Linien als magische Zeichen #Rostparade

„Dass eine einzige Linie die Kraft hat, im Betrachter Bilder, Emotionen und komplexe Zusammenhänge ins Leben zu rufen, ist aus meiner Sicht wirkliche Magie.“

– Ugo Dossi, 2007
Tingus heißt die Ansammlung an großen rostigen Platten, die in der Künstlernekropole am Kasseler Stadtrand darauf warten, dass die Asche von Ugo Dossi an dieser Stelle vergraben wird. In ihnen sind Linien zu sehen, eine Rose, ein Totenkopf, was auch immer die Fantasie des Betrachters daraus macht. 

Sollte ein Feuer zwischen den Platten brennen, bringen die Flammen die Linien zum tanzen. Asche zeigt, dass auf diese Idee bereits andere kamen. (Ich nehme mal an, es ist nicht erlaubt).

Das künftige Grab von Ugo Dossi ist allerdings nur eines, das in der Künstlernekropole zu finden ist: Friedliche Höfe der Ruhe.

Verbunden mit: Frau Tonari und ihrer Rostparade.

Friedliche Höfe der Ruhe #Kultblick

Ich gehe gerne auf Friedhöfen spazieren. Sie strahlen selbst dann eine überirdische Ruhe aus, wenn sie mitten in einer quirligen Stadt oder neben der Autobahn liegen. Ging ich mit der Uroma über den alten Friedhof im Städtchen, war ich fasziniert, besonders dann, wenn sie erzählte, dass hier einst ein Kind von ihr beerdigt worden war.

Während der Tod für das Individuum eine unumkehrbare Grenze darstellt, geht die Kultur schöpferisch darüber hinaus: Es entsteht etwas, was von jedem Menschen bleibt, auch dann noch, wenn es ihn nicht mehr gibt. Irgendwann hat jeder Mensch verstanden, dass er sterblich ist. Ist es das, was uns vom Tier unterscheidet? Sicher, auch Tiere kennen Todesangst – doch keines von ihnen bestattet die Verstorbenen und errichtet Grabmäler zum Gedenken an jene.

Das übernehmen die Hinterbliebenen, die Überlebenden, wenigstens in den meisten Fällen. Ich kenne nur wenige Ausnahmen:

Auf dem dörflichen Friedhof wies mich der Mitbewohner auf einen Grabstein hin, der bis vor kurzem nur ein Datum, das Geburtsdatum trug. Inzwischen ist auch das Todesdatum eingemeißelt und mit Gold gefärbt. Beide Daten liegen über 100 Jahre voneinander entfernt.

Heinrich Brummack: Vogeltränke

Am Kasseler Stadtrand beginnt der Habichtswald. Initiiert von Harry Kramer, Kunstprofessor in Kassel, entstand dort mit der Künstlernekropole ein öffentlicher Ort der besonderen Art. Künstler können ihre eigenen Grabmale gestalten, müssen sich jedoch im Gegenzug verpflichten, dass sie sich nach ihrem Tod hier auch tatsächlich beisetzen lassen.

1992 eröffnet, sucht das Kuratorium die Künstler aus und fragt sie an. Mittlerweile stehen acht Grabzeichen, maximal vierzig sind möglich. Die Skulpturen überschreiten die Grenze zwischen Kunst und Alltag, zwischen Leben und Tod. Da jeder Künstler sein eigenes Grabmal gestaltet, ist er auch sein eigener Auftraggeber. Zwar sind private Friedhöfe in Deutschland nicht erlaubt, sie müssen entweder von einer Glaubensgemeinschaft oder Kommune betrieben werden. Im Fall der Künstlernekropole wurde jedoch eine Utopie Kramers Realität. Er wurde übrigens selbst hier bestattet, allerdings ist seine Grabstätte nicht mit einem Grabmal gekennzeichnet, nur ein Baum trägt seine Initialen.

„Die Künstler haben keinen Einfluß auf Kulturpolitik, Museumsankäufe und Programme internationaler Ausstellungen. Genau besehen, ist das auch gut so; sie würden sich sonst als Gladiatoren in der Arena selbst ausrotten. Der Wettstreit auf dem Friedhof der Eitelkeiten ist ein unblutiger. Melancholie, Einsamkeit und Repräsentanz dieses Berufs kann sich keinen geeigneteren Ort der Selbstrealisierung und Selbstinszenierung wünschen. Der Künstler kann nur beim eigenen Grabmal sich selbst Auftraggeber und Mäzen sein. Allein das ist Legitimation genug.“

– Harry Kramer
Der Tod stellt die Frage nach dem Sinn, allerdings ist für uns Menschen nicht der Tod das Problem, sondern das Wissen um ihn. Er stellt alles komplett in Frage. Während die Sinnfrage von der Religion einfach damit erklärt wurde, was die Menschen nach ihrem Tod erwarte, müssen moderne Menschen diese Frage selbst beantworten.

Uwe Timm

„Denken Sie stets daran, mich zu vergessen“, vom Grabmal Timm Ullrichs sieht man nur eine Glasplatte. Die Skulptur selbst ist eine Negativform, ein ausgesparter Mensch, in den der Spaziergänger via Fußsohlen hineinschauen kann – so bleibt er als Anwesender abwesend und ist doch nicht mehr zu sehen.

Karl Oscar Blase

Bei dem Grabmal von Karl Oskar Blase verschmilzt der Augenblick oder Moment zu einem Monument. Es gibt Augenblicke, die für das ganze Leben eine Bedeutung haben und in der Erinnerung überdauern, auch wenn das Vergessen bereits zu Lebzeiten einsetzt.

Es gibt viele Situationen im Leben, die nur begrenzt antizipierbar sind, das Sterben als Übergang ist eine davon. In der Sprache lässt sich die Statusveränderung nachweisen und bedeutende Veränderungen wie Taufe, Heirat oder Schulanfang werden durch besondere Feiern gewürdigt.
Hier sind Grabmäler Lebenswerke.

Die Vorstellung, dass nach dem Tod, dem Nicht-mehr-sein die Erinnerung bleibt, kann tröstlich wirken. Und der Umgang mit dem Tod, der Verweis über das Leben hinaus, der ist für mich ein Teil dessen, was Kultur ausmacht. Sie hat ihren Ursprung im Wissen von Tod und Sterblichkeit und versucht, über die Begrenztheit des Menschen und dessen Planen, Handeln und seine Erfahrung hinauszudenken. Wer nicht daran glauben kann oder mag, dass ein Teil von ihm unsterblich ist und somit über den Tod hinaus lebendig bleibt, für den mag sein Handeln wenig sinnvoll sein.

Verbunden mit: Blogparade Kulturblick.

 

Laterne, herbstfarbenbunt, loslassen #abc.etüden

Das Auto hinter ihr hupte laut und ungeduldig, Siggi legte ihre Stirn auf die Hände am Lenkrad und schloss die Augen. Sie sah nicht, dass die herbstfarbenbunten Blätter der Kastanien auf der nassen Frontscheibe landeten, herabrutschten und liegenblieben, sie sah auch nicht, dass die Ampel längst auf Grün umgeschaltet hatte. Rechts und links dröhnten die dicken Busse so dicht vorbei, dass sie die Luft anhielt und darauf wartete, dass einer von ihnen die Kurve zu eng nehmen und sie mit ihrem kleinen Auto mitten auf die Kreuzung schieben würde. Als niemand mehr zu hören und sehen war, ließ sie das Lenkrad los, stieg aus, ging um die Ecke, kramte ihr Handy aus der Handtasche und rief Harri an: „Du musst kommen“.

„Wie stellst du dir das vor?“, fragte er: „Wir müssen in einer Viertelstunde los!“

„Wohin?“ Siggi schlug die Hand vor den Mund: „Ich hab die Laterne vergessen!“

„Du fährst deswegen los und vergisst sie?“

„Das Auto…“

„Ja, sicher, immer ist jemand anders schuld.“ Auch wenn sich Harri wünschte, dass er seine Wut einfach wie ein Drache ausspucken könnte, seufzte er nur leise:  „Ich geh dann mal mit den Kindern los, damit wir wenigstens pünktlich zum Umzug kommen.“

Verbunden mit: Irgendwas ist immer.

Die drei Worte: „Laterne, herbstfarbenbunt, loslassen“ waren in zehn Sätzen unterzubringen.

Ausflug nach Jena

Die Luft ist raus…

Als ich Jena verlasse, heften sich kleine Blätter wie gelbe Post-its an die Sohlen.

Am Bahnhof unterhalten sich zwei: Wenn einer geht, wird der Kontakt besser, weil er dann viel seltener und damit wertvoller sei.

Also ist er dann am wertvollsten, wenn er ganz weg ist? Am besten tot und im Grab?

 

Monat, fragwürdig, gehen #abc.etüden

Ich finde das ja fragwürdig: Du willst eine Frau heiraten, die dich mit Abtreibung erpresst? Manni schüttelte verständnislos den Kopf, während Harri versuchte, ihm seine Lage zu erklären, die er im übrigen für aussichtslos hielt.

Alles andere wäre Mord!

Ist das Liebe? Im Gefängnis?

Ja, sicher. Und wenn du dabei vor die Hunde gehst, wie nennst du das? Mit Siggi kannst du nicht glücklich werden, mit der wird niemand glücklich. Sie interessiert sich nur für sich, für Geld, Klamotten und Schminke. Von dir hätte ich etwas anderes erwartet, ich hätte gedacht, du suchst dir eine interessante Frau aus, eine, mit der du dich unterhalten kannst, die quasi auf deiner Wellenlänge ist. Statt dessen: Blond. In welchem Monat ist sie eigentlich?

verbunden mit: abc.etüden. 

Alles für die Katz #66

Ich kriege ja auf Wanderungen einiges zu sehen: Gelegentlich sonnt sich ein Kätzchen im Garten, manche Katzen kommen sogar an und wollen gestreichelt werden. Bei diesem Kätzchen musste ich zweimal hinschauen: Als echte Deko sitzt sie im Kellerfenster, rührt sich nicht, braucht kein Futter und macht ansonsten eine gute Figur. Ich nehme mal an, dass sie gelegentlich gebürstet wird, damit das Fell auch weiterhin so schön flauschig bleibt.

Kätzchen in der Kellerfensternische.

alles_fuer_die_katz_logo_120x120Wer sich gerne am Projekt “Alles für die Katz” beteiligen möchte, kann das an jedem 1. und 15. des Monats machen.

Einfach den eigenen Beitrag im Kommentar verlinken: Und schon freuen sich alle Katzenfans über schöne Bilder. Das von Kerstin gestaltete Logo darf sich auch jeder mitnehmen und verwenden, der bei “Alles für die Katz” dabei ist. Klickt euch durch die Galerie der Katzen, streichelt ihnen über den Kopf, lasst euch auch einmal anfauchen – und sagt einfach denen, die sie fotografiert haben, wie schön ihre Katzen sind.

12 Bilder vom 12. Oktober

Ein trüber Tagesbeginn. Die Wolken hängen tief über dem Kanal.

Heute morgen habe ich die Lieblingshausziege zum Kersbacher Bahnhof gebracht, damit sie von dort nach Nürnberg zur Arbeit fahren kann. Anschließend habe ich die Gelegenheit genutzt, war kurz einkaufen – schließlich war ich ja schon unterwegs – und habe das Auto an der Sportinsel geparkt. Das ist praktischer als in der Stadt selbst: Hier gibt es immer freie Parkplätze und ich kann ein paar Meter mal zu Fuß laufen. Das schadet nicht. Dort war ich verabredet, aber davon gibt es keine Fotos, auch nicht von dem schönen Cafe, in dem wir gesessen und Kaffee getrunken haben.

Zu Hause ging auch nicht gerade die Post ab:

Nachmittags wurde das Wetter allerdings noch richtig schön, so dass wir uns noch einmal aus dem Haus wagten.

Wilder Wein am Baum.

Vorsicht, nicht drauftreten.

Herbstzeitlose.

schwarze Beeren.

Ein kleiner Pilz.

Ein bisschen Ausblick gab es auch.

Bewegen sich etwa die Muscheln im Weiher?

Im Weiher daneben sind ebenfalls große Teichmuscheln drin. Aber alle sind leer.

Tja. Alle Karpfen sind weg.

 

Verbunden mit: Draußen nur Kännchen. Wer mag, kann auf den Link klicken und findet noch viel mehr Bilder vom 12. Oktober.

Nebenan gebloggt: Die Cadolzburg und der #Hohenzollernwalk

Die Cadolzburg bei herrlichem Sommerwetter.

Es war in diesem Jahr, im Juli, als ich auf die Cadolzburg eingeladen wurde. An die traurigen Reste habe ich neulich anlässlich der Rostparade erinnert, heute habe ich den Beitrag über die Burg geschrieben und ihn auf meinem Frankenblog veröffentlicht: Er passt wunderbar und ist garantiert eine von 111 Sachen in Franken (der Link führt zum Beitrag) die es zu machen lohnt.

Viel Spaß beim Lesen.

Tagebuchbloggen am 5. Oktober

Da wir des Autos wegen – es muss dem TÜV vorgeführt werden – bei meinen Eltern sind, ist der Ablauf des Tages anders als zu Hause. Ich bin kurz aufgewacht, jedoch nicht aufgestanden, sondern wieder eingeschlafen und habe von einer Weihnachtsfeier geträumt. Dabei ist doch erst Oktober!

Praktischerweise musste ich das Frühstück nicht selbst richten, sondern konnte mich an den gedeckten Tisch setzen, der Kaffee war gekocht, die Brötchen standen parat, selbst eine Tageszeitung war vorrätig.

Ich schrieb einen Text, es gab Mittag und es war sogar Zeit für ein Mittagsschläfchen. Nach Nachmittagskaffee kam der ersehnte Anruf: Das Auto hat den TÜV bestanden, wir können kommen. Der Vater fuhr uns durch Sturm und Regen, der Wind packte das Auto, rüttelte es durch, die Scheibenwischer schoben unermüdlich die prasselnden Tropfen beiseite, so dass es der Mutter auf dem Beifahrersitz ungemütlich wurde. Wir lachten ihre Ängste beiseite, wiesen sie darauf hin, dass wir extra Kuchen gefuttert hatten, damit das Auto mit mehr Gewicht auf die Straße fährt.

Wir schauten von unten auf die Plesse und den Plesseturm, dort waren wir vor zwei Tagen unterwegs und fuhren immer weiter nach Westen, dorthin, wo es Enten gibt und wo auch mein kleiner Citroen repariert wurde und jetzt auf mich wartete.

Wir kamen an, die Eltern verabschiedeten sich und fuhren wieder, wir schwätzten noch mit Torsten, der nebenher liebevoll die Schweißnähte einer Ente streichelte und fuhren dann ebenfalls weiter.

Kurz vor dem Rennsteig war der Thüringer Wald in schwefelgelbe Wolken gehüllt und die Strecke über Oberhof gesperrt. Wir fuhren die Umleitung und ab Zella Mehlis auf der Autobahn. Zweieinhalb Stunden später waren wir wieder zu Hause und wurden lautstark von den zwei Kätzchen begrüßt. Jetzt brennt das Feuer im Ofen, ein Steinbier ist eingeschenkt und ich verabschiede mich.

Andere Tagebuchblogger sind wie jeden 5. des Monats bei Frau Brüllen versammelt. Wer mag, kann dort lange lesen.

Interpol, Trabantenstadt, Honigpumpe #abc.etüden

„Das kann nicht sein“, flüsterte Siggi fast tonlos. Nach dem Tod des Vaters hatte der Anwalt das Testament eröffnet und der Familie mitgeteilt, dass der Besitz unter den Brüdern verteilt worden war. Der Tochter blieb nur das alte Auto – und ein kleines Appartement in der Trabantenstadt, in guter Hörweite der Autobahn.

„Tja, Schwesterherz, die Honigpumpe wird jetzt abgestellt“, teilte der älteste Bruder grinsend mit und empfahl, ihren Krempel zusammenzupacken. „Ich schick dir nächste Woche einen kleinen Transporter, was da nicht drauf passt, kriegst du ohnehin nicht in die Butze rein.“

„Aber warum?“, Siggi war fassungslos.

„Ganz einfach, Schätzchen“, drehte sich ihr älterer Bruder noch einmal um: „Du hast jahrelang behauptet, dass du so arm wie eine Kirchenmaus bist. Da haben wir dafür gesorgt, dass es ab jetzt die Wahrheit ist.“

„Geh arbeiten“, empfahl der zweite Bruder: „Hast dich lange genug auf unsere Kosten ausgeruht. Und lass uns in Ruhe. Nach dir würde niemand suchen, auch Interpol nicht.“ 

Verbunden mit: Christiane – irgendwas ist immer.

Verbunden mit: Czoczo – black&white