Gold für 50 Jahre durchhalten

Fünfzig Jahre sind eine lange Zeit: Fünfzig Frühling, Sommer, Herbst und Winter ziehen vorbei, die ersten Gräber werden wieder vom Friedhof geräumt, weil die Ruhefrist abgelaufen ist, Bäume wachsen und Kinder werden groß. Sind Häuser in Franken 50 Jahre alt, stammen sie aus den 60ern und werden abgerissen. Der Aufwand einer Renovierung lohnt sich nicht.

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Luchsfütterung im Wildpark: Das Futter muss erst ausgepackt werden.

Am Wochenende haben meine Eltern hier bei uns in Franken ihre Goldene Hochzeit gefeiert. Wir haben einen Gasthof ausgesucht, uns ein wenig Programm überlegt und darauf gehofft, dass das Wetter mitspielt. Den Gefallen hat es uns getan, alle kamen erwartungsfroh und halbwegs pünktlich zum Wildpark Hundshaupten. Bei Regen und Schnee hätten wir uns sonst einen anderen Programmpunkt überlegen müssen. Dort gab es auf den beiden Bänken direkt am Spielplatz eine kleinere Brotzeit, damit alle für die Kletterei stark genug sind. Schließlich wollten wir gegen 14 Uhr die Luchsfütterung angucken. Vorher war noch Bergsteigen angesagt, die Gehege von Luchs und Wolf liegen nämlich ganz oben im Wildpark.

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Barfuss geht es besser bergab als auf Absätzen.

Kaum waren die Luchse satt, gingen wir weiter zu den Wölfen. Dort lag aber nur einer faul herum. Von Gehege zu Gehege ging es wieder abwärts, das war der Lieblingshausziege mit ihren Absätzen irgendwann zu steil. Sie zog lieber Schuhe und Strümpfe aus und lief den Rest des Weges barfuß weiter.

Wir fuhren zu einem Hotel mit der vielleicht schönsten Aussicht von Franken: In Regensberg, einem Dorf mit etwa fünfzig Einwohnern, gibt es drei Wirtschaften – eben wegen jener Aussicht. Und nur eine Straße, die gleichermaßen hinein und hinaus führt. Vor Kaffee und Kuchen zogen wir uns um: Die Lieblingshausziege und ich wollten in unseren frisch genähten Trachten glänzen, der Mitbewohner in ordentlicher Hose und Hemd. Wir waren die ersten, die sich für die Feier ordentlich aufgehübscht hatten, tranken also Kaffee und Kuchen und promenierten ein wenig im Ort, der Absätze wegen hübsch langsam. Kommt man mit diesen zwar noch problemlos den Berg hinauf, wird es abwärts umso steiler.

Dann Abendessen: Jetzt kam auch das Jubelpaar hübsch gekleidet an den festlich gedeckten Tisch. Die drei kleinen Nichten liefen immer noch in Klamotten herum, mit denen ich vielleicht das Fahrrad geputzt hätte. Mannmannmann. Wo doch meine Mutter sich schon am Abend vorher – noch bei uns zu Hause – darüber echauffiert hatte, dass Kinder jetzt Kleidung in solch dunklen und toten Farben trugen, wie sie die Kleider ihrer Großmutter in Erinnerung hatte.

Soweit, sogut. Die Feier ging ganz unfallfrei vonstatten, zu etwas vorgerückter Stunde hing eine Leinwand am Haken und der Diaprojektor wurde eingeschaltet, so dass ein paar Erinnerungen gezeigt werden konnten. Dias von der Hochzeit vor fünfzig Jahren und noch ein paar andere Dias. Da die Mutter damals schwanger geworden war, musste geheiratet werden. So hatten es die Mütter bestimmt: Beide waren noch Studenten – und hatten dementsprechend nichts. So unspektakulär war denn auch die Hochzeit. Standesamt, Kaffeetrinken mit der Familie hinter dem Haus im Garten, das war alles.

Ich kann mich gut daran erinnern, dass sich beide relativ regelmäßig wie die Kesselflicker zofften. Als Teenie schwankte ich zwischen Hoffnung und Befürchtung, vielleicht ließen sie sich ja scheiden, dann wäre es irgendwie friedlicher. Dachte ich. Taten sie aber nicht. Ob eine Trennung besser gewesen wäre, weiß ich nicht. Jetzt sind sie jedenfalls halbwegs zufrieden, wie es scheint. Jedenfalls dann, wenn sie sich um die drei jüngsten Enkelinnen kümmern können, die Töchter meines Bruders. Und wenn sie hinterher stolz erzählen können, dass diese eher auf sie hören würden, als auf ihre Mutter, also ihre Schwiegertochter.

Was bleibt? Sie haben sich einmal entschieden, oder eben in diesem Fall auch ihre Eltern entscheiden lassen und haben diese Sache nicht revidiert. Ob das die bessere Lösung war, könnte ich nicht sagen. Es gab ein Jahr, da war mein Vater beruflicherweise woanders und nur am Wochenende zu Hause, da habe ich meine Mutter deutlich entspannter und ruhiger erlebt. Aber irgendwie können sie wohl doch nicht ohneeinander, ohne die kleinen Sticheleien und Querelen, die es immer noch gibt.

Zu meinen beiden jüngeren Brüdern habe ich kaum Kontakt. Das hat auch etwas mit unseren Eltern zu tun, die es verstanden haben, diesen zu verhindern. Dass sich meine Mutter nach einem echt guten Verhältnis zu ihren eigenen Schwestern sehnt, offenbart sie manchmal, wenn sie hier ist und der Mitbewohner von seinen Brüdern erzählt.

Was bleibt? Wir wissen kaum etwas voneinander. Trotz aller Zeit, die wir mal miteinander verbracht haben. Das hat nicht nur etwas damit zu tun, dass wir uns eigentlich nicht füreinander interessieren, sondern auch damit, dass jeder sein eigenes Leben lebt. Ich habe alles lieber alleine gemacht, ohne Hilfe, die ich zudem nicht bekommen hätte. Immer waren ja noch zwei Jüngere da, die von ihnen versorgt werden mussten und die ihre Hilfe bis heute nötig haben.

2 Gedanken zu „Gold für 50 Jahre durchhalten

  1. Liebe Sylvia,
    in Deinem wunderschönen, ausführlichen Ehe-Jubiläumsbericht schwingt eine gewisse Resignation (und auch etwas Bitterkeit) mit. Das ist eigentlich schade. Aber es ist nun mal so, man muss das Leben nehmen, wie es ist. Eine so lange Zeit des Miteinander kann nicht nur Friede-Freude-Eierkuchen sein. Dennoch empfinde ich es persönlich als traurig, wenn anlässlich einer solchen Feier nicht die wirklich schönen Augenblicke, die doch -so hoffe ich – jeder von uns erleben durfte, betont werden. Die gesamte Gestaltung des Tages finde ich aber schön. So ein Besuch in der Natur-und Tierwelt macht doch immer Freude, gell.
    Das Glück liegt eben in den kleinen Augenblicken, die wir unbedingt beachten, geniessen und mit innerer Freude erleben sollten. Genau solche Momente, und zwar jede Menge, wünsche ich Dir,
    herzlichst moni

    • Ja, dass ich die kleinen Augenblicke genießen kann, das habe ich dann gelernt, als ich längst „groß“ und selbstständig in der Welt war. Ich habe mich auf eine Weise schon mit meinen Eltern versöhnt, das ja. Aber ich finde es schade, wie sehr sie sich selbst im Wege stehen.

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