Liebe Drosophila,

ich verstehe gut, dass es Dir in meiner Küche gut gefällt. Ich sitze ja schließlich selbst gerne dort, mache mir einen heißen Tee, den ich trinke, während ich die Rätselnüsse knacke, die in Zeitungsform auf dem Küchentisch liegen. Was soll ich sagen, Drosophila, hier ist es wirklich sehr schön – und Du bist immer dabei.

Du bist zwar nicht ganz so aufdringlich wie Deine große Schwester Stubenfliege, gerne auch Summsi, die Sch…hausfliege genannt, trotzdem nervst Du gewaltig. Wegen Dir putze ich fast jeden Tag die Küche so eifrig, als hätten wir weder Tisch noch Teller, sondern würden stets vom sauberen Boden essen wollen. Weder Äpfel noch Abfälle stehen herum, alles wird sogleich gewischt, geputzt, gewienert. Und Du? Du bist einfach da. Schwirrst herum. Setzt Dich überall drauf.

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Drosophila auf der Sahneflasche.

Schau mal, vielmehr: Riech mal. Ich habe Dir extra eine Sahneflasche hingestellt, ein Sahnehäubchen gewissermaßen. Holunderblütensirup mit einem Schuss Essig an Wasser, das magst Du doch. Der Duft betört Dich, ich sehe es, er zieht Dich magisch an: Du fliegst in die Flasche, willst naschen und gehst einfach baden. Es ist ein süßer Tod und ein Spritzer Spülmittel im Cocktail sorgt dafür, dass Du nicht so lange auf der Oberfläche zappeln musst. Ja, ich weiß: So richtig nett ist das nicht von mir.

Doch, Du musst das verstehen: Bisher hat Euch der Mitbewohner mit dem Staubsauger alle eingesammelt, gewissermaßen Lufttaxi gespielt und Euch alle zusammen (mit Staubsauger selbstverständlich) auf den Balkon gestellt. Rausgekrabbelt seid Ihr ja dort alleine. Nehme ich mal an. Aber jetzt regnet es ab und zu, das mag der Staubsauger nun einmal gar nicht und deswegen steht er auch nicht mehr auf dem Balkon, sondern dort, wo er nun einmal hingehört, in der Küche, in der Ecke. Aber Du bist immer noch da.

Es scheint egal zu sein, wie viele sich von Dir in den Cocktail stürzen, darin ertrinken, auf den Boden sinken und dort langsam einen dunklen Schlamm bilden: Es sind immer neue Verwandte von Dir da und sitzen vorzugsweise an Dingen, die überhaupt nicht essbar sind, weder Obst noch Gemüse. Du sitzt auf der Gießkanne aus Metall, auf dem Sprudelwasserbereiter aus Plastik und auf den Fensterscheiben aus Glas. Von was lebst Du eigentlich? Wo legst Du Deine Eier ab? Warum sind immer wieder endlos scheinende Schwärme von Dir und Deinen Verwandten in der Küche?

Könntest Du mir bitte mal antworten? Nein? Dann ist das eben mein Beitrag zum Kleinen Monat bei Cubus Regio. Das hast Du nun davon.

10 Gedanken zu „Liebe Drosophila,

  1. Wenn die mich in der Küche stören, muss ich immer an die Kreuzungsversuche im Biologiestudium denken, damals freuten wir uns über deren vielfache Fortpflanzungsfähigkeit.

    Danke für deinen Beitrag zum „Kleinen Monat“

  2. Hallo JaelleKatz,
    was für ein bezaubernder Beitrag über ein ganz winzig kleines Lebewesen in unserer Umgebung.
    Das Foto ist ebenfalls einfach Klasse!
    Lieben Gruß und ein angenehmes Wochenende,
    moni

    • Liebe Moni,
      das Wochenende war ausgezeichnet, vielen Dank für die Wünsche. (deswegen komme ich ja erst heute dazu, Dir zu antworten).
      Wenn ich wüsste, wie ich Drosophila nur aus der Küche bekäme…
      viele Grüße
      Jaelle Katz

  3. Hallo JaelleKatz,
    alle Achtung, dass du die aufdringliche kleine Fliege doch noch so nett ansprichst 😉
    Ein herrlicher Beitrag – gefällt mir gut.

    Liebe Grüße
    Elke

  4. Ein schöner Post, liebe Jaelle, ich hatte viel Spaß beim Lesen. Ich bekomme immer mal wieder Besuch von jemandem, der regelrecht hysterisch wird, wenn er auch nur eine einzige Fliege sieht. Bei mir gibt es nicht viele Fliegen. Wenn sich mal eine in mein Esszimmer verirrt, öffne ich die Terrassentür mit dem Satz: „Wenn dir dein Leben lieb ist, schwirr ab!“ Das funktioniert. Liebe Grüße Edith

    • Liebe Edith,
      als die Katz noch bei uns war, war sie für Fliegen und dergleichen zuständig, vielmehr: Sie hat sich zum Hüter der Innenräume erklärt und ist jeder Fliege eifrig nachgejagt. Jetzt muss ich eben selbst sehen, wie ich das Viehzeuch wieder aus der Wohnung komplimentiere.
      Liebe Grüße
      Jaelle

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