Gesiebte Luft: Für die Rostparade

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Dornburger Schlösser bei Jena

Hoch über der Saale, die im Tal vor sich hin mäandert, thronen drei Schlösser von Ost nach West auf Muschelkalk: Das alte Schloss, ein kleines Rokokoschlösschen und ein Renaissance-Schloss.

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Dornburger Schlösser bei Jena

Goethe war auch schon da: Die Schlösser gehörten schließlich der herzoglichen Familie von Sachsen-Weimar-Eisenach und Herzog Carl August war sowohl Freund, als auch Dienstherr des Dichterfürsten. Am 4. März 1777 schrieb Goethe von einem Aufenthalt im Rokokoschlösschen an Charlotte von Stein: „Auf meinem Schlösschen ist’s mir sehr wohl, ich habe recht dem alten Ernst August gedankt, dass durch seine Veranstaltung an dem schönsten Platz, auf dem bös’ten Felsen eine warme gute Stätte zubereitet ist.“

Goethe weilte im Sommer 1828 gerade im Renaissanceschloss, als er die Nachricht vom Tode Carl Augusts erhielt. Er blieb dort bis in den Herbst hinein und verfasste in dieser Zeit die Dornburger Gedichte. In der Bergstube, die Goethe damals als Wohn- und Schlafzimmer diente, steht noch immer sein Schreibtisch. Die Aussicht von dort oben war großartig – und kann immer noch besichtigt werden.

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Dornburger Veste

Für Andere war die Aussicht dagegen nicht so rosig: Als 1717 ein Brand in Dornburg auch das Amtshaus in Schutt und Asche legte, bekam der Ortspolizist oben in der Dornburger Veste eine Wohnung – und das Gefängnis wurde ebenfalls dorthin verlegt. Die Fenster sind bis heute vergittert und es ist zu sehen, wie damals das Gitter nachträglich mit Backsteinen eingebaut wurde. Inzwischen sind die Steine verwittert und das Gitter verrostet. Beide würden einem Ausbruchsversuch wohl nicht mehr viel Widerstand bieten. Das ist auch nicht mehr nötig: In der Veste ist nichts und niemand mehr drinnen.

Den Gitterrost jedoch schicke ich zur Frau Tonari auf die Rostparade. Wer Lust auf noch mehr Rost bekommt, klickt einfach Hier.

M wie Metall: Magic Letters

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Weg der Hoffnung – Die Verurteilung – Skulpturen an der ehemaligen innerdeutschen Grenze am Point Alpha von Ulrich Barnickel

Du bist schuld. Du bist schuld, auch wenn Du nur das Gute gewollt hast. Du hast dafür gesorgt, dass die Menschen unzufrieden sind, unzufrieden mit ihrem Los.
He, wer soll denn jetzt die Arbeit machen? Wer soll die Felder bestellen und die Steine aus dem Steinbruch schlagen? Wer soll uns die Paläste bauen und uns bedienen?
Hättest Du nicht einfach Deinem Beruf nachgehen können? Wärst Zimmermann geblieben, hättest ein anständiges Mädchen geheiratet, einen Sohn in die Welt gesetzt, Dir ein Haus gebaut und einen Baum gepflanzt, dann stündest Du jetzt nicht hier, vor mir – und ich müsste Dich nicht verurteilen.
Dabei waren doch die anderen mit einem Stück trockenem Brot, einer Zwiebel und einem möglichst schnellen, frühen Tod doch sehr zufrieden, auch ein ein paar Schläge mit der Peitsche nahmen sie hin und wieder auf den Buckel und murrten nicht. Schließlich sollten sie sich nicht ausruhen, sondern arbeiten, ausruhen gilt nicht, ist Drückebergerei, ist Stillstand, ist Tod.
Jetzt sind die Menschen unzufrieden mit dem, was sie haben, sie wollen nicht nur ein kurzes Leben vor dem schnellen Tod, sondern für ihre Leiden belohnt werden. Sie sind widerspenstig und fügen sich nicht mehr.
Also. Du bist selber schuld. Was wolltest Du auch anderen helfen, für andere ein Himmelreich errichten. Man erzählt doch den Schweinen im Stall nichts von einem besseren Dasein, aus ihnen soll guter Schinken werden, das reicht doch.
Leben, das ist immer für die anderen.
Die übergroßen Metallfiguren von Ulrich Barnickel bilden am Point Alpha einen Kreuzweg, genau dort, wo für eine lange Zeit Zäune aus Streckmetall ein Teil des eisernen Vorhangs waren, der Ost von West schied – und der zwar heute kaum sichtbar ist, doch manchmal noch gefühlt werden kann.
Das ist mein Beitrag für Paleicas Fotoprojekt „Magic Letters“: M wie Metall. (Klick führt zu Paleica und den anderen Teilnehmern)

Türen im Juni #BIWYFI

#BIWYFI: Das heißt soviel wie: Beauty is where you find it, so sagt Frau Pimpinella über ihr Fotoprojekt. Im Juni möchte sie Türen sehen: (Klick hier zum Link). Mich erinnert das an Susan Sontag, die in ihrem Buch „Über Fotografie“ schrieb, dass „ein Auge, wenn es nur scharf genug ist, in allem Schönheit oder zumindest Interessantes entdeckt“.

Vor einiger Zeit war ich auf der Ruine Brandenfels unterwegs. (Klick hier zum Link). Als diese noch keine Ruine war, gehörte das kleine Dörfchen Holzhausen unterhalb des Berges zum Besitz der dort herrschenden Familie Treusch von Buttlar. Dort steht auch das Gut Hohenhaus, ein ehemaliges buttlarsches Gut. Ferdinand von Schutzbar kaufte es 1856, sein Sohn ließ 1901 das neue Herrenhaus errichten und spendierte der Gemeinde 1915 die kleine Kirche im neugotischen Stil.

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Kirche Holzhausen

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Kirche Holzhausen

Das Tor zum Kirchgarten stand einladend offen.

Der Tag war heiß, der Weg bis zum kleinen Kirchlein lag im kühlen Schatten großer Bäume.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Kirche Holzhausen

Die Tür ist zu. Doch sie lässt sich öffnen. Innen ist es dämmrig, kühl und ruhig. Kein Vogelzwitschern, kein Traktortuckern, kein Blätterrauschen. Hin und wieder knispelt es ganz leise. Ob die Kirchenmäuse hier genug zu futtern finden?

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Kirche Holzhausen

Die Kirchenfenster erinnern an Mandalas.

Ich könnte ewig hier in der Bank sitzen und sie in ihrer Schönheit bestaunen.

Doch es gibt noch mehr zu sehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Kirche Holzhausen

 

 

Sowohl im Kirchenfenster, als auch über der Kirchentür ist das Wappen der Familie von Schutzbar: In einem Schild sind drei schwarze Lindenblätter zu sehen, die mit ihren Stielen zu einem Dreipass verbunden wurden.

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Kirche Holzhausen

Es geht bis hoch auf die Empore und von dort weiter, bis hoch in den kleinen Turm. Allerdings wurden hier die Fenster lange nicht mehr geputzt und unter dem Dach hängen viele Wespennester. In diesen scheint glücklicherweise niemand zu Hause zu sein.

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Kirche Holzhausen

An der letzten Tür brauche ich nicht zu klopfen. Da wohnt wirklich niemand mehr. Sie ist geschlossen – und es geht hier nicht weiter.

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Kirche Holzhausen

Das war’s Noch einmal das Kirchlein von außen.

ABC der Technik: #M wie Mühle

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Hinter dem Müller dreht sich das Mühlrad

Das Wasser, das im Mühlgraben fließt, treibt das Mühlrad an. Regnete es und floss deswegen zu viel Wasser im Graben, wurde das Wasser mit einem Überlaufwehr an der Mühle vorbeigeführt, so dass es den Mahlbetrieb möglichst nicht stören konnte. Den Wasserdurchfluss unter dem Mühlrad regelte der Müller mit Schützen, die wie kleine Wehre funktionieren. Das Mühlrad musste möglichst gleichmäßig laufen, damit das Korn gleichmäßig gemahlen wurde.

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Der Getriebekeller: Hinten ist die dicke Welle, die vom Mühlrad kommt und das große Zahnrad antreibt.

Im Getriebekeller sind die großen Kammräder zu sehen.

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Transmissionsrad mit Transmissionsriemen.

Sie übertragen die Wasserkraft des Mühlbaches über eine Transmissionswelle, Transmissionsräder und Transmissionsriemen.

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Die Walzenstühle

Ein Stockwerk höher ist der Walzenboden mit den Walzenstühlen. Hier wird das Getreide so lange gemahlen, bis es den gewünschten Mahlgrad erreicht hat. Noch eine Etage höher ist der Mehlboden: in den beiden Silos ist der Vorrat für die Walzenstühle und im Mehlmischer wird das Mehl ordentlich gemischt, bevor es in Säcke abgefüllt wird.

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Die Plansichter

Auf dem Sichterboden, zu dem eine enge Stiege führt, sind die Plansichter: Unter mit Seide bespannten Siebe sind Bürsten angebracht. Durch Rütteln fällt das feine Mehl durch die Siebe und die groben Reste gelangen wieder über das Silo zum Walzenstuhl und werden noch einmal gemahlen. 950 Kilogramm Mehl konnten täglich in dieser Mühle gemahlen werden.

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Eines der mit Seide bespannten Siebe

In großen Mühlen wird heute noch genauso das Mehl gemahlen, wie in der alten Mühle. Aber die Kontrolle über den gesamten Mahlvorgang haben jetzt nicht mehr die Ohren des Müllers, der mit seinem Gehör und viel Fingerspitzengefühl die Wasserzufuhr am Mühlrad regelt, sondern die Walzenstühle werden von Computern gesteuert und mit Hilfe von Sensoren wird der gesamte Mahlvorgang überwacht.

 

 

Mühlen waren überlebensnotwendig. Gab es kein Korn, konnte dieses nicht gemahlen werden – und die Menschen mussten hungern. Jetzt, wo wir jederzeit im Supermarkt alles kaufen können, scheinen diese Zeiten so lange vorbei, dass sie wie Märchen klingen.

Jedes Jahr gibt es einen Mühlentag: Sucht einfach mal eine Mühle in der Nachbarschaft, geht hin und lasst euch alles erklären. Es lohnt sich wirklich.

Das ist mein Beitrag zum ABC der Technik, noch mehr davon gibt es bei Jutta zu sehen: Klick hier. 

Die unendliche Weite des Wassers

Auch wenn es noch nicht einmal die Ostsee, sondern nur der Bodden ist: Die Weite des Wassers ist ebenso unendlich, wie im größten aller Ozeane. Dreieinhalb Stunden dauert die Überfahrt von Zingst zur Insel Hiddensee. Dreieinhalb Stunden hin – und dreieinhalb Stunden zurück. Da bleibt viel Zeit zum Gucken und Nachdenken, über das Wasser des Boddens zum Beispiel, über den das Schiff so lange schippert. Erst seit dem Ende der letzten Eiszeit ist hier Wasser, einfach weil damals der Wasserspiegel so hoch stieg, dass die Endmoränen überflutet wurden. Wann also werden die eingedeichten Gebiete der Niederlande beispielsweise überflutet? Wie hoch können die Deiche dort noch gebaut werden, wie lange lohnt sich eine solche Investition noch – und wann ist es einfach Zeit, aufzugeben, sich zurückzuziehen und woanders wieder neu aufzubauen?

 

Alles für die Katz #12

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Kurz vor der Abreise

Das ist der schwarze Kater, der sich bei meinen Eltern durchfuttert.

Er kommt regelmäßig, bekommt sein Futter, lässt sich streicheln und liegt im Winter auch vor dem warmen Ofen.

Dann geht er wieder raus – und mauzt zwei Straßen weiter vor der nächsten Tür. Dort wird er ebenfalls eingelassen, gefüttert und gestreichelt.

An einer dritten Tür – das Gleiche.

Jetzt sitzt er, während die gepackten Taschen bereitstehen. Wir fahren nach Zingst, aber ohne den Kater. Der bleibt. Schließlich hat er genügend Menschen, die sich wirklich liebevoll um ihn kümmern.

alles_fuer_die_katz_logo_120x120Wer sich gerne am Projekt “Alles für die Katz” beteiligen möchte, kann das an jedem 1. und 15. des Monats machen. Einfach den eigenen Beitrag im Kommentar verlinken: Und schon freuen sich alle Katzenfans über schöne Bilder. Das von Kerstin gestaltete Logo darf sich auch jeder mitnehmen und verwenden, der bei “Alles für die Katz” dabei ist.

Wenn ich dieses Mal erst etwas später antworte, liegt das daran, dass ich ebenfalls an der Ostsee bin…

12 Bilder vom 12. Juni

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Das leere Vogelfutterhäuschen

Da wollte ich doch heute mal zeigen, wie viele Pieps ständig am Vogelfutter picken und wie sich die inzwischen großen Jungvögel vor ihre Eltern setzen und bei ihnen immer noch um Essen betteln: Dann picken die Altvögel ganz hektisch am Meisenknödel herum und stopfen immer wieder etwas in den piependen Schlund. Aber kaum war das Fenster auf, ließ sich weder Spatz, noch Meise sehen.

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Spatz am Meisenknödel.

Ein einziger Spatz kam immer mal vorbei, pickte, sah sich um und flog schnell wieder ab. Die Meisen waren den ganzen Tag lang absent.

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Meisen auf dem Ast.

Also gibt es nur die Meisen auf dem Ölbild, die halten wenigstens still und fliegen nicht weg.

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Holundersirup.

Reicht mir jemand bitte mal ein Gläschen Sekt? Der schmeckt mit Holundersirup fantastisch. Ich hoffe nur, dass der Vorrat bis zur nächsten Holunderblüte reicht.

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Kaffeepause.

Nicht, dass jemand denkt, ich würde nichts tun. Ich zeige euch nur meine Pause. Die Tasse ist leer und ich arbeite weiter.

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Limonade aus Johannisbeersirup mit Zitrone und Pfefferminze.

Warm ist es heute. Da ist eine kühle Erfrischung genau richtig.

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Ich. Nach dem Friseur.

Ich war beim Friseur. Das ist zwar auch schon wieder eine Weile her, ich habs aber  noch gar nicht gezeigt. Also.

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Essen. Hat geschmeckt.

Hat etwa jemand gedacht, ich würde mein Essen so lange stehen lassen, bis ich es endlich fotografiert habe?

Jetzt fahre ich zu einer Vernissage. Da hängen zwei Bilder von mir, Fotografie hinter Acryl, 40 mal 50 Zentimeter groß. Das ist eines davon.

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Holz fällen.

Die anderen Bilder gibt es später, wenn ich von der Vernissage zurück bin. Bis dahin müsst ihr euch mal gedulden. Wenn euch bis dahin langweilig sein sollte, könnt ihr ja auch die anderen Bilder angucken, die es bei Draußen nur Kännchen gibt.

Gerade von der Vernissage zurück:

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Meine Bilder hängen im Schloss Adelsdorf.

Jetzt gibt es auch was zum Feierabend – das Glas vorhin war ja nur Tarnung 😉

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Vino tinto im Glas.

Für ein paar Minütchen mache ich noch einen Ausflug nach Balkonien, bevor es huschhusch ins Bett geht. Morgen wird ein langer Tag: Erst muss ich noch arbeiten, dann soll ich mit der Lieblingshausziege nach Bamberg fahren und muss zugucken, wie sie ihr Geld zum Fenster rauswirft, anschließend fahre ich zu meinen Eltern, weil ich mit diesen am Sonntag für eine Woche auf den Darss fahren werde. Puh. Langer Satz. Aber ich habe ja auch viel vor.

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Balkonien

Vom Kulturbeutel zu Kafka: Eine Blogparade

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Nach dem Konzert im Kreuzgang packen die Musiker ihre Instrumente wieder ein. Schön wars.

Wenn ich mich richtig erinnere, dann waren für mich als Kleinkind „Kulturbeutel“ und „Kulturhaus“ meine ersten Begegnungen mit dem Wort: „Kultur“: In den Beutel kamen Zahnbürste und Waschlappen, Seife und Kamm, wenn es zu den Großeltern ging. Damals wusch man sich noch mit Seife und Waschlappen, die Kultur der Dusche kam später. Im Kulturhaus fand unten im Saal der Kinderfasching statt, im ersten Stock war die Arztpraxis, in der es die Impfungen gab. Als die Arztpraxis auszog, wohnte die Bücherei hier. Alles Kultur, sozusagen.

 

 

 

Zu anderen Gelegenheiten kam das Wort „Kultur“ als solches zwar nicht explizit vor, die Anekdoten lassen sich trotzdem darunter verorten und beschreiben ein wenig, wie ich der klassischen Musik, einem Teil der Kultur also, etwas näher kam.

Meine Großmutter deckte sonntags fürs Frühstück den Tisch im Wohnzimmer: Weiße Tischdecke, schönes Geschirr, was man eben so hat. Immerhin ist Sonntag, da soll selbst das Frühstück schöner sein, als an einem ganz gewöhnlichen Wochentag. Die Kaffeekanne bekam ein Schwammlätzchen vor die Tülle, weil sie das Kleckern einfach nicht lassen konnte. Die Kultur kam mit dem Plattenspieler ins Spiel: Sonntags durfte nicht etwa der schnöde Röhrenempfänger aus der Küche dudeln, sondern es klimperte und geigte, klassische Musik war angesagt. Während meine Großmutter nach dem Frühstück ihre Fingernägel feilte und für die kommende Woche im Büro frisch lackierte, spielten Bach, Beethoven und Händel. Ich nahm die Musik hin, wie man so als Kind die Dinge hinnimmt, die man nicht ändern kann – und von denen man erst später merkt, wie sehr sie einen geprägt haben. Da war es gut, dass keiner auf die Idee kam und etwa fragte: „Was will denn das Kind gerne hören“, sondern die Erwachsenen das gemacht haben, was ihnen gefiel und sie für richtig hielten.

Einige Jahre später schwärmte eine Bekannte, die im Kirchenchor sang, begeistert von ihren Proben und der Aufführung, die demnächst stattfinden sollte. Ich bat sie, mir zwei Karten zu besorgen, auch weil ich wusste, dass diese – wenn überhaupt – nur schwer zu kriegen wären. Eine Kirche hat schließlich relativ wenige Sitzplätze, jedenfalls dann, wenn genügend Einwohner aus der Kleinstadt Platz nehmen wollen. Auch wenn nur die Bekannten und Verwandten der Chorsänger gekommen wären, wäre die Kirche voll besetzt. Also hatte ich zwei Karten, und fragte meinen damaligen Freund, ob er denn mitkäme ins Konzert. Er guckte auf die Karten, DIN-A5, längs gefaltet, fragte: Ist das alles? Ja, das ist der ganze Text – und meinte: Joa, kann ja nicht so lange dauern, ist ja nicht viel. Dass der Herr Händel den Text des Messias nicht so geschwind absingen ließ, wie die Kürze es nahelegte, nun, dass wusste der Freund nicht. Ich wusste zwar auch nicht genau, wie lange das Konzert wirklich dauern würde, aber ich wollte hin, weil die Bekannte so schwärmte. Und ich muss sagen: Ich fand es faszinierend. Der Freund aber war sauer.

Mit meinem ältesten Kind besuchte ich Sonntags gelegentlich eine Matinee im Schloss, wir lauschten in kleiner Runde Kammermusik, saßen dabei auf barocken Stühlen. Das Kind war angemessen beeindruckt, guckte den Musizierenden auf die Finger, während sie still lauschte. Das jüngste Kind durfte auch immer mal zu Konzerten mit, freute sich über einen dünnen Kosakenchorsänger zwischen lauter dicken Musikern, war stolz, dass Nicole extra zu ihr kam, und bewunderte die Kostüme und den Gesang der Aquabellas. Inzwischen hört sie zwar auch Musik, die ich nicht so mag, aber das muss eben so sein.

In jedem Fall ist der Kontakt zur Kultur ein persönlicher. Ohne die Oma und ohne die Bekannte hätte ich einige Musikerlebnisse nicht gehabt und hätte heute weniger Vergnügen in klassischen Konzerten. Ich bin gerne bereit, mir etwas anzuhören, nur weil jemand angemessen dafür schwärmt. Allerdings fiel mir bei der Jüngsten auf, dass sie oft das einzige anwesende Kind im Konzert war. Sie wurde dafür bewundert und hat es sichtlich genossen. Die anderen Besucher hatten in den meisten Fällen das Rentenalter bereits erreicht. Was wird wohl in einigen Jahren passieren, wenn die heutigen Konzertbesucher so alt sind, dass sie nicht mehr kommen können? Sterben dann die klassischen Konzerte aus? Vielleicht nicht alle…

Warum sind keine Kinder in Konzerten anwesend? Ich glaube nicht, dass die wirklich stören würden, jedenfalls nicht, wenn sie merken, dass Menschen, die ihnen wichtig sind, dort gerne hingehen. Vielleicht würde ich nicht die Wagner-Oper als Einstieg wählen, aber Mozarts Zauberflöte kann auf Grundschulkinder bezaubernd wirken. Allerdings kostet der Konzertbesuch Geld, und das oft nicht zu knapp. Die Ermäßigung für Kinder ist meist so gering, dass sie lieber zu Hause bleiben müssen, wenn sich die Eltern ein Konzerterlebnis gönnen wollen.

Im Studium habe ich dann später gelernt, dass das Wort „Kultur“ im Ackerbau seinen Ursprung hat: Nur wer in der Lage ist, genug Getreide über den Winter zu retten, statt dieses bei Hunger sofort aufzufuttern, kann dieses im Frühjahr aussäen, kultivieren. Der Aufschub macht demnach den Unterschied: Wer sämtliche Bedürfnisse sofort befriedigt, ist also ein Kulturbanause. Oder? Fürs Hören von Konzerten ist jedenfalls ein wenig Geduld nötig. Schließlich lässt sich so ein Orchester über langsamere Passagen hinweg nicht einfach vorspulen.

Je länger ich über die Kultur und die Blogparade: „Was ist Kultur für Dich…“ von Tanja Praske nachdenke, desto mehr fällt mir ein. Doch letztendlich bleibt mir die Erkenntnis: Für jeden gibt es einen eigenen Zugang zur Kultur,einen ganz individuellen und persönlichen, so wie ihn Kafka in der Türhüterparabel beschreibt: Wer es nicht wagt, durch seine Tür hindurchzugehen, dem bleibt sie verschlossen.

#KultDef

L wie Licht: Magic Letters

Ob Goethes letzte Worte vor dem finalen Atemzug wirklich „mehr Licht“ waren? Das kann keiner von denen nachprüfen, die es zwar behaupten, aber mangels Anwesenheit den letzten Beweis schuldig bleiben müssen. Heute ist das Licht mein Thema: Licht brauche ich, wenn ich sehen will, und auch, wenn ich Bilder machen möchte, Bilder mit der Kamera.

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Licht auf dem Rhein.

Photografie: Mit Licht schreiben, den Moment, den flüchtigen Lidschlag fangen, einfrieren, damit die Erinnerung bleibt – bis zuletzt. Die Bilder aus der Kindheit der Eltern hielten Szenen und Posen in schwarz-weiß fest, mit den damals noch scharf gezackten Rändern, über die ich mit dem Finger gerne strich, um die kleinen Mulden und Spitzen an der Fingerkuppe zu spüren. Die Bilder von mir selbst hatten schon einen glatten Rand, bis auf die ersten, die Babybilder, auf denen die Mutter in schwarz-weißen Kleid mit Hahnentrittmuster, mich im Kinderwagen schiebend zu sehen ist.

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Hafen in Konstanz

Das Licht ist dann licht, wenn es in der Dunkelheit leuchtet und strahlt. Dagegen kann ich es im gleißenden Sonnenschein nur dann betrachten, wenn ich nicht direkt hineinschaue, mich blenden lassen vom hellen Schein. Die Leuchttürme zeigen mit ihrem Licht, wo sich sichere Fahrwasser befinden, damit nicht an Untiefen Schiffe zerschellen.

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Sonnenuntergang am Weiher

In der Dämmerung brechen Luft und Wolken  das Spektrum des Lichts auf und färben den Weiher, so dass es scheint, als sei er für einen kurzen Moment nicht von dieser Welt.

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Autofahrt durch den Tunnel.

Das ist mein Beitrag zu den Magic Letters von Paleica und hier ist das Licht der anderen Teilnehmer: Klick.

ABC der Technik #L

L wie: Lichtschalter.

Wer denkt noch über dieses kleine Teil nach, das so unscheinbar an der Wand ist und mit dem sich das Licht so einfach an- und wieder ausschalten lässt? Strom kommt schließlich aus der Steckdose, und das Licht aus der Leitung.

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Ein alter Lichtschalter zum Drehen. 

Mit den alten Lichtschaltern, wie hier einer zu sehen ist, wurde am Knopf gedreht, damit das Licht brannte.

Klack. Licht an.

Klack. Licht aus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mein Lieblingslichtschalter aber, der sah noch ein bisschen anders aus. Der hing über dem Bett der Großeltern und hatte eine Kordel, an der ich ziehen konnte:

Klack. Licht an.

Klack. Licht aus.

Leider war das Klacken so laut, dass es auch außerhalb des Schlafzimmers zu hören war: „Mach das Licht aus!“, hieß es. Da habe ich eben mit der Taschenlampe gelesen. Die hat nicht so einen Krach gemacht, wenn ich sie eingeschaltet habe.

Das ist mein Beitrag zum ABC der Technik, noch mehr davon gibt es bei Jutta zu sehen: Klick hier.