Meine Heimat.

Heimat ist für mich kein Ort, Heimat ist ein Platz:

Das ist mein Stuhl, auf den ich mich mitten in der Küche lümmele und meine Füße auf dem nächsten Stuhl parke. Heimat ist dort, wo ich mich mitten im Raum aufhalten kann und nicht mit dem Rücken an der Wand stehen muss. Ich kann die Lieblingstasse mit Kaffeesatz stehen lassen und mich mit Lieblingsmenschen ohne Schminke treffen.
Heimat ist kein Ort, nirgends, Heimat ist ein Gefühl.

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Es gab eine Zeit, da war es dieser eine magische Moment, wenn ich, von anderswo kommend, die letzte Raststätte vor den Kasseler Abfahrten passierte. Ab dann kribbelte es in mir, weil die Zeit endlos schien, bis ich endlich daheim war. Solange ich studierte, war Kassel Heimat. Kam ich von Norden über die A7, fuhr ich trotz aller Vorfreude so langsam, dass mich selbst die dicksten Brummis überholten. Sah ich unter mir die abendlich beleuchtete Stadt mit dem Herkules, musste das Fenster runter und frische Luft ins Auto: Nie roch Heimat so gut, wie kurz vor der Ankunft zu Hause.

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Oft deckelte Dunst den Kasseler Kessel gegen jeden Luftzug ab. Dann mischte sich Kohldampf mit Abgasqualm, Hundehaufengestank mit Schimmelgeruch, der aus feuchten Kellern quoll.
Aber das Ding mit der Heimat funktionierte auch andersherum:
Zog ich gelegentlich durch die Innenstadt, schaute dabei den Nordhessen in ihre griesgrämigen Gesichter, wurde es Zeit, zurückzukehren. Ins Eichsfeld zurück, dorthin, wo meine kindliche Heimat wurzelt. Auch hier gibt es diesen speziellen magischen Moment, wenn ich die ehemalige Grenze überquere.

Dann fahre ich dorthin, wo die Welt immer noch so eng ist, dass sie mir nur dann kuschelig erscheint, wenn ich sie aus der Ferne sehe. Je länger und weiter ich von dort entfernt bin, desto flauschiger wird die Erinnerung im Lauf der Wochen und Monate und die Sehnsucht wächst immer mehr. Bis die nächstbeste Gelegenheit kommt. Das kann beispielsweise ein fast vergessener und plötzlich hochwillkommener Geburtstag sein.

 

Sobald ich allerdings Schulter an Schulter mit Menschen um mich herum sitze, die zwar aus der gleichen Heimat stammen wie ich, und doch nie aus ihrer Enge herauskamen, dann weiß ich, warum diese Heimat für mich keine mehr ist. Gut, inzwischen habe ich gelernt, dass es überall Menschen gibt, die sich nur für den Preis des billigsten Schnitzels und die Frisur der Nachbarin interessieren.

Heimat, das ist, wenn ich meine Tür aufschließe und mir die Katze um die Füße streicht, vorwurfsvoll mauzt, weil früher das Dosenfutter pünktlicher gereicht wurde. Heimat ist, wenn im Zimmer der Lieblingshausziege unter dem Bett ein nur halb gelöffelter Jogurt steht, der sich gegen die Kälte mit einem grünen Pelzchen gewappnet hat.

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Nein, Heimat ist kein Ort, Heimat ist das Gefühl, das ich habe, wenn ich dort bin, wo ich hingehöre, dort, wo Menschen sind, die ich mag und die mich mögen, so wie ich bin. Dort bin ich zu Hause.
Mal ehrlich: Mir sind die Menschen suspekt, die nie ihren Ort, ihre Heimat verließen, die nie von dort wegwollten, wo sie geboren wurden, wo sie aufwuchsen. Das fühlt sich für mich an, als blieben sie morgens unter ihrer warmen, kuscheligen Decke und weigerten sich, in den frischen Tag zu gehen. Statt dessen besuchen sie sich gegenseitig zu Kaffee und Kuchen, obwohl sie sich nichts zu erzählen haben. Währenddessen grillen die Männer, trinken Bier und lamentieren darüber, wie miserabel doch inzwischen alles geworden sei. Sie nennen das Heimat. Ich würde eher sagen, es ist Angst. Angst vor etwas Neuem, Angst davor, dass etwas anderes besser sein könnte, als das altvertraute Biotop, die Heimat.

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Heimat: Das ist für mich dort, wo ich mich zu Hause fühle. Das kann ich überall haben, das kann ich mir überall selbst machen. Manchmal brauche ich dafür nur ein bisschen Farbe, um mir die Wände bunt zu streichen.

Und wo ist eure Heimat?

Verbunden mit: Blogparade Heimatorte von Anwolf.

Wer alle Beiträge der wunderbaren Blogparade von Anwolf nachlesen möchte, findet diese hier: Auswertung der Blogparade Heimatorte Teil 1 

und hier: Auswertung der Blogparade Heimatorte Teil 2 

Verbunden mit: Daily prompt „puncture“

10 Gedanken zu „Meine Heimat.

  1. Pingback: dunkelangst.org by H. 赫穆 Roewer » Heimweh in der Fernweh

  2. Die letzte Raststätte vor der Kasseler Abfahrt …. als ich diesen Absatz las, habe ich mich sofort an zwei Zeiten des Heimkommens bei mir erinnert:
    – einerseits an die Zeit, wo ich selig lächelte, hibbelte und vorfreudig war, sobald Hamburg „durch“ war, weil ich jetzt bald heimkommen würde
    – andererseits an die Zeit, in der ich ab Hamburg Bauchweh bekam und unter Tränen in unser Dorf einbog, weil ich nach der bisher größten Katastrophe meines Lebens so viel Angst hatte, heimzukommen: lebt der Kater noch? Steht das Haus noch?
    Ohja, ein Zuhause ist so wichtig (und auch für mich garnicht an einen Ort gebunden)

  3. Der Beitrag passt super…So wie Menschen nun mal individuell sind, so ist das Gefühl von Heimat individuell. In einem muss ich widersprechen…Man kann ein Leben lang an einem Ort zu Hause sein und trotzdem ein Weltenbummler mit weitem Horizont…;-). Liebe Grüße.

    • Vielen Dank. Ich habe gleich mal auf Deinem Blog gestöbert, das ist ja ebenfalls großartig, was Du mit Deinen Batiksachen machst. Muss ich mir noch einmal genauer angucken. 🙂
      Viele Grüße, Jaelle

  4. Hallo Sylvia,
    ich freue mich riesig, dass du mit diesem Artikel an meiner Blogparade teilnimmst und dass ich darüber auch deinen tollen Blog kennengelernt habe. Genau dieses zwiespältige Gefühl von Heimat kenne ich auch und manchmal wünschte ich mir mehr Klarheit darüber. Aber ebenso suspekt ist mir die Selbstverständlichkeit von Heimat bei den Menschen, die ihre Heimat nie verlassen haben.
    Liebe Grüße von Andrea

    • Am Klarsten fand ich den Begriff der Heimat tatsächlich bei den Menschen, die sie (oft endgültig) verloren hatten. Vielleicht wird es einem tatsächlich erst dann bewusst, was einmal war – und was es bedeutet hat. Wenn man es immer um sich hat, nun, dann ist es einfach Normalität.

  5. Ja da ist viel Wahres dran und geht mir ähnlich.Vielleich können wir, die die „Heimat“ verlassen haben besser damit umgehen und Heimat sozusagen ins Gepäck packen. Schön das dich auf diesem Weg Deinen Blog gefunden habe.

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