Zum Meer gehen

Immer war schon jemand vor mir da, deswegen gehe ich weiter den Strand entlang, immer noch ein Stück weiter und noch ein Stück, aber die Spuren, die ich sehe führen noch weiter und hören überhaupt nicht auf, obwohl hier der Spülsaum ist, von dem sie doch regelmäßig entfernt werden, ausgelöscht, so wie meine Spuren später auch, spätestens um kurz vor fünf.

Das Meer hat mir noch nie gefehlt, obwohl ich als Kind die Geschichten las, aus dem alten Buch, das vom Großvater war, glaube ich, von Ekke Nekkepen und Inge von Rantum, ich wusste nur Nordsee und das war sagenhaftes Märchenland, schien unerreichbar, wie so vieles andere auch.

Jetzt bin ich hier, in Wirklichkeit, in der Wirklichkeit, die anders aussieht, als ich sie mir seinerzeit, damals als Kind also, so ausgemalt. Hier ist kein weißer Strand, hier ist gar kein Strand, hier ist ein halb-und-halb, ein irgendwie, ein nicht-mehr-Land und noch-nicht-Meer, ein nicht fassbarer Übergang.

In der Dunkelheit ragen die Dünen wie graue Aschehügel auf, abgekippte Reste, achtlos zusammengeschoben, wie die alten Müllkippen von früher, auf denen die Reste schwelten und brannten.

Der Strand, der Rand der Erde, hier, jetzt und heute ist kahl, wollig, struppig, der Teer faltig wie alte Haut oder alter Pudding, kalt mit Faltenkräuselhaut, zäh wie Gummi.

Am Horizont hängt Nebel, verhüllt die Sicht, verhindert Weite in jeder Richtung, hier sitze ich fest, nein, hier stehe ich und kann nicht weiter, komme nicht weg.

Das Gras unter den Füßen federt, der Strand ist so trügerisch wie meine Erinnerungen, alles rutscht und gleitet, auch die Schuhsohlen über den Asphalt, dort, wo der Seetang liegt ist kein Halt, es ist nass und rutschig und als ich nicht achtgebe, rutsche ich aus, falle auf die Knie, stehe auf, rutsche noch einmal weg. Der Boden trägt nicht, trägt mich nicht sicher und aus den Muscheln, die geschlossen reiche Schätze versprechen, rieselt nur ein wenig Sand, auch die Krabbenpanzer liegen leer.

Ich bin auf der Suche, auf der Suche nach Schalen mit und ohne Inhalt, hier am Ufer von Sylt, das keines ist, sondern ein Wechselbad, ein Wechselbalg, eine schwankende Angelegenheit, der ich nicht trauen und auf der ich nicht gründen kann. So wie Erinnerungen nicht zu trauen ist. Das Gras liegt wie zerrupfte Wolle vor mir, ich ziehe, halte einen Faden in der Hand, knote ihn an den nächsten, weil neues Einfädeln schwerer ist und webe ein neues Kleid, mit dem Duft nach fauligem Fisch und Schlick.

Ich vergleiche das, was ich hier sehe, mit dem Bild, das ich von den Sylter Nordsee-Sagen habe – und weiß nicht, ob der Großvater je hier gewesen, er hätte ja gekonnt, irgendwann so sehr viel früher.

Dass er dagegen an der Ostsee war, ist sicher, das gehört zum Erzählbaren, zu den Erinnerungen, von denen es Beweise gibt, Fotos.

2 Gedanken zu „Zum Meer gehen

  1. Mir, liebe Jaelle, hat das Meer immer gefehlt, vor allem auch die Nordsee, weil ich in einem kleinen Dorf in Schleswig-Holstein meine Kindheit verbrachte. Ich habe traumhaft schöne Urlaube in Lökken/ Dänemark verbracht und in St. Peter Ording, beides Orte mit endlos langem, breitem Strand und schönem Sand. Vielleicht warst Du zur falschen Jahreszeit da, schade für Dich. Am meisten erstaunt hat es mich, dass es um Sylt geht. Deinen Text finde ich trotzdem ganz toll. Liebe Grüße und einen schönen Abend Edith

    • Liebe Edith, ja, ich bin auf Sylt und die Jahreszeit ist durchaus passend. Schließlich schreibe ich hier, und grabe dazu in Erinnerungen herum. Und so nähere ich mich meinem Thema und dieser mir unbekannten Insel, bin neugierig darauf, wo es mich hinträgt und was daraus wird. Sonntag geht es zurück, vielleicht gibt es wenigstens einen Tag, an dem der Himmel zu sehen ist.
      Viele liebe Grüße
      Jaelle

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