Wenn Zucker zum Makel wird

Routiniert öffnet Vivian Bauer die Dose mit den Messstäbchen. Sie desinfiziert ihren kleinen Finger, piekst, tupft das Tröpfchen Blut auf den Messstreifen und steckt diesen in das Messgerät für den Blutzucker. Vor zwei Jahren wurde bei dem zierlichen Mädchen Typ-1-Diabetes diagnostiziert. Eher zufällig, wie ihre Mutter Simone Bauer erzählt: „Sie war wie eine Verdurstende in der Wüste“, erinnerte sie sich. Vivian wollte ständig etwas zu trinken. 
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In der Klinik lernten Mutter und Kind schnell, wie Insulin gespritzt und Kohlenhydrate berechnet werden müssen. Doch es dauerte eine Weile, bis sie diese Diagnose psychisch verarbeiten konnten. Denn es ist klar, dass die Fünfjährige ein Leben lang Insulin spritzen muss.

starke Schwankungen

Bei kleinen Kindern ist es oft typisch, dass der Blutzucker schwankt und sich somit  nur schwer einstellen lässt. Er wird beeinflusst von Infekten, Stress, vom Toben und selbst von Albträumen.

Vivian kam in den Kindergarten in Forchheim, den schon ihre Mutter und auch ihre große Schwester bereits besucht hatten. Die Erzieherinnen im Kindergarten wurden extra geschult, wie sie den Blutzucker messen und die Insulinpumpe bedienen können: „Das hat Vivians Erzieherin wirklich super gemacht“, bestätigt die Mutter. Um so unverständlicher findet sie, dass Vivian unlängst der Kindergartenplatz gekündigt worden ist. Auf Nachfrage verneinte die Leiterin des Kindergartens ebenso wie eine Mitarbeiterin des Forchheimer Jugendamtes, dass die Kündigung wegen des Diabetes erfolgt sei. Sie seien allerdings der Meinung, dass Vivian in einem integrativen Kindergarten besser aufgehoben wäre. Auf eine nähere Begründung wollten sich beide Einrichtungen nicht einlassen. Aus „datenschutzrechtlichen Gründen“, wie sie sagen.

Leiden unter der Ablehnung

Früher im Jahr war es zu einem Gespräch mit allen Beteiligten gekommen: der behandelnde Arzt, das Jugendamt, die Kindergartenleitung, die Caritas, der Träger und auch die Eltern von Vivian. „Jetzt dachte ich, es sei alles in Ordnung“, erinnert sich Simone Bauer.

Doch schon kurze Zeit später sollte Vivian nicht mehr kommen. Die Mutter verstand die Welt nicht mehr, als ihr die Kindergärtnerinnen dies eröffneten. Egal, was die junge Mutter, die zudem selbst durch ihr Rheuma eingeschränkt ist, auch vorschlug, um den Erzieherinnen die Arbeit zu erleichtern – es wurde abgelehnt. fränkischer tag 285

Dass Kinder mit Diabetes Ablehnung erfahren, kann Petra Finger aus Nürnberg bestätigen. Die Mutter einer 13-jährigen Tochter, die ebenfalls an Typ-1-Diabetes leidet, berichtet davon, dass Teenies keine Lehrstelle fänden, dass viele Vereine sie ablehnten, dass sie seltener zu Mitschülern eingeladen werden.

Vieles, was sich diese Kinder anhören müssten, würde aus Unwissenheit gesagt. Trotzdem wenden sich viele ab.

Diese Kinder empfinden sehr deutlich, dass sie nicht normal, so wie andere Kinder seien und können später depressiv werden, erklärt Petra Finger.

Aus diesem Grund gründete Finger im sozialen Netzwerk Facebook eine Gruppe, auf der sich alle über die Geschichten dieser Kinder informieren können. Hier ist der link.

Vivian wird statt dessen einen integrativen Kindergarten in Forchheim besuchen. In einem solchen Kindergarten kümmern sich mehr Erzieherinnen um weniger Kinder. Simone Bauer hat dieses Mal ein gutes Gefühl, nachdem die Kindergartenleiterin einen kooperativen Eindruck bei ihr hinterlassen hat.

Das alles ändert gleichwohl nichts daran, dass Simone Bauer den alten Kindergarten vermisst. Vor allem, weil sie dort, vor allem unter den Eltern ein Netzwerk aufgebaut hatte, dass ihr und Vivian unter die Arme griff.

Diabetes Typ 1: Ursachen, Unterschiede und die Folgen für das Leben

Häufigkeit: Immer mehr Kinder erkranken in Deutschland an Typ-1-Diabetes, und die Ursachen sind bisher noch nicht geklärt. Sicher ist nur: Süßigkeiten spielen dabei überhaupt keine Rolle. Der Diabetes-Typ-1 ist die häufigste Stoffwechselerkrankung bei Kindern, an der etwa 30 000 Kinder leiden.

Verlauf: Bei Diabetes produzieren die Zellen in der Bauchspeicheldrüse kein Insulin mehr, deswegen muss ständig der Blutzuckergehalt gemessen und das Insulin gespritzt werden, damit der Zucker im Blut abgebaut werden kann.

Kinder: Die jüngsten Patienten sind noch Kleinkinder, doch auch bei älteren Kindern ist der Blutzucker häufig instabil: Der Diabetes wird von Infektionen und Wachstum ebenso beeinflusst, wie von Spiel und Bewegung.

Zukunft: Während sich der Diabetes vom Typ 2, der auch als Altersdiabetes bekannt ist, gut durch Bewegung und Gewichtsreduzierung behandeln lässt, gibt es für die Kinder, die an Typ-1-Diabetes erkranken, keine Heilung. Das bedeutet, dass sie ein Leben lang in regelmäßigen Abständen Insulin spritzen müssen. Denn die Zellen in der Bauchspeicheldrüse, die das Insulin produzieren, sind irreversibel zerstört.

(Der Text erschien als Artikel im Fränkischen Tag)

9 Gedanken zu „Wenn Zucker zum Makel wird

  1. Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Leid anderer immer öfter als Makel anstatt als Hilfebedürfnis interpretiert wird. Ich finde es gut, dass es Anlaufstellen gibt. Niemand ist anders, denn niemand ist gleich. Aber so wie es aussieht, ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit bis es eine DIN für Menschen gibt.

    Ein schöner Artikel! Es wäre erstrebenswert den Umgang und auch die rechtliche Situation in der Kindesbetreuung mit Krankheiten / Medikamenten zu verbessern. Im Moment wehrt sich die 0815-Kita mit Händen und Füßen dagegen. Alles eine Frage der Haftung. Ein Irrsinn ist das alles.

  2. Armes Deutschland – und weil alle Angst um Ihre Pöstchen haben, wird nicht mal öffentlich gesagt, was der wahre Grund ist sondern sich hinter Schutzbehauptungen versteckt.

  3. Meine Tochter hat auvh Diabetes seit einem Jahr. Bei uns ist es auch so schlimm mit dem Kindergarten sie wollen sie haben aber die Ämter verweigern uns die 1zu1 Betreuung wir klagen jetzt gegen Kyffhäuserkreis haben uns einen Anwalt genommen. Der Kindergarten steht voll hinter uns wir hoffen das es bald klappt das unsere kleine Maus den Kindergarten besuchen darf.

  4. Danke vielmals. Es gibt ja inzwischen längst das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), welches zwar im Prinzip auf Beschäftigte gemünzt ist, das jedoch, denke ich, auch für Kinder gelten könnte. Dieses verbietet, dass jemand wegen seiner ethnischen Herkunft, seiner Religion, seiner Behinderung, seinem Alter oder Krankheit benachteiligt werden darf. Und bei Kindern gilt ohnehin, dass sie nicht diskriminiert werden dürfen… Falls das noch nicht allen Einrichtungen klar ist, müssen sie eben auch darauf hingewiesen werden.

  5. Hallo, ich werde 49 und habe seit 45 Jahre Diabetes. Es war schon immer ein Kampf und es wird auch immer ein Kampf bleiben. Ich kämpfe jeden Tag. Ich wünsche allen die mit Diabetes gezeichnet sind viel Kraft, Ausdauer, Mut und vor allen seit schlauer als die Menschen mit dehnen ihr es zu tun bekommt.

    • Ja, die Ignoranz der Menschen, wie Kindergartenleiterin oder Mitarbeiterin vom Jugendamt, das fand ich auch eher erschreckend. Dabei sind das noch Personen, die es eigentlich besser wissen müssten.

  6. Das kann ich nicht verstehen, wo ist denn das Problem. Die Kinder gehen ganz selbstverständlich mit ihrer Krankheit um und da sollten die Erwachsenen kein Problem daraus machen und sich informieren und sie so nehmen wie sie sind. Ich hatte früher , als ich noch Trainerin im Handball war, auch ein Kind mit Diabetes. Das hat sich den Blutzucker auch selbst kontrolliert und für die anderen Kinder war das auch ganz interessant, sie haben die ersten Male zugesehen, nachgefragt und danach war das alles für sie selbstverständlich. Ich war informiert von der Mutter und das reichte mir. Ich hatte Diabetiker in der Familie und sah das nicht als ein Problem an und so sollte es überall sein. Kindergartenleitung und Mitarbeiter des Jugendamtes sollte man (wenn sie sich so querstellen) zu einem Seminar schicken über Diabetes, da ihnen ja wohl die Aufklärung fehlt.

    • Die betroffenen Kinder gehen auch ganz selbstverständlich damit um. Für sie ist die Zuckerkrankheit kein Problem, aber für die anderen. Deswegen bekommen sie keine Lehrstelle, werden nicht eingeladen und auch anderweitig ausgegrenzt. Das ist nicht in Ordnung. Finde ich.

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