Tagebuchbloggen: 5. Mai

Was machst du eigentlich den ganzen Tag?

Als ich aufstehe, juckt mir das ganze Fell: Ein schlimmer Anfall von Urticaria (Nesselsucht) lässt mich aussehen, als hätte ich meine Nacht in einem Bett voller Brennnesseln verbracht. Das juckt! Ich gehe duschen, so kalt es nur geht, rubbele nicht zu viel an mir herum und ziehe einfach ein leichtes Kleid über. Schließlich soll es heiß werden und diese Juckerei ertrage ich besser, wenn es kühl ist. Woran das liegt? Keine Ahnung. Es kommt immer mal, glücklicherweise im Abstand von mehreren Jahren, und ist etwa nach drei Tagen wieder vorbei.

Zeitung lesen, Mails lesen, Blogposts lesen, Kaffee trinken: Dann muss ich schon los. Ich habe einen Termin beim Amtsgericht, über den ich berichten soll. Ein knapp zwanzigjähriger, der mit seinem Fusselbart, dem Sweatshirt mit Kapuze und den Turnschuhen mit pinkfarbenen Sohlen ein bisschen aussieht, wie ein zu groß geratener Teddybär, hat Menschen beleidigt und bedroht, sagt die Anklage. Er erzählt seine Version des späten Abends, die Zeugen ihre. In einer Verhandlungspause, in der sein Anwalt mit der Richterin darüber verhandelt, wie weiter verfahren werden soll, umarmt er seine Mutter, legt die Arme um sie und schmust mit ihr. Immerhin finanziert sie ihm sein Leben, da er weder Arbeit hat, noch irgendwelches Geld, dafür aber heute schon die achte Gerichtsverhandlung. Er bekommt eine Bewährungsstrafe, mit etlichen Auflagen. Die Richterin versucht ihm zu erklären, dass sie ihn beim nächsten Mal einsperren lässt, auch wenn sie nicht glaubt, dass das etwas nützt.

Kurz ein paar Dinge einkaufen, wieder nach Hause, wieder das leichte Kleid anziehen, schreiben. Wenn ich mich auf andere Dinge konzentrieren kann, ist das juckende Fell leichter zu ertragen. Das Kind kommt aus der Schule, und macht uns schnell was zu essen, weil ich bis jetzt keine Zeit dazu hatte: Reis mit Fischstäbchen gibt es. Auf die Fischstäbchen bekam ich einfach Lust, als ich einkaufen war. Das kommt vor. Weiterschreiben, gelegentlich das juckende Fell mit kaltem Wasser kühlen – das hilft – und dem Meisenpärchen dabei zusehen, wie sie den Meisenknödel im Futterhäuschen langsam vertilgen. Ich glaube, die füttern ihre Jungen im Nest damit. Nur sehr gelegentlich lässt sich mal ein Spatz am Futterhaus blicken.

Weiter schreiben. Das lenkt einigermaßen ab. Zwischendrin kommt die Katze und drängt sich zwischen Tastatur und Monitor, weil sie Beachtung und Streicheleinheiten braucht. Nach einer Weile hat sie genug, setzt sich auf das Nähkästchen, das immer noch auf meinem Schreibtisch steht und versucht, den Deckel mit der Pfote zu öffnen, auf dem sie gerade sitzt. Eigentlich wollte ich ja ein Lesekissen nähen, das Innenleben liegt auch fertig genäht vor mir. Ich bin nur mit der Füllung noch nicht zufrieden. Mal sehen, was mir da einfällt. Die Katze liegt jedenfalls ganz gerne auf den zwei Kilo Getreide, die ich ins Innenleben gekippt habe. Leider bräuchte ich mehr davon, dann wird mir das Kissen aber zu schwer. Wenn also irgendjemand eine Idee hat, bitte her damit.

Schnell noch ein Brot essen und noch einmal ausgehfertig umziehen. Schließlich muss ich noch zur Gemeinderatssitzung. Vor zwei Wochen wurden die Gemeinderatsvertreter mit ihrer Sitzung nicht fertig, also gibt es heute den zweiten Teil der noch offenen Tagesordnungspunkte. Hoffentlich brauchen sie nicht wieder so lange. Drei Stunden sind konzentrationstechnisch schon ziemlich lang. Immerhin muss ich ja wenigstens die Bemerkungen notieren, mit denen sich die einzelnen Fraktionen ihre Argumente um die Ohren werfen. Als ich nach dem öffentlichen Teil der Sitzung schnell nach Hause fahre, ist es schon dunkel.

Das Kind kniet bäuchlings auf dem Sofa und schreibt einen Brief mit Feder und Tinte an die beste Freundin, der Lieblingsmann guckt am Laptop den „Faust“ in der Inszenierung mit Gustaf Gründgens. Dazu hat er die Kopfhörer vom Kind auf, so kommen sie sich geräuschtechnisch weniger ins Gehege. Zwar hat das Kind auch ein eigenes Zimmer, in dem sogar ein Schreibtisch steht, doch da sie nach ihren eigenen Angaben ein Gesellschaftstierchen ist, ist sie eigentlich immer da, wo wir auch sind. Sehr nett.

Ich dagegen trinke schnell noch ein Glas Wasser, ziehe mein Nachthemd an, lege mich ins Bett und hoffe, dass das Buch, das neben dem Kopfkissen liegt, spannend genug ist, so dass ich irgendwann trotz des juckenden Fells einfach einschlafen kann.

Wer wissen will, was andere Blogger den ganzen Tag lang machen, guckt einfach bei Frau Brüllen vorbei. Da beschreiben noch viele ihren Tag unter dem Motto: Was machst du eigentlich den ganzen Tag, oder WmdedgT?

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