Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht

… und aus Kindern werden auch dann keine Überflieger, wenn sie waagerecht in der Luft liegend von Mama und Papa über die Ziellinie gezerrt werden.

Vielleicht war es gut, dass dieses Wettrennen stattfand, über dessen Bilder sich alle empört haben. Das Bild, in dem Mütter und Väter ihre weinenden und sich sträubenden Kinder ins Ziel gezerrt haben. Es braucht solche Momente, die deutlich machen, dass es so nicht geht, dass diese Art von Wettbewerb ein Rattenrennen ist, in dem es nur Verlierer geben kann.

Ein solcher Moment ist weder für die Betroffenen, noch für die Zuschauer schön – und bietet dennoch die Gelegenheit, einfach innezuhalten. Ich kann mich erinnern, dass ich – es ist wirklich lange her – es auch einmal mehr als eilig hatte: Damals habe ich studiert, hatte ein Kind und holte es gerade aus dem Kindergarten ab. Warum alles an diesem Tag ein wenig länger dauerte, weiß ich nicht mehr, aber als wir um die Ecke bogen, sahen wir, wie der Bus kam: Den mussten wir kriegen. Unbedingt. Also sind wir gerannt, bin ich gerannt und habe das Kind dabei mitgezogen. Wir haben den Bus noch gekriegt, gerade noch so, stiegen ein, setzten uns hin – und ich wurde ausgezankt. Eine ältere Frau hatte vom Bus aus gesehen, wie ich zur Haltestelle gerannt war und schimpfte mit mir. Püh. Das fand ich in dem Moment ausnehmend doof.

Später jedoch habe ich – ohne Publikum und ganz für mich alleine – durchaus darüber nachgedacht. Ja, mir tat das Kind auch leid, aber – in solchen Fällen gibt es eben leider auch immer ein „Aber“, welches sich durchsetzt: Prüfungen, Terminstress, was es eben alles so gibt. Solange alles ruhig und friedlich läuft, muss ich meine Handlungen und Wirkungen nicht reflektieren, läuft ja. Ist anerkannt, machen alle so. Kinder müssen schließlich gefördert werden, schon von Anfang an, damit sie sich gut entwickeln können,  heißt es. Und die Rede ist von Entwicklungsfenstern, die sonst wieder geschlossen sind. Wirklich? Ich bin mir inzwischen nicht mehr sicher. Aber das ist ja jetzt nicht das Thema.

IMG_1011

Es ist immer eine Balance.

„Jedem Menschen ist es zu eigen, sich selbst zu erkennen und vernünftig zu denken“, das gilt immer und überall. Aber zwischen dem, wie ich mich selbst sehe „Ich will mein Kind fördern“ – um mal bei dem Bild zu bleiben – und dem, wie mich andere wahrnehmen „Ich zerre mein Kind über die Ziellinie, damit es den Wettbewerb gewinnt“ – liegen gerne Welten. Erst mit einem solchen Bild gelingt es, kurz innezuhalten und zu fragen, was eigentlich abgeht.

Was hat ein Kind davon, wenn die Eltern feststellen, dass es hochbegabt ist und ab jetzt keine Zeit mehr zum Spielen hat. Dafür wird es von Chinesisch-Kurs übers Geige-lernen und was weiß ich gezerrt. Vielleicht ist das übertrieben, mag sein. Es mag auch tatsächlich Kinder geben, die von sich aus lieber komplizierte Rechenaufgaben lösen, statt mit dem Fahrrad über eine Brache zu cruisen. Ich habe auch lieber irgendwo gesessen und Bücher gelesen. Der Unterschied machts: Will das Kind – oder wollen die Eltern, dass das Kind will. Obwohl auch das manchmal schwer zu unterscheiden ist…

Was die Kinder betrifft: Solange das im Prinzip eine einmalige Angelegenheit ist, kann man hinterher – so als Mutter oder Vater – seinen Fehler zugeben: „Du, ich hab tatsächlich gedacht, Dir macht das Spaß“ oder so ähnlich – und gemeinsam darüber lachen, wie blöd man war. Das freut das Kind (meine Eltern machen auch mal Fehler) und alles ist gut. Schwieriger ist es, wenn dieses Leistungsprinzip überall gilt…

Das war – nach langer Zeit mal wieder und völlig verspätet – ein Beitrag zum Webmasterfriday. Zu den anderen Beiträgen geht es per Linkklick. Wie üblich.

 

Ein Gedanke zu „Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht

  1. Ich finde es erschreckend, wie offenbar Leistungseltern nun Leistungskinder produzieren wollen. Es besteht ja immer die Gefahr, dass man das eigene Unglück an die Kinder weitergibt… aber muss es dermaßen unreflektiert sein? Und woher weiß man denn schon, was die Kinder brauchen werden, in 15 oder 25 Jahren? Die Welt ändert sich so schnell.

    Brauchbar und einigermaßen universell nützlich scheinen mir Urvertrauen und Selbstwertgefühl. Aber vielleicht ist das schon für viele Eltern leider schwer zu geben, da sie es selbst nicht haben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.