Vom Wert selbstgestrickter Socken

Während meiner Studienzeit habe ich das Wissen vieler Vorlesungen nicht mit Stift auf Papier notiert, sondern sämtliche Erkenntnisse von Wissenschaft und Technik mit Hilfe von Nadel und Faden gewissermaßen im Geflecht rechter und linker Maschen verstrickt. Falls der Dozent strickende Studentinnen wohlwollend tolerierte, konnte ich mich weit nach vorne setzen, so dass ich jederzeit mitbekam, wenn es sich lohnte, etwas zu notieren. Schließlich ist das Strickzeug ja nicht fest mit den Händen verbunden, sondern lässt sich bei Bedarf zurück in die Tasche verfrachten. Allerdings gab es auch Dozenten, die weniger amüsiert darüber waren. Bei denen setzte sich die gesamte Strickfraktion einfach in die hinteren Reihen von Hörsaal und Seminarraum: Gut gedeckt durch die Rücken der Kommilitonen wurde ebenfalls eifrig genadelt, (fast) völlig unbeeindruckt von dem, was vorne so ablief. Immerhin war in dieser Phase noch genügend Zeit für ganze Pullover, zumal ich beim Wollresteverkauf der Wollmustermühle günstig größere Mengen Wolle kaufen konnte. Später blieb ich eher irgendwo in der Mitte der Strickerei stecken und packte alles als nie-endenwollendes-Projekt in irgendeine Tüte. Schließlich gibt es Schränke und Kommoden, hinter deren verschwiegene Türen sich so manches Geheimnis stopfen lässt. Das war die Zeit, in der ich mich mit dem Stricken von Socken begnügte, die sich wenigstens in absehbarer Zeit fertignadeln ließen.

Da Sockenwolle hundertgrammweise verkauft wird, bleibt jedes Mal eine Menge übrig, die leider nicht für ein zweites Paar Socken reicht. Von diesem bunten Wollmix wünschte sich die Lieblingshausziege vor, na, bestimmt schon mindestens einem Jahr, ein Paar bunte Ringelsocken. Glücklicherweise packte ich die Wolle und die Sockennadeln ins Gepäck, als wir nach Marokko reisten. Mangels Internet in der Hotelanlage war genügend Zeit und Gelegenheit, die Socken zu nadeln. Ich saß also in der Hotellobby und strickte, beneidet von all denen, die sich auf Animation und WWW verlassen hatten und sich jetzt prächtig langweilten. Zum Schwimmen im Pool war es zu kalt, zum Sonnenbaden fehlte die Sonne und bis nach Marrakech waren es ganze 16 Kilometer. Sicher, es gab auch einen Shuttle-Bus vom Hotel bis zur Stadt. Aber dafür schien die Energie bei manchen Reisenden nicht zu reichen.

Ich saß also in der Hotellobby, strickte so vor mich hin und hatte das Sockenpaar auf dem Rückflug bereits fertig im Gepäck, lediglich die Fäden waren noch zu vernähen. Zu Hause angekommen, hat das die Lieblingshausziege selbst erledigt, damit sie die Socken gleich überstreifen konnte. Einen Tag später strolchten wir durchs Städtchen, suchten das Stofflädchen heim und ich kaufte Nachschub an Wolle in Rosa und Grün. Irgendwie war ich mal wieder auf den Geschmack gekommen: Nach jeweils zwei Tagen war wieder eine neue Socke fertig, ich meine, es soll ja Vergnügen bleiben und nicht in Arbeit ausarten.

grüne und rosa Socken aus Wolle.

Während sich die Finger meditativ bewegten, Masche für Masche strickten, blieb den Gedanken genügend Zeit, sich auf Abwegen zu begeben. So ein Wollknäuel kostet – nicht nur, weil es gleich hübsch bunte Muster in die Socken zaubert – immerhin mindestens sechs Euro. Davon ist aber noch kein Socken fertig. Bezahle ich dagegen im Laden sechs Euro für Socken, sind das in der Regel sogar mehrere Paare. Zwar sind die nicht so hübsch, da sie jedoch die meiste Zeit im Schuh stecken, ist das auch nicht wichtig.

Manchmal gibt es ja auch solch gestrickte Socken fertig zu kaufen, für zehn, zwölf oder fünfzehn Euro. Das ist mir dann schon wieder zu teuer. Definitiv. Würde ich jedoch Socken stricken, um sie zu verkaufen, wäre es mir wiederum viel zu wenig Lohn für meine Mühe. Was sind also selbst gestrickte Socken wert? Nebenbei: Für mich sind sie unbezahlbar, jedenfalls die Socken, die ich selbst stricke: Fange ich ein Sockenpaar an, immer in der Hoffnung, dass in Kürze meine frierenden Füße schön darin gewärmt werden, kommt bestimmt eine meiner Liesen des Wegs, klimpert mit den Wimpern und sagt: „Oh, Mama, die sind aber schön“ – und zieht zufrieden mit frisch gestrickten Socken von dannen.

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