Wochenende in Wolfenbüttel

An diesem Freitag wird das nichts mit dem Feierabend. Der Mitbewohner fuhr mich heute morgen mit dem Auto zum Bahnhof nach Forchheim, damit ich in den Zug steigen konnte. Das junge Mädchen auf dem Nebenplatz hatte farblos glänzend lackierte Nägel, die oben mit einem dunklen Rand geschmückt waren, sie stieg aber bereits an der nächsten Station, in Erlangen, aus. Mein nächster Mitfahrer streichelte erst den rauen Stoff seiner Tasche, dann das geriffelte Styropor des Kaffeebechers, drückte mit beiden Daumen rund um den Deckel, damit dieser auch tatsächlich und sicher geschlossen sei, bevor er sein Smartphone griff und dieses zärtlich bis Nürnberg befingerte. img_20160916_150220

Die Menschen im ICE sind sämtlich verstöpselt und verkabelt, ich komme mir fast wie auf einer Intensivstation vor, auf der allerdings nichts blinkt und piept. Kurz vor Würzburg kommen drei junge Frauen ins Abteil, eine trägt eine Gardine wie einen Schleier, der von einem Blütenkranz gehalten wurde. „Kaffee? Brezel? Ich heirate nächste Woche, ich brauche noch Geld!“, ein älterer Herr spendiert ihr etwas, bekommt Brezel und Kaffee und wundert sich erst laut, als die Mädchen bereits außer Hörweite sind. Die Frau, die auf dem Sitz hinter ihm fährt, klärt ihn auf, dass das ein Junggesellinnenabschied war, sie hätte auch so etwas gehabt. Es ist nicht ganz klar, ob sie jetzt dem Herrn etwas erklärt oder zu ihrer Freundin auf dem Nebensitz spricht, es ist allerdings laut genug, dass alle mitbekommen, dass sie selbst damals mit Blinklichtern verkleidet war, zu ihrem Junggesellinnenabschied. Die Hochzeit war kurz darauf, 300 Leute zum Polterabend im Zelt mit DJ, die Hochzeit im Schloss und Feier im Tivoli. Den Ehering behielt sie, ließ ihn ändern und mit einem Stein versehen, den gravierten Namen auslöschen.

Als der ICE in Würzburg hält, sucht ein älteres Paar seine reservierten Plätze, hält alles auf, lässt Kofferträger rückwärts gehen, da der Mann mit seinem Krückstock fuchtelt und raumgreifend Platz braucht. Endlich – mit Hilfe der anderen Mitreisenden – wird der Platz identifiziert und – ist besetzt. Die Passagiere müssen ihn räumen, der Alte will seinen Platz und motzt noch eine Weile vor sich hin, während er seiner Frau Anweisungen gibt: Er will jetzt was essen und trinken, packt die belegten Brote aus dem Butterbrotpapier und redet grummelnd weiter, während er kaut.

In Göttingen steige ich um. Auf dem Bahnsteig sehe ich, dass der hintere Teil des Zuges qualmt und Rauch von unten, von den Rädern oder irgendwo aufsteigt und alles einhüllt, fast so, als säße unten ein kleiner Drache oder wie früher der Dampf in der Leitung. Die beiden Zugbegleiter laufen außen entlang, leuchten mit einer Taschenlampe unter den Zug, verlangen am Telefon, dass der Zugführer kommen möge, doch der meldet den Zug abfahrbereit, bleibt aber noch zehn Minuten lang stehen. Ich muss auf den nächsten ICE warten, der vom gleichen Gleis fahren soll und – da ja dieses noch besetzt ist – irgendwo vor dem Bahnhof warten muss.

Auf meinem reservierten Platz sitzt schon jemand, muss Kaffeebecher, Papier, Tasche und sonstiges Geraffel zusammenkramen, bevor ich mich setzen kann. Leider sehe ich keinen anderen freien Platz auf den ich mich sonst setzen könnte. „Noch jemand zugestiegen?“ fragt der Schaffner, prüft den ausgedruckten Zettel, der als Fahrschein dient: „Nach Wolfenbüttel? Dann machense das mal!“ Kurz hinter Göttingen hält der Zug im Tunnel, weil ein Zug vor uns steht, wie die Durchsage erklärt. Das wird hoffentlich nicht der ICE nach Hamburg sein, aus dem ich gerade stieg und der weiterfuhr, obwohl es qualmte? Im nächsten Tunnel wieder Halt, weil Gegenverkehr. Hier sei die Strecke eingleisig, erklärt die Stimme aus dem Lautsprecher. Ein Halt mit Aussicht auf Landschaft wäre mir ja lieber, als so ein Blick in den finsteren Tunnel. Eine Reisegruppe in der Sitzgruppe vor mir plaudert, lärmt und lacht, sekt-, wein- und kaffeeselig im Ruheabteil.

Von der großzügigen Umsteigezeit ist in Braunschweig kaum noch etwas übrig, der Regionalzug nach Goslar über Wolfenbüttel stand schon bereit und fuhr bald ab.

In Wolfenbüttel steige ich aus, orientiere mich kurz, wo der Bus fahren soll, halte inne: Dieser soll zwanzig Minuten für einen halben Kilometer brauchen? Da laufe ich ja zu Fuß schneller, selbst mit Köfferchen.

Jetzt sitze ich in der Schünemannschen Mühle, in einer halben Stunde beginnt das Wochenende, das hier arbeitsreich sein wird. Mit der Klingel, die deswegen „außer Betrieb“ ist, reihe ich mich bei Frau Tonaris Freitagsgeklingel ein.

3 Gedanken zu „Wochenende in Wolfenbüttel

  1. Liebe Jaelle,
    was für eine erstaunlicher Bericht:
    Eine Reportage „wie das Leben“ sie schreibt. Klasse!
    Mit der Bahn zu reisen, ist wirklich ein Erlebnis und wenn man viel Glück hat, auch ein schönes. Leider hat man recht selten Glück, gell.
    Lieben Gruß
    moni

  2. Es war wunderbar, mit Dir zu reisen. Zugfahrten sind bestens geeignet, andere Mitreisende zu beobachten.
    Dein gezeigter Brandmelder passt ja gleich im doppelten Sinne:
    Zum einen wegen der Rauchs unterm Zug und zum anderen wegen der Außerbetriebsetzung Deines Wochenendes.
    Ich hoffe, dass Du dennoch in Wolfenbüttel ein paar schöne Stunden haben wirst.

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