Zu Besuch bei Kurfürst Max Emanuel #Tweetwalk

Ich bekomme eine Einladung und finde mich prompt vor meinem Schrank wieder: Was, um Himmels Willen ziehe ich an? Schließlich geht es nicht zur Freundin, die mich auch in Jogginghose ertragen würde, sondern zu Max Emanuel, Kurfürst in Bayern, der sich einst so viele Aussichten auf die kaiserliche Würde ausrechnete, dass er im spanischen Erbfolgekrieg lieber auf der Seite der Franzosen focht, statt die verbündeten Habsburger zu unterstützen. Das musste er teuer bezahlen – doch ich fange lieber von vorne an:

Max Emanuel lud nach Schleißheim ein, in seine barocke Sommerresidenz, großzügig erbaut und eines künftigen Kaisers würdig. Vorbild war – hier gilt klotzen, nicht kleckern – das Schloss von Versailles.

Der Kies auf dem Weg zum Schloss knirscht unter meinen Füßen, die Wachen präsentieren das Gewehr, die große Eingangstür öffnet sich wie von Zauberhand. Obwohl ich keinen Musiker sehen kann, spielt leise Musik zum Empfang. Max Emanuel ist Herrscher von Gottes Gnade – und jeder Stein, jedes Bild, jeder Blick im Schloss unterstreicht diesen Anspruch.

Eingangshalle im Schleißheimer Schloss

Ich gehe, nein, ich flaniere die pompöse Treppe hinauf, die einem Triumphbogen gleich in die Höhe führt. Da die Säulen und Räume der ersten Etage so hoch sind, dass sich Menschen wie ich wie kleine Kinder vorkommen, muss die Treppe etliche Meter überwinden.

Max Emanuel (im blauen Mantel) bekommt als Aeneas den Schild überreicht.

Hoch von oben schaut Max Emanuel als Aeneas auf mich herab: Er bekommt von Venus den Schild überreicht, mit dem er achillesgleich in die Schlacht von Troja ziehen will. Max Emanuel zog ebenfalls in die Schlacht, 1683 kam er dem Kaiser in Wien mit 11.000 Soldaten zu Hilfe, als die Türken vor der Stadt lagerten. Der türkische Chronist schrieb später über diese Schlacht:

„Die Giauren [Ungläubige, christliche Truppen] tauchten mit ihren Abteilungen auf den Hängen auf wie Gewitterwolken, starrend vor dunkelblauem Erz. Mit dem einen Flügel gegenüber den Walachen und Moldauern an das Donauufer angelehnt und mit dem anderen Flügel bis zu den äußersten Abteilungen der Tataren hinüberreichend, bedeckten sie Berg und Feld und formierten sich in sichelförmiger Schlachtordnung. Es war, als wälze sich eine Flut von schwarzem Pech bergab, die alles, was sich ihr entgegenstellt, erdrückt und verbrennt.“

Die Fresken an Treppe und Wänden zeigen Waffen und die von diesen besiegten Türken, Feindbilder in orientalischer Tracht. Oben im Saal begrüßt mich die Garde und führt mich zum Kurfürst, ER sitzt – gerade einmal 26 Jahre alt – lässig auf seinem Thron, den Kommandostab noch in der Hand und den türkischen Sultan zu seinen Füßen. Max Emanuel hatte sich als jugendlicher Ungestüm nicht etwa vornehm aus der Schlacht zurückgehalten und diese von der Ferne aus befehligt, nein, er war mitgeritten, hatte selbst vor Belgrad mitgekämpft und war sogar verwundet worden. Da er in seinem blauen Mantel von allen Seiten gut zu sehen war, verliehen ihm die Türken den Namen „blauer König“. Warum gerade blau, frage ich Max, er grinst und erinnert mich an den Mantel der Patronae Bavariae. Der sei ja schließlich auch blau – und sicher ist sicher.

Max Emanuel als siegreicher Feldherr. Noch.

Zu dieser Zeit war Max Emanuel – auch darin ein Kind seiner Zeit – mit Maria Antonia von Österreich verheiratet, Tochter des Kaisers und Enkelin von Karl II., dem spanischen Herrscher. Dieser ernannte ihn zum Generalstatthalter der spanischen Niederlande, glücklicherweise, denn dorthin konnte Max Emanuel später flüchten, nach seiner Niederlage im spanischen Erbfolgekrieg. Doch so weit war es noch nicht: Max Emanuel und Maria Antonia hatten einen Sohn, Joseph Ferdinand. Dieser wurde von Karl II. als Universalerbe des spanischen Weltreichs bestimmt. Leider starb das Kind 1699, ob tatsächlich durch Gift, wie es damals gemunkelt wurde, das lässt sich heute nicht mehr klären.

Die Galerie in Schloss Schleißheim.

Kurze Zeit später begann der Krieg um die spanische Erbfolge, immerhin ging es um riesige Gebiete, um Kolonien in Amerika und somit um Gold, Geld und Einfluss. Max Emanuel hat gut ein Vierteljahrhundert lang in Kriegen verbracht, leider nicht immer erfolgreich. Nach dem verlorenen Erbfolgekrieg – er unterstützte die Franzosen und verriet damit seine langjährigen Verbündeten in Österreich – musste er ins niederländische Exil. Derweil herrschten die Habsburger in Bayern – und zwar so, dass sich die Bevölkerung verzweifelt wehrte und es zur Sendlinger Blutweihnacht kam.

Max Emanuel in ganzer Pracht.

„Die Bayern waren heilfroh, als ich wieder zurückkam und das Zepter übernahm“, nickte Max Emanuel. Das Schloss in Schleißheim konnte fertig gestellt und eingerichtet werden. In der 57 Meter langen Galerie versammelte der Kurfürst ein Gemälde neben dem anderen, legte damit den Grundstein für die Alte Pinakothek. Er zeigt mir die Bilder und verliert sich im Schwärmen. In den Niederlanden hatte er gekauft, was er kriegen konnte: Zwölf Bilder aus dem Nachlass von Peter Paul Rubens, 13 von Van Dyck und so weiter: „Die Gelegenheit war günstig“. Die bayerischen Staatsfinanzen? Max Emanuel winkt ab. Kleinigkeiten. Doch als der Kurfürst im Alter von 64 Jahren starb, war der jährliche Etat des Staatshaushaltes gleich 26fach überzogen. „Ihr seht das alles so eng“, wies Max Emanuel darauf hin, dass wir sonst heute weder die Gemälde noch das Schloss mit seiner Gartenanlage bewundern könnten.

Wir verlassen die Prunkräume und werfen einen Blick hinter die Kulissen. Über schmale Stiegen geht es hinaus aufs Dach. Es riecht nach Kalk und im Dachstuhl hat jedes Jahrhundert seine Spuren hinterlassen. In den Zwischengeschossen und im Dachgeschoss war damals das Gesinde untergebracht. Auch galt die Rangordnung: Wer höher gestellt war, durfte weiter unten wohnen. Zwar glichen die Kammern im Erdgeschoss lichtlosen Verliesen, blieben jedoch auch im heißen Sommer kühl. Im Speicher dagegen hausten die einfachen Stallburschen, vielleicht kamen sie hier sogar mit ihren Familien unter. „Wer für mich gearbeitet hat, dem ging es gut“, ist sich Max Emanuel sicher.

Blick durch das Fenster aufs Gartenparterre.

Von oben haben wir einen großartigen Blick auf das Gartenparterre, deren barocke Struktur im Ungefähren über die Jahrhunderte hinweg erhalten blieb. Wie aufwändig diese heute in die (fast) ursprüngliche Fassung wieder zurückversetzt wird, erklärt nicht der Kurfürst, sondern der oberste Gärtner, der begeistert über die Zahlen und Berechnungen referiert, die dieser Anlage zugrunde liegen. 60.000 Pflanzen gilt es jährlich zu setzen, zu jäten, zu hegen und zu gießen: „Zu Max Emanuels Zeiten war das Personal deutlich billiger“, seufzte der Gärtner.

Blick vom Schlossdach auf die Gartenanlage.

Wir gehen wieder nach unten, lustwandeln durch die Bosquette, einen im französischen Stil angelegten Lustgarten, kommen von dort in den Obstgarten. Obstbau, Ackerbau und Viehzucht wurde hier für die Versorgung der fürstlichen Tafel betrieben, allein der Garten mit den alten Obstbäumen blieb. Äpfel, Zwetschgen, Quitten, Birnen, es duftet süß. Max Emanuel drückt mir einen Apfel in die Hand: „Probier mal!“ Der Lederapfel sieht seltsam aus, doch er schmeckt einfach unglaublich aromatisch. Warum gibt es solche Äpfel wie die Renette, den Roten Stettiner oder Gloria Mundi heute nicht mehr zu kaufen? Dochdoch, versichert der Kurfürst. Dafür müsse ich nur zur Erntezeit zum Schloss kommen und könne die Früchte ebenso kaufen, wie den aus ihnen gebrannten Klaren.

Max Emanuel lud in seine Küche ein, die in den Kellerräumen lag. Hier sind noch die alten Öfen zu sehen, auf denen die Gerichte nach dem Transport wieder erwärmt wurden. Gekocht wurde im anderen Schloss, erklärte der Kurfürst: „Ich mag es nicht, wenn es überall nach Essen riecht!“

Alter Ofen zum Speisenaufwärmen, sozusagen Mikrowelle im Barock.

Wie kam ich zu dieser Einladung? Ich erhielt im Oktober eine Einladung zum Tweetwalk , war dieser gefolgt und bekam gemeinsam mit anderen Bloggern und Twitterern eine Führung durch Schloss, Garten und Obstgarten.

Tweetwalk in Schleißheim.

Verbunden mit: Schlösser Schleißheim 

Sunny und ihrem Thema Besuch. 

8 Gedanken zu „Zu Besuch bei Kurfürst Max Emanuel #Tweetwalk

  1. Liebe Sylvia,

    soooo schööön erzählt – du hast mich nochmals in den Oktober zurückgeworfen … nein … tatsächlich reiste ich mit dir erneut zu Max Emanuel – klasse beschrieben!
    Ereignisse vergehen, schöne Momente werden dann so festgehalten, wie du es für uns getan hast – ich bin begeistert! Dein Zwiegespräch mit dem „Blauen Kurfürsten“ ist wunderbarer Geschichtstoff.
    Ein herzliches Dankeschön dafür!

    Liebe Grüße
    Tanja

  2. Pingback: Tweetwalk #Lustwandeln in Schleißheim - Gast beim "Blauen Kurfürsten"

  3. Hallo Jaelle,

    Max Emanuel hatte euch ja ordentlich was zu erzählen. Klingt so, als sei euch die zeit wie im Flug vergangen. So ein Mann von Welt der, Kämpfen kann, ein Auge für Kunst hat und einen guten Apfel zu schätzen weiß ist eben auch höchst unterhaltsam.
    Danke für die kleine Zeitreise.

    Liebe Grüße
    Sandra

  4. Hallo Jaelle,

    vielen Dank für die wunderbaren Eindrücke. Erstaunlich, aus wieviel verschiedenen Blickwinkeln unser gemeinsamer Nachmittag reflektiert wird. Herzerwärmend jetzt, im strengen November …

    Beste Grüße,
    Anne

  5. Hallo Sylvia,
    dein Text ist ein schönes Beispiel, wie man „Geschichte erzählen“ (und dazu mit qualitätsvollen Fotos gut illustrieren) kann. Es ist ja wirklich so, dass man in Schleißheim den einstigen Hausherrn fast um sich spüren kann, vielleicht auch deswegen, weil das Schloss touristisch (noch) nicht so überlaufen ist.
    Es grüßt herzlich aus München
    Stefan

  6. Hallo Sylvia,

    dein Beitrag ist wirklich sehr schön geschrieben – da möchte man gar nicht mehr mit dem Lesen aufhören. Hat dir eventuell der Kurfürst Max Emanuel das verschollene Rezept für den Schleißheimer Käse verraten? Das würde mich sehr interessieren…

    Vielen lieben Dank, dass du mit uns zusammen durch Schleißheim gelustwandelt bist!

    Mit lieben Grüßen aus dem Schloss Nymphenburg

    Gesine von der Schlösserverwaltung

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