Heidi Rehn: Das Haus der schönen Dinge

Das Haus der schönen Dinge – Heidi Rehn

Als der jüdische Kaufmann Jacob Hirschvogl 1897 zum Königlich-Bayerischen Hoflieferanten ernannt wird, glaubt er sich und seine Familie als gleichwertige Mitglieder der Münchner Gesellschaft anerkannt. Das von ihm begründete Kaufhaus „Hirschvogl am Rindermarkt“ bedeutet für ihn die Verwirklichung eines Lebenstraumes.

So beginnt der Klappentext.

Auch wenn Thea, Jacobs Frau, zunächst skeptisch ist, sorgt sie mit ihren innovativen Ideen dafür, dass das Kaufhaus ein voller Erfolg wird und die reichen – und weniger reichen – Münchner sich dort gerne tummeln. Lily ist Sandwichkind und gute Tochter zugleich. Sie wächst zwischen ihren Brüdern auf und ist von den Eltern keinesfalls zur Nachfolge des Vaters vorgesehen, auch wenn sie schon früh Interesse und Gespür fürs Geschäft zeigt. Da jedoch der große Bruder andere Ambitionen hat und selbst der jüngere Bruder lieber seinen Interessen folgt als sich dem Willen des Vaters zu beugen, übernimmt Lily in den goldenen 20ern das Kaufhaus von ihren Eltern und wähnt sich am Ziel ihrer Wünsche. Doch erstens kommt es anders – und zweitens als man denkt. Zwar fühlen sich Hirschvogls als königlich-bayerische Hoflieferanten etabliert und angekommen, doch die Zeiten, Stimmungen und Zuneigungen ändern sich abrupt, als sich die Nazis etablieren.

Der Klappentext erinnerte mich zunächst an den großen Roman „Paradies der Damen“ von Zola. Dieser beschreibt das Kaufhaus als eine neue Kathedrale, in dem alles um den Lichthof herum angeordnet ist. Hier dürfen Damen ganz ohne Begleitung weilen – und schwelgen, ganz egal, ob sie sich die ausgestellten Waren leisten können oder nicht.

Heidi Rehn entwirft das Haus der schönen Dinge ebenfalls als einen Palast, ganz wie auf dem Cover. Der Blick, den die Dame von ihrem zentralen Platz hinunter in das Vestibül und die einzelnen Etagen werfen kann, erinnert an Zola, die riesige Glaskuppel mit ihren himmelwärts strebenden Pfeilern bildet das Dach dieser modernen Kathedrale, in dem jetzt nicht mehr der Gott, sondern der Kommerz angebetet werden kann. Hauptperson im Roman ist tatsächlich das Haus der schönen Dinge, das nach seinem Besitzer genannte Hirschvogl am Münchener Rindermarkt. Zwar erzählt die Autorin die Geschichte der Personen, der Inhaber, doch es wirkt, als seien sie nur Beigabe.

Rehn schwelgt in Szenen, zeigt fast jede Einzelheit und sei sie noch so klein und unbedeutend. Trotzdem fällt es mitunter schwer, echte Sympathien für die Figuren zu entwickeln. Die Handlung selbst beginnt mit der Eröffnung des Kaufhauses im Jahre 1897 und reicht bis 1952. Das ist viel Stoff für 600 Seiten, besonders dann, wenn man ihn stellenweise so opulent ausbreitet wie Heidi Rehn.

Bei dieser Fülle sind Zeitsprünge unabdingbar, Rückblenden helfen gelegentlich, dass der Faden nicht ganz verloren geht. Doch immer dann, wenn es langsam spannend wird, bricht die Autorin ab und nimmt den Faden wieder neu auf. Das Kaufhaus brennt ab, die beste Freundin von Lily kommt dabei nur knapp mit dem Leben davon, doch über den Wiederaufbau und die Verdächtigungen, die mit dem Brand einhergingen, verliert Rehn nur wenige Worte. Ich habe an dieser Stelle sogar zurückgeblättert, nur um nachzugucken, ob mir tatsächlich nichts entgangen ist. So interessant und genau Heidi Rehn auch beschreibt, schließlich ist der Roman übervoll an Dekorationen, so sehr leiden nicht nur die Figuren selbst, sondern auch die Stringenz der eigentlichen Handlung an dieser überschwänglichen Opulenz.

Als opulent, dramatisch und emotional kündigt der Verlag den Roman an. Doch gerade die Emotionen fehlen, statt dessen herrschen Erklärungen vor, die sich wie ein Bericht lesen. Auch wenn die Dialoge als solche lebendig sind, richtig nahe kommt der Leser den Hauptfiguren nicht.

 

Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen

„Leise summt der Frühling“ titelte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung an dem Tag, an dem ich mit der Lektüre von Maja Lundes „Geschichte der Bienen“ begann. Die Zahl der Insekten ist zurückgegangen, heißt es in dem Bericht. Das gilt nicht nur für Bienen, sondern auch für Schmetterlinge, Fliegen, Käfer und Hummeln.

Die „Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde beginnt damit, dass es 2098, in etwa achtzig Jahren, in China keine Bienen mehr gibt. Menschen klettern auf den Bäumen herum und bestäuben in mühevoller Kleinarbeit die Blüten. Eine von diesen Arbeiterinnen ist Tao, die gemeinsam mit ihrem Mann Kuan einen kleinen Sohn hat, Wei-Wen. Jeden Abend bleibt ihr nur eine Stunde, die sie mit ihrem Sohn verbringen kann und in der sie versucht, ihm etwas beizubringen. Sie wünscht ihm eine bessere Zukunft. Leider dauert es nicht lange, da geschieht etwas Mysteriöses mit Wei-Wen und er verschwindet.

Die zweite Geschichte spielt in England, 1852. William, Biologe und achtfacher Vater, liegt in seinem Bett und leidet. Mit seiner Forschung erntet er keine Anerkennung, immer war schon jemand vor ihm da. Sein einziger Sohn, auf den er seine ganze Hoffnung gesetzt hatte, ist eine einzige Enttäuschung, die Klugheit seiner Tochter Charlotte nimmt er dafür nicht wahr. William ist besessen von den Bienen und von seiner Idee, für diese den perfekten Bienenstock zu bauen.

Eine dritte Geschichte ist 2007 in Ohio angesiedelt: In dieser ist Imker George die Hauptperson. Er lädt seine Bienen in Kästen auf und zieht mit ihnen von Ort zu Ort, immer dorthin, wo es etwas zu bestäuben gilt. Erst hört er von anderen, die ihre Bienen verlieren, dann trifft es ihn selbst. Dabei soll doch sein Sohn Tom den Hof und die Bienen übernehmen. Doch dieser studiert und hat andere Pläne.

In diesen drei miteinander verwobenen Geschichten – deren genauen Zusammenhang Maja Lunde erst am Ende des Buches verrät – erzählt die Autorin liebevoll und genau von dem, was sich zwischen den Menschen in Familien so abspielt, von den großen und kleinen Dramen des Lebens. Sie erzählt von den Beziehungen, die Eltern zu ihren Kindern haben und davon, was sich Eltern für ihre Kinder wünschen. Das stimmt allerdings nicht immer mit dem überein, was die Kinder selbst wollen. Aber so ist der Lauf des Lebens.

Während es in England und Amerika größtenteils um die Beziehung der Väter zu ihren Söhnen geht, um deren Sprachlosigkeiten und Erwartungen, ist es in China die Frau, Tao, die nicht resigniert, sondern sich auf die Suche nach ihrem verschwundenen Sohn macht.

Eine klare Empfehlung für dieses wirklich sehr lesenswerte Buch.

Erste Worte #Frapalymo

„Ich bin vielleicht zwei Jahre alt und gerade wach geworden“

Im Jetzt leben –

nicht auf morgen schielen oder das Gestern betrauern.

Vom Baum segelt das /

Blatt tanzend im Wind, der/

auf den Boden es treibt.

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Der erste Satz stammt aus „Arbeit und Struktur“ von Wolfgang Herrndorf, das gerade beim mir im Bett liegt. Das Blog kannte ich zwar längst, zwischen zwei Buchdeckeln liest sich der Text jedoch anders, dichter, er scheint weniger fragil und flüchtig.

Vor kurzem waren wir sogar im Kino, in „Tschick“, den musste die Lieblingshausziege für ihren Deutschkurs begucken, wir waren neugierig und gingen als Begleitung mit. Ich bin für ein Roadmovie, bei dem zwei vierzehnjährige Jungs die Hauptrolle spielen, nicht so ganz die Zielgruppe. Die drei Jahre ältere Lieblingshausziege fand die Probleme der Jungs jetzt auch nicht so spannend, aber das ist vielleicht tatsächlich eine Altersfrage. Mit 17 findet man eben andere Dinge wichtiger und als Mädchen sowieso.

Ansonsten konnte ich überhaupt nicht meckern: Alles war unterhaltsam und vergnüglich. Die beiden Jungs spielen wunderbar, besonders Tschick gefiel mir sehr gut. Was mir beim Film so richtig auffiel: Brauchte es Tschick als Grenzgänger, als jemanden, der nicht im konventionell-bürgerlichen System verankert war, damit Maik überhaupt von dort entfliehen konnte? Sollten wir nicht alle irgendwo einen Tschick haben? Als ich jedoch diese Erkenntnis mit der Lieblingshausziege diskutieren wollte, winkte sie ab. Ich solle nicht immer so psychologisieren, meinte sie. Dabei wollte ich ihr doch nur bei ihrer Argumentation im Deutschkurs, na, lassen wir das eben.

Neulich stolperte ich im Netz über Frau Paulchen, diese lud nun zum Dichten im November ein. Zwar ist die Lyrik nicht ganz die meine, aber versuchen kann ichs ja mal. Ob ich es allerdings tatsächlich einen Monat lang schaffe, zu ihrem Impuls etwas lyrisches zu ersinnen, darüber wage ich heute noch keine Prognosen. Man wird sehen. Oder auch nicht. #Frapalymo und der erste Impuls: Erste Worte.

 

Stomp! In Nürnberg…

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Staatstheater Nürnberg.

Das Ticket für die Aufführung war auch für den Zug gültig und so waren wir mutig genug und fuhren trotz der Bauarbeiten auf der Bahnstrecke mit der Bahn. Glücklicherweise hatten wir genug Reserve eingeplant, die Zeit war nötig, da der Zug immer wieder halten musste, weil er einen anderen vorbeilassen musste.

In Erlangen stieg ein Mann in den Zug, setzte sich zwei Abteile weiter und informierte alle, die es wissen oder nicht wissen wollten, dass er gerade seine Schwester im Krankenhaus besucht hatte, wo diese gerade operiert worden war – inklusive aller möglichen medizinischen Details. Ob der Schwester das so recht war?

Zwei Mädels im Abteil gegenüber nutzten die Zugfahrt und frischten ihre Kriegsbemalung auf. Doch so viel, wie sie so im Lauf der Zugfahrt aus den Tiefen ihrer Schülertaschen kramten, finde ich noch nicht einmal, wenn ich das ganze Bad ausräume.

Der Zug fährt – trotz aller Verspätungen – gut eine Viertelstunde vor Beginn der Vorstellung im Nürnberger Hauptbahnhof ein. Ab Fürth hätten wir auch in die U-Bahn umsteigen können, doch ab hier fuhr der Zug wieder in normaler Geschwindigkeit und ohne zusätzlichen Halt. Draußen regnete es, wir flitzten die kurze Strecke vom Bahnhof bis zum Schauspielhaus und suchten gleich unsere Plätze.

Es waren – im Vergleich zu klassischen Vorstellungen – viele Jugendliche und Kinder da, also war es auch etwas lebhafter. Der Blick auf die Bühne war frei, kein Vorhang hinderte die Sicht auf die Gitterwand mit all den Töpfen, Blechen, Deckeln, Schildern, Tonnen und was sonst noch so daran befestigt war. Irgendwie fühlt sich das seltsam an: Die Ghettoatmosphäre des Bühnenbildes im barock verzierten Theatersaal, dazu rasante Rhythmen – warum soll ich da eigentlich still auf meinem Polstersitz hocken? Ich würde doch viel lieber mitmachen.

Der erste Krachmacher kam mit dem Besen auf die Bühne und fegte den Beat – die nächsten folgten und ab dann stürmte ein ganzes Klangwerk an Rhythmen in den Saal, in die Ohren, in die Finger und Hände. Es war echt unglaublich. Immerhin muss ja jeder der Künstler seinen eigenen Rhythmus halten, der dann im Zusammenklang mit den anderen die Melodie ergibt. Wie exakt sie das draufhaben, zeigten sie mit ihren Feuerzeugen, die wirklich völlig synchron aufflammten. Wow. Und wie schnell sich selbst etwas schwierigere Rhythmen lernen lassen, bewies das Publikum, das bereitwilligst alles nachklatschte, was vorne vorgeklatscht wurde. Zum Schluss gab es dann noch ordentlich was auf die Ohren, die Blechdeckel schepperten, was das Metall hergab.

Die Jugendlichen um mich herum freute es, ein etwas kleinerer Junge kicherte die ganze Zeit über den Schabernack, der auf der Bühne getrieben wurde. Und ich kichere immer noch, wenn ich nur daran denke, wie viele von diesen jetzt mit Muttis Töpfen in der Küche oder im Keller üben…

Die Rückfahrt ging dann zügiger im Zug, es waren wohl weniger Bahnen auf der Strecke unterwegs.

Anatewka oder der Fiedler auf dem Dach

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Sondershausen, Schlosshof

Gestern waren wir, eingeladen von den Eltern, in Sondershausen und haben im Schlosshof „Anatevka“ geguckt. Wettertechnisch war viel Glück dabei: In Sondershausen angekommen, gingen wir vor der Vorstellung Essen, währenddessen regnete es in Strömen. Das Musical über blieb alles trocken, kaum waren aber die letzten Töne verklungen, fing es wieder an zu tröpfeln und regnen.

Das Lied „Wenn ich einmal reich wär“, das der Milchmann Tevje ziemlich zu Beginn singt, ist wohl jedem bekannt. Ursprünglich heißt das Stück ja „The Fiddler on the Roof“, das war auch der Grund dafür, dass die Mutter, als sie sich vor der Aufführung im Opernführer über die Handlung informieren wollte, das Stück nicht fand. Sie hatte unter „Anatevka“ gesucht. Anatevka ist übrigens der Name des kleinen Schtetls, in dem der Fiedler auf dem Dach und der Milchmann Tevje wohnen.

„Ein Fiedler auf dem Dach. Klingt verrückt, oder? Aber hier in unserem kleinen Schtetl Anatevka ist eigentlich jeder ein ‚Fiedler auf dem Dach’. Jeder versucht, eine schlichte und schöne Melodie zu spielen, ohne sich dabei das Genick zu brechen.“ so sagt Tevje. Der Titel wurde durch die Bilder von Marc Chagall inspiriert, bei dem oft ein Geiger auf dem Dach herumsitzt oder steht. Der Fiedler erscheint immer dann, wenn es eine Wendung gibt, in diesem Stück, das eigentlich nicht gut endet.

Tevje will sich an die Tradition halten, will bestimmen, wen seine Töchter heiraten. Doch die haben ihren eigenen Kopf – und setzen ihn auf pfiffige Weise durch. Und Tevje unterstützt sie, jedenfalls die beiden älteren Mädchen. Nur die dritte, die einen Russen und keinen Juden heiratet, die wird von ihm verstoßen. Es ist ein Kaleidoskop aus Festen, Hoffnung, Pogrom und Verzweiflung, bitterem Ernst und jüdischen Witz, eine Gratwanderung zwischen der Armut im Alltag und dem Druck der Obrigkeit.

Der Dorfgendarm verkündet am Ende leutselig den Räumungsbefehl, Tevje will Widerstand leisten, doch der Vertreter des Staates winkt ab: „Gegen unsere Armee – das würde ich dir nicht empfehlen“.

Bis dahin aber versucht der Milchmann Tevje seine drei Töchter standes- und glaubensgemäß zu verheiraten und er findet mit Vaterliebe und Humor einen Weg, ihre eigene Wahl zu akzeptieren. Bis auf die Wahl der dritten, hier kann er nicht mehr über seinen Schatten springen, in seinem Monolog, wenn alles stillhält und er überlegt: Einerseits – Andererseits.

Das Stück spielt ganz am Anfang des 20. Jahrhunderts, als die Zaren noch in Russland herrschten und das Leben der osteuropäischen Juden arm war – und sie immer wieder von Pogromen und Übergriffen der russischen Bevölkerung betroffen waren. Nach der Revolution von 1905 verschärfte sich alles noch einmal mehr.

Als Tevje seiner ältesten Tochter gestattet hat, den armen Schneider und nicht den reichen, aber alten Schlachter zu heiraten, will auch die zweitälteste Tochter den heiraten, den sie liebt. Und Tevja sitzt auf einmal mit seiner Frau Golde da, auf einer Bank und fragt sie, ob sie ihn liebe: „Ist es Liebe?“ https://www.youtube.com/watch?v=W9FZPQE_3zc, immerhin hatten sie auf Wunsch der Eltern geheiratet – ohne sich zu kennen.

Es hat sich gelohnt.

 

In der ersten Reihe sieht man Meer #Rezension

Mit ihrem Roman „In der ersten Reihe sieht man Meer“ schrieb das Duo Klüpfel/ Kobr dieses Mal keinen Krimi, sondern sommersonnigweiche Urlaubslektüre.

Die Handlung: Das Buch erzählt aus der Sicht Alexanders, eines Mannes, der am Vorabend einer Reise an die Adria steht. Bei dieser Reise sollen alle mit: Frau, Kinder, die Schwester und sogar die Eltern. Fürchterlich genervt, setzt sich der Ich-Erzähler abends, als alles gepackt ist, noch einmal hin und schläft wohl ein.

9783426199404Morgens wird er von seiner Mutter geweckt und ist auf einmal wieder 15, mitten in der Pubertät. Auch wenn er weiß, dass er doch längst erwachsen ist, bleibt ihm nichts erspart: „Mit einem Schlag war mir klar: Ich war gefangen in der Achtzigerjahre-Hölle. Im entstellten Jahrzehnt, der schlimmen Zeit der Neonleggings und Tennissocken, der Vokuhilas, der Musik von Modern Talking – und der Adria-Urlaube.“ In diese Klischees fährt Familie Klein hinein: Mit zu viel Gepäck und in eine Anlage, in der sie gemeinsam mit anderen Deutschen wohnen. Der Familie mutet alles Fremde nicht nur ungewohnt, sondern sie will sich nicht einlassen. Selbst das deutsche Essen wurde mit dem Auto mit in die Fremde genommen.

Alexander ist zwar 15 – besitzt in diesem Roman aber seinen Erfahrungsschatz, den er mit inzwischen 40 Jahren hat. Immer wieder verplappert er sich, erklärt Euros zu neuen Bonbons und wird verwundert angeschaut, als er vom Navi redet. Ob auf der Suche nach dem besten Platz am Strand oder dem Einkauf im örtlichen Supermarkt: In kurzen Kapiteln beschreiben die Autoren das damalige Urlaubserlebnis der Deutschen in Italien, als sie mit der Fremde noch fremdelten. Doch das Buch ist nicht nur ein Kaleidoskop von bunten Eindrücken, sondern hat auch eine durchgehende Handlung. Alexander freundet sich mit den Mitgliedern einer italienischen Familie an, die am Strand einen Kiosk haben. Er himmelt die Tante an und versucht auf dem Weg über ihren Neffen ihr näher zu kommen. Er kümmert sich darum, dass mehr Kunden zum Kiosk kommen und setzt dafür das Wissen ein, auf das er – dank seiner eigentlich 40jährigen Erfahrung und seiner Kenntnisse als Leiter einer Marketingfirma – zurückgreifen kann.

Hier hat mich das Buch sowohl amüsiert, als auch genervt. Ist es wirklich der Traum jedes Pubertierenden, den Erwachsenen zu zeigen, wo es langgeht? Zu beweisen, dass er es besser kann? Mag sein. Sämtliche peinlichen Situationen werden durchdekliniert und hinterlassen bei mir doch deutlich das Gefühl einer Fremdscham.

Es soll ein nostalgisches Buch sein, das Klüpfel und Kobr hier geschrieben haben. Glücklicherweise habe ich in dieser Zeit andere Urlaube mit meinen Eltern verbracht: Da diese das ganze Jahr über in Afrika arbeiteten und ich während dieser Zeit im Internat oder bei Verwandten war, sahen wir uns nur in den Sommerferien. Wir sind wohl gelegentlich auch zu Bekannten gefahren, das ja. Aber Urlaub war für uns damals ein „miteinander“, wir waren einfach zu Hause, wo wir das ganze Jahr schließlich nicht waren. Insofern sind diese Art von Urlaubserinnerungen nicht die meinen. Trotzdem werde ich dieses Buch demnächst in der Forchheimer Buchhandlung „dacapo“ vorstellen, eine sommerleichte Urlaubslektüre ist es allemal.

Kiss me, Kate…

Im Vorbeigehen sahen wir vor einigen Wochen, dass im Nürnberger Theater „Kiss me, Kate“ aufgeführt wird und haben uns Karten besorgt. Es gab nur noch einzelne Sitzplätze, wir bekamen trotzdem noch zwei nebeneinander, in der letzten Reihe. Das hat solange nicht gestört, bis der Vordermann vor mir Platz nahm. Ähem. Der Sitzriese ragte einen Kopf über die anderen Köpfe hinaus. Prima. Ich sah mich schon die Vorstellung im Stehen verfolgen, wie gesagt, wir saßen ja in der letzten Reihe. Da kann ich auch aufstehen, ohne dass ich befürchten muss, dass hinter mir jemand sitzt, dem ich die Sicht nehme.

Kurz vor Beginn der Vorstellung fragte der Mitbewohner nach, ob denn zwei andere Plätze noch frei blieben, der Platzanweiser guckte nach und meinte, wir könnten gerne wechseln. Dort war die Sicht dann tatsächlich frei.

Kiss me, Kate. Während sie „Der Widerspenstigen Zähmung“ von Shakespeare auf der Bühne aufführen, zoffen sich die beiden Hauptdarsteller auch hinter der Bühne. In Shakespeares Stück balgen sich die heiratswilligen Männer um die jüngere Tochter des Kaufmanns Batista. Doch dieser will erst seine ältere Tochter Katharina verheiraten, die, widerborstig und spitzzüngig, als Teufelin bei den Männern verschrien ist. Doch sie will selbst über sich bestimmen – und hat die Männer längst durchschaut. Da sie jedoch von niemandem verstanden wird, sehen die anderen sie nur als boshaftes Weibsbild, die nicht zu zähmen ist.

Im Staatstheater

Dann taucht Petruchio auf, ohne Geld, aber bereit, sie zu heiraten – und wenn sie hässlich wäre. Petruchio ist ein solcher Macho, dass sich Katharina eigentlich gegen ihn wehren müsste. Er lässt sie hungern, verprügelt sie so, dass sie nicht mehr sitzen kann und zeigt ihr doch nur, wie hart sie geworden ist bei ihrem Kampf um die Selbstbestimmung.

In der Rahmenhandlung sind die beiden Hauptdarsteller eigentlich seit einem Jahr voneinander geschieden – und können doch nicht voneinander lassen. Als zwei zwielichtige Gestalten Geld von Fred haben wollen und ihn mit der Pistole bedrohen, schickt er sie zu Lilli, die gerade dabei ist, ihre Sachen zu packen. Doch ohne diese kann das Stück nicht aufgeführt werden, gibt es kein Geld. Mit vorgehaltener Pistole muss Lilli auf die Bühne, wird dort als Katharina von ihrem geschiedenen Ehemann verprügelt. Schließlich gibt dieser den Petruchio.

Zum Schluss sind beide versöhnt: Katharina und Petruchio im Theaterstück, Fred und Lilli hinter der Bühne. Küss mich, Kati, ab ins Bett!

Katharina sagt dem Mann den Kampf an – sie hat ihn durchschaut: Dass sie sich dann trotzdem von ihm bezwingen lässt, das ist eines dieser Rätsel dieser Welt. Sicher, er ist ihr in vielen Dingen ebenbürtig. Und sicher ist auch dass dieser Machismo für viele Frauen wenigstens in der Fantasie attraktiv scheint. Oder warum wurde „Shades of Grey“ so oft verkauft?

Die Aufführung gefiel mir jedenfalls sehr gut, rasant und raffiniert, wie sie war. Vielleicht sollte ich mir demnächst mal das Original ansehen, „Der Widerspenstigen Zähmung“, ob das Frauenbild darin nun eher fortschrittlich oder rückständig ist. Wobei: Wenn alles friedlich und gesittet zuginge, wäre ja der ganze Spaß im Theater nicht mehr. Nur: Wer sich heute in Natura immer noch so benimmt, macht sich damit bestimmt keine Freunde.

Osterspaziergang durch den Bamberger Hain

Mitten im Bärlauchfeld, zwischen den noch unbelaubten Bäumen rezitiert Martin Neubauer Uhlands Frühlingsglaube: „Nun muss sich alles wenden!“, griff seinen Osterhasen aus Pappmache mit einer Hand bei den Ohren, nahm den Korb in die andere und zog los, zum literarischen Osterspaziergang. Im Hintergrund trommelten die Spechte ein fröhliches Stakkato. Während Verse von der Auferstehung kündeten, scharrte der Hund einer Zuhörerin unter dem Baum. Lag dort jemand?

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Auf zum Osterspaziergang in den Bamberger Hain.

Der Duft nach frischer Seife überdeckte gelegentlich den ersten Frühlingshauch auf dem Weg zum Brunnen, vor dem Neubauer Verse eines zunächst nicht namentlich genannten Dichters vortrug, doch Bertold Brecht hätte wohl niemand der Anwesenden vermutet. Auf Betonstelzen querte die Straße den Park, eine Frau tippte mir auf die Schulter: Ob ich Dichter und alles notiert? Nein, ich hatte nicht alles notiert. Nur das, was mir gerade durch den Kopf ging.

Tucholsky ließ den Osterhasen krakeelen wie ein Huhn, während er die Eier legt, und – welch Überraschung – selbst der Hase aus Pappmache hatte zwei kleine Schokoeier produziert. Über blauen Sternchenblumen auf dem Boden erklang ein Gedicht über das grüne Wunder im Hain und passend zur noch nicht ergrüntenTrauerweide auf dem Inselchen im Hainweiher waren die Verse von Neubauer gewählt.

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Die Osterspaziergänger

Auf einem außerplanmäßigen Halt rezitiert Martin Neubauer Verse über Schneeglöckchen, die noch – wohl des kalten Wetters wegen – immer noch im Laub klingelten. Es gibt so viele schöne Gedichte, dass ich mich frage, wie haben es die Lehrer in der Schule nur geschafft, sie mir so zu vermiesen. Es galt: Auswendiglernen. Vor den Mitschülern vortragen. Nicht zu engagiert (das hätte nur Spott provoziert) und nicht zu gelangweilt (das verschlechtert den Eindruck beim Lehrer – und die Note). Es galt: Interpretieren. Was wollte uns der Dichter mit diesen Versen sagen. (Vielmehr: Was wollte der Lehrer hören, was der Dichter… )

Der literarische Osterspaziergang, bei dem es durchaus nicht nur Gedichte auf die Ohren gab, war da erfrischend anders. Und ja, ich würde jetzt die Gedichte gerne einmal nachlesen, habe es aber tatsächlich versäumt, Titel und Autor zu notieren. Beim nächsten Mal, vielleicht.

Dostojewski: Der Großinquisitor

Gestern waren wir im Bamberger Brentano-Theater: Link. IMG_20160323_193800

Glücklicherweise kennt sich der Mitbewohner recht gut in Bamberg aus. Er steuerte das kleine Auto zielsicher durch die engen Gassen und fand recht bald einen angenehmen Parkplatz, unweit der Gartenstraße 7. Die schmiedeeiserne Gartentür stand offen, es ging einige Stufen hinauf und noch einen Pfad entlang, bis zu einer Villa. Dort ist ein Theater? Die Klingel verriet nichts, wir schlichen ums Haus, da wir etwas zu früh gekommen waren. Justamente als wir die Gartentreppe wieder hinuntergingen, begleitet vom Domgeläut, stieg ein älterer Herr diese empor und versicherte uns, dass wir richtig seien. Also folgten wir ihm.

IMG_20160323_210140Das Brentano-Theater selbst ist in der Wohnung im Erdgeschoss, gut dreißig Stühle eng in einen Raum gestellt, im Turmerker etwas Deko. Das war die spartanische Bühne.

Rechtzeitiges Erscheinen sichert in diesem Theater die besseren Plätze, da diese einfach besetzt und nicht nummeriert verteilt werden. Es war genügend Zeit für einen Plausch, über das alte und das neue Russland, über russische Dichtung, russische Literatur und eine Fahrt in der Transsibirischen Eisenbahn.

Das Stück begann pünktlich: Erst ging das Licht aus, gregorianische Musik sorgte für Stimmung, dann spendete ein Strahler dem Akteur Martin Neubauer genügend Licht zum Lesen, blendete aber auch die Zuschauer. Worum geht es in dem Stück, das eigentlich ein Ausschnitt aus „Die Brüder Karamasow“ von Dostojewski ist?

Die Handlung spielt im Sevilla um 1500, zu der Zeit also, als die Scheiterhaufen der Inquisition fröhlich loderten. Nach 1500 Jahren Abstinenz wagt sich Jesus himself auf die Erde, dorthin, eben nach Sevilla. Die Menschen lassen sich von ihm faszinieren und begeistern, sie beten ihn an. Ein neunjähriges Kind wird in einem Sarg in die Kirche getragen und auf die innigen Bitten der Menschen weckt er es wieder auf. Das wird vom gerade vorbeikommenden Großinquisitor beobachtet, der ihn daraufhin festnehmen und in ein kleines Verlies werfen lässt.

Später kommt der Großinquisitor zu Jesus in die Zelle. Er erklärt ihm, dass dieser jetzt – nach 1500 Jahren – kein Recht mehr darauf hat, einfach so auf die Erde zu kommen. Er stört schließlich die Ordnung, die von der Kirche aufrechterhalten wird. Dabei bezieht sich der Großinquisitor auf die Versuchungen des Teufels, über die bei Mt 4,11 und Mk 1,12 berichtet wird: Vierzig Tage hatte Jesus in der Wüste gefastet und lehnte sowohl das Brot („Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“), die Macht („Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen“) und die Versuchungen („Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen“) ab.

Jesus erwartet, dass ihm die Menschen in seiner Liebe folgen, weil sie frei sein wollen. Doch der Großinquisitor ist sich sicher: Dafür ist der Mensch nicht geschaffen. Er will nicht zwischen Gut und Böse wählen und er will satt werden. Der Großinquisitor nennt seinen Monolog ein „Verhör“, doch Jesus selbst kommt nicht zu Wort. Statt dessen spricht er den Menschen die Fähigkeit ab, selbst in Freiheit zu leben. Die Menschen müssten von der Kirche wie eine Herde Schafe geführt werden, damit es kein Chaos gebe. Für die Figur des Großinquisitors warf sich Neubauer einfach einen Umhang über die Schultern und sprach dessen Monolog mit all der leidenschaftlichen Bitternis, über die dieser 90jährige Greis verfügte. Er verbot Jesus, mit den Menschen zu reden und dem noch etwas hinzuzufügen, was bereits in der Bibel gesagt wird. Er droht, ihn am nächsten Morgen als Ketzer zu verbrennen und weiß, dass die Menschen darüber jubeln werden.

Jesus schweigt. Erst als der Großinquisitor mit seinen Ausführungen fertig ist, alles gesagt hat, was er sagen wollte, erhebt er sich – immer noch schweigend – und küsst den Inquisitor. Mit den Worten: „Kehre nie wieder! Nie!“ lässt er ihn ziehen.

Und heute? Was wäre, wenn Jesus heute…

Aber das ist eine andere Geschichte.

In Mode: Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg

Endlich. Am 6. März schließt die Ausstellung über Kleider und Bilder aus Renaissance und Frühbarock, die noch im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg geöffnet ist – und heute haben wir es geschafft und waren dort. Sogar die Lieblingshausziege kam mit, und das, obwohl sie heute morgen erst von einem Geburtstag zurückkam, und noch ein wenig angemüdet war. Aber was muss, das muss.

Ungefähr 50 originale Kleidungsstücke aus der Zeit zwischen 1530 und 1650 wurden gezeigt, dazu Gemälde, Flugblätter, Werkzeuge aus der Schneiderwerkstatt und die Überreste einer Bremer Schneiderwerkstatt. Die Ausstellung war fantastisch. Es fällt ein bisschen schwer, jetzt spezielle Sachen hervorzuheben, aber beeindruckend war ein Kinderkleid, in dem vor mehr als 400 Jahren ein sechsjähriges Mädchen beerdigt wurde – und das noch gut erhalten blieb. Nur die Farbe ist nicht mehr original…

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Ein Kinderkleid

Dass in einem solch aufwändigen Kleid kein einfaches Mädchen, sondern die adlige Katharina Gräfin zur Lippe beerdigt wurde, versteht sich fast von selbst. Damals gab es keine Läden, in dem Kleidung einfach gekauft werden konnte. Damals wurde alles genäht, getragen, umgeändert, geflickt, weitergegeben… und so lange getragen, bis es irgendwann ganz auseinanderfiel. Das zeigen die Reste, die in Bremen ausgegraben wurden: Nur abgeschnittene Knopfleisten und solche Teile, aus denen sich nichts mehr machen ließ, wanderten in den Abfall.

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Ausstellung in Nürnberg

Kunstvoll bestickte Wamse, mit Spitzbauch, ohne Spitzbauch, mit vielen Knöpfen, aus Seide gestrickte Kamisole, Strickjäckchen, die unter der sichtbaren Kleidung getragen wurden, Halskrausen aus vielen Metern an Stoff – wobei genau festgelegt war, wer wie viele Meter verwenden durfte. Zwei originale Halskrausen aus der Zeit um 1600 waren zu sehen – und daneben Flugblätter, die vor der Eitelkeit warnten.

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Der Lieblingshausziege gefiel ein Cape, das für die Weltumseglerin Hope Goddard maßgeschneidert wurde – nach einem spanischen Mantel aus dem Jahr 1580. Beide Kleidungsstücke wurden in der Ausstellung nebeneinander präsentiert – und dazu das Bild aus einem Modemagazin, in dem das Cape und die Trägerin in mondäner Geste abgebildet war. Leider mag sich das Bild nicht hochladen lassen.

Den Ausstellungskatalog haben wir dann doch nicht gekauft. Die Lieblingshausziege sah nämlich zwei andere Bücher über Mode, die sie viel interessanter fand.