Tag der (urbanen) provinziellen Schönheit

Herr Ackerbau wohnt in Pankow. Da hat er es  – allein seiner privilegierten Lage wegen – viel leichter als ich, Eisenbahnen von oben zu fotografieren. Schließlich fahren in Berlin Züge, und nicht nur diese, sondern auch S-Bahnen, U-Bahnen, Straßenbahnen, was auch immer. Er rief zu einer Blogparade unter dem Motto „Menschen, die auf Schienen starren“ auf und möchte gerne die urbane Schönheit der Schienenbilder von oben sehen.

Ich habe leider nur Provinz zu bieten, in meinem Fotoarchiv gekramt und einen Schatz herausgefischt, den es heute nur noch in dieser Form der digitalen Erinnerung gibt: Einst verkehrte hier die Kanonenbahn, zwischen Eschwege und Kassel, genauer: zwischen Walburg und Harmuthsachsen. Erst fuhren auf dieser Strecke Bahnbusse bis in die Ortschaften hinein, dann wurde der Zugverkehr eingestellt und es fuhren nur noch Busse. Die Schienen rosteten so vor sich hin.

Dann kam die Wende – und auf der nebenan verlaufenden Bundesstraße 7 stauten sich die Autos. Eine Autobahn sollte für Abhilfe sorgen, doch wie das bei manchen Dingen so ist, das dauert. Die Naturschützer fanden einen Kammmolch nach dem anderen, ihr wisst ja, wie so was geht. Der erste Abschnitt der neuen Autobahn wurde dann einfach gebaut, zwischen Hessisch Lichtenau und Walburg, noch ganz ohne endgültige Genehmigung und auf die damals durchaus noch reale Gefahr hin, dass dieses Stück Autobahn so in der Natur herumsteht.

zug 006

Blick auf Schienen von oben.

Hinter der Autobahn, hinter dem dafür aufgeschütteten Kiesberg, auf dem die Abfahrt wieder zur Bundesstraße führte, lagen die alten Gleise immer noch.

zug 008

Alte Eisenbahnbrücke.

Ich lief die Strecke entlang, kämpfte mich durch Brombeerhecken und Weißdorn. Hier könnt Ihr sehen, wie nahe sich Bundesstraße und Bahnstrecke kommen, doch interessanterweise war von dem Lärm der Straße nicht viel zu hören. Die Vögel zwitscherten, Schnecken hatten die Schienen als Schnellstrecke entdeckt und Insekten summten.

zug 014

Alter Schaltkasten.

Überall standen Relikte, wie dieser Schaltkasten oder verrostete Signale und Weichensteller.

zug 040

Altes Bahnhäuschen.

Ein ehemaliges Gebäude der Bahn. Das Menetekel ist klar und deutlich: Ein ICE wird wohl hier nicht fahren – und der Sensenmann wartet bereits. Inzwischen hat der Sensenmann längst zugeschlagen, die ganze Strecke ist geräumt und wird großräumig zur Autobahn umgebaut.

Weil in diesem Jahr noch ein ganz besonderes Jubiläum ist, habe ich für Herrn Ackerbau noch einen ganz besonderen Blick über Schienen: Vor 180 Jahren fuhr nämlich am 7. Dezember 1835 die erste deutsche Dampflok auf der Strecke zwischen Nürnberg und Fürth. Damals wagte sich kein Deutscher auf ein solches Ungetüm, also wurde nicht nur die Lok, sondern auch der Lokführer aus England importiert: William Wilson fuhr den Zug, versah seinen Dienst selbst bei Regen und Sturm standesgemäß in Frack und Zylinder. Die erste Strecke verlief schnurgerade vom Nürnberger Plärrer bis Fürth, da der Motor der Lok noch keine Kurve schaffte. Wie in jedem Jahr ist in der Forchheimer Kaiserpfalz eine Eisenbahnausstellung – und in diesem Jahr ist dort der Adler unterwegs.

ft 1184

Der Adler mit Lokführer.

ft 1187

Drehscheibe mit Lok.

Einmal in der Stunde fährt eine historische Lok aus dem Schuppen auf die Drehscheibe, damit sie auf dem Schaugleis eine Runde vor den an der Scheibe plattgedrückten Kindernasen drehen kann. Manche der Dampfloks dampfen sogar richtig.

 

 

19 Gedanken zu „Tag der (urbanen) provinziellen Schönheit

  1. Hey, das ist ja ein cooler Beitrag, der es auch in die Rostparade geschafft hätte.
    Ich finde so stillgelegte Bahngleise prima Fotomotive.
    Und auch die Eisenbahnausstellung zu zeigen, ist eine schöne, weil passende Idee.
    (Hier in Berlin gibt es d auch eine stillgelegte Strecke, die ich mal besuchen müsste.
    Bleibt auf dem Plan für 2016.)

    • Solange in Berlin dort keine Autobahn gebaut wird, bleibt die Strecke vielleicht noch ein Weilchen ;-). Jedesmal wenn ich auf der Bundesstraße fahre, und die Baustelle für die Autobahn sehe, bin ich erstaunt, in welcher Geschwindigkeit Erdmassen bewegt werden können. Wenn Mensch denn will.
      Ich wollte eigentlich auch mal von Nürnberg nach Fürth laufen, aber die Strecke läuft mir auch nicht weg. Das ist jetzt vierspurige Straße, dort, wo einst die ersten Schienen lagen…

  2. Ach, so provinziell ist das doch gar nicht. Und die Projektregeln sind ja auch eher flexibel. Wenn ich’s mir überlege, wäre dann natürlich der 7.12. noch viel passender gewesen, aber so hat die Eisenbahn halt eine Woche Verspätung. Ich hatte das Jubiläum leider nicht im Blick… Vielen Dank für die stimmungsvollen Bilder! Andreas

    • Wenn mir die Modellbaufreunde Forchheim das Datum nicht verraten hätten, wäre es mir ebenfalls nicht aufgefallen. Aber im Museum ist ein lebensgroßes Bild der Adler (die ja im Gegensatz zu späteren Loks noch gar nicht so groß war) und davor fährt die kleine Lok auf den Schienen.

  3. Wunderbare Fotos.Sie gefallen mir alle..
    Die ersten vier ganz besonders.
    Dieses Thema mag ich.
    Leider giebt es viele Strecken die niedergelegt sind
    und so vor sich hinrosten.

    Liebe Grüsse
    Elke

    • Danke schön. Ich muss mal sehen, gelegentlich fahre ich ja auf der Straße dort entlang. Wenn es passt, das heißt, noch genügend Licht ist, kann ich ja mal fotografieren, wie es jetzt dort aussieht. Ihr werdet staunen!
      Liebe Grüße
      Jaelle Katz

  4. Hallo Jaelle Katz,
    da bin ich doch vorhin im Webinar über deinen Namen gestolpert – nicht zum ersten Mal, aber diesmal hat er mich neugierig gemacht. Dank eines Kommentars unter deinem Impressum habe ich auch einen interessanten Link gefunden und kann mir ein besseres Bild von dir machen. Deine Fotos in diesem Blogbeitrag haben einen ganz eigenen Reiz. Ich komme bestimmt wieder.
    Herzliche Grüße
    Elke

    • Hallo Elke,
      schön, dass Du hierher gefunden hast und dass es Dir gefällt. Ja, vorhin habe ich zugehört, bis mit siedendheiß einfiel, dass ich schleunigst entschwinden muss, da ich zu einer Weihnachtsfeier in einem Dorfparlament anwesend sein musste… Ich war auch noch fast pünktlich, der Bürgermeister hatte gerade die Begrüßung beendet.
      Viele liebe Grüße
      Jaelle Katz

    • Eher zufällig. Wie das eben so ist. Eigentlich hatte ich was ganz anderes gesucht. Aber mein Fotoarchiv ist immer so unaufgeräumt, dass ich statt dessen das gefunden habe, was es jetzt hier zu sehen gibt. 🙂
      Viele Grüße
      Jaelle

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.