Was mache ich hier eigentlich?

Selten sind die Dinge so, wie sie auf den ersten Blick scheinen. Thomas fragt in seiner Blogparade:
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“Wofür steht Ihr? In was für einer Welt wollt Ihr leben –  und was tut ihr dafür? Woran sollen sich die Nachfolgenden erinnern, wenn sie von Euch reden?”
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Das lässt sich am Besten mit ein paar kleinen Geschichten erzählen:
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Als ich studierte, mit Kind und wenig Geld, traf ich eine Kommilitonin beim Einkauf. Wir quasselten über dies und das, plötzlich fiel ihr ein: „Och, ich muss mir noch frisches Brot kaufen, ich hab nur noch welches von gestern“.
Wie? Brot von gestern?
„Und was machst Du damit?“, fragte ich zurück.
„Das werfe ich weg“, war die Antwort.
Ich war sprachlos. Auch wenn ich mir bis dahin wenig Gedanken über Lebensmittel gemacht habe, und die Sparsamkeit meiner Urgroßmutter etwas lästig fand, die mich ermahnte, die Kartoffeln bitte nur ganz dünn zu schälen, Brot wegzuwerfen, welches nur einen Tag alt war, das ging mir irgendwie zu weit.
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Es muss in der zweiten Klasse gewesen sein, so etwa. Unsere Hausaufgabe war es, einen Aufsatz zu schreiben. Das Aufsatzthema habe ich vergessen, ich weiß nur noch: Ich habe glücklich im Brockhaus-Lexikon gestöbert, gelesen und über die griechische Göttin Hygieia geschrieben. Nachdem ich den Aufsatz abgegeben und fast schon nicht mehr daran gedacht habe, bin ich auf dem morgendlichen Schulweg meiner Lehrerin begegnet. Nach der Begrüßung verwickelte sie mich in ein Gespräch über mein gewähltes Aufsatzthema. Ich war zwar erst acht Jahre alt, nahm aber die dahinter steckende Absicht wahr: Die Lehrerin glaubte nicht, dass ich über das, worüber ich im Aufsatz geschrieben hatte, wirklich etwas wusste. Darüber war ich einigermaßen sauer und von nun an betrachtete ich die vorher hochverehrte Lehrerin mit Argwohn, ob sie das, was sie sagte, auch wirklich so meinte.
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Als Kind befiel mich jedes Jahr vor meinem Geburtstag oder Weihnachten eine Art innerer Unruhe. War ich allein zu Hause, dann habe ich nachgekramt, was die Eltern so alles versteckt hatten. Ich war neugierig. Sehr sogar. Die Neugier hatte auch einen ganz konkreten Grund: Ich wollte wissen, was ich denn geschenkt kriegen würde. Nicht alles, was ich bekam, gefiel mir nämlich. An Schlafanzügen, Pullovern, Mützen oder Handschuhen hatte ich so gar kein Interesse. Damit nun an dem Tag, an dem die ganze Pracht unter dem Weihnachtsbaum oder auf dem Geburtstagstisch lag, meine Enttäuschung nicht zu groß sein würde, habe ich lieber vorher nachgeguckt, was es so geben würde.
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Als ich anfing zu studieren, war mir die Vorstellung, nach dem Ende des Studiums bis zur Rentenzeit an ein und derselben Stelle ein und dieselbe Arbeit zu machen und dabei an ein und demselben Ort zu leben, ein Graus. Dass es anders kommen würde, konnte ich damals noch nicht ahnen…
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Was treibt mich also an?
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Meine Neugierde. Die Lust darauf, meine Nase in Dinge zu stecken, die mich vielleicht nicht immer etwas angehen, die ich aber trotzdem interessant finde. Dazu gehört, dass mich interessiert, was andere Menschen antreibt, warum sie manche Dinge tun und andere lassen. Warum sie auf eine bestimmte Art und Weise reden und handeln. In der Grundschule dachte ich noch, dass die großen Schüler es einfacher haben, es schien, als kämen sie ohne Zankerei und andere fiese Gemeinheiten miteinander aus. Doch das war ein Irrtum. Selbst erwachsene Menschen sind zickig, zänkisch und manipulieren andere Menschen emotional.
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Die Lust, zu schreiben. Es war ebenfalls noch in der Grundschule, als ich begann, mein erstes Buch, ein Sachbuch über den Wald, zu schreiben: Zwar habe ich bisher immer noch kein Buch fertig, aber dafür viele andere Texte, für Zeitungen, in meinem Blog und anderswo. Am liebsten schreibe ich übrigens die Jubiläumstexte für die Zeitung, diese kleinen Miniaturen über Ehepaare, die seit 50, 60 oder 65 Jahren miteinander verheiratet ist. Es ist so spannend zu erleben, wie unterschiedlich und vielfältig solche Leben miteinander gelingen können.
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Das Wissen darüber, dass Kaufen und Haben-Wollen nicht alles ist. Geschenke können enttäuschen und sind, wie die anderen gekauften Sachen auch, nur Dinge. Viel wichtiger war für mich immer, dass ich Zeit dazu habe, Zeit zu verlieren. Diese Zeit verbringe ich im Wald und beim Wandern, mit anderen Menschen, wohne zwischen Buchdeckeln oder gucke der Hummel zu, wie sie zwischen hohen Grashalmen laviert und punktgenau in ihrem Erdloch verschwindet.
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Ich möchte in einer Welt leben, in der die Menschen ein echtes Interesse aneinander haben.
Ich möchte in einer Welt leben, in der die Menschen achtsam sind – mit sich und den anderen.
Ich möchte in einer Welt leben, in der die Menschen Zeit dafür haben, um glücklich zu sein.
„Es gibt einen Mangel an Zeit, der ist schon ein Mangel an Menschlichkeit.“
Heinz Kahlau.

ökologisch, ökologischer, am verrücktesten – Webmasterfriday

Ursprünglich bedeutete das Wort Ökologie einfach nur: Haushaltskunde, abgeleitet vom griechischen Wort oikos für Haus und logos für Lehre.
Das Wort buzz bedeutet summen bzw. schwirren oder es bezeichnet ein Gerücht, etwas, über das sich Menschen aufregen und es deswegen herumschwirrend verbreiten und jedem davon erzählen.
Der Webmasterfriday möchte, dass sich die Aufregung über das Ökobloggen viral verbreitet. Jeder Blogger der teilnimmt, soll beschreiben, wie sparsam er seinen Blog betreibt und jedem darin erklären, wie sauber der Strom ist, mit dem der Schlepptop oder Computer betrieben wird und wie umweltbewusst sich ein Blogger als solcher verhält. Vielleicht geht es auch nur darum, wie oft er sich und sein Shirt wäscht? Ganz nach der Formel: Je seltener, desto dreckiger sind zwar die Ohren und der Hals, aber die Umwelt bleibt sauber, weil keine Seife verbraucht und in den Abfluss gespült wird.
Wenn Ökologie schlicht Haushaltskunde ist, dann wäre es sicherlich gut, wenn sich die Menschen verhielten, wie die sprichwörtliche schwäbische Hausfrau, die nicht mehr ausgibt, als sie in ihrer Tasche hat. Auf den Haushalt unserer Erde und die darauf lebenden Lebewesen bezogen, lässt sich der ökologische Fußabdruck jedes einzelnen Menschen annähernd berechnen: Wir haben nun einmal nur eine Erde – und was diese erzeugt oder was sie an Rohstoffen hergibt, so viel kann eigentlich nur verbraucht werden. Doch die meisten von uns brauchen mehr, auch wenn es uns nicht immer bewusst ist.
Es gibt keine Handlung, die keine Folgen hat, das gilt auch für das Bloggen. Immerhin: Es verbraucht kein Papier, weil die Beiträge direkt am Bildschirm gelesen werden können. Aber es verbraucht Strom und die Geräte müssen ja auch irgendwie und irgendwo hergestellt werden. (Vielleicht sollte ich mal nachforschen, wie ökologisch das alles ist oder nicht ist). Alles ist miteinander vernetzt und einzelne Dinge oder Handlungen lassen sich auch nur schwer voneinander trennen und unabhängig voneinander betrachten. Aber aus nachwachsenden Rohstoffen lässt sich nunmal leider kein Laptop schnitzen, auch wenn ich gerne so leben möchte, dass ich nicht mehr Dinge brauche und mehr an Müll verursache, als unbedingt nötig ist.
Wenn ich also ökologisch korrekt blogge, und dieses mit einem wie auch immer gearteten Label nachweise, bin ich dann ein besserer Mensch? Das wäre dann so, als würde ein Blog durch ein Ökolabel für den Blog aufgewertet werden können. Kommt es dadurch dann zu einer Gentrifizierung der Blogs, analog zur Gentrifizierung ganzer Stadtviertel?
Ich stelle mir das jetzt gerade so vor, wie es in angesagten Stadtvierteln ja in der Realität passiert: Entwickeln sich ehemals heruntergekommene Stadtviertel, dann freut das vor allen Dingen die Immobilienbesitzer, weil diese mehr Miete bekommen. Aber deren Verwertungsstrategien der Grundstücke und Häuser sind nur dann erfolgreich, wenn dabei die alten Bewohner, die leiderleider nicht so zahlungskräftig sind, vertrieben werden. Erst dadurch entsteht ein höherer Anreiz, hier zu investieren, damit sich die Bioläden und Pilatesstudios, das ganze Bionade-Biedermeier also, ausbreiten kann.
Kleiner Einschub: Selbstverständlich habe ich überhaupt nichts gegen ökologisch sinnvolles Verhalten. Mitnichten. Ich achte seit vielen Jahren auf viele kleine Dinge, werfe selten etwas weg und denke dreimal darüber nach, ob ich etwas wirklich brauche, bevor ich es kaufe. Ich benutze meinen Laptop, so lange es geht. Ich reise lieber in meiner Umgebung herum, statt in der ganzen Welt. Doch würde ich alles selbst herstellen, wie es die Menschen vor vielen Jahren gemacht haben, dann würde ich zwar eventuell ökologisch korrekter leben, hätte aber keine Zeit mehr, zu bloggen oder für meine Entdeckungen in Franken und anderswo unterwegs zu sein. Ein bisschen Geld verdienen muss ich gelegentlich ebenfalls, weil der Bäcker mir die Brötchen sonst nicht gibt.
Aber ich frage mich trotzdem, wozu ein Öko-Label für einen Blog gut sein soll. Wertet es den Blog auf? Verleiht es ihm eine mystische Aura der Reinheit? Erklärt es den Blogger zu einem Gutmenschen? Immerhin tummeln sich in einer realen gentrifizierten Welt lieber die Individualisten, die Künstler, die Kreativen eben, die sich auch (manchmal, nicht immer) der malochenden Bevölkerung ein wenig überlegen fühlen: Sie verdienen ihr Geld nun einmal nicht mit ihren Händen, sondern mit ihrem Kopf. Nun, kreativ sind Blogger allerdings definitiv: Jeder sitzt einzeln und individuell allein vor seinem Bildschirm, ob öko oder nicht, tippt (hoffentlich) seine eigenen Wörter in die Tastatur und hofft, dass andere Menschen eben diese lesen. Ob nun mit Ökolabel, oder ohne. In diesem Sinne wünsche ich mir und allen anderen, die sich an dieser Blogparade beteiligt haben, viele Leser. Und durchaus ein konstruktives Nachdenken darüber, wie sich ein Leben ökologisch gut führen lässt. So, dass wir nicht mehr verbrauchen, als zum Leben eben notwendig ist. Und damit meine ich keinesfalls ein asketisches Leben, in dem wir uns nichts mehr gönnen.
Das lässt sich auch nur in kleinen Schritten erreichen – Stück für Stück. Wenn ich etwas sehe, was ich gerne haben möchte, frage ich mich immer, ob ich das wirklich brauche. Hat der Strumpf ein Loch, wird er selbstverständlich ersetzt – aber nicht vorher. Und so gilt das für die meisten Dinge. Von vielen meiner Kleidungsstücke kann ich mich nur schwer trennen – ich habe sie sorgfältig ausgesucht und ziehe sie immer wieder gerne an. Allerdings ist mir shoppen gehen ohnehin ein ziemlicher Graus, da fällt es mir leicht, einen großen Bogen um Läden zu machen.
So hoffe ich, wenigstens ein bisschen die Welt zu retten. Auch wenn ich kaum daran glauben kann, dass mein Beitrag dazu entscheidend etwas beitragen wird. Manchmal  kommt mir ja das Ganze wie eine neue religiöse Bewegung vor, in der sich eine Apokalypse nur dann abwenden lässt, wenn ich meinen Strom mittels Generator und Pedale unter dem Schreibtisch selbst erzeuge. Deswegen kann ich immer wieder vergnügt überlegen: Warum muss jetzt eigentlich auch noch mein Blog ökologisch sein?