Kain und Abel – oder: hätte die Geschichte auch gut ausgehen können?

Adam erkannte Eva, seine Frau; sie wurde schwanger und gebar Kain. Da sagte sie: „Ich habe einen Mann vom Herrn erworben.“

Doch eigentlich hat sie ja noch gar keinen Mann, sondern einen hilflosen Säugling, der weint und schläft, der lacht und gluckst, mit den Händchen patscht und gestillt werden will.

Kain wächst und bekommt von Eva Möhrenbrei und Fencheltee, fühlt sich riesig, wenn er von ihr getragen wird – so kann er genauso weit gucken, wie sie. Und Kain ist ein aufgewecktes und neugieriges Kind, so wie eigentlich alle Kinder sind.

Eva putzt und kümmert sich

Eva putzt, räumt und kocht, kümmert sich um Kind und Wäsche, Haus und Garten. Nebenher hat sie ihren Sohn, den erstgeborenen Kain. Von Adam ist an dieser Stelle in der Bibel nicht die Rede. Was macht Adam den ganzen Tag lang? Zieht er mit den Herden umher, damit die Schafe immer frisches Gras fressen können, geht er auf die Jagd, damit Eva dann den Braten mit Knoblauch spicken kann und bestellt er die Felder, damit Getreide für Brei und Brot im Haus?

Adam ist abwesend. Vielleicht kommt er abends völlig fertig nach Hause – und wenn Eva ihm Kain reichen will, wehrt er ab: „Lass mal, ich kann mit so kleinen Kindern nichts anfangen“, isst seinen Abendbrei und legt sich erschöpft schlafen.

Sie gebar ein zweites Mal, nämlich Abel, seinen Bruder.

Ich nehme einmal an, dass Kain vielleicht noch nicht ganz drei Jahre alt gewesen sein könnte: Ein Alter, in dem die Kinder schon „Ich“ und „Nein“ sagen können, und doch noch in den meisten Fällen die vertrauensvolle Nähe zur Mutter brauchen. Denn sie brauchen diese Liebe und den liebevollen Blick, der sie ins Leben zieht genauso, wie die Milch, genügend Schlaf und ab und an eine frische Windel.

Auch der Vater spielt gerade für das männliche Kind eine sehr wichtige Rolle, nicht nur, weil er mit ihm tobt und rangelt, wenn er abends von der Arbeit nach Hause kommt.

Denn irgendwann merkt der kleine Junge, dass er nicht so werden wird wie die Mama, dass er gar nicht so werden kann, auch wenn ihm die Mama das Liebste auf der Welt ist – und weswegen er den Vater auch schon mal zur Seite schieben will: Was der große Kerl da bloß will, das ist seine Mama, seine allerliebste Frau auf Erden, die er heiraten will, gleich dann, wenn er groß ist.

Nur so, wie die Mama ist, kann er nicht werden. Er wird, wenn er groß ist, keine Frau, die Kinder bekommen kann, sondern ein Mann. Und hier ist jetzt der Vater immens wichtig, der den Kleinen an die große Hand nimmt und ihm zeigt, wie er – statt zu Hause Kartoffeln zu schälen und Wäsche zu waschen – mutig die Schafe vor dem Wolf beschützt und die schwere Arbeit auf dem Feld verrichtet, damit die Familie etwas zu essen hat und die Mama stolz auf ihn sein kann.

Ich denke, Adam hat das irgendwie verpasst, warum auch immer. Vielleicht musste er mit den Schafen so weit ziehen, bis sie grünes Gras zu fressen hatten oder vielleicht war das Feld so weit weg im nächsten Tal, was weiß ich denn. Es steht davon ja nichts in der Bibel. Stattdessen steht geschrieben, dass Eva noch einen zweiten Sohn bekam, Abel.

Jetzt war Kain nicht mehr wichtig, so schien es ihm. Und so geht es vielen Erstgeborenen, wenn das nächste Kind kommt. Ein wenig ist es vom Alter abhängig und der Entwicklungsstufe, in der sie stehen, ob ihnen der Verlust der Einzigartigkeit schwerer oder leichter fällt.

Ständig trug jetzt die Mama den anderen, den Bruder, den Widersacher, schaukelte ihn, schmuste mit ihm – und Kain musste zugucken, wie Abel an der Brust trank. Kain dagegen wurde von der Mutter weg geschoben, wenn er auch von der süßen Milch trinken wollte: „Du bist doch jetzt groß“, tröstete ihn Eva. Doch für Kain war das kein Trost. Der Papa war nicht da und die Mama hatte jemand anderes im Arm.

Wilhelm Busch hat über die Dramatik dieser Situation ein passendes Gedicht geschrieben:

„Die Tante winkt, die Tante lacht:
He Fritz, komm mal herein!

Sieh welch ein hübsches Brüderlein

der gute Storch in letzter Nacht

ganz heimlich der Mama gebracht.

Ei ja, das wird dich freun! –

Der Fritz, der sagt ganz kurz und grob:

Ich hol’n dicken Stein und schmeiß ihn

an den Kopp!“

Für Kinder kann die Ankunft eines neuen Geschwisterchens tiefgreifend grausam sein. Etwa so, als wenn der geliebte Partner einem frohen Gesichtes eines schönen Abends erklärt, dass demnächst noch jemand einziehen und mit ihnen leben wird: „Und dann könnt ihr Euch die Anziehsachen im Schrank, die Schuhe und das Schminkzeug schön teilen – ich habe euch alle beide dann genauso lieb“. Na, wer das glaubt und mit einer Nebenfrau nicht eifersüchtig werden würde, der lügt, denke ich.

Kain ist eifersüchtig auf seinen Bruder und neidisch. Wäre jetzt Adam da und nähme ihn an der Hand und würde sagen: „Komm mit, lass die beiden da zu Hause hocken – wir gehen jetzt hinaus in die große weite Welt, denn du bist doch mein großer Sohn“, vielleicht hätte Kain dann etwas gefunden, auf das er stolz gewesen wäre. Und niemand hätte ihm diesen Stolz auf seine Leistung nehmen können.

Aber davon erzählt die Bibel leider nichts.

Kain ist neidisch. Und weil er neidisch ist, denkt er, dass es Abel einfach besser hat, dass Abel alles besser kann und dass Gott Abel auch noch viel lieber hat.

Und vielleicht wäre die biblische Geschichte anders ausgegangen, wenn Eva ihren Kain nicht immer weggeschubst hätte, weil er sie beim Stillen von Abel störte. Großen Kindern hilft es, wenn man sich Zeit nimmt, sich ganz allein mit ihnen beschäftigt, mit ihnen ein Bilderbuch ansieht oder einfach nur schmust und singt, mit ihm einen großen Turm baut oder ähnliches. Kain hätte die Gewissheit so sehr gebraucht, dass die Mama trotzdem noch für ihn da ist.

Abel wurde Schafhirt und Kain Ackerbauer.

Jeder hat etwas, wo er arbeitet und schafft und sich über das Geschaffene und Geleistete freuen kann. Doch Kain ist immer noch neidisch, auch wenn sich Abel einen Bereich gewählt hat, in dem sich die beiden Brüder überhaupt nicht direkt vergleichen können: Denn man kann nicht einfach einen Sack mit Gerste neben ein Schaf legen und sagen, das sei das Gleiche.

Neid ist ein Affekt, ein Gefühl, eine Leidenschaft, eine heftige Bewegung, eine Erregung des psychophysischen Organismus, der meistens zu einer Handlung drängt. Der Mensch ist unfrei, seinem Neid, wie auch Wut, Zorn, Hass, Eifersucht, Angst, Trauer, Geiz und Misstrauen ausgeliefert. Der neidische Mensch fühlt sich ohnmächtig, will sich mit seinem Neid in der Krisenlage selbst behaupten.

Eine Merkwürdigkeit dieser Affekte ist dass sie in der Regel „Ersatz für ein nicht vollzogenes oder geleistetes Gefühl ist“. Im Gefühl sind wir Menschen mit der Welt verbunden, alle sind gewissermaßen Spielarten der Liebe: Ob Freude, Mitleid und Güte, Mut und Höflichkeit.

Im Neid dagegen wird die Bewunderung und Liebe für die Vorzüge des anderen versäumt. Kain liebt seinen Bruder nicht, hat ihn, der ihn von Evas Seite quasi schubste, nie geliebt. Abel war für Kain immer der Rivale, den es zu besiegen galt.

Als Älterer musste er einfach besser sein, als der Kleine. Doch Abel ist auch groß geworden. Und vielleicht wurde er deswegen Schafhirt, weil Kain schon Ackerbauer war. So mied er den direkten Vergleich – vielleicht in der Hoffnung, dass der Ältere ihn dann wenigstens anerkennen würde.

Doch Neid ist hartnäckig. Kains Neid ist ein Charakterzug, etwas, was sich nicht wie ein zu klein gewordenes Hemd einfach ablegen lässt. Alfred Adler beschreibt den Neid in seinem Buch „Menschenkenntnis“ 1926 als einen Charakterzug aggressiver Natur und bringt ihn mit Eitelkeit, Ehrgeiz, Geiz und Hass in Verbindung: Neidische Menschen sind aggressive und feindselige Menschen. Für Adler ist der Neider ein Opfer seiner eigenen starken Minderwertigkeitsgefühle, die er durch fortwährendes Messen mit anderen zu kompensieren versucht. Er fühlt sich immer benachteiligt, was in seinem Immer-mehr-und-alles-haben-wollen zum Ausdruck kommt.

Der Neider unternimmt wenig aktive Anstrengung, um seine Lage zu verbessern. Er ist neidisch – und das reicht ihm. Würde er sich dagegen selbst entfalten und entwickeln, dann würde er selbst bei offensichtlicher Benachteiligung nicht neidisch, sondern zufrieden mit seiner Leistung sein.

Kain ist nicht zufrieden mit sich und seiner Leistung. Und weil er nicht mit sich eins ist, sondern neidisch auf seinen in seinen Augen von allen bevorzugten Bruder schaut, dann nehmen die Dinge einfach ihren Lauf, wie sie in der Bibel beschrieben stehen:

Nach einiger Zeit brachte Kain dem Herrn ein Opfer von den Früchten des Feldes dar; auch Abel brachte eines dar von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht. Da überlief es Kain ganz heiß, und sein Blick senkte sich. Der Herr sprach zu Kain: Warum überläuft es dich heiß, und warum senkt sich dein Blick?

Nicht wahr, wenn du recht tust, darfst du aufblicken; wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon.

Auf dich hat er es abgesehen, doch du werde Herr über ihn!

Hierauf sagte Kain zu seinem Bruder Abel: Gehen wir aufs Feld! Als sie auf dem Feld waren, griff Kain seinen Bruder Abel an und erschlug ihn.

 

Kreativität für alle — eine Blogparade

Kreativ ist höchstens der liebe Gott
Das erste, was mir zum Thema Kreativität einfällt, ist das Bonmot eines Redakteurs, der als Qualitätsbeauftragter der Zeitung über die grassierende Kreativitätsflut grummelte: Kreativ sei höchstens der liebe Gott – und wer das nächste Mal das Zusammenstecken von drei Tannenzweigen mit zwei Zapfen und einer Kerze in einem Artikel als kreativ bezeichne, der könne gerne erleben, was er dann Kreatives zu sagen hätte. Ab sofort war das Wort „kreativ“ gewissermaßen sakrosankt. Jedenfalls in dieser Zeitung.
 franken 071
Das schaffe ich nie
Das zweite, was mir zur Kreativität einfällt, ist das Gefühl, welches mich kurz vor dem Abitur beschlich: Es gab so unglaublich viel zu lesen, die griechischen Philosophen, die moderne Belletristik, und natürlich auch die ganzen Klassiker. Ich glaubte damals, dass ich es nie schaffen würde, alles zu lesen, was ich lesen möchte. Nie in meinem Leben. Ich las, als ob davon irgendetwas abhinge, alles durcheinander. Ich las, bis die Finger selbst dann blätterten, wenn ich kein Buch in der Hand hielt. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich überhaupt nicht alles lesen muss. Dass ich plötzlich trotzdem Zusammenhänge sehe, Dinge verstehe und Assoziationen habe. Plötzlich fügten sich die Dinge, die gelesenen und die erlebten, sie bildeten gewissermaßen neue Muster und führten auf neue Wege. Das blieb bis heute so: Lese ich etwas, dann sehe ich Analogien, dann fällt mir noch etwas anderes dazu ein, was ich ergänzen könnte und manchmal kommt es zu ganz neuen Bildern, Ideen und Assoziationen. Manchmal sind diese Assoziationen klar, manchmal weniger, aber wenn ich dem nachspüren möchte, dann weiß ich, wo ich nachlesen und suchen kann.
Kochen als Experiment
Ähnlich war es beim Kochen: Während ich das Kochen lernte, so kurz, nachdem ich aus dem elterlichen Haushalt ausgezogen war, befolgte ich zunächst jedes Rezept akribisch genau und trotzdem schmeckte es oft anders, als gedacht. Erst nachdem ich durch Routine und Ursachenforschung den Gründen des Misslingens auf die Schliche kam, wurde es besser. Ich verstand nicht nur, wie das Kochen eigentlich funktionierte, sondern nutze Rezepte längst nur noch als Anregung.
Beim Schreiben trödeln
Beim Schreiben ist es im Prinzip nicht viel anders: Das flutscht am Besten, wenn ich zwischendrin Zeit zum Trödeln habe. Wenn ich also nicht ausgesprochen kreativ bin, sondern die Wäsche bügele, die Fenster putze, laufen gehe, Essen koche, aber es nutzt mir nur dann etwas, wenn ich bei diesen eigentlich monotonen und routinierten Tätigkeiten wirklich dabei bin. Es nutzt nichts, wenn ich diese Dinge nur mit halber Aufmerksamkeit, quasi gebremst mache, während ich innerlich mosere und viel lieber etwas anderes machen würde. Die Liebe zur jeweiligen Tätigkeit, auch wenn ich sie gar nicht wirklich mag, gehört dazu. Diese Feststellung hat mich mit Sachen versöhnt, die ich früher einfach nur für Zeitverschwendung hielt, wie beispielsweise Putzen und Aufräumen.
Rituale und Gewohnheiten
In solch verlässlichen Ritualen und Gewohnheiten bin ich gut zu Hause. Da brauche ich nicht jeden Tag aufs Neue zu überlegen: da gibt es Morgens Kaffee, Frühstück und Mittags was Warmes zu essen, wenn die Lieblingshausziege aus der Schule kommt.
Glück im Leben: Ich mache, was mir gefällt
Ich denke, ich habe einfach Glück: Ich bekomme mein Geld für Dinge, die ich auch noch gerne mache. Müsste ich an der Kasse eines Supermarktes arbeiten und das Geld würde trotzdem nicht zum Leben reichen, dann sähe es bestimmt anders aus. Dann wäre ich geschafft und kaputt und müde und einfach froh, wenn mich der Fernseher noch ein wenig unterhalten und ablenken könnte. Nehme ich mal an. Aber da ich keinen Fernseher habe, kann ich das nicht wissen.
Freiraum für Kreativität
Für Kreativität brauche ich Freiraum. Zeit. Einfach so. Fürs Nichtstun. Fürs Nähen. Dann fällt mir auch was ein. Würde ich mich dagegen den ganzen Tag in einem Hamsterrad abstrampeln, dann würde ich nur den Ausgang suchen. Denke ich mal. Aber auch das weiß ich nicht. Man sagt ja, dass ein Manager dieses Hamsterrad als Karriereleiter interpretiert. Und weiter strampelt.
Das ist ein Beitrag zur Blogparade, ausgerufen von Sybille Johann zum Thema: „Was bedeutet für mich Kreativität und wo hilft sie mir im Alltag?“