Die achte und neunte Rauhnacht

Die achte Rauhnacht: Geburt des neuen Jahres

Die Zeiten ändern sich? Ach was. Auch im neuen Jahr geht alles wie gewohnt weiter. Die Zeit ist nur eine Erfindung, etwas, mit der wir Menschen kapiert haben, dass alles einmal ein Ende hat.

Jetzt sind wir aber nicht mehr bereit, das Ende anzuerkennen oder es gar zu sehen: Wir schieben es ab, an den Rand, in den Wald, dorthin, wo alles gleich-gültig zu sein scheint. Dabei ist die Idee der Zeitlosigkeit, des Zeitlosen, der Aufgehobenheit der Zeit keine neue: In Klöstern sangen einst die Chöre ohne erkennbares Metrum, damit die Menschen, die dem Gesang lauschten, meinten, sie seien zeitlos im Himmel.

Denn die wirkliche Welt dreht sich einfach weiter. Auf den Winter folgt der Frühling, nach der Nacht kommt der Morgen, Mittag, Abend. Heutzutage soll ja alles zeitlos sein, nichts darf an ein mögliches Ende erinnern, alles soll so bleiben, wie es einst war und vor allen Dingen, wie es war, als derjenige jung und schön war – oder sich dafür hielt.

Die neunte Rauhnacht: die heilige Katharina – Segenslicht

Im Traum gehe ich eine schmale Straße entlang, gesäumt von alten und hohen Häusern. An einer Ecke ist ein verwilderter Garten mit Stauden. Ich gehe weiter und die Fenster der Häuser stehen alle offen. So kann ich sehen, dass hier niemand wohnt, dass alles leer ist. In eines der letzten Häuser gehe ich hinein, schaue von oben aus dem Fenster und sehe auf einen Fluss, der breit im Sonnenschein glitzert.

Wieder nach unten zurückgekehrt, führt die Straße durch einen Torbogen und mündet auf einer Brücke, die wohl kurz vor dem Abriss steht: Die Bagger warten bereits und scharren ungeduldig mit ihren Schaufeln.

Hinter mir erklingt Musik: Ich höre Trommeln, Schellen, Querflöten. Jemand, den ich nicht kenne – vielleicht ist es ja das neue Jahr? – überquert die Brücke, kommt mir entgegen und fragt mich etwas. Wir gehen den Weg, den ich gekommen bin, jetzt gemeinsam zurück, begleitet von den kraftvollen Klängen der Musik. Die Sonne scheint tief in die Häuserschlucht hinein und färbt alles golden.

Ein Narr tanzt vor uns, zaubert Blumen in die leeren Fenster und zieht mich zu dem verwilderten Garten: Jetzt scheint die Sonne auf Indianernesseln, Rittersporn, Sonnenblumen, Bartnelken, Rosen, alles wächst und ist von grünem Gras umgeben. „Das ist alles deins“, sagt der Narr – und entschwindet.

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