Nichts.

Was würde ich machen, wenn ich wüsste, dass ich nicht scheitern kann?

Nichts. Ich würde nichts machen.

Schließlich ist der Reiz weg, sämtliche Möglichkeiten, mich in die Nesseln zu setzen, mich zu blamieren – alles weg. Ich könnte mich einfach zurücklehnen und es mir bequem machen.

Wüsste ich, dass eine Beziehung nicht scheitern kann, könnte ich mit Lockenwicklern im Haar, der ewig gleichen fluffigen Haushose und ungewaschen am Küchentisch sitzen. Ich könnte den anderen praktischerweise für alles verantwortlich machen, was mir nicht passt. Wenn ich den Schirm vergesse und es fängt tatsächlich an zu regnen: Dann ist der andere einfach schuld daran, dass es regnet. Wäre das nicht toll?

Wüsste ich, dass ich in einer Prüfung nicht scheitern kann, bräuchte ich nicht zu lernen, könnte stundenlang am Computer spielen oder lesen und würde doch alles mit Bravour bestehen.

Wüsste ich, dass ein Projekt nicht scheitern kann, müsste ich nicht dafür arbeiten, sondern könnte mich zurücklehnen, in die Südsee fahren und bräuchte nur das Geld zu kassieren.

Aus seinen Behinderungen bezieht der Mensch seine Kraft, ebenso aus den Steinen, die er aus dem Weg räumt. Was wohl einmal aus den Kindern werden wird, denen die Eltern tatsächlich alle Hindernisse aus dem Weg räumen? Deswegen kriegen heute alle drei kleine Tipps, wie sie stilvoll scheitern können:

Auch wenn jemand scheitert, ist er kein Versager.

Ein Versager ist jemand, der scheitert UND den anderen die Schuld daran in die Schuhe schiebt. Jeder, der etwas Neues ausprobiert, sollte für seinen Teil auch die Verantwortung daran übernehmen. Wer dagegen scheitert und sich als Opfer seiner bösen Mitmenschen, der Banken, der Chemtrails oder was auch immer hinstellt, macht sich selbst zum Versager.

Ein Wechsel der Perspektive oder der Sichtweise kann hilfreich sein.

Was ist eigentlich so schlimm daran, wenn jemand scheitert? Zehn Jahre später sieht ohnehin alles ganz anders aus, die Haare sind ab und selbst das Miederhöschen passt nicht mehr. Dafür lässt sich jetzt über das Scheitern ebenso lamentieren, wie damals Opa vom Krieg erzählt hat. Ach, er hat nichts erzählt? Na, dann weißt du ja, was ich meine.

Niederlagen sind noch lange kein Scheitern. Fällt jemand hin – und bleibt liegen, dann sieht das anders aus. Jedes kleine Kind lernt laufen, stolpert über Dinge, fällt hin und steht wieder auf. Warum verlernen Menschen das später wieder?

freitag 257

Uff. Eigentlich wollte ich ja über etwas anderes… Da erzählte mir heute der Mitbewohner, dass sich Eltern zu einer Elterninitiative zusammengeschlossen haben. Weil sie einen türkischen Jungen, der gemeinsam mit ihren Kindern in der Klasse ist, dort nicht haben wollen. Der kleine Türke ist relativ selbstbewusst, stört hin und wieder den Unterricht, ruft rein, steht mitten in der Stunde auf, er „tritt auf“, wie hier die Franken wohl sagen. Er will Aufmerksamkeit, so wie alle Schüler, („Herr Lehrer, ich meld mich, ich will auch mal drankommen“) lässt aber mit sich reden.

Der Vorwurf der Eltern: Ihre Kinder würden durch diesen türkischen Jungen traumatisiert.

Ich fasse es nicht.

 

Ein Gedanke zu „Nichts.

  1. Jaja, die bösen, bösen Ausländer. Immer an allem schuld. Und „unsere“ weichgespülten Warmduscher können später kein eigenes Leben führen, weil sie überbehütet und verhätschelt worden sind…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.