Jeder Abschied fällt schwer

Nach zwei Gemeinderatssitzungen war ich gerade heimgekehrt, als das Taschentelefon rappelte. Ich hatte mir justamente zwei Käsebrote belegt und wollte eben in diese beißen. Gut. Erst telefonieren.

Eine Bekannte war am Apparat, von der ich lange nichts mehr gehört hatte. Nach einem kurzen Gruß kam sie direkt zur Sache, erzählte, dass erst vor wenigen Wochen ihr Mann gestorben war.

Überraschend. Ja, es ging schnell, eine Woche nur. Ja, doch, er war seit zwei Jahren krank, bekam Spritzen mit Chemo, bekam Blut, hatte – sagt sie – sich wohl nicht um einen Spender gekümmert, das habe sie jedoch erst erfahren, als sie bereits Witwe war.

we 117Nichts war geordnet, sagt sie.

Er hatte nicht vorgesorgt. Und nun ackert sie sich durch sämtliche Papiere, durch alles, was nach dem Tod eines Menschen eben so nötig ist. Schließlich muss nicht nur mit dem Leben selbst abgeschlossen werden, sondern mit sämtlichen Rechtsakten, Rechnungen, Ansprüchen, Verträgen und sonstigen Verbandeltheiten.

Ja. Ist jemand dazu verpflichtet, alles vor seinem Tod zu ordnen, damit die Erben alles wohlsortiert vorfinden? Wie sich ein Mensch selbst auf seinen hoffentlich guten Tod vorbereiten kann, darum haben sich tatsächlich mal Menschen gesorgt. Im Spätmittelalter gab es die „ars moriendi“, die „Kunst des Sterbens“. Es gab Erbauungsbücher, also Ratgeber, aber es gab auch die Nachbildung eines kleinen Sarges, die sich auf den Schreibtisch stellen ließ und ständig an die eigene Sterblichkeit erinnern sollte. In der Dauerausstellung des Kasseler Museums für Sepulkralkultur lassen sich einige dieser Exponate besichtigen.

Neulich erst sprachen wir darüber – etliche Frauen in einer Runde beim Kaffeeklatsch -, wie alten Menschen, die in Altersheimen leben müssen, oft jede Freude und jeder Genuss am Leben genommen wird. Die meisten der Frauen steuerten Beispiele aus eigener Erfahrung dazu und berichteten über fades Essen, das dafür gesund sein sollte. Es gab weder Wein, noch Bier, nichts, was irgendwie schädlich sein könnte, doch um welchen Preis? Warum dürfen alte Menschen kein Glas Wein oder Bier trinken, keine Zigarette rauchen, keine Kugel Eis und kinen Löffel Nutella schlecken? Ja, schon, es ist ungesund. Dafür schmeckt es gut.

Was wäre mir persönlich lieber?

Ehrlich?

Ich würde lieber etwas kürzer leben – und dafür vergnüglicher. Echtjetzmal.

Wenn meine Mutter früher gesagt hat: Das ist gesund, hat es garantiert nicht geschmeckt. Möchte ich wirklich so lange wie irgendmöglich leben, auch um den Preis der Demenz? Lasst uns Feinstaub inhalieren, lasst uns Fleisch essen und Wein trinken. Schließlich sang schon Konstantin Wecker: „Wer nicht genießt, ist ungenießbar!“

Zurück zum Thema.

Wäre es wirklich meine Aufgabe, das Haus zu richten, die Papiere zu sortieren, den Boden zu wischen und die Ecken auszufegen, bevor ich sterbe. Dann könnte ich ja auch gleich noch die Schrauben innen am Sarg anziehen. Alles das, weil man ja, wie neulich eine andere Frau meinte, doch niemandem zur Last fallen möchte.

Die Bekannte hat jetzt die Last, ja. Aber es ist auch eine Gelegenheit, sich mit all den Dingen vertraut zu machen, um die sich der Mann die ganzen Jahre über gekümmert hat. Und auf diese Weise langsam Abschied zu nehmen.

7 Gedanken zu „Jeder Abschied fällt schwer

  1. Ja und nein und ja und nein… wenn ich das Chaos sehe, das mir mein Vater hinterlassen wird, bekomme ich manchmal regelrechte Panikattacken. Gut, ich habe ihn nicht geheiratet und bin nicht so erpicht darauf, mir anzuschauen, womit er sich auch noch so beschäftigt. Ich selbst versuche Ordnung zu halten und den Laden klein, bei mir werden Freund/innen den letzten Abwasch machen, ich glaube, es wird genug Arbeit übrig bleiben (die Freunde von meinem Nachbarn, der im August gestorben ist, waren Wochen lang beschäftigt – und nicht zu knapp). Insofern, warum nicht? Andererseits, ja. Verstehe ich voll und ganz. – Das Leben in Altersheimen ist gruselig. Das weiß ich, seit meine Mutter in einem Heim untergebracht ist (anders kann man das ja nicht nennen – auch wenn der Aufenthalt pro Monat fast 4.000 Euro kostet). Abendessen ist um 17:00. Damit ist wohl alles gesagt. Natürlich kein Alkohol. Ich komme immer mit riesigen Taschen und versorge die Leute mit Stoff, Rücktransport der Flaschen inbegriffen. Kaffee gibt es im Grunde auch nicht. Es ist eine dunkle Brühe, die sie morgens und nachmittags verteilen. Dass es Kaffee sein könnte, verrät wirklich nur die Farbe. Und das Essen ist nicht gesund, sondern jenseitig. Als ich jünger war, habe ich eine alte Lady gelegentlich zum Vorlesen im Heim besucht. Sie hatte schlimm Diabetes, aber wir sind immer Kuchen essen gegangen. Will sagen: besten Kuchen im besten Café der Stadt. Natürlich tat ihr das nicht gut, aber sie war 86 und ihr Mann seit 10 Jahren tot. Sie lernte übrigens auch noch Latein. Da wäre sie vielleicht ohne Kuchen noch ein bisschen weiter gekommen. Aber sie hat die Würfel gespielt. Und sie war vor allem nicht ängstlich.

    • Ja, meine Gedanken dazu sind auch längst nicht sortiert und zu Ende gedacht. Es war nur so das erste, was mir dazu einfiel, nach Telefonat und eine Weile das Regal angucken, dessen Holz ich von ebendiesem Bekannten bekam.
      Was die Dinge als solche betrifft: Wir haben einfach inzwischen zu viel gesammelt. Meine eine Oma fing im Alter an, Dinge zu verschenken. Das hieß, ich habe bei ihr nichts mehr angeguckt (oder hatte es gleich in der Hand, als Geschenk sozusagen).

  2. Ein Thema, liebe Jaelle, über das wohl niemand so gerne spricht.
    Ich finde, für Ordnung in seinen Papieren sollte man in jedem Lebensabschnitt sorgen; denn Sterben kommt leider nicht nur bei alten Menschen vor.
    Wenn es einen erst richtig erwischt hat mit Chemo und so, hat man wahrscheinlich gar nicht mehr die Kraft dazu. Da hat man andere Gedanken und Sorgen und Ängste.
    Älteren Menschen (niemand wird völlig gesund alt) bleibt im Alter oft nicht viel Lebensqualität. Das Hören und Sehen wird schlechter. Viele haben keinen Partner mehr, können keine Reisen, oft auch keine Spaziergänge mehr machen. Solange der Geruchs- und Geschmackssinn noch funktioniert, sollten sie das essen und trinken, worauf sie Lust und Appetit haben; denn wenn man ihnen alles verbietet, ist das Leben nicht mehr lebenswert. Ein schönes Wochenende, Edith

    • Wobei ich jetzt so auf Anhieb gar nicht wüsste, was genau ich ordnen müsste. Alles ist irgendwie in einem Ordner abgeheftet. Was davon für die Überlebenden wichtig wäre, ja, keine Ahnung. Die Ratgeber im Spätmittelalter beschäftigten sich ja auch weniger mit Verträgen und kümmerten sich lieber ums Seelenheil.

  3. Natürlich ist es für den Erben „komfortabel“ , wenn alles geregelt ist.
    Wir haben auch alles geregelt, aber ob das am Tage unseres Todes noch so ist, weiß ich heute auch nicht.

    Meine Mutter hatte lange Jahre eine Demenz und ich habe sie bis zu ihrem Tode Zuhause betreuen können. Wenn sie ein Bier haben wollte, dann hat sie es bekommen. Meist hat sie sowieso nur ein halbes Glas getrunken, egal … diese Krankheit und das Alter raubt einem so viel, da muss es nicht auch noch an solch Kleinigkeiten hängen.

    LG
    Andrea

  4. Ein sehr interessanter Beitrag, liebe Silvia. Aus eigener Erfahrung weiss ich wie gut und hilfreich es ist, wenn für den Ernstfall vorgesorgt, resp. vorgeregelt ist. Wichtig ist auf jeden Fall, dass ein Testament oder Vorsorgeverfügung korrekt abgefasst, d.h. vor dem Gesetz gültig ist.
    Liebe Grüsse
    Esther

    • Du hast Recht, liebe Esther. Wenn jemand dann den Willen nicht respektiert, nur weil etwas nicht der korrekten Form entspricht, dann ist das schon, ja, blöd ist jetzt zwar nicht der richtige Ausdruck, mir fällt nur grad kein besserer ein.
      Viele Grüße
      Jaelle

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