Mutterbilder

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Meine Mutter. Und ich.

Das Bild ist irgendwann im Frühjahr 1967 entstanden, vermute ich mal, als die letzten Schneereste noch lagen. Ich wurde im Oktober 1966 geboren, könnte auf diesem Bild ein halbes Jahr alt sein, vielleicht auch schon ein bisschen älter. So wichtig ist das auch nicht.

Eigentlich habe ich ein ganz anderes Mutterbild gesucht, eines, auf dem vier Mütter und fünf Töchter zu sehen sind. Es hängt bei meinen Eltern im Hausflur, immer, wenn ich dort bin, gehe ich daran vorbei und kann mich noch genau an den Tag erinnern, an dem es gemacht wurde.

Es zeigt eine Hollywoodschaukel, die lang genug ist, dass ein müder Mensch auf ihr seinen Mittagsschlaf halten kann, sie steht in dem kleinen Garten hinter dem Haus, das von meinen Urgroßeltern erbaut wurde. Ganz links auf der Schaukel sitzt meine Urgroßmutter, in Kittelschürze und mit weißen Löckchen, so, wie ich sie kennengelernt habe und sie immer noch in meiner Erinnerung ist. Sie war Jahrgang 1899, das fand ich als Kind besonders spannend, da sie damit gewissermaßen aus einem anderen Jahrhundert, einer längst vergangenen Zeit stammte. Als ich – vor nicht allzu langer Zeit – mal ein Foto von ihr sah, auf der sie als junge Frau mit ihrem Mann und den Kindern zu sehen war, habe ich sie zunächst nicht erkannt. Zu anders sah die Urgroßmutter auf diesem Bild aus und entsprach nicht dem Bild, das ich von ihr in meiner Erinnerung mit mir trage.

Zwei Kinder bekam die Urgroßmutter, ein Mädchen und einen Jungen und eines davon sitzt auf dem Foto neben ihr: Meine Oma. Geboren 1925, war sie 1945 schon 20 Jahre alt und verheiratet, wenn auch zu dieser Zeit noch ohne Kind. Von ihrem Bruder jedoch fehlt jede Spur, nein, das stimmt nicht ganz: Seine letzte Postkarte schrieb er noch kurz vor Berlin, erzählte die Urgroßmutter, danach kam nie wieder ein Lebenszeichen. Leider auch keine Todesmeldung. Übrig blieb die Tochter. Die Urgroßmutter passte auf, dass diese wartete, bis ihr Mann aus italienischer Kriegsgefangenschaft nach Hause kam. Dabei bewunderte die Tochter die amerikanischen Soldaten, wie überhaupt alles, was aus dem Westen kam und war neidisch auf sämtliche Freundinnen, die sich einen GI angeln konnten, um mit diesem ins gelobte Land zu ziehen.

Statt dessen kam 1946 ihr Mann zurück, sie bekamen fünf Kinder, von denen meine Mutter die Älteste war. Während die Urgroßeltern in dem von ihnen gebauten Haus in der oberen Etage wohnten, lebten die Großeltern in der unteren Wohnung. Wäre der Bruder meiner Großmutter zurückgekehrt, hätte dieser im Haus gewohnt, nehme ich mal an. Da er nie wieder kam, durften die Großeltern dort wohnen. Ja, wie lebt man miteinander unter einem Dach, wenn die eigene Mutter immer wieder erzählt, wie sehr ihr der Sohn fehlt? Wie ist es, wenn man sich damit nur als zweite Wahl fühlen darf? Als Teenie lebte ich einige Jahre in einem Internat, das oberhalb von Berlin lag. Kam ich in den Ferien in das Urgroßeltern- und Großelternhaus, fragte mich die Urgroßmutter gelegentlich, ob ich denn nicht auf den Friedhöfen der Umgebung gucken könne, ob ihr Sohn dort begraben sei.

Wie schon erwähnt, meine Mutter war die Älteste von insgesamt fünf Kindern. Manchmal erzählt sie von dem, wie eng es früher so zuging, schließlich ist das Haus nicht sehr groß: Die exakt gleichen Wohnungen hatten Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer und ein Kinderzimmer. Das Klo war auf der halben Treppe, gebadet wurde im Keller in der Waschküche oder in dem kleinen Anbau, den die untere Wohnung hatte. Oma passte auf. dass ihr nichts entging und alles seine Richtigkeit hatte: Einmal wurde meine Mutter von Klassenkameraden nach Hause begleitet, da wartete Oma schon am Gartentor und schickte alle anderen Kinder weg: Hier hätten sie nichts zu suchen. Meine Mutter hielt sich lieber bei ihrer Oma auf, als bei ihrer eigenen Mutter, dort hatte sie ihre Ruhe, sowohl vor den Eltern, als auch vor den drei Schwestern und dem Bruder. Als sie ihr Abitur bestanden hatte, hätte sie gerne in einer anderen Stadt studiert, da sie jedoch die Älteste war, musste sie zu Hause wohnen bleiben und studierte das, was dort eben möglich war. Als künftige Lehrerin lernte sie meinen zukünftigen Vater kennen, wurde schwanger und mit 19 Jahren ebenfalls Mutter. Oben auf dem Bild, auf dem sie den Kinderwagen mit mir schiebt, könnte sie allerdings bereits 20 Jahre alt sein.

Auf dem Foto mit der Hollywoodschaukel sitzt meine Mutter in der Mitte, neben ihrer Mutter. Sie heiratete meinen Vater, noch bevor ich zur Welt kam, damals machte man das so und wenn man etwas Glück hatte und nicht zu große Ansprüche stellte, reichte das für ein ganzes Leben. Allerdings war der Start in das junge Familienglück nicht einfach. Beide studierten, hatten kein Geld und keine Wohnung. Mein Urgroßvater kaufte einen kleinen Ofen, stellte diesen in eine der beiden Dachkammern, die es im Haus gab und in der nur eine dünne Wand von den Ziegeln ein wenig die Kälte und Hitze fernhielt. Diese vielleicht 15 Quadratmeter wurden zur ersten Wohnung. Lange durfte sich allerdings meine Mutter ihrem Mutterglück nicht hingeben, ich sei in die Wochenkrippe zu verfrachten, damit das Studium zügig fortgesetzt werden könne, befand meine Großmutter. Obwohl meine Urgroßmutter interveniert hatte und bereit gewesen wäre, mich zu versorgen – so erzählt es meine Mutter wenigstens – musste ich montags in die Wochenkrippe und durfte freitags wieder nach Hause. An diese Zeit kann ich mich nicht erinnern, zum Glück, nehme ich mal an. Wenn meine Mutter davon erzählt, sagt sie, dass ich freitags keinen Piep mehr sagen konnte, einfach weil mich die Krippenerzieherinnen so lange schreien ließen, bis ich völlig heiser war.

Übrigens: Bis heute ist mein Verhältnis zu meiner Mutter eher, nunja, unterkühlt. Auch das Verhältnis meiner Töchtern zu ihr, immerhin ihrer Oma. Wer von diesen Frauen, die da so nebeneinander scheinbar einträchtig auf der Hollywoodschaukel sitzen, damit angefangen hat, die Töchter emotional auf Abstand zu halten und dafür die Söhne zu hätscheln und hofieren, das weiß ich nicht. Aber es hatte System.

Die vierte auf der Hollywoodschaukel, das bin ich und halte meine älteste Tochter im Arm, die damals noch ein Baby war, gerade ein halbes Jahr alt. Fünf Generationen, fünf Frauen. Ich habe versucht, Dinge anders zu machen als meine Mutter. Ob es mir immer geglückt ist, müssen später meine drei Töchter beurteilen. Leicht war es nicht, schließlich klebt vieles von der Mutter widerwillig ererbte hartnäckiger als Spinnweben an mir und bildet einen Kokon, aus dem ich mich im Lauf der Jahre nur mühsam befreien konnte. Gelegentlich entdecke ich immer noch Reste davon, und weiß nicht: Soll ich mit diesen jetzt Frieden schließen oder sie weiter eifrig abschrubben, solange, bis die Haut gerötet und entzündet ist?

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Tochter und Mutter.

Links sitze ich neben meiner Mutter, in dem Sommer, der vor der Aufnahme mit den fünf Generationen lag. Viel zu sagen hatten wir uns nicht.

Der Text entstand dank der Inspiration von „Mützenfalterin“, die tausend Mütterbilder sucht.

Vielleicht gibt es – irgendwann einmal – hierzu noch eine Fortsetzung. Das Mutterthema ist ein, ja, unendliches und auch dann längst nicht abgeschlossen, wenn die eigene Mutter nicht mehr am Leben sein sollte.

11 Gedanken zu „Mutterbilder

  1. Was für ein Unterschied zum Verhältnis zwischen meiner Mutter und mir, meiner Oma und meiner Mutter! Gerade gestern habe ich mich noch mit meiner Mutter darüber unterhalten, wie nah Kinder der Mutter sind, ein Leben lang.
    Ein toll geschrieber Post, lieb von dir, dass du ihn auch bei mir verlinkt hast.
    Ich wünsche dir, dass du deinen Frieden mit deiner Mutter machen kannst und dass dein Wunsch, es bei deinen Töchtern besser gemacht zu haben, sich erfüllt.
    Liebe Grüße … Frauke

  2. da sind wir aus dem gleichen jahr 🙂 meine mutter bekam mich allerdings erst mit 33 jahren, ziemlich alt für damalige zeiten. unser verhältnis ist trotzdem ähnlich, wobei ich mit zunehmendem alter eher auf sie zugehen kann und ihr ihre ruppige art nachsehe. ein sehr interessanter einblick !
    lg anja

    • Das geht mir ähnlich. Jahrelang hatte ich kaum Kontakt zu den Eltern, jetzt bin ich immer mal dort und rede sogar mit ihnen. Allerdings, das ist wie immer, eher mit meinem Vater als mit der Mutter.

  3. Bei uns ist der Bruder meiner Mutter in Berlin geblieben, mit Todesmeldung damals. Ich bin Baujahr 62, so manches ist ähnlich. Der Kontakt zu meiner Mutter war eigentlich gut. Aber trotzdem nicht einfach. Ist das mit der Mutter-Tochter-Beziehung nicht immer schwierig? Bei 3 Töchtern finde ich es toll, dass du diese Probleme nicht hast.
    LG Sabine

    • Ich weiß noch, wie ich einmal als Kind vor meiner Mutter stand und ihr gesagt habe: Wenn ich ein Kind habe, dann mache ich das nieniemals. Und so habe ich mich bemüht, nicht immer mit Erfolg. Aber ich habe wahrgenommen, wenn ich gleich oder ähnlich gehandelt habe, um es beim nächsten Mal etwas früher zu bemerken und irgendwann zu ändern. Leicht war es nicht, trotzdem habe ich zu meinen Liesen – hoffe ich doch – eine recht gute Beziehung.

  4. Toll beschrieben. Das ist ein unendliches Thema auch in meiner Familie und noch schlimmer in der Familie meines Mannes.Die Zwänge in den Familien waren früher viel ausgeprägter. Dafür gibt es heute andere Formen von Druck, denen Mütter oder auch die ganzen Familien ausgesetzt sind. Es ist immer beeindruckend, wenn man in einer Runde sitzt, wo Frauen aus ihrer Kindheit und von ihrer eigenen Erziehung berichten.
    LG
    Magdalena

  5. Toll,
    dann bist du so alt, wie mein Neffe. Meine Schwester ist heute 81 Jahr alt und
    ja doch, sie ist zwar 13 Jahre älter als ich, aber doch sowas wie meine Mutter, denn sie hat mich mit aufgezogen.

    Lieben Gruß Eva

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