große Kind zum kleinen Kind. Das kleine Kind nahm eine Leinwand, Spachtel und Farben und malte eine Katz. Wie gewünscht. Im Moment ist das große Kind im Urlaub und das kleine Kind hütet dort die Katzen, deswegen konnte sie mir das einst gemalte Katzenbild nur taschentelefonisch übermitteln. Trotzdem: Wer sieht die Katz?

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Katzenbild

alles_fuer_die_katz_logo_120x120Wer sich gerne am Projekt “Alles für die Katz” beteiligen möchte, kann das an jedem 1. und 15. des Monats machen. Einfach den eigenen Beitrag im Kommentar verlinken: Und schon freuen sich alle Katzenfans über schöne Bilder. Das von Kerstin gestaltete Logo darf sich auch jeder mitnehmen und verwenden, der bei “Alles für die Katz” dabei ist. Klickt euch durch die Galerie der Katzen, streichelt ihnen über den Kopf, lasst euch auch einmal anfauchen – und sagt einfach denen, die sie fotografiert haben, wie schön ihre Katzen sind.