Chinareise, krabbeln, Ahornblatt #abc.etüden

Seit Siggi wusste, dass Harri mit seinen Kollegen eine Chinareise gebucht hatte, litt sie unter Herzrasen, sobald ihr Mann nicht in Hör- oder Rufweite war. Dass er morgens zur Arbeit gehen musste, machte es für sie nicht einfacher. Verließ er das Haus, drückte sie den Kindern fünf Euro in die Hand: »Kauft euch was zum Frühstück!« und legte sich erschöpft von der durchwachten Nacht eine Stunde lang in die Badewanne.
Mittags holte sie abwechselnd Döner, Hamburger und Bratwürstchen. Waren die Kinder in ihren Zimmern verschwunden und – Computer sei dank – für die nächsten Stunden beschäftigt, jammerte sie ihrer Mutter die Ohren voll: »Ich weiß nicht, was ich machen soll«.
»Das hast du dir selbst eingebrockt«, entgegnete ihre Mutter ungerührt: »Aber du wolltest ja nicht hören«.
Siggi schluckte den Widerspruch hinunter, er hätte nichts bewirkt. Vor ihrer eigenen Tür angekommen, stampfte sie wütend mit dem Fuß auf: Harri war noch nicht zurück. Sie rutschte auf dem gelben Ahornblatt aus, das der Wind vor die Schwelle gelegt hatte und die zwei Stufen der Treppe nach unten und blieb platt wie ein Käfer auf dem Rücken liegen. Selbst der Versuch zu krabbeln misslang.

Verbunden mit: Christiane und den abc.etüden. In dieser Woche waren Chinareise, Ahornblatt und krabbeln die drei Worte, die zu einer zehn-Satz-Geschichte verwoben werden wollten.

2 Gedanken zu „Chinareise, krabbeln, Ahornblatt #abc.etüden

  1. Klingt wie eine Mischung von: „Hilfe, er wird mich bestimmt verlassen“ und „Hilfe, er entzieht sich meiner Aufsicht“. Ich weiß nicht, wen ich mehr bedauern soll.
    ABER ich finde es schick, was für Etüden der November zu fördern scheint …
    Liebe Grüße
    Christiane

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