Ich bewerbe mich

Nein, das bin nicht ich. Das ist Herzog August der Jüngere, auf dem Marktplatz in Wolfenbüttel.

Wenn ich für mich werbe, stelle ich mich dann auf einen Sockel?, zeige dort, wie super und toll ich bin oder wenigstens sein könnte, wenn man mich nur ließe?

Doch für die meisten Dinge, die ich im Leben so meistern musste, habe ich mich überhaupt nicht beworben:

Ich habe mich nie im Babyhimmel vorgestellt und dort davon geschwärmt, was ich alles plane: Dass das Gör noch in Windel Geige und Chinesisch lernen dürfe, dass sich der künftige Sohn um nichts zu kümmern brauche, ich würde ihm auch im zarten Alter von dreißig Jahren selbstverständlich die Socken waschen. Zarten Kinderlein seien solch schwere Anstrengungen ja nicht zuzumuten. (Glücklicherweise bekam ich keinen Sohn, sondern drei Töchter – aber das ist eine andere Geschichte)

Nein. Für die meisten Dinge, die so im Leben zu meistern sind, gibt es weder eine Ausbildung, noch eine Bewerbung oder eine Prüfung. Die Dinge erwischen einen quasi hinterrücks.

Doch, gelegentlich habe ich mich auch beworben. Als ich den Mitbewohner kennengelernt habe, habe ich schon für mich geworben, habe geflirtet und gehofft: Vielleicht findet er mich ja schön und nett – und kochen kann ich schließlich auch ganz gut. Doch wie so ein spezielles Leben zu zweit mit Kompromissen und Verhandlungen, Geduld und Liebe über die Jahre hinweg geht, oder ob man zwischendrin einfach kündigt und sich mal eben bei jemandem anders bewirbt, das passiert irgendwie und in der Regel ungeplant.

All dass geschieht einfach, auch ohne dass ich meinen Lebenslauf schreibe. Ich brauche ebenfalls nicht zu erklären, warum ich nun genau in dieser Zweisamkeit leben möchte und warum genau dieser Mensch der richtige ist, derjenige, mit dem ich mich zanken und streiten kann, über die Katze und Socken stolpere und plötzlich feststelle: Zanken und streiten ist überhaupt nicht notwendig, wenn wir beide die gleiche Sprache sprechen.

Ich bewerbe mich nicht. Die Dinge, denen ich nicht entkommen soll, die erwischen mich trotzdem. Ich finde es viel wichtiger, jeden Tag selbst achtsam zu sein, auf den Moment zu achten. Ich muss nicht wie ein Flummi hüpfen, nur damit mich andere bemerken. Lieber bleibe ich ruhig im Hintergrund – und achtsam.

Ich warte einfach auf den richtigen Moment, auf den Moment, in dem Chairos gut geölt und glattrasiert an mir vorbeiflitzt. Dann packe ich seinen Zopf, halte ihn gut fest, bevor er wieder entschwindet. Mit einer Bewerbung wäre ich da viel zu langsam: Chairos würde einfach davon flitzen und die Gelegenheit mit sich nehmen.

Ja, würde ich den Chairos einfach vorbeiflitzen lassen, könnte ich mich anschließend hinsetzen und das immerwährende Lied der verpassten Gelegenheiten anstimmen.

Das will ich aber nicht. Ich will über mich und mein Leben selbst bestimmen. Das wollte ich schon immer. Ob sich das jemals in Algorithmen berechnen lässt?

4 Gedanken zu „Ich bewerbe mich

  1. Chairos musste ich erstmal googlen;-) Toller Beitrag. Für die wirklich wichtigen Dinge im Leben bewirbt man sich wirklich nicht – da wird man ohne Vorstellungsgespräch eingestellt.
    Liebe Grüsse

  2. Ich hab mich nur 1x beworben, das war aber ein Versehen. Also ich kam bei einer Firma vorbei, um „mal zu schauen“ und fand mich in einer Art Bewerbungssituation wieder. Den Job mache ich jetzt schon eine Weile. Gehört er zu den wirklich wichtigen Dingen im Leben? Eher nicht. Aber ansonsten? Nix. Ich mache Zeug, das ich nie formal gelernt habe und es läuft meistens und ich kann es meistens. Aber… manchmal ist das schon schwer, sich zu definieren, sich mit beiden Füßen auf dem Boden zu verankern. Was mache ich mit dem „Ich bin X“, wie sicher kann ich das sagen, und warum brauche ich das überhaupt? Wieso ist es dann schwer, zu sich zu stehen und zu dem was ich und das Leben aus mir gemacht haben?

    • Solange jemand über sich nachdenkt, kann er nicht mit beiden Beinen so richtig fest stehen, oder? Aber mir ist das immer noch lieber, als diejenigen, die von sich in multiplen Persönlichkeiten sprechen, a la: Ich als Mensch, ich als Gewerkschaftssekretär, ich als Hundekotaufsammler, na, was auch immer. 😉

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