Das aktuelle Podium: Hass

Poetenfest in Erlangen

Im vergnügt-verspielt-barocken Schlosstheater warteten fünf schwarze Stühle auf einem fünffüßigen Metallgestell auf der Bühne, neben jedem von ihnen ein grauer Quader mit weißem, gefaltetem, aufgestellten Namensschild.

Florian Felix Weyh moderierte die Diskussion, an der sich Seyran Ateş, Florian Goldberg, Susanne Koelbl und Falk Richter beteiligten. Wir sitzen hoch oben im zweiten Rang und haben einen guten Überblick auf das überwiegend grau- und weißhaarige Publikum, das gut gekleidet auf den Beginn der Veranstaltung wartet und erwartungsvoll murmelt.

Eine Diskussion über Hass. Wo wir doch alle immer so friedlich sind, so friedfertig, immer gut, zu uns, zu den Nachbarn, zu den Nächsten, jedenfalls dann, wenn sie nicht stören, wenn sie nichts fordern, wenn sie nichts wollen, was wir nicht freiwillig geben würden.

Auf der Bühne sitzen Menschen, die in unterschiedlicher Weise selbst Hass erlebt haben, Hass gegen sich. Es sitzt keiner dort, der seine Aggression und seinen Hass auslebt, vermutlich, weil sich solche Menschen vermutlich nicht auf eine Bühne setzen und darüber reflektiert reden würden. In den kleinen Separees rechts und links von der Bühne mustern zwei sehr aufmerksame Herren das Publikum, schauen über graubeschopfte Köpfe, weisen Fotografen auch mal zwei Meter zurück, wenn sie der Bühne zu nahe kommen. Hinten in den Kulissen sitzen ebenfalls Menschen: Ja, Seyran Ateş steht unter Personenschutz. So stark ist der Ärger der Männer über die türkische Anwältin und Gründerin einer Moschee, die einfach nur als Frau gleichberechtigt leben möchte, dass sie von ihnen bedroht wird.

Die vier berichten über den Hass, den sie aus unterschiedlichsten Gründen erlebt hatten: Seyran Ateş, weil sie sich für die Gleichberechtigung von Frauen einsetzt, Falk Richter, weil er ein Theaterstück inszeniert hat, Florian Goldberg, weil er eine Kolumne geschrieben und darin nachgedacht hatte, was die männliche eruptive Gewalt eigentlich mit den Männern an sich zu tun hat, Susanne Koelbl, weil sie immer wieder in Ländern unterwegs war, in denen Attentäter heranwachsen, ja, gezüchtet werden und darüber schreibt. Keiner ist selbst gewalttätig, aber immer wieder Zielscheibe von Hass.

Die Anlage zum Hass ist in uns allen, er ist ein Teil von uns als Menschen. Werden Menschen nicht gesehen, nicht gehört und nicht wahrgenommen, kann der Zorn aufbrechen. Wer allerdings die nötige Zuwendung leisten kann, damit Menschen nicht gewissermaßen aus dem Orbit fallen, das ist nicht so klar. Sozialarbeiter mit ihrer funktionalen Hinwendung können das nicht leisten. Das geht uns irgendwie alle an. Auch für die Integration der Flüchtlinge reicht es nicht aus, sie lediglich mit Essen und Kleidung zu versorgen.

Erinnert sich jemand noch an die Experimente, die einst im 13. Jahrhundert auf Geheiß Kaiser Friedrich II. durchgeführt wurden? Er wollte herausfinden, welche Sprache Kinder ursprünglich sprechen, wenn nicht mit ihnen gesprochen wird. Doch die Säuglinge starben, obwohl sie satt und sauber waren. Ohne Lächeln und Worte konnten sie nicht leben.

Und wir? Kommunizieren miteinander. Mit Hilfe elektronischer Medien. Ja, sicher, sie sind unglaublich gut und praktisch. Trotzdem sollten wir gelegentlich miteinander reden. So ganz altmodisch gegenüber sitzend und schauen, wohin die Gedanken mäandern.

2 Gedanken zu „Das aktuelle Podium: Hass

  1. Ich überlege, ob ich nicht bei meinem eigenen Hass, oder sagen wir, bei meiner Wut anfangen soll. Denn ich spüre immer wieder solche unangenehmen Emotionen in mir hochsteigen. Nicht, dass ich andere anschreie oder sie mit E-Mails oder anderem belästige. Ich merke jedoch, dass ich oft dünnhäutig bin, oder dass ich panisch werde, wenn ein mir sympathischer Mensch etwas sagt oder tut, das ich nicht gutheiße (oder vielleicht auch nur nicht – richtig – verstehe). Wo kommt das her? Wie kann ich mich davon befreien – bevor ich andere (vielleicht) befriede? Nein, ich denke nicht, dass elektronische Medien daran Schuld sind, dass wir weniger miteinander reden. Wir schotten uns ab, weil wir uns einen Stress zumuten, den wir vielleicht gar nicht haben. Oder weil wir uns liebe ablenken, als mal bei uns selber zu bleiben (allerdings können da die elektronischen Geräte wundervolle Bären-Dienste tun…)

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