Knutschkugel, Verwandlung, Beichtstuhl #abc.etüden

Siggi schüttelte das brüllende Baby: „Du machst mich fertig!“ und bekam prompt einen Schwall saurer Milch über ihr Shirt. Die Verwandlung in eine liebevolle Mutter war einfach nicht geglückt. Die Tochter ähnelte mit ihren struppig-zerzausten Haaren, den abstehenden Ohren und den aufgeworfenen Lippen eher einem Gnom als einer Knutschkugel und schluchzte auch dann noch, als Siggi die Windeln wechseln wollte und in die leere Tüte griff: „Dann kack halt weniger“, empfahl sie ihr kurzerhand und packte das Baby ins Bett.

Sie schloss die Tür und ging in die Küche zurück, in der noch die eingetrocknete Kaffeetasse vom Morgen auf dem Küchentisch und zwei halbleere Milchfläschchen in der Spüle standen, holte eine Dose Linsensuppe aus dem Schrank, füllte die Hälfte in einen Teller und ließ ihn für einen Moment in der Mikrowelle kreisen, bevor sie gierig die Suppe löffelte und dabei in ihrem Roman versank.

Sie hätte abtreiben sollen. Da sie ohnehin an Wiedergeburt glaubte, hätte sie auch nichts im Beichtstuhl erzählen müssen. Als sie bei ihrem Vater anrief: „Ich brauch Geld“, ließ dieser sie kurzerhand abblitzen. „Dafür ist jetzt dein Mann zuständig“.

„Der will doch nur an unser Vermögen“, hatte die Mutter geurteilt, damals, als Siggi ihr stolz von der Schwangerschaft und den Hochzeitsplänen erzählte. Und jetzt saß sie da, zuckte bei jeder Berührung von Mann und Kind zusammen, ganz so, als würden sie ihr jedes Mal einen Stromschlag verpassen.

Verbunden mit: Irgendwas ist immer, die drei Worte der abc.etüde waren in dieser Woche: Knutschkugel, Verwandlung, Beichtstuhl.

Heiligenschein, Frequenz, erleichtert: #abc.etüden

Bin ich nicht die Schönste? Mähähähäh.

„Dein Papa braucht keinen Heiligenschein mehr“, schmeichelte die alte Hexe dem kleinen Mädchen. „Schau mal, er interessiert sich überhaupt nicht mehr für dich“.

„Aber ich möchte doch so gerne seine Prinzessin sein.“

„Papperlapapp“, winkte die Hexe ab und raunte: „Dafür schenke ich dir ein Zauberkästchen, in dem alle deine Freunde versammelt sind. Immer wenn du dich einsam fühlst, schaust du in das Kästchen hinein. Alle deine Freunde können dich dann sehen und dir erzählen, wie toll du bist.“

„Aber…“

„Wenn es dir nicht reicht, einmal in der Stunde hineinzuschauen, erhöhst du einfach die Frequenz“, bügelte die Hexe jeden Einwand ab.

Sie wagte einen letzten Protest: „Aber ich hab ihn doch lieb!“

„Ha, Dummerchen“, lachte die Hexe erleichtert auf: „Was zählt schon die Liebe, wenn du dir dafür alles kaufen kannst.“

Verbunden mit: Irgendwas ist immer. 

Die heutigen Worte waren „Heiligenschein, Frequenz, erleichtert“.

Buddelkiste, schwadronieren, Tanzbein #abc.etüden

„Richtig, Willi hieß ihr Mann: Immer unterwegs und – wenn ich das mal so sagen darf – anbrennen hat der nichts lassen“, schwadronierte der Hausmeister und flüsterte dabei so laut, dass die Wohnungstür für den Schall kein Hindernis darstellen würde, sinnierte Herr Tausendschön, bevor er ihn unterbrach:
„Jetzt lassen Sie’s mal gut sein, einem Toten müssen wir ja nichts Schlechtes sagen“, verabschiedete er den Hausmeister: „Sie haben sicher noch etwas zu erledigen“. Tausendschön seufzte. Als er das große Haus von seinem Vater erbte, hatte er sich ein kleines Refugium unter dem Dach eingerichtet, nichtsahnend, dass ihn die Hausbewohner künftig an allen Kümmernissen und Zankereien beteiligen würden, allein deshalb, weil sie ihn schon als kleinen Jungen in der Buddelkiste auf dem Hof erlebt hatten.

Plüsch in der Stube.

Vor Frau Raschs Wohnung blieb Herr Tausendschön stehen und klopfte. Frau Rasch öffnete ihm so rasch, als hätte sie direkt hinter der Tür auf ihn gewartet: „Kommen Sie, kommen Sie ruhig rein“. Herr Tausendschön folgte, trat über die Schwelle und landete in einer vollgestellten plüschigen Dämmerung, in der er Mühe hatte, sich zu orientieren. Aus einem alten Radio dudelte diese Art von Tanzmusik, über die sein Vater immer „das Tanzbein schwingen“ geurteilt hatte, während er in unheilvollem Ton darüber sprach, was frivole Mädchen mit so anständigen Jungs „wie du einer bist“, vorhätten. Aber Frau Rasch war doch – war sie nicht älter als er, viel älter sogar?

Verbunden mit: Christianes abc.etüden. 

Es gilt, die drei vorgegebenen Worte zu einer kleinen Geschichte mit maximal zehn Sätzen zu formulieren…

Mondsichel, Zäsur, kontrollieren #abc.etüden

Der Hausmeister brauchte fast eine halbe Stunde, in denen er sich sämtliche Kümmernisse, die im die Mieter so bereiteten, von der Seele redetem, bis er endlich zum entscheidenden Punkt kam:
„Wollen Sie wirklich für Frau Rasch einen neuen Wäscheständer kaufen?“

Der Hausmeister seufzte lang und tief: „Die macht mich noch wahnsinnig. Sie kontrolliert alles, sagt sie. Aber das stimmt nicht. Seit ihr Mann auf dem Friedhof liegt, geistert sie nachts durchs Haus, ganz egal ob der Vollmond hell vom Himmel leuchtet oder eine schmale Mondsichel durch die Dunkelheit scheint.“

Herr Tausendschön klopfte dem Hausmeister anerkennend auf die Schulter, doch dieser war noch nicht fertig mit seiner Geschichte: „Frau Rasch läuft durch das Haus, vom Kohlenkeller bis nach oben, dort, wo früher, vor der Zäsur, der Taubenschlag war. Dabei ruft sie immer nach Manfred.“

Herr Tausendschön unterbrach den Hausmeister: „Hieß ihr Mann nicht Willi?“

Die anderen Etüden gibt es wie immer bei Christiane zu lesen.

einzigartig, Straßenschlucht, Achterbahn #abc.etüden

Herr Tausendschön seufzte leise. Es schien egal, wie leise er die Haustür öffnete und die Treppe nach oben schlich: Gelangte er zum zweiten Absatz, öffnete Frau Rasch ihre Tür und jammerte: „Herr Tausendschön, mein einzigartiger Wäscheständer ist weg“.

„Frau Rasch, er wird im Keller auf sie warten“.

„Der Hausmeister hat ihn neulich beim Altmetallhändler auf das Auto geworfen, als dieser durch unsere Straßenschlucht kam. Ich hab alles von oben beobachtet und seitdem benimmt sich mein Blutdruck wie eine Achterbahn: Es geht immer auf und ab!“

In die kurze Pause, die sich nur deswegen ergab, weil auch Frau Rasch einmal Luft holen musste, klappte unten leise eine Tür. Frau Rasch winkte ab, drehte sich um, verschwand in ihrer Wohnung und zog die Wohnungstür hinter sich zu.

„Ich hab den Schrott aus dem Keller entsorgt, so wie Sie das gewünscht haben“, wieselte der Hausmeister durch das Treppenhaus, seinen unvermeidlichen Putzlappen in der Hand: „Jetzt macht nur die Rasch Ärger und behauptet, das verrostete Drahtgestell wäre ihr Wäscheständer“.

Die Katze schläft auf dem Wäscheständer

„Wenn das so ist, kaufe ich ihr einen neuen“, seufzte Herr Tausendschön, getrieben von seinem Wunsch nach Ordnung und Ruhe.

Verbunden mit: Christianes abc.etüden.

Vogelnest, sinnlos, Auftritt #abc.etüden

Wagt sich ein Vogeljunges noch ohne Schwanzfedern vorwitzig aus dem Vogelnest, ist der Auftritt oft nur kurz – und die ganze Mühe der Aufzucht war für die Vogeleltern sinnlos. Stattdessen freut sich die Katz, der Marder oder wer auch immer den Weg des Vogeljungen kreuzt, leckt sich den Bart nach verputztem Piep und wartet, ob noch weitere dieser Leckerbissen quasi vom Himmel fallen würden.

„Der Natur ist das gleich-gültig“, murmelte Karl-Heinz hinter seiner Kaffeetasse: „Steckst du mal noch ein Brot in den Toaster?“

„Die tun mir aber so leid“, jammerte Liese.

Eine Goldammer auf dem Balkon.

„Du kannst sie ja im nächsten Jahr katzensicher im Vogelkäfig einsperren“, ließ sich Karl-Heinz nicht beeindrucken: „Aber dann musst du sie auch selbst mit den Fliegen und Mücken füttern. Ich mache das jedenfalls nicht“, stellte er klipp und klar fest, während seine Liese die fedrigen Überreste der kleinen Opfer von der Terrasse sammelte.

Verbunden mit: Christiane lädt einmal in der Woche zu den abc.etüden ein. Dort sind noch viel mehr Geschichten versammelt, die alle die von Karin gespendeten Worte Vogelnest, sinnlos und Auftritt verbasteln.

Badesalz, flundernplatt, Lehrmeister #abc.etüden

„Hey! Nicht das Wasser streicheln!“ Micha war zwar nur Rettungsschwimmer, spielte aber gerne Lehrmeister, wenn er sah, dass ein junges Mädchen beim Schwimmen die Arme nicht korrekt nach unten, sondern weit zur Seite hin bewegte. Während die von ihm respektlos als Haubentaucher titulierten alten Damen ohne Unterbrechung lange und ausdauernd ihre Bahnen zogen, dauerte es bei dem jungen Mädchen nicht lange, bis sie flunderplatt aus dem Wasser stieg und zu ihrem Handtuch gehen wollte.

„Ist dir kalt?“ fragte er dann, immer bereit, sie in seine warme Jacke zu packen. Er trug sie überhaupt nur deswegen, damit er die Mädchen in seine Wärme hüllen konnte. Sie sahen dann so dankbar aus: „Wenn du das nächste Mal schwimmen gehst, sag Bescheid, dann schütte ich Badesalz ins Wasser. Das trägt dich so sicher, dass du dich einfach auf den Rücken legen kannst, wie im Toten Meer“.

Im Freibad.

Das Mädchen ließ mit einer leichten Seitwärtsbewegung einfach die Jacke von sich gleiten, so dass sie ins Wasser fiel. Micha war baff. Er schaute zu, wie seine Jacke taumelnd auf dem Boden des Schwimmbeckens landete, bevor er selbst mit einem Kopfsprung abtauchte, sein Handy zu retten.

Verlinkt mit: abc.etüden. 

Dort gibt es noch viel mehr Geschichten rund um die drei Worte: Badesalz, flundernplatt und Lehrmeister.