Die Gefahr aus der Dusche

Es gibt Tage, an denen wundere ich mich tatsächlich darüber, dass die Menschheit bis heute überleben konnte. Als zum Beispiel der Ingenieur vor der Versammlung der Gemeindevertreter sprach und über das in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts errichtete Sportlerheim redete, schien es, als sei bereits das Betreten des Gebäudes mehr als lebensgefährlich: Die Duschen ganz ohne Verbrühungsschutz, die Heizkörper hingen als ständige Unfallquelle an den Wänden, durch die Ritzen an den Fenstern könne man spähen.

Ja und? Das ist schließlich kein muckeliges Wohnzimmer, das ist ein Sportlerheim: Mit Umkleidekabinen, Duschen, Räumen in denen Bälle und Trikots aufbewahrt werden, einer Ecke für die Vitrine, in der die Pokale stehen – und gut ist. Da der Sportplatz im Winter nicht bespielt wird, braucht auch im Sportlerheim nur so viel geheizt zu werden, dass die Wasserleitungen gerade nicht einfrieren.

fränkischer tag 269

Ja, in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war die Welt noch eine andere.

Doch der Ingenieur ist ein solcher, der Zertifikate für Gebäude ausstellt, in denen er diesen bescheinigt, dass sie sibirische Kälte ohne Probleme überstehen könnten, auch wenn in ihnen lediglich ein Kerzenlicht als Wärmequelle dient. Das kann man Energieeinsparverordnung, kurz: EneV, nennen oder aber Dämmwahnsinn. Für ein solches Zertifikat wird geprüft, wie viel Energie sprichwörtlich zum Fenster hinaus geheizt wird, beziehungsweise wie viel Energie ein Gebäude braucht, damit es innen warm bleibt. Da hat das arme Sportlerheim aber ganz schlechte Karten – die Zahlen auf der Skala lagen weit im tiefrot verschwenderischen Bereich. Schließlich wurde in der Bauzeit auf solches nur wenig geachtet, Öl war billig und über Umweltverschmutzung hat sich noch niemand Gedanken gemacht.

Jetzt soll das Sportlerheim dick eingepackt werden, sich wie eine nackte Schönheit in einen Pelz hüllen. Doch weil ein solcher Pelz nicht nur warm, sondern auch dicht ist, muss anschließend wieder ausreichend gelüftet werden, so dass der Bürgermeister staunte ob des vielen Geldes, das die Gemeinde investieren solle, nur um 5.000 Liter Heizöl im Jahr zu sparen. Toll.

Der Ingenieur wies aber noch auf weitere Gefahren hin, die unerkannt im Inneren des Gebäudes auf ahnungslose Nutzer lauerten: Legionellen! „Unter diese Duschen würde ich mich nicht stellen!“ donnerte er über die Köpfe der Gemeindevertreter hinweg, die reflexhaft zusammenzuckten und kollektiv anfingen, zu hyperventilieren: Hier müsse man dringend was unternehmen! Man könne doch die armen Schulkinder hier nicht mehr hineinlassen! Und überhaupt – schließlich sei die Gemeinde moralisch und überhaupt in der Pflicht, hier Abhilfe zu schaffen.

Der arme Mensch, der als Gemeindeangestellter bis dahin still in seiner Ecke saß, wurde mit seiner Gegendarstellung kaum noch wahrgenommen. Dabei versicherte er hoch und heilig, dass jedes Jahr jede einzelne Sporteinrichtung der Gemeinde amtlicherseits überprüft und noch nienienie seien Legionellen nachgewiesen worden. Können ja auch kaum. Denn die in diesem Gebäude installierte Heizung stammt ebenfalls aus der tiefmittelalterlichen Erbauungszeit und lässt zu, dass sowohl die Heizkörper als auch das Duschwasser im Prinzip kochendheiß bereitet werden können.

Alles in allem: Es verspricht, teuer zu werden. Doch die Gemeinde könne sparen, wies der Ingenieur auf die möglichen Eigenleistungen des Vereins hin. Im Nachbarort habe der dort ansässige Verein ebenfalls das Sportlerheim nach seinen Plänen saniert und eine ganze Menge Geld dank Eigenleistung eingespart. Trotzdem ist dieser Verein jetzt pleite. Woran das wohl liegen mag?

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