Reduktion in der Küche: Nur das Wesentliche bleibt.

Früher war alles besser?

Nein, nicht ganz. Der Umzug nach Franken hat gezeigt: Ich habe noch zu viel Zeug.

Die Küche ist sehr schön geworden und die Schubladen darin auch. Jetzt brauche ich nicht mehr vor den Schränken zu knien, wenn ich etwas suche, was sich weit nach hinten verzogen hat. Weil der Platz so schön ist, soll aber nichts mehr in den Schränken verstaut werden, was ich nicht wirklich brauche. Das macht mein Leben bedeutend einfacher. In den Kisten bleibt das, was demnächst verschenkt oder anderswie weiter gegeben wird, an Menschen, die es brauchen können oder haben wollen. Ich will nicht mehr.

Erinnerung: Meine Oma hatte einen Küchenschrank. So einen von früher: Brotfach in der Mitte, oben drüber drei Schranktüren, rechts und links auch. Darunter Schubladen und noch weitere Schranktüren. Mehr Schrank war nicht, jedenfalls nicht in der Küche und darin war irgendwie alles untergebracht: Tassen, Gläser, Teller, Töpfe und Besteck. Es gab eine Speisekammer und einen Keller, dort standen die Vorräte. Oma hat auf dem Herd gekocht, dafür Holzscheite in das kleine Feuerloch gestopft, bis Topf, Pfanne oder Waffeleisen heiß wurden. Im geöffneten Backofen ließen sich vom Schlittenfahren völlig durchgefrorenen Füße wunderbar auftauen. In der Speisekammer stand Kuchen auf dem Blech, hing die Wurst an Stangen von der Decke. Im Keller warteten die Einweckgläser gefüllt mit Erdbeeren (matschig) und süß-sauren Einlegegurken darauf, dass jemand sie brauchte. Die Einweckringe, die dafür sorgten, dass das Glas verschlossen blieb, hatten eine Gummilasche, an der konnten wir ziehen, es zischte leise, das Glas war auf und die Leckereien frei zugänglich.

In diesem Herbst habe ich das erste Mal versucht, jene Gurken selbst einzukochen. Sie wurden allerdings süßer, als die Gurken meiner Erinnerung. Aber es gibt einen nächsten Herbst und einen nächsten Versuch mit einer anderen Mischung von Zucker und Essig. Schaun wir mal.

Ein Loblied auf die Einfachheit. Ganz so einfach, wie ich es von der Oma in Erinnerung habe, kann ich das noch nicht. Obwohl ich mir nicht sicher bin: Hätte sie mehr an Möglichkeiten gehabt, sprich: Platz im Schrank und Geld für Dinge im Laden, vielleicht wäre auch in ihrer Küche mehr Zeug gewesen. Kann schon sein. Ich habe mich jedenfalls gegen eine Kaffeemaschine entschieden. Die macht sich auf der Küchenarbeitsplatte einfach zu breit. Statt dessen: Eine Kaffeekanne, in der sich das Pulver nach dem Aufgießen einfach runter drücken lässt. Bin ich alleine, löffele ich das Kaffeepulver einfach in eine große Tasse, Wasser drauf, kurz warten, umrühren. Die Kaffeekrümel sinken auf den Tassenboden, fertig. Das geht. Der letzte Schluck bleibt dabei allerdings in der Tasse, durchbeißen wollte ich mich nicht.

Samstag war sie da, die Lust auf Quarkbällchen. Die hab ich früher einfach in einer Friteuse gebacken. Einfach ist gut, einfach ist dann doch anders, nämlich ohne Friteuse: Oma hat ja auch Kräppel gebacken, im Fett, im Topf. Also: Öl in den Topf, Topf auf den Herd und Quarkbällchen rein. Klappte wunderbar. Die Lieblingshausziege war begeistert, weil die kleinen Teilchen auch noch besser schmeckten, als jemals zuvor. Könnte das daran liegen, dass ich jetzt Sonnenblumenöl genommen, statt diesen üblichen Block mit Friteusenfett? Hinterher ließ sich das kalte Öl einfach durch ein feines Sieb in ein Schraubglas gießen. Für die nächsten Quarkbällchen.

Was in den Profiküchen zur Standardausrüstung gehört, muss auch in die Privatküche? Nein. Jedenfalls nicht in meine. Ich brauche nicht zweihundert Gäste mittags schnell zu verpflegen, oder so. Im Allgemeinen sind wir zu zweit, zu dritt oder viert, das war es schon. Kommen Gäste, dann koche ich auch mehr. Doch auch dafür brauche ich keinen Herd, den ich programmieren muss und der mit mir redet. Es nervt schon genug, dass alles piept und quiekt, wenn die Spülmaschine fertig ist, wenn ein Topf falsch auf dem Sensorfeld des Ceranfeldes steht, und so weiter. Zu meinem Glück brauche ich diesen zeitgemäßen Maschinenpark nicht. Hauptsache, das Messer ist scharf, mit dem ich die Zwiebeln schneiden will.

Zu meinem Glücks- Rezept gehört beispielsweise ein großer Topf mit Cassoulet, einem französischen Bohneneintopf. Aber die Hauptsache sind dabei die Gäste: Ohne Gäste kein Festessen. Da ist es nicht so wichtig, wie die Salatblätter auf dem Teller liegen, da ist es wichtig, dass wir lachen und schwätzen und uns gut verstehen. Das ist heute so, und das war früher nicht anders. Denke ich mal. Ganz einfach.

Ich bewerbe mich

 Ich bewerbe mich:

Ich werbe für mich, ich stelle mich auf einen Sockel und zeige, wie supertoll ich bin oder sein könnte, wenn man mich nur ließe.

Für die meisten Dinge, die im Leben zu meistern sind, bewirbt man sich nicht:

Man stellt sich nicht im Babyhimmel vor und erzählt, was man alles plane, dass das Gör noch mit Windel Geige und Chinesisch lernen dürfe oder dass der künftige Sohn nichts zu tun brauche, man sich um alles kümmere und ihnen auch im zarten Alter von dreißig Jahren selbstverständlich die Socken hinterher räume, weil den zarten Kindern solch eine Anstrengung ja nicht zuzumuten sei.

Nein, viele Dinge, die im Leben zu meistern sind, für die gibt es weder eine Ausbildung, noch eine Prüfung und eben: Auch keine Bewerbung. Die Dinge erwischen einen quasi hinterrücks.

Man bewirbt sich zwar irgendwie bei seinem Lebensabschnittspartner, flirtet, wirbt für sich und vielleicht findet er mich schön und nett und kochen kann ich auch ganz gut – aber wie so ein Leben zu zweit mit Kompromissen und Verhandlungen, Geduld und Liebe über Jahre gehen soll – oder ob man zwischendrin kündigt und sich mal eben bei einem anderen neu bewirbt, das passiert irgendwie und ungeplant. Das passiert, ohne dass man einen Lebenslauf schreibt und erklären muss, warum man nun in dieser Zweisamkeit leben möchte, warum das genau der Richtige ist, mit dem man sich zanken und streiten kann, über Katzen und Socken stolpert und plötzlich feststellt: Zanken und streiten ist überhaupt nicht notwendig, wenn beide die gleiche Sprache sprechen.

Ich bewerbe mich nicht. Die Dinge, denen ich nicht entkommen soll, die erwischen mich trotzdem. Ich finde es viel wichtiger, jeden Tag selbst achtsam zu sein, als wie ein Flummi auf und ab zu hüpfen, damit mich andere bemerken.

Achtsam zu sein: Auf den richtigen Moment, auf den Moment, wenn Chairos gut geölt und glatt rasiert vorbeiflitzt. Dann kann ich ihn blitzschnell an seinem Zopf packen, bevor er wieder entschwindet.

Dafür wäre eine Bewerbung viel zu langsam. Und die Gelegenheit vorbei, Chairos auf und davon.
Und ich könnte mich danach hinsetzen und das immerwährende Lied der verpassten Gelegenheiten singen: Hätte ich doch nur und wenn ich damals nicht…

Schuld sind dann aber immer nur die anderen.

Ich will aber mein Leben selber in die Hand nehmen. Das wollte ich schon immer. Und so ist es gut. (Und deswegen gefällt es mir in Franken so gut)