Meine Daten? Die gehören mir…

Eigentlich ist es glockenklar: Mein Name, meine Augenfarbe, mein Geburtsdatum, meine Schuhgröße und die Narbe meiner Blinddarmoperation sind Dinge, die zu mir gehören, die mich einzigartig und unverwechselbar machen. Mit diesen Daten kann ich mich ausweisen, kann sagen: Das bin ich. Deswegen stehen diese auch im Pass oder Personalausweis.

Hessen war eines der ersten Bundesländer, das die Daten seiner Einwohner in den elektronischen Rechenzentren verarbeitete und es war das erste Bundesland, das 1970 ein eigenes Gesetz zum Schutz der Daten erließ. Das gesetzliche Datengeheimnis sah vor, dass die jeweils gespeicherten Daten nicht unbefugt weitergegeben werden durften. Stellt euch mal vor, wenn sich das Finanzamt die für den Steuerbescheid erforderlichen Daten direkt vom Arbeitgeber holen würde, die Entfernung zwischen Wohnort und Arbeitsort selbstständig berechnen würde, die Krankentage von der Krankenkasse automatisch berücksichtigen und dank der per Mail geschickten Rechnungen die beruflichen Aufwendungen steuersparend abziehen würde, wäre das nicht herrlich? Niemand müsste mehr mit diesen unsäglichen Formularen kämpfen, die Steuererklärung würde bequem und automatisch ablaufen. Weil dann auch der Arbeitgeber von der Krankenkasse erfährt, dass ich wegen Depressionen Tabletten verschrieben bekam, kann er einen Vermerk in der Personalakte machen, dass ich nicht leidensfähig genug bin und bei der nächsten Gelegenheit entlassen werden kann.

Glücklicherweise müssen sich wenigstens die Ämter an den Datenschutz halten. Doch im Internet möchte jeder, der etwas anbietet, auch im Gegenzug meine Daten haben. Auf der einen Seite kann ich das verstehen: Wenn ich in einem Online-Shop etwas bestelle, muss derjenige wenigstens erfahren, an wen und wohin er das Gewünschte liefern soll und außerdem möchte er auch sicher sein, dass er sein Geld dafür bekommt.

Doch ich bin auch bei Facebook und Google angemeldet, teile meinen Kontakten und Freunden mit, wenn ich einen neuen Blogbeitrag online gestellt habe, poste ab und an etwas und reagiere auf Beiträge, die in meiner Timeline erscheinen. Die Werbung, die bei facebook erscheint, klicke ich jedesmal weg. Wie bequem alles ist, wenn sich Google und Co. alles merken, habe ich erfreut festgestellt, als ich einen neuen Laptop eingerichtet habe. Und ich glaube fast, dass hier ein zentraler Punkt liegt, warum sich kaum jemand über NSA und sonstige Dinge aufgeregt hat: Es ist einfach bequem und unterstützt meinen natürlichen Hang zur Faulheit, wenn alles hübsch zentral verwaltet wird und ich von allen Seiten darauf zugreifen kann. Immerhin kann ich jetzt nichts mehr vergessen: Ich kann einfach in der Suchfunktion die Stichworte eingeben, zack, ist alles da.

Wer erinnert sich noch an die Vor-Internet-Ära des Computers? Als sämtliche Dateinamen nur aus acht Buchstaben bestehen durften? Himmel hilf, was habe ich manchmal geflucht und eine Datei nach der nächsten geöffnet, auf der Suche nach einem ganz bestimmten Text, von dem ich einfach nur vergessen hatte, unter welcher kryptischen Bezeichnung ich ihn abgespeichert hatte. Das passiert mir heutzutage nicht mehr. Ich schicke mir Links an mein Postfach, damit ich den Inhalt wiederfinden kann. Es ist einfach. Es ist bequem. Und es unterstützt meine Faulheit.

Was noch dazu kommt: Die Bedrohung durch die Datensammelwut, durch NSA und andere Spähdienste scheint so irreal: Was wollen die mit meinen Daten schon machen? Ich bin niemand, der irgendwie wichtig ist. Ich plane keinen Anschlag, ich baue keine Bomben, ich ziehe mich nicht vor meiner Webkamera aus, ich lebe in einem Land, in dem jeder seine freie Meinung haben darf. Zu Zeiten der Stasi war die Bedrohung weitaus realer: Wer eine kritische Bemerkung an falscher Stelle fallen ließ, fand sich möglicherweise schnell einem Menschen gegenüber, der unfreundliche Fragen stellte, seltsame Zusammenhänge konstruierte, gegen die sich derjenige, der nur mal eben einen Witz erzählt hatte, kaum wehren konnte.

Kann ich etwas ändern? Ich könnte, ja. Ich könnte mich überall abmelden, meine Einkäufe nur noch bar bezahlen, das Taschentelefon ausgeschaltet lassen und so weiter. Damit würde ich nicht nur einen großen Teil meiner Bequemlichkeit einbüßen, sondern auch den Kontakt zu vielen Menschen zwar nicht verlieren, aber er wäre doch erheblich schwieriger und aufwendiger. Schon die Ankündigung, dass es künftig kein neues Auto mehr ohne eine Ortungsfunktion geben würde (selbstverständlich nur zu meiner Sicherheit, falls ich einen Unfall habe, den keiner sonst bemerkt), hat mich zu der Bemerkung veranlasst: „Dann kaufe ich mir eben kein neues Auto mehr!“

Wir sehen die Folgen nicht. Wir können die Folgen nicht einschätzen, wir wissen nicht, welche Folgen diese Datensammel- und Überwachungswut für uns einmal haben kann. Wenn wir es wissen, könnte es zu spät sein.

Das sind meine Gedanken und mein Beitrag zur Blogparade von Mobile Things zu dem Thema: Datenschutz interessiert keine Sau.

4 Gedanken zu „Meine Daten? Die gehören mir…

  1. Naja, natürlich weiß niemand, was mit den Daten irgendwann mal passieren kann. Niemand kann wissen, ob wir uns nicht irgendwann wieder in einer Diktatur befinden, die dann mit unseren Daten schauen kann, ob wir nicht lieber in den Knast gehen sollten, oder noch schlimmer. Aber das ist halt nur die eine Seite.

    Ja, es können negative Dinge mit meinen Daten gemacht werden, besonders negativ kann es werden, wenn der Staat all diese Daten verknüpft, aber es hat halt eben auch Vorteile.

    Google kann mir Personenbezogene Werbung anzeigen, ich finde das super, weil ich nicht mit Dingen genervt werde, die mich überhaupt nicht interessieren. Sicher weiß Google im Gegenzug einiges über mich, aber diese Daten werden durch Google nicht manuell ausgewertet, dass wäre für Google einfach zu kostenintensiv und Google ist ein kapitalistisches Unternehmen, dass Kostenintensive Dinge nicht mag 😉 – gilt auch für andere Datensammler.

    Beim Staat sieht das schon wieder anders aus. Wenn der erst mal die Daten hat und darauf zugreifen kann, dann nutzt der diese Möglichkeiten auch und dann schaut er sich die Daten auch manuell an, wenn es nötig ist,

  2. Die Daten werden gesammelt. Und Google rückt diese im Zweifelsfall – siehe China – eben auch an Regierungen raus, nur damit die Geschäfte weiter laufen können. Da kann ich nur hoffen, dass sich hier bei uns nie wieder ein System etablieren kann, welches Gesinnungsschnüffelei betreibt.
    Wie schnell sich so etwas ändern kann, zeigte sich, als über die Maut-Daten Bewegungsprofile von LKWs erstellt werden konnten. Zwar verspricht Toll Collect, diese nicht rauszurücken, sondern zu schützen, doch geht es um Mord, möchten die Ermittler gerne die Daten haben. Schäuble sagte damals: „Wenn es um die Aufklärung eines Mordes geht, muss der Datenschutz zurückstehen“. Kommt die PKW-Maut, werden alle erfasst.
    Der Rest ist einfach, ja: nett und bequem. Die Werbung versuche ich zu ignorieren. Aber das liegt eher daran, dass ich mainstream noch nie mochte…

      • Nein, nicht zwingend. Aber da ich mich vor jedem Ding, das ins Haus kommen soll, frage: Brauche ich es wirklich, kann ich ohne dieses nicht mehr leben? Oder ist es nur ein kurzer Genuss – und dann liegt das Ding ungenutzt irgendwo? Meistens lasse ich es. 🙂 Im Sinne von: Lieber mehr Platz im Haus, als eine Ansammlung unnützer Dinge. 😉

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