Was uns wichtig ist…

schrieb Wolfgang Huber in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Ein Satz von ihm in diesem Text rollte ein paar Tage lang durch meinen Kopf: „Dass in einer kompetitiven Gesellschaft die Empathie Not leidet, ist einer der Gründe, derentwegen wir nur selbstkritisch darauf schauen können, wie der Westen mit den Werten umgeht, die er für die seinigen hält“.

Abgesehen davon, dass ich erst mal nachgucken musste, was eine kompetitive Gesellschaft ist (eine, die sich dem Leistungs- und Wettbewerbsgedanken verschrieben hat), soll es – nach Huber – in dieser kein Mitgefühl mehr geben. Oder so ähnlich. Ich habe zwar keine Studien, mit denen ich meine Gedanken hieb- und stichfest mit Zahlen und Fakten unterlegen kann, sondern nur meine eigenen, subjektiven Beobachtungen, trotzdem muss ich dieser obigen Aussage zustimmen. Leider.

Ob im Sommer aus Spanien oder kürzlich aus Prag: Kam ich zurück nach Deutschland, fielen mir als erstes die Gesichter der Menschen um mich herum auf. Am Flughafen ebenso, wie einige Zeit später auf einem Markt: Die mürrischen Mienen sprachen Bände. Wie graue Zombies in Anzügen eilten Männer durch den Frankfurter Flughafen, hetzten zu ihrem Anschlussflug, sahen keinen Menschen an, nur ihr kleines Gerät, das sie in der Hand trugen. In schwarze, dunkelblaue, dunkelbraune oder dunkelgraue Jacken und Mäntel gekleidete Männer und Frauen schoben sich an den Marktständen vorbei, schauten nichts und niemanden an, oder wenn, dann nur so aus den Augenwinkeln heraus, damit niemand das Interesse sieht, sie gar ansprechen kann. Lächeln? Och nö. Lieber nicht. Ziehen die Menschen deswegen so gerne diese dick wattierten Jacken an, in denen sie wie Michelin-Männchen aussehen, weil sie sich in ihnen vor jeder Berührung, vor jeder Zumutung derart gepolstert besser geschützt fühlen?

gössw, 392

Auf unbestimmte Zeit geschlossen.

Manchmal möchte ich sie schütteln, so lange, bis ihre erstarrten Mienen auftauen, ihnen zeigen, wie leicht es sich ohne den schweren Panzer tanzen lässt, mit dem sie sich gürten, aus Angst vor der Welt. Es kostet niemanden etwas, wenn er lächelt. Es kostet mich auch nichts, wenn ich freundlich bin. Warum ist das so schwer?

Alles wird gemessen, für alles werden Algorithmen entwickelt, doch das Wesen der Dinge lässt sich damit nicht erfassen. Es bleibt nur eine leere Hülle, ohne Inhalt. Suche ich bei a..zon nach einem Buch, eines, das ich nicht kenne, eines, von dem ich noch nicht einmal weiß, ob es das gibt, so wie in einer Buchhandlung, in der ich absichtslos an den Regalen entlanggehen kann, dann werden mir – aufgrund meiner Suche und vieler Suchen an anderen, vorherigen Tagen – viele Bücher vorgeschlagen. So weit, so berechenbar. Doch sämtliche Vorschläge bringen nichts Überraschendes, nichts Neues, sie können nur das in ihre Berechnungen einbeziehen, was ich schon einmal gesucht, gefunden und gekauft habe. Als würde ich einen Weg suchen, der aus meiner Höhle aka Wohnung nach draußen führt, in die Weite, und bekäme vom Navi aka Empfehlungssystem a..zon nur immer neue Räume im Haus gezeigt.

Wären Romeo und Julia auf solch tragische Weise gestorben, wenn sie gegenseitig ihr Profil auf Tinder gesehen und sich verabredet hätten?

Alles wird gezählt, gemessen, verhandelt. Der homo oeconomicus in uns fragt: Was bringt mir das? Was kostet es? Wenn sich Menschen nur noch dann mit anderen Menschen treffen, weil es ihnen etwas bringt, einen Mehrwert gewissermaßen, der den Einsatz der kostbaren Zeit rechtfertigt, finde ich das seltsam: Wenn jemand nur deswegen seine Zeit mit mir verbringt, weil er etwas von mir haben möchte, fühle ich mich irgendwie betrogen und ausgenutzt. Der- oder diejenige trifft sich nicht deshalb mit mir, weil ich ein netter Mensch bin, den man mag – manchmal vielleicht – sondern erträgt mich, damit er oder sie etwas von mir kriegen will.

Mehrwert. Das ist das, laut Marx, was der Arbeitnehmer produziert, der Wert, den der Unternehmer kassiert, wenn er alle Kosten abgezogen hat. Näht jemand in einer Fabrik ein Kleidungsstück, bekommt er dafür einen Lohn. Der Preis für die Hose, das T-Shirt oder die Jacke setzt sich aber nicht nur aus dem Lohn der Näherin und dem Preis für den Stoff zusammen, sondern ist wesentlich höher. Das ist der Mehrwert, den sich der Unternehmer einsteckt.

Das Marketing will mir auch einreden, dass ein Produkt einen Mehrwert habe, der über den reinen Gebrauchswert hinausgeht. Eine Hose ist nach deren Logik nicht nur eine simple Hose, sondern braucht noch einen Aufnäher, ein Logo, ein irgendwas, das dafür sorgen soll, dass nicht nur meine Beine warm, sondern mein Ego stolz darauf ist, dass ich dem Unternehmer so viel Mehrwert dafür gezahlt habe, dass ich seine Hose trage. Ähm.

In einer Welt, in der Computer dafür sorgen, dass alle Prozesse und alle Werte berechenbar sind, in der nur dann etwas existiert, wenn es berechenbar ist, ist alles endlich, ist alles nur in begrenzter Menge vorhanden. Doch was ist mit Liebe, mit Ehre, mit Freude und Scham, mit Barmherzigkeit und Stolz, mit Demut, Dankbarkeit, Gnade, Achtung, Würde, Wahrheit, Hoffnung und Freundschaft?

Worum ging es gleich noch? Achja, Empathie. Das, was verloren geht, wenn es nur noch um Wettbewerb und Leistung geht. Ja. Was nicht zählbar ist, was nicht berechenbar ist, das scheint nicht zu existieren, kann also vernachlässigt werden. Da lohnt sich das Lächeln nicht, da lohnt sich auch die Freundlichkeit nicht. Wahrscheinlich kostet das sogar etwas, so etwas wie Aufmerksamkeit, eine Währung, in der keiner bezahlen mag.

Wenn Menschen ihre eigene Einsamkeit und ihren Schmerz nicht wahrnehmen können und wollen, wieso sollten sie das bei anderen sehen? Da ist es einfacher, wenn sich jeder im Cafe über sein kleines Display beugt, dort scrollt und tippt und wischt, als dem anderen einfach in die Augen zu sehen und sich mit ihm zu unterhalten. Worüber auch immer. Ach, das ist langweilig? Da gibt es nichts Neues? Keine Explosionen, keine Toten, keine lustigen Katzen? Tja. Dann kann ich dir jetzt auch nicht helfen.

Ich möchte meinen Apfel essen können, einfach hineinbeißen, den Saft am Kinn herunterrinnen lassen, weil er mir schmeckt, weil ich Lust auf ihn habe – und nicht, weil mir jemand vorrechnet, wie gesund er sein soll. Dann vergeht mir die Lust, dann ist der Genuss perdu. Ich möchte gemeinsam mit lieben Menschen einen Wein trinken, so lange philosophieren und die Welt retten, bis ich am anderen Tage nichts mehr davon weiß – und keinen Vortrag über die Schädlichkeit des Alkoholkonsums. Manchmal komme ich mir vor, als wäre ich noch das Kind von früher, dem die Mama ständig hinterherruft: Zieh dir eine Jacke an, setz eine Mütze auf, es ist kalt! Ich habe nicht vergessen, wie es sich anfühlt, wenn ich mit eiskalten Zehen vom Rodeln in die warme Küche kam, und ich die Füße in das Backfach von Omas Küchenherd stecken durfte, nachdem Oma sie zwischen ihren Händen gerubbelt hat, damit sie wieder warm werden.

Übrigens: Wer gerne kocht, kennt das vielleicht: Zu einem gelungenen Rezept gehört mehr, als nur das, was im Kochbuch geschrieben steht. Wer jemals versucht hat, „etwas wie früher“ nachzukochen, wird wissen, was ich meine. Manchmal sind viele Versuche notwendig, um die Essenz der Dinge herauszufinden.

4 Gedanken zu „Was uns wichtig ist…

  1. Auch ich, liebe Jaelle, muß dem Wolfgang Huber leider zustimmen und finde Deine Gedanken dazu sehr lesenswert. Fragt man sich nur: Wie konnte es so weit kommen? Was können wir tun? Ich bin ein kontaktfreudiger Mensch mit einem ‚verbindlichen Ton‘, wie mein früherer Chef es nannte. Ich sende gern und von Herzen ein Lächeln – nicht nur an Kinder, sondern auch an Erwachsene – aus, bekomme es oft zurück, aber nicht immer. Es stimmt, manche schütteln nur irritierrt mit dem Kopf. Dir ekn schönes Wochenende und liebe Grüße Edith

  2. Es gibt neben der frohen Botschaft auch die böse Botschaft. Das ist die, die uns zu Opfern macht. Modern sind heutzutage die bösen Botschaften vom System, das zu ändern gilt, damit die Opfer dann nicht mehr so leiden.

    Dagegen steht die frohe Botschaft. Auch wenn Du in einer Krippe geboren wirst, kannst du was erreichen. Mit der Botschaft bist Du nicht Opfer, sondern hat Möglichkeiten.

    Unter anderem konnte ich in durch ständiges Grüssen und Lächeln, dazu bringen, zurückzugrüssen. Und schon fängt jeder Arbeitstag doch schon viel, viel besser an.

    In dem sinne frohen Advent.
    Thomas

    • Ja, noch gibt es Menschen, die zurücklächeln, wenn sie angelächelt werden. Menschen, die sich über kleine Gesten freuen können 🙂
      Wie gut, dass es jetzt Advent ist. 🙂
      Ich wünsche Dir auch einen frohen Advent.
      Jaelle Katz

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