Vorräte hamstern

Wir sollen wieder Vorräte vorrätig haben, so für den Ernstfall, der hoffentlich nie eintreten wird, empfiehlt die Bundesregierung. Die hätten mal hier im Keller stöbern sollen…

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Vorräte sammeln.

Der alte Mensch, der unten im Haus wohnt, hat in seiner Jugend gelernt, dass Essen nicht weggeworfen wird und dass die Früchte des Gartens konserviert werden müssen. Trägt der Kirschbaum schwer an seiner Last, werden nicht etwa die frischen Kirschen an alle diejenigen verschenkt, die sie gerne essen würden, nein, die Kirschen werden gepflückt und entsteint und die, die nicht zu Marmelade verkocht werden, landen im ewigen Frost der Tiefkühlschränke Damit sie weniger Platz brauchen, dreht er sie erst durch den Fleischwolf, so passt mehr Kirschmasse in die 3-Liter-Beutel, die anschließend im Froster gestapelt werden. Auch die Johannisbeeren werden fein säuberlich gepflückt und mitsamt der Schale zu Marmelade verkocht. In große Gurkengläser gefüllt, kann er die Masse mit dem großen Löffel auslöffeln und auf die Pfannekuchen streichen, nach denen alle zwei Tage das Treppenhaus duftet. In den Schalen steckt doch die ganze Kraft, murmelte er, als ich ihn einmal darauf ansprach, dass Johannisbeergelee besser schmecken würde.

Im Garten steht auch ein Pfirsichbäumchen, das jeden zweiten Sommer so schwer an den Früchten trägt, dass es fast zusammenbricht. Leider schmecken die Pfirsiche nicht, trotzdem matscht der alte Mensch sie mit dem Fleischwolf zu Mus und weckt alles ein. Die schlechten Zeiten, an die er dabei denken mag, spielen wahrscheinlich noch nicht einmal in seiner Erinnerung eine Rolle. Erzählt er von seiner Jugend, dann davon, wie er auf einem großen Hof aufwuchs und sich an Fleischbergen satt essen konnte.

Weggeworfen wird nichts. Das gilt für alte Schlittschuhe ebenso, wie für die Ersatzteile für Autos, die längst auf dem Schrott gelandet sind. Sollen die frisch gewaschenen Unterhosen und gebügelten Hemden zurück in den Schrank sortiert werden, ist dort kein Platz mehr, so viel Wäsche liegt darin gestapelt. Eine Kleiderstange im Zimmer trägt all das bereitwillig, was partout nicht mehr in den großen Schrank passen will. Wie das aussieht? Das ist ihm egal, ebenso wie der muffige Geruch, der sich aus dem Zimmer schleicht, wenn die Tür geöffnet ist. Schließlich schläft er nicht im Schlafzimmer, sondern in der Küche auf der Eckbank. Von dort ist der Weg zur Speisekammer nicht so weit. Wacht er nachts auf, schneidet er sich eine Scheibe Brot ab, löffelt Johannisbeermarmelade mit Johannisbeerschalen darauf und isst.

Bis vor wenigen Jahren lebte noch ein Sohn bei ihm im Haus. Im Frühjahr steckten sie gemeinsam Zwiebelchen in die Erde, säten Buschbohnen und Radieschen. Die Radieschen wuchsen rasch in die Höhe, sobald sie einen halben Meter hoch waren, riss sie der alte Mann aus und fuhr sie gemeinsam mit dem Unkraut zur Deponie. Der Sohn kochte die Buschbohnen gemeinsam mit den Zwiebeln, bis beiden ein kleines Bäuchlein wuchs.

Ob geschnittene Zucchini, riesige Wildschweinkeulen oder die Reste vom Geburtstagskuchen: Alles lässt sich in großen Beuteln oder praktischen Plastikdosen einfrieren. Seit der Sohn allerdings nicht mehr beim Vater wohnt, gibt es niemanden, der etwas aus den Gefrierschränken holt, um es zuzubereiten. Nein, das stimmt nicht ganz: Manchmal öffnet der alte Mann einen der Schränke und kramt eine große Tüte mit Wildfleisch heraus, gibt sie seinem jüngsten Sohn, auf dass dieser sie so zubereite, wie es in den alten Kochbüchern beschrieben wird. Sonntags drauf kommt er zum Mittag, bekommt Rehbraten mit Rotkraut und Klößen. Er würde gerne öfter kommen, jedesmal ein Stück vom Reh spendieren, doch der Sohn hat das Reh längst satt.

Sind irgendwann einmal die Gefrierschränke voll, die nächste Ernte ist reif und soll darin gelagert werden, wird ausgeräumt und sortiert. Auf jedem Beutel ist akribisch genau das Jahr vermerkt und immer wieder die Überraschung groß: Guck mal, das ist schon vier Jahre alt, das essen wir jetzt doch nicht mehr. Aber wie gesagt, weggeworfen wird nichts.

4 Gedanken zu „Vorräte hamstern

  1. Hallo,
    diese Verordnung gab es schon lange. Es wurde Zeit, dass sie wieder aufgefrischt wurde.
    Ich kann mich mit meinen Vorräten gut ein bis zwei Wochen versorgen. Aber dann?
    Gottseidank habe ich einen guten Bauern, der mir auch in schlechten Zeiten etwas gibt.
    Aber das ganze hamstern nützt nichts, was ist, wenn alles aufgebraucht ist.

    Dann geht es halt zu, wie nach dem Krieg. Schwarzmarkt usw.

    Aber ich hoffe auch, dass der Ernstfall nie eintreten wird.

    Lieben Gruß Eva
    bei der auch nichts weggeworfen wird. Allerdings sehe ich gerade, dass ich die Nudeln ganz hinten im Kühlschrank vergessen habe. Gut, die werden nun mal weggeworfen.

    • Ja, die Verordnung gibt es. 🙂 Allerdings gab es auch eine zivile Notfallreserve, in der von der Regierung Erbsen, Reis, Linsen, Trockenmilchpulver und Kondensmilch gebunkert werden, zusätzlich zur Getreidenotfallreserve.
      Allerdings habe ich auch etwas gegen das Wegwerfen von Lebensmitteln. 🙂

  2. Schöne Story 🙂
    Wie ich das kenne könnte direkt von mir sein.
    Wenn man schon im Überfluss hat sollte man aber auch mal geben können. Sprich „frische“ Ware einfach mal verschenken „a Trocherla Kerschen“ mal den Nachbarn oder der Verwandtschaft überreichen.
    Ich denke aber auch, wenn man solche Zeiten, wie die während und nach dem 2. großen Krieg, mitgemacht hat ist man da geprägt ……… da wird gehortet.
    Das wird irgendwann zur Gewohnheit und über Jahre/Jahrzehnte angeeignete Gewohnheiten abzulegen ist schwer, ……….. sehr schwer. :-/
    Liebe Grüße
    th

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