Versunkenheit #Leben mit Büchern

Tief in ein Buch versinken – und die Welt um sich herum vergessen.

 

Als Kind konnte ich tief in Bücher tauchen, zwischen Buchdeckeln wohnen, völlig egal, was um mich herum geschah. Meine Mutter fand das nicht immer lustig, vor allem dann nicht, wenn sie irgendwas hektisch packen wollte, wenn sie putzen wollte, na, eigentlich fast immer.

War ich bei den Großeltern zu Besuch, konnte ich ganze Tage und Nächte in der Dachkammer verbringen und ein Buch nach dem anderen lesen. In der Speisekammer gabs Brot und Speck, das hat mir gereicht.

Inzwischen tauche ich nicht mehr so leicht in Geschichten hinein, schließlich muss ich jetzt selbst sorgen und kochen. Auch die Katzen würden mir gewaltig was husten, wenn ich keine Näpfe fülle und das Klo nicht mehr richte. Als wir jedoch mit dem Schiff auf der Wolga unterwegs waren und die neverending Landschaft gemächlich vorbeiglitt, zog mich „Der Distelfink“ von Donna Tartt in seinen Bann. Dagegen konnte das ganze Spaßprogramm auf dem Schiff nicht mithalten, nein, da war nichts zu machen. Sobald das Schiff abgelegt hatte, lag ich in der Koje und las und las und las. Toll war das.


Frau Tonari wies heute darauf hin, dass es auf einem anderen Blog gelegentlich um Fotografien und Bücher geht, um das Leben mit Büchern: Kerki – Leben mit Büchern.

Da fiel mir die kleine Figur wieder ein, das Mädchen, das wir auf den Straßen von Sevilla fanden, die so tief in ihre Bücher versunken war, dass sie sich von nichts stören ließ.

Verbunden mit: Weekly Photo Challenge – Waiting. 

 

„Meine glückliche Familie“

Die entscheidende Frage stellt Manana, Lehrerin für georgische Literatur, erst ganz am Ende des Films, als sie ihren Mann fragt: „Wer bist du eigentlich?“

– und das nach vielen Ehejahren, die sie mit ihren inzwischen erwachsenen Kindern in der Wohnung mit ihren Eltern gemeinsam lebten.

Auch wer so dicht aufeinander wohnt, lernt sich nicht kennen, sieht nur die Hülle, das Äußere, auch manchmal nur das, was man sehen will, weiß nichts über die Wünsche, Sehnsüchte und Träume des Anderen, des Menschen neben sich, der doch ständig in Tuch- und Hautfühlung im Kontakt steht, der isst, sich wäscht, aufs Klo geht, hustet, niest. Doch selten gehen die Gespräche über das Alltägliche hinaus, es geht darum, wer das Hühnchen vom Markt mitbringt und wer die Gewürze, warum nimmst du den Fenchel und nicht den Dill?

Erst die energische Sicherheit einer jungen Frau, die – noch Schülerin und erst 17 Jahre jung – nach vier Wochen Abwesenheit zur Schule zurückkehrt und ihrer Lehrerin, ebenjener Manana, auf die Frage: „Warum?“erklärt, sie habe Probleme gehabt, jetzt sei sie geschieden. Wenn man so etwas ankündigt, muss man das durchziehen, setzt sich die junge Frau entschlossen von denen ab, die zwar große Töne spuckten, doch nicht den Mut aufbringen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Es ist der Vorabend ihres 52. Geburtstages, Manana sucht sich eine Wohnung. Die Vermieterin redet die Räume schön, der Blick fällt auf staubige Fensterscheiben, doch Manana reißt die Fenster weit auf, hört auf das fröhliche Zwitschern der Vögel und den Wind, übt Gitarre und singt georgische Lieder.

Die Familie kann es kaum glauben, als sie einfach mitteilt, dass sie nicht mehr mit ihnen leben möchte, der drangvollen Enge entflieht, sich von der eigenen dominanten Mutter trennt. Sie entzieht sich dem Gefüge der Familie, ihrer dort festgelegten Rolle, die ihr zwar Sicherheit bietet, in der sie jedoch nicht als sie selbst wahrgenommen wird.

Aus der sicheren Distanz nimmt sie weiterhin Anteil, emanzipiert sich, setzt sich zur Wehr – und behauptet sich gegen die häuslichen Tyrannen, für die das Leben immer so weiter gehen soll.

Es ist ein ruhiger Film, ein nachdenklicher Film, Manana wird mit ihrer wunderbaren Stärke ganz hervorragend und genau gespielt. Immer, wenn sie zurückkommt, hat sich das Leben in der alten Wohnung kein Stück weit verändert: Der Großvater denkt über den Tod nach, die Großmutter kümmert sich um das Essen, die bereits großen Kinder warten darauf, dass das Leben beginnt, der Ehemann raucht und die Tür am Kleiderschrank quietscht.

Immer, wenn Manana zurückkommt, sieht sie, dass ihre Entscheidung richtig war, richtig für sie – nicht für die anderen. Die Familie feiert ihre Verbundenheit und Wärme – Manana spürt den Druck und die Enge, die von ihnen ausgehen. Ebenso wie die Übergriffigkeiten, wenn die anderen – vermeintlich – besser wissen, was gut für sie wäre und die in allen so gut gemeinten Gesten steckt.

Klare Empfehlung: Sehr lohnenswert.

Link: Zum ZDF-Kinotrailer. 

Alexi Zentner „Die Hummerkönige“

Die Hummerkoenige von Alexi Zentner

Gilt schon der Hummer als König unter den Krustentieren, so ist der große Hummer der König unter allen großen Krebsen. Wer sie im kanadischen Atlantik fischt, ist ebenso ein König, erst Recht, wenn er auch noch King heißt.

Vor dreihundert Jahren kam der erste der Kings nach Loosewood Island, einer kleinen fiktiven Insel zwischen dem amerikanischen Maine und dem kanadischen Nova Scotia, zwischen Festland und Wasser, zwischen Gestern und Heute.

Der erste King war jedoch nicht nur Hummernfischer, sondern auch Maler – und er bekam seine Frau vom Meer geschenkt, mitsamt dessen unermesslichem Reichtum. Als er zum ersten Mal auf die Insel kam, konnte er das letzte Stück trockenen Fußes zurücklegen – auf den Rücken der im Wasser lebenden Hummer. Doch für die Mitgift fordert das Meer einen Tribut und holt sich in jeder Generation einen Sohn. Viele Legenden ranken sich um diesen ersten der Kings, Brumfitt King, dessen berühmte Bilder und Tagebücher längst Touristen auf die raue Insel locken.

In dem Roman von Alexi Zentner spielt die älteste Tochter Cordelia des derzeitigen Hummerkönigs die Hauptrolle und erzählt die Szenen aus ihrer Perspektive. Die Hummerfischer müssen sich nicht nur gegen Wind und Wetter stemmen, sondern auch gegen die Konkurrenz, die aus James Harbor kommt und in ihren angestammten Fanggründen wildern will. „Es gibt das Gesetz, und es gibt unsere Gesetze“, lautet das Credo von Woody Kings, wenn er die Körbe der Gegner versenkt oder einen Konflikt nicht mit Worten, sondern Fäusten und Waffen austrägt.

Immer wieder beschreibt Cordelia die Bilder ihres Urahns oder erinnert sich an Sequenzen aus seinen Tagebüchern. Sie ist zwar die älteste von drei Töchtern, doch sie ist nicht zur Nachfolge auf dem Hummerboot bestimmt. Doch als der jüngere Sohn geboren wird, muss er von klein auf mit aufs Schiff, auch wenn er sich hier nicht wohlfühlt und vieles verkehrt macht. Das wird ihm später zum Verhängnis – das Meer holt ihn sich, so wie jeden der Erstgeborenen aus der Familie. Erst jetzt ist der Weg für Cordelia frei: Sie wird zwar die Nachfolgerin ihres Vaters, doch da sich kurz nach dem Tod ihres Sohnes auch die Mutter das Leben nimmt, hat sie es schwer.

Die Geschichte als solche ist spannend, das sind Familientragödien irgendwie immer: Wie Cordelia damit hadert, dass sie eine Frau und kein Mann wurde, wie ihr der Bruder bis zu seinem Tod vorgezogen wurde und wie sie um die Anerkennung ihres Vaters gebettelt hat, ohne sie jemals wirklich zu kriegen, das können sicherlich viele nachvollziehen, denen es ähnlich ging. In den Sequenzen, in denen sich Cordelia an die Tagebücher und Bilder erinnert und von ihnen erzählt hat, in denen verlor ich gelegentlich den Faden. Die Beschreibungen des Hummerfangs gelingen Zentner realistisch und packend, die Beschreibungen der Menschen, die in dieser manchmal so archaisch wirkenden Welt leben, leider nicht so sehr.

Heidi Rehn: Das Haus der schönen Dinge

Das Haus der schönen Dinge – Heidi Rehn

Als der jüdische Kaufmann Jacob Hirschvogl 1897 zum Königlich-Bayerischen Hoflieferanten ernannt wird, glaubt er sich und seine Familie als gleichwertige Mitglieder der Münchner Gesellschaft anerkannt. Das von ihm begründete Kaufhaus „Hirschvogl am Rindermarkt“ bedeutet für ihn die Verwirklichung eines Lebenstraumes.

So beginnt der Klappentext.

Auch wenn Thea, Jacobs Frau, zunächst skeptisch ist, sorgt sie mit ihren innovativen Ideen dafür, dass das Kaufhaus ein voller Erfolg wird und die reichen – und weniger reichen – Münchner sich dort gerne tummeln. Lily ist Sandwichkind und gute Tochter zugleich. Sie wächst zwischen ihren Brüdern auf und ist von den Eltern keinesfalls zur Nachfolge des Vaters vorgesehen, auch wenn sie schon früh Interesse und Gespür fürs Geschäft zeigt. Da jedoch der große Bruder andere Ambitionen hat und selbst der jüngere Bruder lieber seinen Interessen folgt als sich dem Willen des Vaters zu beugen, übernimmt Lily in den goldenen 20ern das Kaufhaus von ihren Eltern und wähnt sich am Ziel ihrer Wünsche. Doch erstens kommt es anders – und zweitens als man denkt. Zwar fühlen sich Hirschvogls als königlich-bayerische Hoflieferanten etabliert und angekommen, doch die Zeiten, Stimmungen und Zuneigungen ändern sich abrupt, als sich die Nazis etablieren.

Der Klappentext erinnerte mich zunächst an den großen Roman „Paradies der Damen“ von Zola. Dieser beschreibt das Kaufhaus als eine neue Kathedrale, in dem alles um den Lichthof herum angeordnet ist. Hier dürfen Damen ganz ohne Begleitung weilen – und schwelgen, ganz egal, ob sie sich die ausgestellten Waren leisten können oder nicht.

Heidi Rehn entwirft das Haus der schönen Dinge ebenfalls als einen Palast, ganz wie auf dem Cover. Der Blick, den die Dame von ihrem zentralen Platz hinunter in das Vestibül und die einzelnen Etagen werfen kann, erinnert an Zola, die riesige Glaskuppel mit ihren himmelwärts strebenden Pfeilern bildet das Dach dieser modernen Kathedrale, in dem jetzt nicht mehr der Gott, sondern der Kommerz angebetet werden kann. Hauptperson im Roman ist tatsächlich das Haus der schönen Dinge, das nach seinem Besitzer genannte Hirschvogl am Münchener Rindermarkt. Zwar erzählt die Autorin die Geschichte der Personen, der Inhaber, doch es wirkt, als seien sie nur Beigabe.

Rehn schwelgt in Szenen, zeigt fast jede Einzelheit und sei sie noch so klein und unbedeutend. Trotzdem fällt es mitunter schwer, echte Sympathien für die Figuren zu entwickeln. Die Handlung selbst beginnt mit der Eröffnung des Kaufhauses im Jahre 1897 und reicht bis 1952. Das ist viel Stoff für 600 Seiten, besonders dann, wenn man ihn stellenweise so opulent ausbreitet wie Heidi Rehn.

Bei dieser Fülle sind Zeitsprünge unabdingbar, Rückblenden helfen gelegentlich, dass der Faden nicht ganz verloren geht. Doch immer dann, wenn es langsam spannend wird, bricht die Autorin ab und nimmt den Faden wieder neu auf. Das Kaufhaus brennt ab, die beste Freundin von Lily kommt dabei nur knapp mit dem Leben davon, doch über den Wiederaufbau und die Verdächtigungen, die mit dem Brand einhergingen, verliert Rehn nur wenige Worte. Ich habe an dieser Stelle sogar zurückgeblättert, nur um nachzugucken, ob mir tatsächlich nichts entgangen ist. So interessant und genau Heidi Rehn auch beschreibt, schließlich ist der Roman übervoll an Dekorationen, so sehr leiden nicht nur die Figuren selbst, sondern auch die Stringenz der eigentlichen Handlung an dieser überschwänglichen Opulenz.

Als opulent, dramatisch und emotional kündigt der Verlag den Roman an. Doch gerade die Emotionen fehlen, statt dessen herrschen Erklärungen vor, die sich wie ein Bericht lesen. Auch wenn die Dialoge als solche lebendig sind, richtig nahe kommt der Leser den Hauptfiguren nicht.

 

Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen

„Leise summt der Frühling“ titelte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung an dem Tag, an dem ich mit der Lektüre von Maja Lundes „Geschichte der Bienen“ begann. Die Zahl der Insekten ist zurückgegangen, heißt es in dem Bericht. Das gilt nicht nur für Bienen, sondern auch für Schmetterlinge, Fliegen, Käfer und Hummeln.

Die „Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde beginnt damit, dass es 2098, in etwa achtzig Jahren, in China keine Bienen mehr gibt. Menschen klettern auf den Bäumen herum und bestäuben in mühevoller Kleinarbeit die Blüten. Eine von diesen Arbeiterinnen ist Tao, die gemeinsam mit ihrem Mann Kuan einen kleinen Sohn hat, Wei-Wen. Jeden Abend bleibt ihr nur eine Stunde, die sie mit ihrem Sohn verbringen kann und in der sie versucht, ihm etwas beizubringen. Sie wünscht ihm eine bessere Zukunft. Leider dauert es nicht lange, da geschieht etwas Mysteriöses mit Wei-Wen und er verschwindet.

Die zweite Geschichte spielt in England, 1852. William, Biologe und achtfacher Vater, liegt in seinem Bett und leidet. Mit seiner Forschung erntet er keine Anerkennung, immer war schon jemand vor ihm da. Sein einziger Sohn, auf den er seine ganze Hoffnung gesetzt hatte, ist eine einzige Enttäuschung, die Klugheit seiner Tochter Charlotte nimmt er dafür nicht wahr. William ist besessen von den Bienen und von seiner Idee, für diese den perfekten Bienenstock zu bauen.

Eine dritte Geschichte ist 2007 in Ohio angesiedelt: In dieser ist Imker George die Hauptperson. Er lädt seine Bienen in Kästen auf und zieht mit ihnen von Ort zu Ort, immer dorthin, wo es etwas zu bestäuben gilt. Erst hört er von anderen, die ihre Bienen verlieren, dann trifft es ihn selbst. Dabei soll doch sein Sohn Tom den Hof und die Bienen übernehmen. Doch dieser studiert und hat andere Pläne.

In diesen drei miteinander verwobenen Geschichten – deren genauen Zusammenhang Maja Lunde erst am Ende des Buches verrät – erzählt die Autorin liebevoll und genau von dem, was sich zwischen den Menschen in Familien so abspielt, von den großen und kleinen Dramen des Lebens. Sie erzählt von den Beziehungen, die Eltern zu ihren Kindern haben und davon, was sich Eltern für ihre Kinder wünschen. Das stimmt allerdings nicht immer mit dem überein, was die Kinder selbst wollen. Aber so ist der Lauf des Lebens.

Während es in England und Amerika größtenteils um die Beziehung der Väter zu ihren Söhnen geht, um deren Sprachlosigkeiten und Erwartungen, ist es in China die Frau, Tao, die nicht resigniert, sondern sich auf die Suche nach ihrem verschwundenen Sohn macht.

Eine klare Empfehlung für dieses wirklich sehr lesenswerte Buch.

Erste Worte #Frapalymo

„Ich bin vielleicht zwei Jahre alt und gerade wach geworden“

Im Jetzt leben –

nicht auf morgen schielen oder das Gestern betrauern.

Vom Baum segelt das /

Blatt tanzend im Wind, der/

auf den Boden es treibt.

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Der erste Satz stammt aus „Arbeit und Struktur“ von Wolfgang Herrndorf, das gerade beim mir im Bett liegt. Das Blog kannte ich zwar längst, zwischen zwei Buchdeckeln liest sich der Text jedoch anders, dichter, er scheint weniger fragil und flüchtig.

Vor kurzem waren wir sogar im Kino, in „Tschick“, den musste die Lieblingshausziege für ihren Deutschkurs begucken, wir waren neugierig und gingen als Begleitung mit. Ich bin für ein Roadmovie, bei dem zwei vierzehnjährige Jungs die Hauptrolle spielen, nicht so ganz die Zielgruppe. Die drei Jahre ältere Lieblingshausziege fand die Probleme der Jungs jetzt auch nicht so spannend, aber das ist vielleicht tatsächlich eine Altersfrage. Mit 17 findet man eben andere Dinge wichtiger und als Mädchen sowieso.

Ansonsten konnte ich überhaupt nicht meckern: Alles war unterhaltsam und vergnüglich. Die beiden Jungs spielen wunderbar, besonders Tschick gefiel mir sehr gut. Was mir beim Film so richtig auffiel: Brauchte es Tschick als Grenzgänger, als jemanden, der nicht im konventionell-bürgerlichen System verankert war, damit Maik überhaupt von dort entfliehen konnte? Sollten wir nicht alle irgendwo einen Tschick haben? Als ich jedoch diese Erkenntnis mit der Lieblingshausziege diskutieren wollte, winkte sie ab. Ich solle nicht immer so psychologisieren, meinte sie. Dabei wollte ich ihr doch nur bei ihrer Argumentation im Deutschkurs, na, lassen wir das eben.

Neulich stolperte ich im Netz über Frau Paulchen, diese lud nun zum Dichten im November ein. Zwar ist die Lyrik nicht ganz die meine, aber versuchen kann ichs ja mal. Ob ich es allerdings tatsächlich einen Monat lang schaffe, zu ihrem Impuls etwas lyrisches zu ersinnen, darüber wage ich heute noch keine Prognosen. Man wird sehen. Oder auch nicht. #Frapalymo und der erste Impuls: Erste Worte.

 

Stomp! In Nürnberg…

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Staatstheater Nürnberg.

Das Ticket für die Aufführung war auch für den Zug gültig und so waren wir mutig genug und fuhren trotz der Bauarbeiten auf der Bahnstrecke mit der Bahn. Glücklicherweise hatten wir genug Reserve eingeplant, die Zeit war nötig, da der Zug immer wieder halten musste, weil er einen anderen vorbeilassen musste.

In Erlangen stieg ein Mann in den Zug, setzte sich zwei Abteile weiter und informierte alle, die es wissen oder nicht wissen wollten, dass er gerade seine Schwester im Krankenhaus besucht hatte, wo diese gerade operiert worden war – inklusive aller möglichen medizinischen Details. Ob der Schwester das so recht war?

Zwei Mädels im Abteil gegenüber nutzten die Zugfahrt und frischten ihre Kriegsbemalung auf. Doch so viel, wie sie so im Lauf der Zugfahrt aus den Tiefen ihrer Schülertaschen kramten, finde ich noch nicht einmal, wenn ich das ganze Bad ausräume.

Der Zug fährt – trotz aller Verspätungen – gut eine Viertelstunde vor Beginn der Vorstellung im Nürnberger Hauptbahnhof ein. Ab Fürth hätten wir auch in die U-Bahn umsteigen können, doch ab hier fuhr der Zug wieder in normaler Geschwindigkeit und ohne zusätzlichen Halt. Draußen regnete es, wir flitzten die kurze Strecke vom Bahnhof bis zum Schauspielhaus und suchten gleich unsere Plätze.

Es waren – im Vergleich zu klassischen Vorstellungen – viele Jugendliche und Kinder da, also war es auch etwas lebhafter. Der Blick auf die Bühne war frei, kein Vorhang hinderte die Sicht auf die Gitterwand mit all den Töpfen, Blechen, Deckeln, Schildern, Tonnen und was sonst noch so daran befestigt war. Irgendwie fühlt sich das seltsam an: Die Ghettoatmosphäre des Bühnenbildes im barock verzierten Theatersaal, dazu rasante Rhythmen – warum soll ich da eigentlich still auf meinem Polstersitz hocken? Ich würde doch viel lieber mitmachen.

Der erste Krachmacher kam mit dem Besen auf die Bühne und fegte den Beat – die nächsten folgten und ab dann stürmte ein ganzes Klangwerk an Rhythmen in den Saal, in die Ohren, in die Finger und Hände. Es war echt unglaublich. Immerhin muss ja jeder der Künstler seinen eigenen Rhythmus halten, der dann im Zusammenklang mit den anderen die Melodie ergibt. Wie exakt sie das draufhaben, zeigten sie mit ihren Feuerzeugen, die wirklich völlig synchron aufflammten. Wow. Und wie schnell sich selbst etwas schwierigere Rhythmen lernen lassen, bewies das Publikum, das bereitwilligst alles nachklatschte, was vorne vorgeklatscht wurde. Zum Schluss gab es dann noch ordentlich was auf die Ohren, die Blechdeckel schepperten, was das Metall hergab.

Die Jugendlichen um mich herum freute es, ein etwas kleinerer Junge kicherte die ganze Zeit über den Schabernack, der auf der Bühne getrieben wurde. Und ich kichere immer noch, wenn ich nur daran denke, wie viele von diesen jetzt mit Muttis Töpfen in der Küche oder im Keller üben…

Die Rückfahrt ging dann zügiger im Zug, es waren wohl weniger Bahnen auf der Strecke unterwegs.

Anatewka oder der Fiedler auf dem Dach

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Sondershausen, Schlosshof

Gestern waren wir, eingeladen von den Eltern, in Sondershausen und haben im Schlosshof „Anatevka“ geguckt. Wettertechnisch war viel Glück dabei: In Sondershausen angekommen, gingen wir vor der Vorstellung Essen, währenddessen regnete es in Strömen. Das Musical über blieb alles trocken, kaum waren aber die letzten Töne verklungen, fing es wieder an zu tröpfeln und regnen.

Das Lied „Wenn ich einmal reich wär“, das der Milchmann Tevje ziemlich zu Beginn singt, ist wohl jedem bekannt. Ursprünglich heißt das Stück ja „The Fiddler on the Roof“, das war auch der Grund dafür, dass die Mutter, als sie sich vor der Aufführung im Opernführer über die Handlung informieren wollte, das Stück nicht fand. Sie hatte unter „Anatevka“ gesucht. Anatevka ist übrigens der Name des kleinen Schtetls, in dem der Fiedler auf dem Dach und der Milchmann Tevje wohnen.

„Ein Fiedler auf dem Dach. Klingt verrückt, oder? Aber hier in unserem kleinen Schtetl Anatevka ist eigentlich jeder ein ‚Fiedler auf dem Dach’. Jeder versucht, eine schlichte und schöne Melodie zu spielen, ohne sich dabei das Genick zu brechen.“ so sagt Tevje. Der Titel wurde durch die Bilder von Marc Chagall inspiriert, bei dem oft ein Geiger auf dem Dach herumsitzt oder steht. Der Fiedler erscheint immer dann, wenn es eine Wendung gibt, in diesem Stück, das eigentlich nicht gut endet.

Tevje will sich an die Tradition halten, will bestimmen, wen seine Töchter heiraten. Doch die haben ihren eigenen Kopf – und setzen ihn auf pfiffige Weise durch. Und Tevje unterstützt sie, jedenfalls die beiden älteren Mädchen. Nur die dritte, die einen Russen und keinen Juden heiratet, die wird von ihm verstoßen. Es ist ein Kaleidoskop aus Festen, Hoffnung, Pogrom und Verzweiflung, bitterem Ernst und jüdischen Witz, eine Gratwanderung zwischen der Armut im Alltag und dem Druck der Obrigkeit.

Der Dorfgendarm verkündet am Ende leutselig den Räumungsbefehl, Tevje will Widerstand leisten, doch der Vertreter des Staates winkt ab: „Gegen unsere Armee – das würde ich dir nicht empfehlen“.

Bis dahin aber versucht der Milchmann Tevje seine drei Töchter standes- und glaubensgemäß zu verheiraten und er findet mit Vaterliebe und Humor einen Weg, ihre eigene Wahl zu akzeptieren. Bis auf die Wahl der dritten, hier kann er nicht mehr über seinen Schatten springen, in seinem Monolog, wenn alles stillhält und er überlegt: Einerseits – Andererseits.

Das Stück spielt ganz am Anfang des 20. Jahrhunderts, als die Zaren noch in Russland herrschten und das Leben der osteuropäischen Juden arm war – und sie immer wieder von Pogromen und Übergriffen der russischen Bevölkerung betroffen waren. Nach der Revolution von 1905 verschärfte sich alles noch einmal mehr.

Als Tevje seiner ältesten Tochter gestattet hat, den armen Schneider und nicht den reichen, aber alten Schlachter zu heiraten, will auch die zweitälteste Tochter den heiraten, den sie liebt. Und Tevja sitzt auf einmal mit seiner Frau Golde da, auf einer Bank und fragt sie, ob sie ihn liebe: „Ist es Liebe?“ https://www.youtube.com/watch?v=W9FZPQE_3zc, immerhin hatten sie auf Wunsch der Eltern geheiratet – ohne sich zu kennen.

Es hat sich gelohnt.

 

In der ersten Reihe sieht man Meer #Rezension

Mit ihrem Roman „In der ersten Reihe sieht man Meer“ schrieb das Duo Klüpfel/ Kobr dieses Mal keinen Krimi, sondern sommersonnigweiche Urlaubslektüre.

Die Handlung: Das Buch erzählt aus der Sicht Alexanders, eines Mannes, der am Vorabend einer Reise an die Adria steht. Bei dieser Reise sollen alle mit: Frau, Kinder, die Schwester und sogar die Eltern. Fürchterlich genervt, setzt sich der Ich-Erzähler abends, als alles gepackt ist, noch einmal hin und schläft wohl ein.

9783426199404Morgens wird er von seiner Mutter geweckt und ist auf einmal wieder 15, mitten in der Pubertät. Auch wenn er weiß, dass er doch längst erwachsen ist, bleibt ihm nichts erspart: „Mit einem Schlag war mir klar: Ich war gefangen in der Achtzigerjahre-Hölle. Im entstellten Jahrzehnt, der schlimmen Zeit der Neonleggings und Tennissocken, der Vokuhilas, der Musik von Modern Talking – und der Adria-Urlaube.“ In diese Klischees fährt Familie Klein hinein: Mit zu viel Gepäck und in eine Anlage, in der sie gemeinsam mit anderen Deutschen wohnen. Der Familie mutet alles Fremde nicht nur ungewohnt, sondern sie will sich nicht einlassen. Selbst das deutsche Essen wurde mit dem Auto mit in die Fremde genommen.

Alexander ist zwar 15 – besitzt in diesem Roman aber seinen Erfahrungsschatz, den er mit inzwischen 40 Jahren hat. Immer wieder verplappert er sich, erklärt Euros zu neuen Bonbons und wird verwundert angeschaut, als er vom Navi redet. Ob auf der Suche nach dem besten Platz am Strand oder dem Einkauf im örtlichen Supermarkt: In kurzen Kapiteln beschreiben die Autoren das damalige Urlaubserlebnis der Deutschen in Italien, als sie mit der Fremde noch fremdelten. Doch das Buch ist nicht nur ein Kaleidoskop von bunten Eindrücken, sondern hat auch eine durchgehende Handlung. Alexander freundet sich mit den Mitgliedern einer italienischen Familie an, die am Strand einen Kiosk haben. Er himmelt die Tante an und versucht auf dem Weg über ihren Neffen ihr näher zu kommen. Er kümmert sich darum, dass mehr Kunden zum Kiosk kommen und setzt dafür das Wissen ein, auf das er – dank seiner eigentlich 40jährigen Erfahrung und seiner Kenntnisse als Leiter einer Marketingfirma – zurückgreifen kann.

Hier hat mich das Buch sowohl amüsiert, als auch genervt. Ist es wirklich der Traum jedes Pubertierenden, den Erwachsenen zu zeigen, wo es langgeht? Zu beweisen, dass er es besser kann? Mag sein. Sämtliche peinlichen Situationen werden durchdekliniert und hinterlassen bei mir doch deutlich das Gefühl einer Fremdscham.

Es soll ein nostalgisches Buch sein, das Klüpfel und Kobr hier geschrieben haben. Glücklicherweise habe ich in dieser Zeit andere Urlaube mit meinen Eltern verbracht: Da diese das ganze Jahr über in Afrika arbeiteten und ich während dieser Zeit im Internat oder bei Verwandten war, sahen wir uns nur in den Sommerferien. Wir sind wohl gelegentlich auch zu Bekannten gefahren, das ja. Aber Urlaub war für uns damals ein „miteinander“, wir waren einfach zu Hause, wo wir das ganze Jahr schließlich nicht waren. Insofern sind diese Art von Urlaubserinnerungen nicht die meinen. Trotzdem werde ich dieses Buch demnächst in der Forchheimer Buchhandlung „dacapo“ vorstellen, eine sommerleichte Urlaubslektüre ist es allemal.

Kiss me, Kate…

Im Vorbeigehen sahen wir vor einigen Wochen, dass im Nürnberger Theater „Kiss me, Kate“ aufgeführt wird und haben uns Karten besorgt. Es gab nur noch einzelne Sitzplätze, wir bekamen trotzdem noch zwei nebeneinander, in der letzten Reihe. Das hat solange nicht gestört, bis der Vordermann vor mir Platz nahm. Ähem. Der Sitzriese ragte einen Kopf über die anderen Köpfe hinaus. Prima. Ich sah mich schon die Vorstellung im Stehen verfolgen, wie gesagt, wir saßen ja in der letzten Reihe. Da kann ich auch aufstehen, ohne dass ich befürchten muss, dass hinter mir jemand sitzt, dem ich die Sicht nehme.

Kurz vor Beginn der Vorstellung fragte der Mitbewohner nach, ob denn zwei andere Plätze noch frei blieben, der Platzanweiser guckte nach und meinte, wir könnten gerne wechseln. Dort war die Sicht dann tatsächlich frei.

Kiss me, Kate. Während sie „Der Widerspenstigen Zähmung“ von Shakespeare auf der Bühne aufführen, zoffen sich die beiden Hauptdarsteller auch hinter der Bühne. In Shakespeares Stück balgen sich die heiratswilligen Männer um die jüngere Tochter des Kaufmanns Batista. Doch dieser will erst seine ältere Tochter Katharina verheiraten, die, widerborstig und spitzzüngig, als Teufelin bei den Männern verschrien ist. Doch sie will selbst über sich bestimmen – und hat die Männer längst durchschaut. Da sie jedoch von niemandem verstanden wird, sehen die anderen sie nur als boshaftes Weibsbild, die nicht zu zähmen ist.

Staatstheater in Nürnberg

Dann taucht Petruchio auf, ohne Geld, aber bereit, sie zu heiraten – und wenn sie hässlich wäre. Petruchio ist ein solcher Macho, dass sich Katharina eigentlich gegen ihn wehren müsste. Er lässt sie hungern, verprügelt sie so, dass sie nicht mehr sitzen kann und zeigt ihr doch nur, wie hart sie geworden ist bei ihrem Kampf um die Selbstbestimmung.

In der Rahmenhandlung sind die beiden Hauptdarsteller eigentlich seit einem Jahr voneinander geschieden – und können doch nicht voneinander lassen. Als zwei zwielichtige Gestalten Geld von Fred haben wollen und ihn mit der Pistole bedrohen, schickt er sie zu Lilli, die gerade dabei ist, ihre Sachen zu packen. Doch ohne diese kann das Stück nicht aufgeführt werden, gibt es kein Geld. Mit vorgehaltener Pistole muss Lilli auf die Bühne, wird dort als Katharina von ihrem geschiedenen Ehemann verprügelt. Schließlich gibt dieser den Petruchio.

Zum Schluss sind beide versöhnt: Katharina und Petruchio im Theaterstück, Fred und Lilli hinter der Bühne. Küss mich, Kati, ab ins Bett!

Katharina sagt dem Mann den Kampf an – sie hat ihn durchschaut: Dass sie sich dann trotzdem von ihm bezwingen lässt, das ist eines dieser Rätsel dieser Welt. Sicher, er ist ihr in vielen Dingen ebenbürtig. Und sicher ist auch dass dieser Machismo für viele Frauen wenigstens in der Fantasie attraktiv scheint. Oder warum wurde „Shades of Grey“ so oft verkauft?

Die Aufführung gefiel mir jedenfalls sehr gut, rasant und raffiniert, wie sie war. Vielleicht sollte ich mir demnächst mal das Original ansehen, „Der Widerspenstigen Zähmung“, ob das Frauenbild darin nun eher fortschrittlich oder rückständig ist. Wobei: Wenn alles friedlich und gesittet zuginge, wäre ja der ganze Spaß im Theater nicht mehr. Nur: Wer sich heute in Natura immer noch so benimmt, macht sich damit bestimmt keine Freunde.