Stilblüte, banal, jodeln #abc.etüden

Egal wie banal der Streit um manche Dinge auch war, eines war sicher: Wurde Harri lauter, flitzte Siggi und schloss sämtliche Fenster des Hauses:
»Die Nachbarn.«
»Mich interessieren die Nachbarn nicht, mich interessiert, wieso das Konto schon wieder überzogen ist!«
»Das weiß ich doch nicht«, pampte sie zurück und überlegte, ob Harri die zwei neuen Blusen im Schrank gefunden hatte. Deren Etiketten hatte sie vorsichtshalber direkt in der Mülltonne versenkt und den Müllbeutel aus der Küche noch obenauf gepackt.
Harri wedelte mit der Heizölrechnung: »Der Kühlschrank ist leer und die Rechnung muss bezahlt werden. Wenn du in den nächsten zwei Wochen nicht von trocken Brot und Finkensirup leben willst, solltest du mal deinen alten Herrn um Geld bitten.«
»Das kann ich nicht«, wehrte sie ab.
»Du kannst dich selbstverständlich auch in die Fußgängerzone stellen und jodeln«, schlug Harri vor, »Stilblüte hin oder her. Dann ist dein Jodeldiplom wenigstens zu etwas nütze.«

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Es gilt, die drei Worte „Stilblüte, banal und jodeln“ in maximal zehn Sätzen unterzubringen.

Chinareise, krabbeln, Ahornblatt #abc.etüden

Seit Siggi wusste, dass Harri mit seinen Kollegen eine Chinareise gebucht hatte, litt sie unter Herzrasen, sobald ihr Mann nicht in Hör- oder Rufweite war. Dass er morgens zur Arbeit gehen musste, machte es für sie nicht einfacher. Verließ er das Haus, drückte sie den Kindern fünf Euro in die Hand: »Kauft euch was zum Frühstück!« und legte sich erschöpft von der durchwachten Nacht eine Stunde lang in die Badewanne.
Mittags holte sie abwechselnd Döner, Hamburger und Bratwürstchen. Waren die Kinder in ihren Zimmern verschwunden und – Computer sei dank – für die nächsten Stunden beschäftigt, jammerte sie ihrer Mutter die Ohren voll: »Ich weiß nicht, was ich machen soll«.
»Das hast du dir selbst eingebrockt«, entgegnete ihre Mutter ungerührt: »Aber du wolltest ja nicht hören«.
Siggi schluckte den Widerspruch hinunter, er hätte nichts bewirkt. Vor ihrer eigenen Tür angekommen, stampfte sie wütend mit dem Fuß auf: Harri war noch nicht zurück. Sie rutschte auf dem gelben Ahornblatt aus, das der Wind vor die Schwelle gelegt hatte und die zwei Stufen der Treppe nach unten und blieb platt wie ein Käfer auf dem Rücken liegen. Selbst der Versuch zu krabbeln misslang.

Verbunden mit: Christiane und den abc.etüden. In dieser Woche waren Chinareise, Ahornblatt und krabbeln die drei Worte, die zu einer zehn-Satz-Geschichte verwoben werden wollten.

Hyperknall, Wanderdüne, pudelwohl #abc.etüden

„Wuff“, machte der Bernhardiner, steckte seinen Kopf in den Buggy und stupste das kleine Mädchen mit der Nase an.

„Wau-wau“, juchzte das Mädchen und patschte mit den Händen auf die Hundenase. Beide fühlten sich pudelwohl, wie es schien. Die Mutter griff jedoch entschlossen zum Halsband, zerrte den Hund vom Buggy und sah sich nach Herr- oder Frauchen um.

Siggi näherte sich mit der Geschwindigkeit einer Wanderdüne und blaffte die Frau an: „Lassen Sie den Hund los“!

„Nehmen Sie Ihren verdammten Köter gefälligst an die Leine!“, fauchte die Mutter zurück. Das Kind dagegen begann zu plärren, wollte es doch den gerade gewonnenen Freund nicht verlieren: „Wau-wau!“

Siggi hakte die Leine ein und sich selbst bei ihrem Mann: „Dass sich Menschen wegen nichts so aufregen!“

„Du hast ja wohl ’nen Hyperknall“, befreite er sich aus der Umklammerung: „Du kannst froh sein, dass der Köter nur gebellt hat!“

Verbunden mit: abc.etüden von Christiane, die drei Worte waren: Hyperknall, Wanderdüne und pudelwohl.

Laterne, herbstfarbenbunt, loslassen #abc.etüden

Das Auto hinter ihr hupte laut und ungeduldig, Siggi legte ihre Stirn auf die Hände am Lenkrad und schloss die Augen. Sie sah nicht, dass die herbstfarbenbunten Blätter der Kastanien auf der nassen Frontscheibe landeten, herabrutschten und liegenblieben, sie sah auch nicht, dass die Ampel längst auf Grün umgeschaltet hatte. Rechts und links dröhnten die dicken Busse so dicht vorbei, dass sie die Luft anhielt und darauf wartete, dass einer von ihnen die Kurve zu eng nehmen und sie mit ihrem kleinen Auto mitten auf die Kreuzung schieben würde. Als niemand mehr zu hören und sehen war, ließ sie das Lenkrad los, stieg aus, ging um die Ecke, kramte ihr Handy aus der Handtasche und rief Harri an: „Du musst kommen“.

„Wie stellst du dir das vor?“, fragte er: „Wir müssen in einer Viertelstunde los!“

„Wohin?“ Siggi schlug die Hand vor den Mund: „Ich hab die Laterne vergessen!“

„Du fährst deswegen los und vergisst sie?“

„Das Auto…“

„Ja, sicher, immer ist jemand anders schuld.“ Auch wenn sich Harri wünschte, dass er seine Wut einfach wie ein Drache ausspucken könnte, seufzte er nur leise:  „Ich geh dann mal mit den Kindern los, damit wir wenigstens pünktlich zum Umzug kommen.“

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Die drei Worte: „Laterne, herbstfarbenbunt, loslassen“ waren in zehn Sätzen unterzubringen.

Interpol, Trabantenstadt, Honigpumpe #abc.etüden

„Das kann nicht sein“, flüsterte Siggi fast tonlos. Nach dem Tod des Vaters hatte der Anwalt das Testament eröffnet und der Familie mitgeteilt, dass der Besitz unter den Brüdern verteilt worden war. Der Tochter blieb nur das alte Auto – und ein kleines Appartement in der Trabantenstadt, in guter Hörweite der Autobahn.

„Tja, Schwesterherz, die Honigpumpe wird jetzt abgestellt“, teilte der älteste Bruder grinsend mit und empfahl, ihren Krempel zusammenzupacken. „Ich schick dir nächste Woche einen kleinen Transporter, was da nicht drauf passt, kriegst du ohnehin nicht in die Butze rein.“

„Aber warum?“, Siggi war fassungslos.

„Ganz einfach, Schätzchen“, drehte sich ihr älterer Bruder noch einmal um: „Du hast jahrelang behauptet, dass du so arm wie eine Kirchenmaus bist. Da haben wir dafür gesorgt, dass es ab jetzt die Wahrheit ist.“

„Geh arbeiten“, empfahl der zweite Bruder: „Hast dich lange genug auf unsere Kosten ausgeruht. Und lass uns in Ruhe. Nach dir würde niemand suchen, auch Interpol nicht.“ 

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Quadratscheißer, postfaktisch, ergebnisoffen #abc.etüden

Auf Regierungen geb ich nix, verkündete Siggi, kurz bevor sie sich mit ihrem Wahlzettel hinter der Wand verzog: Die interessieren sich doch alle nur dafür, wie sie uns das Geld aus der Tasche ziehen.

Was die alles versprechen, nahm sie den Faden wieder auf, als sie auf dem Rückweg die lange Reihe der Wahlplakate passierten. „Neue Deutsche? Machen wir selber!“ war auf einem davon zu lesen. Wer androht, dass wir unsere Kinder alle selber machen sollen, kann gerne zur Geburt einen Backstein querscheißen, dann weiß er, wie sich das anfühlt, Siggi war ungehalten und Heini wagte nicht, ihr zu widersprechen. Er wusste, dass er sonst im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit stehen würde – und dort wollte er auf keinen Fall sein.

Was weiß ich denn, das ist doch alles, na, postfaktisch, so nennen die das heute, von keiner Erfahrung getrübt. Und einen Tag später haben sie ohnehin alles vergessen, ergebnisoffen, ja. Lass uns lieber noch zum Schorsch gehen, einen trinken. Wenn wir dann morgen einen Kater haben, dann wissen wir wenigstens, warum.

2017_39.17_zwei_lz | 365tageasatzaday

Verbunden mit: Christiane und den abc.etüden. Die drei gewünschten Worte dieser Woche waren: ergebnisoffen, postfaktisch und Quadratscheißer.

Knutschkugel, Verwandlung, Beichtstuhl #abc.etüden

Siggi schüttelte das brüllende Baby: „Du machst mich fertig!“ und bekam prompt einen Schwall saurer Milch über ihr Shirt. Die Verwandlung in eine liebevolle Mutter war einfach nicht geglückt. Die Tochter ähnelte mit ihren struppig-zerzausten Haaren, den abstehenden Ohren und den aufgeworfenen Lippen eher einem Gnom als einer Knutschkugel und schluchzte auch dann noch, als Siggi die Windeln wechseln wollte und in die leere Tüte griff: „Dann kack halt weniger“, empfahl sie ihr kurzerhand und packte das Baby ins Bett.

Sie schloss die Tür und ging in die Küche zurück, in der noch die eingetrocknete Kaffeetasse vom Morgen auf dem Küchentisch und zwei halbleere Milchfläschchen in der Spüle standen, holte eine Dose Linsensuppe aus dem Schrank, füllte die Hälfte in einen Teller und ließ ihn für einen Moment in der Mikrowelle kreisen, bevor sie gierig die Suppe löffelte und dabei in ihrem Roman versank.

Sie hätte abtreiben sollen. Da sie ohnehin an Wiedergeburt glaubte, hätte sie auch nichts im Beichtstuhl erzählen müssen. Als sie bei ihrem Vater anrief: „Ich brauch Geld“, ließ dieser sie kurzerhand abblitzen. „Dafür ist jetzt dein Mann zuständig“.

„Der will doch nur an unser Vermögen“, hatte die Mutter geurteilt, damals, als Siggi ihr stolz von der Schwangerschaft und den Hochzeitsplänen erzählte. Und jetzt saß sie da, zuckte bei jeder Berührung von Mann und Kind zusammen, ganz so, als würden sie ihr jedes Mal einen Stromschlag verpassen.

Verbunden mit: Irgendwas ist immer, die drei Worte der abc.etüde waren in dieser Woche: Knutschkugel, Verwandlung, Beichtstuhl.

Heiligenschein, Frequenz, erleichtert: #abc.etüden

Bin ich nicht die Schönste? Mähähähäh.

„Dein Papa braucht keinen Heiligenschein mehr“, schmeichelte die alte Hexe dem kleinen Mädchen. „Schau mal, er interessiert sich überhaupt nicht mehr für dich“.

„Aber ich möchte doch so gerne seine Prinzessin sein.“

„Papperlapapp“, winkte die Hexe ab und raunte: „Dafür schenke ich dir ein Zauberkästchen, in dem alle deine Freunde versammelt sind. Immer wenn du dich einsam fühlst, schaust du in das Kästchen hinein. Alle deine Freunde können dich dann sehen und dir erzählen, wie toll du bist.“

„Aber…“

„Wenn es dir nicht reicht, einmal in der Stunde hineinzuschauen, erhöhst du einfach die Frequenz“, bügelte die Hexe jeden Einwand ab.

Sie wagte einen letzten Protest: „Aber ich hab ihn doch lieb!“

„Ha, Dummerchen“, lachte die Hexe erleichtert auf: „Was zählt schon die Liebe, wenn du dir dafür alles kaufen kannst.“

Verbunden mit: Irgendwas ist immer. 

Die heutigen Worte waren „Heiligenschein, Frequenz, erleichtert“.

Buddelkiste, schwadronieren, Tanzbein #abc.etüden

„Richtig, Willi hieß ihr Mann: Immer unterwegs und – wenn ich das mal so sagen darf – anbrennen hat der nichts lassen“, schwadronierte der Hausmeister und flüsterte dabei so laut, dass die Wohnungstür für den Schall kein Hindernis darstellen würde, sinnierte Herr Tausendschön, bevor er ihn unterbrach:
„Jetzt lassen Sie’s mal gut sein, einem Toten müssen wir ja nichts Schlechtes sagen“, verabschiedete er den Hausmeister: „Sie haben sicher noch etwas zu erledigen“. Tausendschön seufzte. Als er das große Haus von seinem Vater erbte, hatte er sich ein kleines Refugium unter dem Dach eingerichtet, nichtsahnend, dass ihn die Hausbewohner künftig an allen Kümmernissen und Zankereien beteiligen würden, allein deshalb, weil sie ihn schon als kleinen Jungen in der Buddelkiste auf dem Hof erlebt hatten.

Plüsch in der Stube.

Vor Frau Raschs Wohnung blieb Herr Tausendschön stehen und klopfte. Frau Rasch öffnete ihm so rasch, als hätte sie direkt hinter der Tür auf ihn gewartet: „Kommen Sie, kommen Sie ruhig rein“. Herr Tausendschön folgte, trat über die Schwelle und landete in einer vollgestellten plüschigen Dämmerung, in der er Mühe hatte, sich zu orientieren. Aus einem alten Radio dudelte diese Art von Tanzmusik, über die sein Vater immer „das Tanzbein schwingen“ geurteilt hatte, während er in unheilvollem Ton darüber sprach, was frivole Mädchen mit so anständigen Jungs „wie du einer bist“, vorhätten. Aber Frau Rasch war doch – war sie nicht älter als er, viel älter sogar?

Verbunden mit: Christianes abc.etüden. 

Es gilt, die drei vorgegebenen Worte zu einer kleinen Geschichte mit maximal zehn Sätzen zu formulieren…

Mondsichel, Zäsur, kontrollieren #abc.etüden

Der Hausmeister brauchte fast eine halbe Stunde, in denen er sich sämtliche Kümmernisse, die im die Mieter so bereiteten, von der Seele redetem, bis er endlich zum entscheidenden Punkt kam:
„Wollen Sie wirklich für Frau Rasch einen neuen Wäscheständer kaufen?“

Der Hausmeister seufzte lang und tief: „Die macht mich noch wahnsinnig. Sie kontrolliert alles, sagt sie. Aber das stimmt nicht. Seit ihr Mann auf dem Friedhof liegt, geistert sie nachts durchs Haus, ganz egal ob der Vollmond hell vom Himmel leuchtet oder eine schmale Mondsichel durch die Dunkelheit scheint.“

Herr Tausendschön klopfte dem Hausmeister anerkennend auf die Schulter, doch dieser war noch nicht fertig mit seiner Geschichte: „Frau Rasch läuft durch das Haus, vom Kohlenkeller bis nach oben, dort, wo früher, vor der Zäsur, der Taubenschlag war. Dabei ruft sie immer nach Manfred.“

Herr Tausendschön unterbrach den Hausmeister: „Hieß ihr Mann nicht Willi?“

Die anderen Etüden gibt es wie immer bei Christiane zu lesen.