Der Hexengarten auf der Insel Mainau

(Ein Beitrag zu Frau Tonaris Rostparade, an der ich schon immer teilnehmen wollte, und dank des Beitrages vom Ackerbau in Pankow endlich auch daran gedacht hatte.)

Manche eisernen Geräte und Wetterhähne werden ja einfach vergessen, irgendwo im Graben entsorgt und rosten inmitten von Brennnesseln so vor sich hin, bis irgendwann ein Geologe des Wegs kommt und sich über den hohen Eisengehalt im Boden wundert, eine Mine eröffnet und tief schürft.

Für die rostenden Figuren im Hexengarten auf der Insel Mainau verwandelten sich rostende Einzelteile in passende Hexentiere: Eine Kobra sperrt ihr Maul weit auf, will Gift spritzen, doch die Tropfen bleiben an den Zähnen hängen. Und die Schnecke rollt auf rostigen Ketten. So ist sie geländegängiger unterwegs. bodensee 264 bodensee 262

Gelesen: Stadt der Diebe

Es gibt Zeiten, da muss ich aus Krankheitsgründen das Sofa bewachen und kann nicht viel Anderes unternehmen. Da kommt ein unterhaltsames Buch gerade recht. Zwar ist „Stadt der Diebe“ bereits vor einiger Zeit erschienen, trotzdem lässt es sich immer noch gut lesen. Zumal mich die Zeit, in der das Buch spielt, ohnehin momentan interessiert:

Zwei junge Männer,  einer 17 Jahre alt, der zweite etwas älter, sollen im belagerten Leningrad, in einer Stadt, in der es nichts mehr zu essen gibt, 12 Eier auftreiben.

Im ersten Kapitel entwickelt Benioff den Roman, verleiht ihm einen autobiografischen Rahmen, auch wenn er in einem Interview einmal dazu sagt, dass alles nur erfunden ist. Bereits in diesem Rahmen werden die Folgen des Krieges sichtbar: Die Großeltern denken ungern an diese Zeit und wollen nicht mit der jüngeren Generation darüber sprechen. Dabei lässt sich eine Vergangenheit weder bewältigen, noch abschließen. Sie wirkt weiter.

Lew, der 17jährige, wird dabei erwischt, wie er die Leiche eines deutschen Fallschirmjägers plündert. Normalerweise werden Plünderer einfach erschossen, genauso wie Deserteure, als der Kolja gilt. Beide werden eine Nacht ins Gefängnis gesteckt und am nächsten Morgen zum Chef des Geheimdienstes geführt. Dieser erzählt ihnen von der bevorstehenden Hochzeit seiner Tochter – und dass für die Hochzeitstorte 12 Eier braucht. Eine Woche Zeit bekommen die beiden, die Eier zu liefern. Klappt es, dürfen sie am Leben bleiben.

Die Auswirkungen des Hungers und der Belagerung beschreibt Benioff so, dass ich gleich mal in der Küche nachgucken musste, ob noch genug zu essen da ist. Lew und Kolja erinnern sich inmitten des Hungers und der Kälte an die Zeit vor dem Krieg und wie fern diese geworden war. Hunger und Tod sind die unausweichlichen Begleiter, denen nicht zu entkommen ist. Weil Not erfinderisch macht, erzählt Benioff, wie die Menschen in Leningrad ihre Schuhsohlen weichkochen, damit sie diese essen können. Wenn es nichts mehr zu essen gibt, dann wird sogar der Schlamm aufgesammelt und gebacken, in dem der geschmolzene Zucker aus den von Bomben zerstörten Lagerhäusern klebt. Auch der Leim der Buchrücken wurde zu Lebkuchen verarbeitet.

Die beiden finden keine Eier in Leningrad, dafür aber Kannibalen, bei denen Teile von Menschen in Haken an der Decke hängen. Sie finden einen alten toten Mann, der seine Hühner bewachen wollte. Eines noch ist übrig, doch es ist – ein Hahn. Immer bleibt der Tod und der Hunger an ihrer Seite. Selbst die Toten blieben sich selbst überlassen, die Menschen hatten keine Kraft mehr, sie zu bestatten: „Sie waren schon lange tot, und ihre Leichen hatten begonnen, ein Teil der Landschaft zu werden.“ (S.156).

Die Erde war gefroren, es war Krieg und keine Zeit für Beerdigungen. Wer bereits tot war, den störte das nicht. Und wer es nicht werden wollte, der beschäftigte sich nicht mit denen, die ohnehin nicht gerettet werden konnten. Kolja: „Ich habe noch nie verstanden, wie jemand sagen kann, am meisten fürchte er sich davor, eine Rede zu halten, oder vor Spinnen oder irgendwelchen anderen abschreckenden Dingen. Wie kann man etwas mehr fürchten als den Tod? Allem anderen kannst du für kurze Zeit entfliehen: Ein Gelähmter kann noch immer Dickens lesen; ein Demenzkranker könnte Momente absurdester Schönheit erleben.“ (S.205)

Irgendwann schien die Handlung für mich so irrwitzig, wie ein Film mit Indiana Jones: Auch wenn die Rettung unmöglich scheint, kommt eine neue Wendung. Lesenswert und unterhaltsam ist das Buch, ja. Aber ich glaube nicht, dass diese Geschichte möglich gewesen wäre. Parallel dazu habe ich nämlich „Archipel Gulag“ in den Fingern gehabt, von Solschenizyn. Auf Seite 66 erwähnt er den § 58 Punkt 10: „Propaganda oder Agitation, welche einen Appell zum Sturz, zur Untergrabung oder zur Schwächung der Sowjetmacht enthält…“. Dieser Paragraph wurde herangezogen, wenn 1942 Menschen „die Lüge verbreiteten, im belagerten Leningrad stürben die Menschen an Hunger“. Verhaftung und Verbannung waren die Folge.

 

Abokiste. Endlich.

Wer in einer Großstadt wohnt, und dort selbstverständlich auch seine Abokiste hält, mag von mir aus sagen: Alter Hut. Bevor ich nach Franken zog, lebte ich in einer Provinz, die so provinziell war, dass dort solches nicht zu haben war. Klar, wenn es nicht genügend Abonnenten gibt, lohnt sich das Angebot einer Abokiste für denjenigen nicht, der diese sonst gerne anbieten würde. Also kaufte ich mein Gemüse nach dem Zufallsprinzip: Was gefällt, kommt mit. Was daraus jeweils wurde, sah ich später. Doch diese Auswahl endete oft mit dem bereits hinlänglich Bekannten, was ich nicht kannte, kam nicht in den Korb. Das erleichterte nicht nur die Wahl des Gemüses, sondern auch die der Rezepte, schränkte diese aber oft – auch aus Gründen der Bequemlichkeit und der Schnelligkeit – auf diejenigen ein, die ich bereits auswendig kannte.
In Hemhofen war Hoffest und Gelegenheit, die Abokiste zunächst probeweise, dann richtig zu abonnieren. Wir sind auf dem Hof ausgiebig herumgestiefelt, haben uns allerlei schöne Dinge angeschaut, nur kamen wir leider für die Führung durch das Haus zu spät. Im nächsten Jahr kommt sicherlich ein neues Fest und vielleicht steht dann die Tür wieder offen.

Die Abokiste. Immer gut gefüllt.

Abokiste: Eine Kiste mit lauter Überraschungen: Blumenkohl ist ein alter Bekannter, da wird ein Auflauf draus. Möhren, Salat, rotschalige Kartoffeln, Süßkartoffeln, Rucola und rote Bete. Die essen alle ausgesprochen gerne. Allerdings habe ich sie bisher aus Bequemlichkeit und weil ich rote Finger nicht so mag, meistens fertig im Glas gekauft. Die kleinen kullerrunden Rote-Bete-Kugeln waren bei den Kindern – schon der Form wegen – die beliebteste Sorte.
Jetzt also rote Bete – oder Rüben – in der Schale. Ungekocht. Roh. Grund genug, mal wieder in Kochbüchern zu stöbern, wie diesem hier: Tafelspitzen der Gebrüder Lange, welches es leider – wenn überhaupt – gebraucht gibt.
Als Gemüsegang werden hier die Roten Bete mit Curry empfohlen:
Rote Bete mit Thymian, Essig und Salz kochen. Weil das Gemüse noch in der Schale steckt, darf genügend Essig ins Kochwasser: Pro Liter Wasser etwa eine halbe Tasse voll. Nachdem die Bete genügend lange gekocht wurden – je nach Größe – bleiben sie am Besten über Nacht im Kochwasser liegen, damit der Essig bis nach innen ziehen kann.
Anschließend werden die Rüben aus der Schale gepellt. Wer dafür die Hände in Gummihandschuhe verpackt, hat hinterher kein Problem, sie vorzuzeigen. In möglichst schmale Tortenstückchen geschnitten, lassen sich die Rübchen hübsch auf den Teller legen.

Rote Beete mit Currysoße