Webmasterfriday: Das Leben ist ernst. Bloggst du etwa oberflächlich?

Romania

Nur schöner Schein: Das Casino in Constanta.

Heute unterstellt der Webmasterfriday einen Hang zur Oberflächlichkeit, zu dem das Bloggen verleiten solle, mit anderen Worten, es geht wieder einmal um den in Deutschland so beliebte Unterschied zwischen Hoch- und Trashkultur, zwischen Ernst und Unterhaltung und den eisernen Vorhang, der zwischen ihnen bombenfest aufgehängt ist. Wer amüsant ist, der kann nicht ernsthaft sein.

Diese These vertrat Neil Postman in seinem Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“ bereits 1985. Damals gab es noch längst kein Internet, statt dessen durften in dieser Zeit in Deutschland die ersten privaten Fernsehsender dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen Konkurrenz machen. Postmans These dabei war, dass der Diskurs, also eine Verständigung über Themen, zum Entertainment, zur reinen Unterhaltung, wird. Das kann funktionieren, wie beispielsweise die Sendung mit der Maus beweist: Hier werden komplizierte Sachverhalte einfach und durchaus amüsant erklärt. In unserem Land ist es aber schick, wenn jemand seine Sätze knifflig, verschachtelt und mit vielen Fremdwörtern gespickt formulieren kann. Dann gilt er als gebildet.

Postman sagt, dass das Streben nach Erkenntnis werde durch: „bloße Zerstreuung ersetzt und zwar in jedem denkbaren Lebensbereich. Politik, Religion, Nachrichten, Sport, Erziehungswesen und Wirtschaft hätten sich in ein Anhängsel des Showbusiness verwandelt“ (ebd., S. 12, S. 17), er warnt vor Trivialisierung, Boulevardisierung und Infantilisierung der Gesellschaft.

Aha. Wenn ich blogge, dann bin ich also trivial. Das Wort bedeutet aber nicht nur gewöhnlich, sondern auch leicht erfassbar. Logisch. Wer einen Blog liest, will schließlich nicht schwere Kost, sondern ein wenig Unterhaltung für zwischendrin. Nehme ich mal an.

Aber mal ganz abgesehen von Facebook, Twitter & Co, es gibt einen Bereich, in der tatsächlich das Streben nach Erkenntnis so nach und nach durch Zerstreuung ersetzt zu werden scheint: Die Schule. Eine Lehramtsstudentin macht ihre Lehramtsprüfung vor der Klasse: Diese bereitet sie nicht nur seit Wochen vor, sondern sie hat sich die Unterstützung sämtlicher Kollegen gesichert, damit sie vor der Prüfungskommission eine Stunde über das Mittelalter halten kann, selbstverständlich in Ritterrüstung gekleidet. So wird Schule wie ein Kindergeburtstag inszeniert. „Die Schule muss Spaß machen“, insistiert denn auch die zuständige Konrektorin und weist die Kollegen zurecht, die ihren Unterricht daran messen, ob die Kinder auch was gelernt haben (was eben manchmal auch keinen Spaß macht).

Zurück zur Frage: Verleitet Bloggen zur Oberflächlichkeit? Nun, ich würde sagen, nicht mehr und nicht weniger, als die Medien anderswo auch. Ich will ja selbst nicht immer in einem tiefen Strudel versinken, ackern, bis ich wieder an die Oberfläche komme, sondern auch manchmal ganz relaxt im Pool auf der Luftmatratze schwimmen. Was mich an dieser Frage eher stört, ist die Attitüde, die dabei mitschwingt: Wer oberflächlich ist, also nur smalltalkt und Katzenfotos postet. den braucht man ja nicht ernst zu nehmen. Doch. Wir brauchen das. Wir – damit meine ich jetzt: Wir Menschen – wir brauchen diesen Smalltalk, diese scheinbar unnütze Kommunikation. Dazu krame ich mal einen ganz alten Klassiker über Kommunikation heraus: „Menschliche Kommunikation“ von Watzlawick, Beavin und Jackson. Im zweiten Axiom heißt es: „Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, derart, dass letzterer den ersteren bestimmt und daher eine Metakommunikation ist.“ (Quelle)

Die andere Frage, die sich aus der Frage des Webmasterfridays ergibt, ist: Warum wird eigentlich die Oberflächlichkeit so negativ und als Synonym für dumm wahrgenommen? Dabei behaupten selbst die Psychologen, dass wir uns über das Gegenüber schon nach Sekunden ein Urteil gebildet haben. Das kann ja dann wohl auch nur oberflächlich sein, oder?

Also: Ich mag es, wenn Oberflächen schön sind. Ich mag es auch, wenn sich unter einer schönen Oberfläche auch noch etwas mehr befindet, als nur heiße Luft. Was ich jedoch gar nicht mag, das ist, wenn sich jemand etwas besseres dünkt.

4 Gedanken zu „Webmasterfriday: Das Leben ist ernst. Bloggst du etwa oberflächlich?

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  2. Hallo Jaelle Katz,
    mir dünkt du dünkst da schon richtig. Auch gegen Oberflächlichkeit ist ja erst mal nichts zu sagen. Wir Menschen lassen uns anfangs vielleicht erst mal nur an der Oberfläche kratzen, bevor wir uns öffnen.

    Negativ wäre also, wenn man diesen „Schutzpanzer“ nicht mal öffnet. Wer selber nur oberflächlich handelt, lernt vermutlich auch nur oberflächliche Menschen kennen.

    Ich stimme zu, dass Blogger nicht oberflächlich sind, weil sie zur Gruppe der Blogger gehören. Es gibt zweifelsohne welche. Ist wie im real life auch.

    Wer nur „taucht, weiß bald nicht mehr, wie schön es auf der Wasser-Oberfläche sein kann.

    HG Hans

    • Stümmt. Auf der Oberfläche sind Sonne und Wellen 🙂
      Ich denke mal, jeder der über sich und seine Gedanken bloggt, und nicht nur über irgendwelche Themen, die ihm vorgegeben sind, wird etwas mehr preisgeben, als nur die Oberfläche. Aber wer weiß schon immer, was unter der Oberfläche an Grauen lauern kann 😉
      viele Grüße
      Jaelle Katz

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