Über die Grenze #abc.etüden

Basti dreht sich auf den Rücken und sah den ziehenden Wolkentieren hinterher:
„Da oben gibt es keine Grenzen“,

„Stimmt“, rupfte Theo eine Pusteblume ab und blies auf die federleichten Schirmchen. Sie flogen davon. Einige von ihnen nahm der Wind, wirbelte sie hoch und trug sie, bis sie sich ganz im Blau verloren.

„Ob es Wunder gibt?“

„Wer ein Wunder will, muss sich selber kümmern, sagt mein Opa immer“, Heinz kramte ein Stück Käse aus seinem Tornister und biss eine Ecke davon ab. „Ich würde euch ja auch was abgeben, aber der Käsehobel gehört dem Opa, den konnte ich nicht mitnehmen“, nagte Heinz am Käsestück weiter: „Erst wenn es dunkel wird, können wir los“.

„Ich will heim“, jammerte Norbert, der mit seinen knapp 14 Jahren der jüngste war.

„Bist du irre?“ Basti drehte sich um: „Wenn du jetzt zurückläufst, kommst du ins Heim, deine Eltern in den Knast und euer ganzes Zeug wird versteigert.“

„Das glaub ich nicht.“

„Doch. Bei den Nachbarn stand auch nachts ein grüner LKW vor dem Hoftor. Die mussten alles aufladen und dann in ein anderes Auto steigen. Glaubst du, die sind freiwillig weg?“

Verbunden mit:

Die Worte für die abc.etüden wurden von Andrea gespendet, was anderen Schreiberlingen zu:

Käsehobel, Pusteblume und versteigern

einfiel, könnt ihr bei Christiane nachlesen.

Heidi Rehn: Das Haus der schönen Dinge

Das Haus der schönen Dinge – Heidi Rehn

Als der jüdische Kaufmann Jacob Hirschvogl 1897 zum Königlich-Bayerischen Hoflieferanten ernannt wird, glaubt er sich und seine Familie als gleichwertige Mitglieder der Münchner Gesellschaft anerkannt. Das von ihm begründete Kaufhaus „Hirschvogl am Rindermarkt“ bedeutet für ihn die Verwirklichung eines Lebenstraumes.

So beginnt der Klappentext.

Auch wenn Thea, Jacobs Frau, zunächst skeptisch ist, sorgt sie mit ihren innovativen Ideen dafür, dass das Kaufhaus ein voller Erfolg wird und die reichen – und weniger reichen – Münchner sich dort gerne tummeln. Lily ist Sandwichkind und gute Tochter zugleich. Sie wächst zwischen ihren Brüdern auf und ist von den Eltern keinesfalls zur Nachfolge des Vaters vorgesehen, auch wenn sie schon früh Interesse und Gespür fürs Geschäft zeigt. Da jedoch der große Bruder andere Ambitionen hat und selbst der jüngere Bruder lieber seinen Interessen folgt als sich dem Willen des Vaters zu beugen, übernimmt Lily in den goldenen 20ern das Kaufhaus von ihren Eltern und wähnt sich am Ziel ihrer Wünsche. Doch erstens kommt es anders – und zweitens als man denkt. Zwar fühlen sich Hirschvogls als königlich-bayerische Hoflieferanten etabliert und angekommen, doch die Zeiten, Stimmungen und Zuneigungen ändern sich abrupt, als sich die Nazis etablieren.

Der Klappentext erinnerte mich zunächst an den großen Roman „Paradies der Damen“ von Zola. Dieser beschreibt das Kaufhaus als eine neue Kathedrale, in dem alles um den Lichthof herum angeordnet ist. Hier dürfen Damen ganz ohne Begleitung weilen – und schwelgen, ganz egal, ob sie sich die ausgestellten Waren leisten können oder nicht.

Heidi Rehn entwirft das Haus der schönen Dinge ebenfalls als einen Palast, ganz wie auf dem Cover. Der Blick, den die Dame von ihrem zentralen Platz hinunter in das Vestibül und die einzelnen Etagen werfen kann, erinnert an Zola, die riesige Glaskuppel mit ihren himmelwärts strebenden Pfeilern bildet das Dach dieser modernen Kathedrale, in dem jetzt nicht mehr der Gott, sondern der Kommerz angebetet werden kann. Hauptperson im Roman ist tatsächlich das Haus der schönen Dinge, das nach seinem Besitzer genannte Hirschvogl am Münchener Rindermarkt. Zwar erzählt die Autorin die Geschichte der Personen, der Inhaber, doch es wirkt, als seien sie nur Beigabe.

Rehn schwelgt in Szenen, zeigt fast jede Einzelheit und sei sie noch so klein und unbedeutend. Trotzdem fällt es mitunter schwer, echte Sympathien für die Figuren zu entwickeln. Die Handlung selbst beginnt mit der Eröffnung des Kaufhauses im Jahre 1897 und reicht bis 1952. Das ist viel Stoff für 600 Seiten, besonders dann, wenn man ihn stellenweise so opulent ausbreitet wie Heidi Rehn.

Bei dieser Fülle sind Zeitsprünge unabdingbar, Rückblenden helfen gelegentlich, dass der Faden nicht ganz verloren geht. Doch immer dann, wenn es langsam spannend wird, bricht die Autorin ab und nimmt den Faden wieder neu auf. Das Kaufhaus brennt ab, die beste Freundin von Lily kommt dabei nur knapp mit dem Leben davon, doch über den Wiederaufbau und die Verdächtigungen, die mit dem Brand einhergingen, verliert Rehn nur wenige Worte. Ich habe an dieser Stelle sogar zurückgeblättert, nur um nachzugucken, ob mir tatsächlich nichts entgangen ist. So interessant und genau Heidi Rehn auch beschreibt, schließlich ist der Roman übervoll an Dekorationen, so sehr leiden nicht nur die Figuren selbst, sondern auch die Stringenz der eigentlichen Handlung an dieser überschwänglichen Opulenz.

Als opulent, dramatisch und emotional kündigt der Verlag den Roman an. Doch gerade die Emotionen fehlen, statt dessen herrschen Erklärungen vor, die sich wie ein Bericht lesen. Auch wenn die Dialoge als solche lebendig sind, richtig nahe kommt der Leser den Hauptfiguren nicht.

 

Auf der #denkst17 in Nürnberg

Ich bin ein Gemeinschaftstierchen, sagt die Lieblingshausziege, wenn sie sich mit Nagelfeile und -lack bewaffnet mitten im Wohnzimmer niederlässt, nur eine Nasenweite von mir entfernt. Selbstverständlich könnte sie ihre Nägel auch im Bad lackieren, dort wäre sie allerdings alleine, ganz ohne Gesellschaft.

Da ich normalerweise allein und einsam vor meinem Bildschirm sitze und schreibe, nehme ich ebenfalls gelegentlich und gerne ein Bad in der Menge. Da es grad passte, habe ich mich kurzentschlossen zur Bloggerkonferenz „denkst“ in Nürnberg angemeldet und stieg zwei Tage später in den Regionalzug. Für die Unterhaltung zwischen Forchheim und Nürnberg fühlten sich sechs junge Männer im roten Bayern-Trikot zuständig. Takt und Melodie gab der tragbare CD-Spieler vor und die Männer versuchten mit ihrem Gesang, damit Schritt zu halten. Leider reicht Lautstärke allein nicht aus, um fehlenden Rhythmus und mangelhafte Textkenntnisse auszugleichen. Das störte die sechs Jungs jedoch nicht, sie prosteten sich eifrig zu und ließen die leeren Bierflaschen gleich unter den Sitz kullern. Ob sie es bis München geschafft haben, das entzieht sich allerdings meiner Kenntnis.

Auf der Strecke zwischen dem Nürnberger Hauptbahnhof und dem Museum für Kommunikation rollkofferte eine Frau, ich überlegte gerade, ob sie wohl das gleiche Ziel wie ich – doch nein, sie blieb am Hotel stehen und kramte. Ich ging also weiter, schaute am Opernhaus auf den Spielplan, da kam sie doch hinterher und ging ebenfalls die Treppen nach oben, die ins Museum für Kommunikation führten und somit zur „denkst“, einer Konferenz für Blogger. An der Anmeldung gab es Aufkleber mit Namen und zugehörigem Blog. So konnte jeder sehen, mit wem er es zu tun hatte. Zwischendrin wurde getwittert und gehashtagt, was das Zeug hielt. Was wie Unaufmerksamkeit anmuten mag, hat bei mir aber durchaus einen praktischen Hintergrund: Jetzt, so im Nachhinein, kann ich auch bei denen gucken, mit denen ich nicht sprechen konnte – es waren einfach viel zu viele tolle Frauen dort – was sie im Netz so machen, was sie antreibt, was ihnen gefällt und wie es ihnen geht. Prima.

Die „denkst“: Da denkst du, oder vielmehr ich, dass ich schon so viel weiß und kenne und werde glücklicherweise immer wieder angenehm überrascht, dass die Welt noch viel bunter ist. An diesem Tag kam ich kaum zum Denken, auch wenn der Titel der Konferenz dazu aufforderte. Es gab so viel an Informationen, Gesprächen und Vorträgen, dass ich in den kommenden Tagen noch etwas sortieren werde, welche Infos für mich nun wichtiger waren – und was ich erst einmal weniger berücksichtigen werde:

Sophie Lüttich (BerlinFreckles) erzählte über Fundraising und was Blogger davon lernen können.

Andrea Reif (dieAnderl) referierte darüber, welche Rolle Blogger im Rahmen des Content Marketing bei Unternehmen spielen.

In der Diskussion auf dem Podium ging es darum, das sich mit Produktproben und Mehrwert keine Miete zahlen lässt.

Thorsten Ising (Thorsten-Ising) zeigte, woher Blogger wissen können, was Leser lesen wollen.

Julia Hubinger (MamaSchulze): Chaos ist Leben und Leben ist Chaos. Sie erzählte nicht nur, sie las aus ihrem wirklich berührenden Buch vor, das im September erscheinen wird.

Svenja Walter: (meineSvenja) Wenn der Blog zur Marke wird.

Ich habe viele unglaublich tolle Frauen getroffen, einige Männer waren auch dort, aber sie waren eindeutig in der Minderheit. Etliche Kinder liefen vergnügt umher und störten überhaupt nichts und niemanden. Ich würde sagen, die „denkst“ wird mir noch eine Weile zu denken geben. Und das ist gut so. Ein dickes Dankeschön also auch an die beiden Initiatoren, Susanne Hausdorf (ichlebejetzt) und Sven Trautwein (Zwillingswelten)

Am Ende des Tages fuhr ich mit dem Zug wieder nach Hause, neben mir eine junge Frau mit Kopfhörern und hinter mir zwei giggelnde Teeniemädchen. Wir wechselten ein paar Worte miteinander, dann stieg erst die junge Frau aus, eine Station weiter die Teeniemädchen. Langsam wurde es ruhiger – und zu Hause konnte ich den Abend mit einem Steinbier auf dem Sofa ausklingen lassen. Ich mag Gemeinschaft sehr, umso mehr, wenn es so liebenswerte Gemeinschaft ist, wie ich sie auf der „denkst“ erlebt habe. Aber ich mag es auch, wenn ich frisch gefüllt mit neuen Eindrücken ganz allein auf dem Sofa liegen kann.

Alles für die Katz #57

Moskauer Katze mit Häubchen

Der alte Arbat ist in Moskau eine recht gemütliche Straße, ganz ohne Verkehr. Deswegen stehen hier sogar Maler mit ihren Bildern, die Menschen flitzen nicht ganz so schnell und wir haben ein wenig Zeit, uns umzusehen. Leider nicht zu viel, auf einer solchen Reise soll uns ja nicht langweilig werden, sondern wir sollen viel besichtigen und noch mehr erleben.

Das Bild mit dem Kätzchen gefiel mir ausnehmend gut, leider war das Format denkbar kofferuntauglich. So kauften wir lediglich ein kleinformatiges Aquarell und ließen die großen Bilder stehen.

alles_fuer_die_katz_logo_120x120Wer sich gerne am Projekt “Alles für die Katz” beteiligen möchte, kann das an jedem 1. und 15. des Monats machen.

Einfach den eigenen Beitrag im Kommentar verlinken: Und schon freuen sich alle Katzenfans über schöne Bilder. Das von Kerstin gestaltete Logo darf sich auch jeder mitnehmen und verwenden, der bei “Alles für die Katz” dabei ist. Klickt euch durch die Galerie der Katzen, streichelt ihnen über den Kopf, lasst euch auch einmal anfauchen – und sagt einfach denen, die sie fotografiert haben, wie schön ihre Katzen sind.

12 Bilder vom 12. Mai

Boah. Draußen ist es echt ganz grün.

Gestern war es schon nach 22 Uhr, als wir endlich zu Hause ankamen. Der erste Blick aus dem Fenster heute morgen zeigt die sattgrüne Wiese. Dazu die traumhaften gut zwanzig Grad, die draußen herrschen. Der Blick aus dem Flugzeug kurz nach dem Start in Moskau sah noch ganz anders aus:

Schnee. Im Mai.

Zwischen den Wäldern lag weißer Schnee auf den Feldern.

Frisches Butterbrot.

Erst gab es Kaffee und Butterbrot, dann ging es ans Auspacken.

Die Butter.

Echt russisches Wasser: Akva Ideal steht drauf.

Die Wasserflasche war im Koffer verstaut, sonst hätte sie nicht mitfliegen dürfen.

Seife mit Butter und Honig.

Bei der Hotelseife konnte ich dieses Mal nicht wiederstehen: Seife mit Milch und Honig, mit siebzigjähriger Tradition.

Völlig leerer Akku

Gibt es unterwegs weder W-Lan noch Empfang, vergesse ich glatt, das Taschentelefon aufzuladen. Das muss erst mal an die Strippe, dann bin ich auch wieder erreichbar.

Kalender mit Gedichten.

Nach zehn Tagen war auch der Kalender nicht mehr aktuell. Jetzt schon.

Eine Reihe bunter Matrjoschkas.

Das Mitbringsel für die Lieblingshausziege.

Blaues Tuch.

Ein blaues Tuch für mich. (Irgendwie sind die Farben gerade seltsam, diesen Rotstich hat das Tuch in Wirklichkeit nicht)

Salat im Frühbeet.

Der Salat im Frühbeet ist sehr schön gewachsen, während wir unterwegs waren.

Katze im Kästchen.

Die Katz sitzt immer noch dort, wo sie hingehört. Hach, ist das schön, so nach einer Reise wieder zu Hause anzukommen.

Verbunden mit: Draußen nur Kännchen.

Moskau: Stadtrundfahrt und Kreml

Moskau ist schon beeindruckend. Hier wird geklotzt, nicht gekleckert. Obwohl, als ich die Laternenmasten gesehen habe, an denen auch die Oberleitungen für die Busse hängen, war ich nicht so sicher: Dort war die Rostschutzfarbe so dick aufgetragen, dass die Farbkleckse eingetrocknet hängen blieben.

Das auf dem Gelände des Kremls fast nur Kathedralen stehen, wusste ich nicht. Gut, es gibt dort auch den Kremlpalast, den Senatspalast und das Arsenal, aber vor allen Dingen ziemlich viele Kathedralen. In dieser, der-Mariä-Entschlafens-Kathedrale war kaum mehr Platz, so viele Särge standen innen herum. Von einem war wohl Napoleon ganz beeindruckt: Als er den mit Silber beschlagenen Sarg räubern wollte, drohte ihm die Leiche mit dem Finger. Also ließ er die Finger davon.

Auf dem Roten Platz wird eifrig geputzt und hergerichtet, schließlich soll am 9. Mai hier standesgemäß paradiert werden.

Vor dem Reiterstandbild von Marschall Shukow teilte ein Mann schwarze und weiße Luftballons aus: „Vergesst Odessa nicht“: Vor drei Jahren gab es Auseinandersetzungen zwischen russischen und ukrainischen Demonstranten in Odessa, bei denen 48 russische Menschen ums Leben kamen und mehr als 200 verletzt wurden. In Odessa selbst war der Platz gesperrt, an dem das damals passierte.

Die Stadt ist groß, die Entfernungen sind riesig. Ich bin jedenfalls angemessen beeindruckt und jetzt ziemlich pflastermüde. Morgen geht es weiter.