Ich bestimme selbst. Über mich.

Lass Dir endlich Deine langen Zottelhaare schneiden, mit einem schönen Bubikopf siehst du doch viel schöner aus!

Nö.

Wollte jemand über mich bestimmen und wusste angeblich, was gut für mich sei, hatte derjenige mit Widerstand zu rechnen: Entweder empörte ich mich lautstark oder machte einfach leise genauso weiter, wie ich angefangen hatte. Wie bereits oben beschrieben:

Haare abschneiden lassen? Nö.

Zimmer aufräumen? Nö.

Mich hübsch und ordentlich anziehen? Nö.

Mit Rauchen aufhören? Nö.

Ich wollte über mich selbst bestimmen und nicht von anderen bestimmt werden. Ich war diejenige, die mich besser kannte, als all die anderen, die es besser wissen wollten. Das hat mir zwar im Leben eine ganze Menge Umwege eingebracht, aber Umwege erhöhen schließlich die Ortskenntnis, heißt es ja so schön.

Viele Dinge habe ich nicht gegessen und noch nicht einmal probiert, weil irgendjemand sagte: Das ist gesund, das musst du essen. Wieso denken eigentlich heutzutage so viele Leute, dass sie genau wissen, was für andere Menschen gut sei – und sie diese gewissermaßen damit zwangsbeglücken. Ob die anderen das nun wollen, oder nicht. Gefragt wird nicht.

Neulich fand ein Charity-Walk statt: Die Teilnehmer an diesem Lauf sollten Geld für eine Gesundheitsinitiative für Kinder spenden. Zwei bekannte Sportler liefen quasi als Zugpferde voran, so dass möglichst viele Menschen kamen, um zu laufen und zu spenden. Das Projekt selbst soll Kinder an Schulen zu mehr Bewegung animieren. Das ist im Prinzip gut gemeint, schließlich tragen viele Kinder bereits in jungen Jahren zu viel an Gewicht mit sich herum. Da muss doch was dagegen gemacht werden! Dringend!

Als Kind war ich rappeldürr. So dünn, dass ein Arzt meinen Eltern empfahl, sie sollten mir dreimal täglich einen Löffel voll Traubenzucker geben. Allerdings war ich kein Freund von viel Bewegung: Ich habe mich, seit ich lesen kann, lieber mit einem Buch in irgendeine ruhige Ecke verzogen und gelesen. Davon bin ich trotzdem nicht dick geworden. Wir hatten so den üblichen Sportunterricht und sind in den Pausen in Grüppchen gemächlich über den Schulhof geschlendert. Hätte ich mich mehr bewegt, wenn eine Lehrerin mich dazu aufgefordert hätte? Vermutlich nicht. Ich nehme an, ich hätte mich nach dem im Sportunterricht sehr bewährten Prinzip bewegt, also nur dann, wenn die Lehrerin guckt. (Mit dieser Haltung war ich übrigens nicht allein, das haben alle so gemacht, also fast alle, nur die Streber haben auch dann etwas gemacht, wenn keiner geguckt hat.)

Sind heutige Kinder anders? Gut, viele sind nicht mehr so rappeldürr. Ob es nur an der fehlenden Bewegung liegt? Wir hatten damals zwar noch keine Computer, aber Bücher, Fernseher, Puzzles und viele Spiele, bei denen wir uns auch nicht zu sehr bewegen mussten.

Mag ja sein, dass sich Kinder mehr bewegen sollten. Was mich an diesen Projekten immer ein wenig stört, ist, dass die Initiative von außen kommt: Irgendjemand kommt und sagt den Kindern: Ihr seid nicht in Ordnung. Ihr seid zu träge, zu faul, zu fett: Ihr müsst einfach unglücklich sein. Ihr müsst euch nur ein wenig zusammenreißen, etwas mehr bewegen, dann werdet ihr richtig glücklich, entwickelt euch richtig und werden ordentlich leistungsfähig. Diese Aussicht hätte mich als Kind so richtig vom Hocker gerissen, nehme ich mal an. Ich hätte mir das nächste spannende Buch geschnappt und mich irgendwohin verzogen, wo ich meine Ruhe habe.

Allerdings gab es – in meiner Kindheit – viele Sachen noch nicht zu essen, die heute täglich verfügbar sind. Wenn ich einkaufen gehe und mir die Liste an Zutaten auf den Packungen angucke, wird mir ganz seltsam: Warum, zum Kuckuck, ist eigentlich in Brot, Schinken, Salami und Frischkäse Zucker, Fructose, Maissirup und anderes drin, genau wie in ganz vielen anderen Lebensmitteln? Nun, irgendwo muss das Zeug ja verarbeitet werden, wie Wiki-How zeigt. (Link)

Ich fürchte, wenn ich solche Sachen als Kind gefuttert hätte, wäre ich auch dicker gewesen – und der Arzt hätte den Eltern nicht Traubenzucker, sondern mehr Bewegung empfohlen. Warum verbietet eigentlich keiner den Herstellern, diesen Zuckerkram überall zu verarbeiten? Ich kann mich noch daran erinnern, wie lange ich gesucht habe, bis ich für die Jüngste einen Zwieback fand, der ohne Zucker war.

TigerKids, Klasse 2000, Fit und Vital, Besser essen – mehr bewegen, Gesund ins Leben, Minifit, Mick: Mädchen kicken mit, Moby Dick, Schwer mobil, Fit kid, Gut drauf, Unterwegs nach tutmirgut, fit4future… Es gibt eine ziemlich lange Liste an unterschiedlichen Projekten, die alle eins wollen: Kinder sollen sich mehr bewegen und besser essen. Klar. Ob es wohl hilft?

Was hilft dabei, wenn jemand raucht und aufhören soll? Übrigens: Mit dem Rauchen habe ich tatsächlich irgendwann aufgehört. Einfach so. Weil mir keiner mehr gesagt hat: Du musst das jetzt dringend lassen, das ist nicht gesund, denk an deine Zukunft… (das wusste ich längst selber, änderte aber nichts)

6 Gedanken zu „Ich bestimme selbst. Über mich.

  1. Das einzige, was ich da zu kritisieren hätte, wäre das eine ‚Verschlagwort‘ mit Namen „Maiss“ (mit zwei „s“). 😉 Entweder warst du zu lange auf der „S“-Taste oder du hast zu schnell „Enter“ gedrückt, und der „irup“ ging flöten. 😀

  2. Du hast meine volle Zustimmung! Und wegen der ganzen wilden Zutatenlisten mache ich mein Essen aus den „Rohstoffen“ lieber selbst. Das ist zudem immer günstiger und dauert nur selten länger. Außerdem schmeckt es besser 🙂 Selbst beim Babybrei ist das entgegen landläufiger Meinungen überhaupt kein Problem.

    Und wenn es in Ausnahmesituationen doch mal Fertigprodukte sein müssen, dann kommen nur die in den Einkaufskorb, in denen auch drin ist, was rein gehört.

    Achja: Mit dem Rauchen erging es mir übrigens genau wie dir 🙂

    • Den Babybrei habe ich damals auch selber gekocht. Das ging schnell und Kind kam fast ebenso schnell auf die Idee, dass wir durchaus leckere und essbare Sachen auf unserem Teller haben. 🙂

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