Webmasterfriday: Existenzangst

Ich existiere, das heißt: Ich bin am Leben. Die Existenzangst ist, wie der Duden beschreibt, folglich die Angst davor, dass ich a) mein eigenes Leben nicht meistern könnte. Oder b) die Angst vor Arbeitslosigkeit und Armut.

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Die Scheibe ist kaputt. Na und?

Die ersten 23 Jahre meines Lebens habe ich in einer Welt verbracht, in der alles ordentlich und vor allen Dingen sicher war: Ein Zaun sorgte dafür, dass sich die Menschen nicht in der großen weiten Welt verirren konnten, und – beispielsweise nach einem Ausflug oder einer kleineren Reise – wieder gut nach Hause zurückfanden. Als ich mit meinem ersten Studium fast fertig war, musste ich mir noch einmal einen Betrieb für ein Praktikum suchen. Ich kann mich noch gut an das Gespräch damals erinnern, das ich mit dem entsprechenden Verantwortlichen führte -und an meine Gedanken dabei: So. Das war’s jetzt. Das machst du bis zur Rente.

Während wir studierten, saßen wir oft zusammen und diskutierten, lasen, was wir in die Finger bekamen, wie beispielsweise Artikel über Glasnost und Perestroika, die uns der Statikprofessor druckfrisch aus Moskau mitgebracht hatte. Wir waren interessiert an allem, was das Leben so bereit hielt. Existenz? Jaklar, wir wollten mehr als nur existieren, wir wollten leben, lernen, und vor allen Dingen Sachen machen, für die wir selbst verantwortlich sein wollten. Wir wollten nicht nur machen, was andere für uns vorgesehen hatten.

Dann kam der 9. November 1989 – und in den Monaten danach schien alles möglich.

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Trotzdem kann ich durch sie hindurchsehen.

Bis sich diejenigen durchgesetzt hatten, für die Freiheit bedeutete, dass es immer Bananen in den Geschäften gab. Und all die anderen Dinge, die so viel bunter und duftender als alles waren, was wir vorher kannten. Jeder konnte plötzlich alles haben, völlig unabhängig von Beziehungen oder dem glücklichen Zufall, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Sagte ich: Jeder konnte alles haben? Klar. Im Prinzip schon. Wenn denn das nötige Kleingeld dafür vorhanden war. Während meines ersten Studiums gab es 200 Mark Stipendium, davon habe ich 10 Mark für mein Zimmer im Wohnheim bezahlt. Der Rest blieb für Bücher, Essen, Trinken, Klamotten, in den Studentenclub gehen, Eis essen, was auch immer. Es klingt zwar unwahrscheinlich, war aber so: Das Geld hat gereicht. Ich fühlte mich auch nicht sonderlich eingeschränkt. Es hat wirklich gereicht. Wir waren im Theater, im Kino, haben gekocht und genäht, und relativ vergnügt miteinander gelebt.

Und plötzlich war ich frei – und musste nicht mein ganzes Leben lang in einem Büro mit der immer gleichen Arbeit verbringen. Diese hatte ich mir zwar selbst aus einer Liste von Studienmöglichkeiten ausgesucht, aber eher nach dem Motto: Welches ist die Variante, die mir am wenigsten schrecklich erscheint.

Jetzt fing ich noch einmal von vorne an – und habe etwas studiert, das mich einfach interessiert hat, zunächst ganz ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, ob es später einmal Geld einbringt. Nebenher habe ich gearbeitet, und mir somit das nötige Kleingeld verdient.

Diese Haltung blieb: Ich habe immer mal wieder Neues angefangen, ohne mir viele Gedanken darüber zu machen, ob es denn gut gehen würde. Das weiß ich ja schließlich erst hinterher. Bis jetzt hat das gut funktioniert: Irgendwie ging es immer weiter. Mich einfach hinzusetzen und darüber zu jammern, wie schlecht es mir doch gehe und wer alles daran schuld sei (außer mir selbst natürlich), das war nie eine Option. Menschen, die sich so benehmen, finde ich schon mitunter sehr skurril.

Wir leben in einem Land, in dem es keinen Krieg gibt, in dem keine Willkür herrscht, es genug zu essen gibt, einem Land, in dem es auch Geld gibt, wenn ich nicht arbeiten kann: Was brauche ich denn noch alles? Der Rest ist Luxus. Echtjetzmal.

Das war jetzt mein Senf zum Webmasterfriday und seiner Frage nach der Existenzangst. Wie geht es euch denn mit der Existenzangst?

 

7 Gedanken zu „Webmasterfriday: Existenzangst

  1. Jeder ist seines Glückes Schmied, heißt es so schön lapidar … und doch stimmt es.
    Ich finde es wichtig, Entscheidungen im Leben zu treffen, egal ob beruflich oder privat und kann es nicht nachvollziehen, wie viele Menschen man immer wieder trifft, die froh sind, dass man ihnen Entscheidungen abnimmt.

    Natürlich weiß ich heute nicht, ob meine Entscheidung die Richtige war, aber ICH habe sie getroffen, ICH bin dafür verantwortlich!
    Wenn es der falsche Weg war, kann ich ihn immer noch oder wieder korrigieren.

    LG
    Andrea

  2. Danke für den Artikel. Ich bin ja „Wessi“ und war mit 8 Jahren mal in der DDR, wenig später kam der Mauerfall. Man erfährt so wenig, wie das Leben dort eigentlich war. Unlängst habe ich mich mit einem Künstlerpaar unterhalten, die schon in den 70ern quasi als Aussteiger gelebt hatten, im Osten. Beeindruckt hat mich folgender Satz: „Geld war nie das Problem – es gab halt nichts zu kaufen dafür.“ Und ich dachte sofort: „Heute ist es genau andersrum. Es gibt alles zu kaufen, aber du hast für so vieles keine Kohle.“

    Dennoch will ich nicht klagen, ich hab eigentlich das meiste, was ich brauche. Zumindest das, was man mit Geld kaufen könnte.

    Existenzangst hat vielleicht auch viel damit zu tun, was man von seinen Eltern mitgegeben bekommen hat. Ich erlebe es bei mir und in meinem Umfeld, dass es da Menschen gibt, die einen starken inneren Glauben daran haben, dass es immer weitergehen wird. Und dann solche, da zähle ich auch eher dazu, die sehr damit hadern. Die tatsächliche Faktenlage ist aber wohl für beide Gruppen meist nicht groß unterschiedlich, bisher ging’s ja auch immer weiter.

    Trotzdem denke ich, dass die Sicherheit in unserer Gesellschaft durchaus abgenommen hat. Die Option auf einen dieser langweiligen aber todsicheren Jobs, in denen man als neugieriger Mensch wie im Post denkt „Ohje, das war’s jetzt, das mach ich für mein Leben“ – diese Option ist eben deutlich geschwunden. Ich für meinen Teil habe das erst Mal im Leben einen unbefristeten Arbeitsvertrag, aber wie das mit Startups halt so ist… was heißt das da schon?

    • Danke für Deinen Kommentar. Mir geht es beispielsweise oft so, dass ich Dinge sehe, die ich kaufen könnte und denke: Was, zum Kuckuck, soll ich eigentlich damit? Dann lasse ich es stehen… Es gibt so viele Dinge, die völlig unnütz sind, die nur deswegen erfunden wurden, damit sie gekauft und wieder weggeworfen werden.
      Die Frage nach der Existenzangst hat mich angestupst, noch über andere Dinge dabei und darum herum nachzudenken. Ob aus diesen Gedanken später Blogposts werden, muss ich mal sehen. 🙂
      Ich habe jedenfalls keinen Arbeitsvertrag, außer mit mir selber 😉 – und: Ich weiß nicht, ob ich überhaupt einen möchte. Nachdem, was ich von anderen so mitbekomme, wie es denen geht, die eine feste Arbeit haben, nehme ich lieber meine etwas größere finanzielle Unsicherheit in Kauf und gucke dem Rattenrennen lieber interessiert zu. 😉

      • Nun, wer weiß, wie das bei mir in 5 oder 10 Jahren aussehen wird. Aus Deinem Kommentar lese ich heraus, dass Du selbstständig arbeitest. Empfindest Du dabei den Kontakt mit Deinen Kunden mehr auf Augenhöhe?

        Abgesehen von all dem bin ich im Herzen wohl doch Künstler, und somit regelmäßig in einer anderen Welt unterwegs, in der es Größeres als Geld zu erleben gibt. Nur gibt es halt derzeit bei mir dort so wenig Geld zu erleben, dass noch andere Tätigkeiten erforderlich sind. 😉

        • Kommt ganz darauf an: Bin ich für Zeitung unterwegs, dann sind alle brav ;-), schließlich will ja jeder eine gute Figur abgeben. Sonst ist Schreiben für mich zunächst Handwerk. Da werde ich beauftragt, das mache ich und gut ist. Aber ich muss mich nicht mit Intrigen, Manipulationen, mehr oder weniger versteckten Gemeinheiten und Lügen herumplagen.
          Wenn ich könnte, was ich wollte, würde ich auch schreiben. Aber ob das dann jemand lesen will?
          Solange Du im Leben weißt, dass es wichtigere Dinge gibt, als nur Geld, ist das doch schon etwas. Es gibt eine ganze Menge Menschen, die sind für sich und nur des Geldes wegen auf der Welt, scheint es mir. 😉

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