Webmasterfriday: Die Gretchenfrage

„Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ fragte einst die Grete den Heinrich, in Goethes „Faust“, der Webmasterfriday fragt es ebenfalls, anlässlich des Osterfestes.

Für dieses Jahr kann ich die Frage ganz einfach beantworten: Ich war am Ostersonntag in der Auferstehungsfeier in der Klosterkirche der Redemptoristen in Forchheim. Das hieß: Kurz nach vier aus den Federn krabbeln, einen Kaffee trinken, noch ein bisschen trödeln, die dicken Winterstiefel anziehen und losfahren. Vor der Kirche standen Menschen rund ums Feuer, wir gingen – der Kälte wegen – lieber hinein, setzten uns und warteten in der Dunkelheit. Kein Licht, keine Kerze, kein Nichts. Stimmt nicht ganz: Da die Sparkasse, die ihr Hauptgebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite hat, auch in der Nacht genügend Licht brennen lässt, war langsam etwas in der Kirche zu sehen, ganz so, wie sich langsam die Augen an das Dunkel gewöhnte. Die Engel und Heiligen saßen immer noch über und neben den Altären, die goldenen Ränder der Gewänder glänzten ein wenig.

Es dauerte. Es war dunkel. Es war ruhig, nur gelegentlich scharrte jemand mit den Füßen, hustete, oder schniefte. Zeit zum Warten, Zeit zum Nichtstun, noch nicht einmal zum Nachdenken, nein, ich habe einfach nur gesessen und gewartet.

Bis irgendwann die Stimme des Paters von hinten rief: „Lumen Christi“ und alle Anwesenden antworteten mit: „Deo gratias“. Das Licht der Osterkerze, die vom Pater getragen wurde, kam zum Altar, an diesem Licht wurden alle Kerzen angezündet und die Feier begann.

Ich kam mir vor, wie in einer anderen Zeit, in einer Zeit, die fast schon vergangen ist. In der es weder um Effizienz: „Wie schaffen wir den Gottesdienst in kürzerer Zeit und mit noch mehr Segen abzuhalten?“, noch um Kostenminimierung ging: „Die dünne Osterkerze reicht übers Jahr doch wirklich aus, überleg mal, wie viel davon immer am nächsten Ostern übrig ist“.

Was mache ich hier eigentlich? Da ist vor 2000 Jahren jemand am Kreuz gestorben – und man sagt, er sei auferstanden. Gesehen hat es ja schließlich keiner. Das ist eines der Geheimnisse, die einfach zu glauben sind – oder auch nicht. Schön finde ich es, dass es eine Gemeinschaft gibt. Auch wenn ich viele von den Menschen nicht kenne, mit denen ich hier in der Kirche saß. Macht nichts. (Ist schließlich bei einer Demo ähnlich, oder? Das ist auch kein Familientreffen.)

Ich arbeite mal die Einwände ab, die mir gerade einfallen, so rein prophylaktisch:

1) Die in die Kirche gehen, sind doch alle nur scheinheilig: In der Woche sündigen sie, am Sonntag geht es in die Kirche, und schon sind sie die reinsten Engelchen. Was andere machen, weiß ich nicht. Für mich gilt: Ich denke auch in der Woche daran, dass ich meinen Mitmenschen weder zur Last falle, noch über sie tratsche oder irgendwelche Dinge über sie erfinde, die ich dann den anderen erzähle.

2) Das kann man doch als aufgeklärter Mensch nicht im Ernst glauben: Doch, kann man. Es gibt Menschen, die glauben – so aus meiner ganz privaten Sicht – an noch viel seltsamere Dinge, Wiedergeburt beispielsweise. Und benehmen sich, als wollten sie das nächste Mal als Stinktier auf die Welt kommen.

3) Was die bösen Pfarrer mit den armen Kindern machen: Äh. Ich habe selbst so etwas nie erlebt – und daher werde ich dazu nichts weiter beitragen können. Ja, ich finde das schlimm. Aber ich finde auch, dass so etwas nicht in die Öffentlichkeit gehört. Jedenfalls nicht in eine hysterische und voyeuristische Öffentlichkeit.

4) Was im Namen Christi alles für böse Missetaten begangen werden: Von der Ermordung der Indianer und Hexen über die Inquisition und was weiß ich. Sicherlich lässt sich jede Idee sowohl im Guten verwirklichen, als auch für Böses missbrauchen. So, wie viele Stoffe in der einen Dosierung Medizin und in einer anderen Dosierung Gift sind.

5) Das Gold! Die Kirchen! Was das alles gekostet hat! Sicherlich war das teuer. Zumal gerade die barocken Kirchen mit ihrer ganzen Pracht in einer Zeit gebaut wurden, als viele Menschen drumherum ziemlich arm waren. Der dreißigjährige Krieg war gerade vorbei, mit all seinen Schrecken. Aber ehrlich: Wenn damals kein Geld für diese Pracht ausgegeben worden wäre, könnten wir sie jetzt nicht bewundern. Ich glaube nicht, dass in vierhundert Jahren Sparkassengebäude besichtigt werden, als kulturelle Highlights oder so. Auch wenn die ebenfalls viel Geld gekostet haben.

Und trotz alledem gehe ich – relativ regelmäßig – in die Kirche. Das ist so, und das wird in Zukunft auch vermutlich so bleiben. Manchmal ist die Predigt inspirierend, manchmal nicht, manchmal schweifen währenddessen meine Gedanken ab, weil sie einen Anstubser bekamen, manchmal gucke ich mir auch nur die Heiligenfiguren an und überlege, warum der eine aussieht, als würde er grüne Gummihandschuhe tragen. Für mich ist es nicht nur ein Ritual, das absolviert werden möchte, sondern eine Haltung:

Ich bin weder der Nabel der Welt, noch besser als meine Mitmenschen. Sondern völlig normaler Durchschnitt. Und nein, es reicht mir nicht für mein Wohlbefinden, mir irgendwelche Dinge zu kaufen und zu konsumieren. Für heute soll das genügen. Ein andermal vielleicht mehr dazu.

Ein Gedanke zu „Webmasterfriday: Die Gretchenfrage

  1. Der Gedankengang mit den Heiligenfiguren ist klasse. Das meiste , was du schreibst, sehe ich ähnlich,möchte da aber noch ein Zitat zum untermauern dazugeben: Christus spricht: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Das ist für mich das, was den Glauben ausmacht. Nicht der Glauben im stillen Kämmerlein, sondern die Gemeinschaft, und das Leben in der Gemeinschaft nach den Idealen, die die Bibel benennt. (Caritas usw.)

    Liebe Grüße und weiterhin ein besinnliches Osterfest
    Jakob

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