Kleinigkeiten vom Rande

feiertagsfahrt 025Nicht immer sind Katastrophen, die sich im Inneren ereignen, so sichtbar wie an diesem Fenster.

Heute im Wartezimmer saß eine Frau neben mir, hatte ein gefaltetes Blatt in der Hand, auf das sie etwas schrieb. Oh, nett, da schreibt noch jemand und macht sich seine Notizen, dachte ich. Weit gefehlt. Sie kramte nur kurze Zeit später ein dickes graues Wörterbuch aus ihrer Handtasche: Russisch-Deutsch/ Deutsch-Russisch. In kyrillischen Buchstaben. Dort suchte sie, blätterte hin und her, schrieb immer wieder etwas auf den Zettel, der immer voller wurde. Dann wurde ich ins Behandlungszimmer gerufen und saß noch eine Weile, bis der Arzt kam. Die Tür war offen und ich hörte die Frau. Dem Klang nach stand sie wohl am Tresen, dort, wo die Arzthelferinnen immer die Versichertenkarte in Empfang nehmen und den neuen Termin vergeben. Mit relativ tiefer Stimme antwortete sie: „Ljuba“, es klang rund und ein wenig undeutlich. Die Arzthelferin fragte immer wieder: „Wie ist ihr Name, wie heißen Sie?“, mit einer sehr hohen, spitzen Stimme. Habe ich eigentlich schon einmal erwähnt, dass hier in Oberfranken die meisten Frauen mit ziemlich hohen Stimmen sprechen? Es klang wie ein Musikstück, in dem sich der Gesang abwechselte und in unterschiedlichen Tonhöhen spielte. Hätte ich helfen können, wenn der Arzt nicht justamente gekommen wäre? Vermutlich nicht. Mein letztes gesprochenes Wort Russisch liegt mehr als 26 Jahre zurück, ich habe in meinem Gedächtnis gekramt und nicht einmal mehr die korrekte Formel für: Wie heißt du? gefunden. Ja, wenn’s mir jemand vorsagt, fällt’s mir auch wieder ein, konetschno. Oder so.

Nachmittags hatte ich dann ein Treffen mit Modellbahnbauern. Sehr schön. Die Faszination vom Zugfahren im Kleinen. Dabei hab ich mich erinnert, dass ich vor vielen Jahren einmal einen solchen in Eisenbahnen vernarrten Menschen interviewt habe, der an sämtlichen Kellerwänden Regalbretter mit Schienen darauf angebracht hatte, auf denen seine großen Lokomotiven, Wagen, Tender, was auch immer, standen. Ich habe sie nicht gezählt, aber es waren wirklich sehr viele. Er hat erzählt, gezeigt, geschwärmt, nur meine Frage zum Schluss fand er doch etwas seltsam und gar nicht zum Thema passend. Dabei wollte ich nur wissen, was sich seine Frau alles kaufen durfte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.