Knutschkugel, Verwandlung, Beichtstuhl #abc.etüden

Siggi schüttelte das brüllende Baby: „Du machst mich fertig!“ und bekam prompt einen Schwall saurer Milch über ihr Shirt. Die Verwandlung in eine liebevolle Mutter war einfach nicht geglückt. Die Tochter ähnelte mit ihren struppig-zerzausten Haaren, den abstehenden Ohren und den aufgeworfenen Lippen eher einem Gnom als einer Knutschkugel und schluchzte auch dann noch, als Siggi die Windeln wechseln wollte und in die leere Tüte griff: „Dann kack halt weniger“, empfahl sie ihr kurzerhand und packte das Baby ins Bett.

Sie schloss die Tür und ging in die Küche zurück, in der noch die eingetrocknete Kaffeetasse vom Morgen auf dem Küchentisch und zwei halbleere Milchfläschchen in der Spüle standen, holte eine Dose Linsensuppe aus dem Schrank, füllte die Hälfte in einen Teller und ließ ihn für einen Moment in der Mikrowelle kreisen, bevor sie gierig die Suppe löffelte und dabei in ihrem Roman versank.

Sie hätte abtreiben sollen. Da sie ohnehin an Wiedergeburt glaubte, hätte sie auch nichts im Beichtstuhl erzählen müssen. Als sie bei ihrem Vater anrief: „Ich brauch Geld“, ließ dieser sie kurzerhand abblitzen. „Dafür ist jetzt dein Mann zuständig“.

„Der will doch nur an unser Vermögen“, hatte die Mutter geurteilt, damals, als Siggi ihr stolz von der Schwangerschaft und den Hochzeitsplänen erzählte. Und jetzt saß sie da, zuckte bei jeder Berührung von Mann und Kind zusammen, ganz so, als würden sie ihr jedes Mal einen Stromschlag verpassen.

Verbunden mit: Irgendwas ist immer, die drei Worte der abc.etüde waren in dieser Woche: Knutschkugel, Verwandlung, Beichtstuhl.

9 Gedanken zu „Knutschkugel, Verwandlung, Beichtstuhl #abc.etüden

  1. Gut und mutig (ist ja eines der Dinge, die man eher nicht erzählen darf) gemacht. Ist zwar traurig, kommt in der Realität aber oft genug vor. Und leider holen die Mütter sich oft keine Hilfe (einige werden sicher auch nicht wissen wo) und Babyklappen gibt es auch nicht überall.

      • Beziehungsweise, weil der Name Siggi eher auf ein älteres Semester schließen lässt, „Jetzt hab ich einen akademischen Grad, Haus, Hund, Auto, jetzt hätt‘ ich gern noch so’n süßes, kleines…“. Auch wenn man zu alt ist, Erstgebärende mit Mitte 40 und vorher nie Erfahrung mit Kindern etc., kann man die Kurve nicht mehr bekommen. Es ist hat was anderes ob man das süße, kleine Schätzchen von Schwester/Bruder/Schwiegerleuten mal ein paar Stunden hat oder die nächsten 18 Jahre sieben Tage die Woche 24h Stunden lang für einen brüllenden Stinkkegel verantwortlich ist, aber manche sehen das nicht.

        Kommst morgen mit in die Kleinigkeiten. Es passt gerade thematisch, dieses Mal kommen mehrere Posts von anderen vor und hier in meiner Gegend wird gerade wieder über den Rückbau von Geldmitteln für Kinder- und Jugendliche bzw. Hilfen für die diskutiert. Wenn’s überall genügend niederschwellige vorurteilsfreie Angebote geben würde, damit „Siggis“ sich Hilfe holen könnten liefe einiges besser. Sowohl für die Kinder als auch für die Mütter, denn man darf auch nicht vergessen, dass das nicht per se Kackbratzen sind sondern ganz oft Frauen, die einfach hochgradig überfordert sind und bestimmt in der ein oder anderen Minute auch Schuldgefühle bis zum Himmel haben, weil sie die Erwartungen der Umwelt einfach nicht erfüllen können und ihr Baby ja doch irgendwie vielleicht liebhaben.

        • Eigentlich hatte ich ja einen Namen gesucht, der – dank Abkürzung – für viele Altersgruppen gelten könnte. Jetzt wo du kommentierst, stelle ich fest: Ist doch nicht so. Werde ich bei der nächsten Geschichte mal besser beachten :-), danke für den Hinweis.

          • Die Siglindes oder Sigrids sind alle nicht so altersneutral. Nati (älter: Renate, jünger: Natalie oder Natascha), Ela (älter: Manuela, Michaela, jünger:Daniela), Tina (älter: Martina, Bettina, jünger: Christina), Juli (älter: Juliane, jünger: Julia), Jana/Jane (älter: Christiane, Marianne jünger: Tatjana, Dajana…), Anni (älter: Anne(gret), Anita, jünger: Annika, Anna-Lena, Anne-Sophie…) Ist schwer und nicht jede/r überlegt wie ich erst zehnmal rum.

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