Clausnitz ist im Osten überall

Ob Clausnitz, Heidenau, Hoyerswerda oder aber Rostock und viele andere Orte: Eines ist immer gleich. Es sind Menschen, die sich zusammenschließen und die auf diese Weise gegen Fremde – oder das, was sie dafür halten – vorgehen. Das können auch mal anders gekleidete Menschen sein, Menschen mit einem anderen Haarschnitt, mit anderen Klamotten, so festgelegt sind die Menschen im Osten denn doch nicht. Dabei geht es den Menschen, die dort leben, eigentlich gut: Sie haben ein Dach über dem Kopf, sie haben – vermute ich jetzt mal – einen Fernseher im Wohnzimmer, einen Herd in der Küche und ein Bett im Schlafzimmer. Sie haben jeden Tag genügend zu Essen auf dem Tisch, sie haben etwas zum Anziehen, Jacken, Stiefel, sie können ihre Kinder in Kindergärten und Schulen schicken.

Warum ist gerade im Osten diese rechte Gesinnung so stark – und wird noch dazu von denen wortlos unterstützt, die sich mit ihrer eigenen Meinung zurückhalten? Nun, ein Grund könnte sein, dass die Traditionen, die nach 1945 obsolet waren, hier nie wirklich abrissen, auch wenn es anders behauptet wurde: Auch in der DDR gab es immer wieder Gewalt. Gewalt gegen Andersdenkende, Gewalt gegen Andersaussehende, Ausbürgerungen, Haftstrafen, Bücher und Zeitschriften wurden verboten. Erinnert sich noch jemand an die Aktion „Schwerter zu Pflugscharen“ und die Aufnäher, die von Jugendlichen auf Jacken getragen wurden? Es gab nicht wenige Lehrer und Schuldirektoren, die dafür sorgten, dass diese schnell wieder aus der Öffentlichkeit verschwanden. Pazifismus und Gewaltfreiheit war nicht erwünscht…

Der Rechtsextremismus im Osten ist nicht neu. Kurz vor der Wende, also Ende 1988/ Anfang 1989, vor fast 30 Jahren also, kursierte unter uns Studenten in Weimar ein hektografierter Aufsatz von Konrad Weiß, der mich damals sehr beeindruckt hat. Er beschrieb, wie die Faschisten immer noch unter uns sind. Ich habe gesucht und gefunden: Die neue alte Gefahr: Junge Faschisten in der DDR. Der Essay ist immer noch sehr lesenswert, und auf keinen Fall veraltet.

Wie man die Menschen, die gegen Andersdenkende, gegen Andersaussehende, gegen Fremde und damit eigentlich gegen sich selbst sind, wenigstens zum Nachdenken bewegen kann, das weiß ich nicht. Leider. Vielleicht ist miteinander reden eine Option. Wenn sie mit sich reden lassen.

 

4 Gedanken zu „Clausnitz ist im Osten überall

    • Ja, Gewalt gegen Andersdenkende gab es dort immer. Es ist immer das Gleiche. Dass ich den Text von Konrad Weiß sogar im Internet fand, das hat mich heute früh übrigens gefreut. Er ist so aktuell, wie er damals schon war.
      Liebe Grüße, Jaelle

  1. Du magst tendenziell richtig liegen, dennoch habe ich mit Verallgemeinerungen so meine Mühe. Insbesondere, wenn von „den Menschen im Osten“ die Rede ist.
    Manchmal nämlich kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Medien da auch eine unrühmliche Rolle spielen und lieber gerne einen innerdeutschen Sündenbock anprangern als ausgewogen zu berichten. Das gießt mitunter vielleicht doch Öl ins Feuer?

    https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Angriffen_auf_Flüchtlinge_und_Flüchtlingsunterkünfte_in_Deutschland

    • Konrad Weiß beschreibt, wie gerade der Faschismus unter dem Deckmantel des Antifaschismus überwintern konnte. Auch Viktor Klemperer, der ja mit LTI die Sprache des dritten Reiches analysierte und nach dem Krieg in Dresden irgendeine Funktion hatte, stellte fest, dass die neuen Machthaber den alten gar nicht so unähnlich sind. Im Westen gibt es auch Angriffe, ja, und es gab die Wehrsportgruppe Hoffmann und viele andere Rechte, aber es gab eben auch eine Bewegung, die sich einmal gegen das Establishment richtete. Die gab es im Osten nicht, oder weniger: Biermann wurde beispielsweise ja ausgewiesen. Und wenn – wie in Prag – wurden Panzer dagegen aufgefahren. Mir ging es weniger um die Aufzählung, als um die dahinter liegenden Strukturen.

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