Nichts mehr da. #Habseligkeiten

Endlose Weite.

Dass es besser ist, wenn er sein Herz nicht an Dinge hängt, lernte Georg schnell. Er zog bereits einige Tage lang mit seiner Kompanie durch die Sowjetunion, und hatte immer noch keine Vorstellung davon, wie weit, groß und unüberschaubar dieses Land in allen Dingen sein würde. Die Wälder und Felder waren riesig, die Wege endlos, die Dörfer kaum vorhanden und die Städte grau und öde. Zwar schien auch der dritte Krieg zunächst ein wildes, männliches Abenteuer zu sein, in dem sich gemeinsam mit den Kameraden die Unkereien der Propagandaleute belachen ließen: Frauen! Im Krieg! Die hatten doch dort nichts zu suchen… Doch das Lachen verging ihnen schnell. Hinter jedem Baum schien ein Feind zu lauern, in jedem Feld und jedem Haus.

Georg zog als Aufklärer vorneweg, saß mit vier Kameraden im leichten Spähpanzer. Die Landschaft war sommerhell, der Weg von Birken gesäumt. Hinten am Horizont zog sich der Wald scheinbar endlos dahin, er war froh, dass sie nicht dessen Tiefe erkunden mussten. Am nächsten Tag sollte es weiter gehen, sicherheitshalber schickte der Kompanieführer den Trupp noch einmal los, gerade als der Morgen graute. Wie am Tag zuvor war alles ruhig, idyllisch, kurz vor dem Wald graste ein Rudel Rehe, zwei Hasen hoppelten über den Weg und Fritz bedauerte, dass sein Gewehr nicht schießbereit war: „Die hätte ich gehabt, alle beide!“. Kaum waren die Worte verklungen, knallte es laut und ohrenbetäubend. Der Spähwagen ruckte so heftig, dass alles nach vorne flog: „Raus!“, wies der Leutnant an, doch das hätte er nicht sagen brauchen. Alle fünf drängten nach draußen, halfen sich aus dem Fahrzeug, hechteten in den kleinen Graben der neben dem Weg lag: „Hast du irgendwas gesehen?“ fragte Fritz. Georg schüttelte den Kopf: Außer den Hasen hatte auch er nichts gesehen. Als sie am Tag zuvor noch etwas weiter nach vorne gefahren waren, war hier ebenfalls alles ruhig und so übersichtlich und ruhig wie die Landschaft wirkte, hatten sie nicht mit einem Hinterhalt gerechnet.

Gebückt liefen sie durch den Graben zurück, während der Spähpanzer auf dem Weg dicke Qualmwolken in den Himmel schickte. Die ersten beiden liefen weiter vorne, Fritz und Georg sicherten den Leutnant von hinten, konnten jedoch nicht verhindern, dass ein heller Schuss peitschte und diesem quer über die Uniformjacke fuhr, diese wie mit einem Messer aufschlitzte und den Mann darin glücklicherweise unverletzt ließ. Sofort lagen alle platt auf dem Boden, bewegten sich vorsichtig schlängelnd durch das dürre Gras. Von einem Wermutstrauch gedeckt, wagte Georg einen Blick nach hinten, zum immer noch brennenden Panzer. Drumherum liefen unförmige wirkende Gestalten, die durch den dichten Qualm kaum zu sehen waren. Das waren doch keine Soldaten? Oder?

Sie wollten es nicht wissen, jetzt jedenfalls nicht. Ein zweiter Schuss hatte einen der anderen Kameraden in den Oberschenkel getroffen, sie zogen ihn gemeinsam immer weiter, durch den Graben, das trockene Gras, hinterließen eine deutlich sichtbare Blutspur und brauchten nur zwei Kilometer hinter sich zu bringen, als ihnen der zweite Spähtrupp begegnete, der ihnen gefolgt war und ihnen jetzt half, vollzählig zurückzukommen. Nicht immer hatten die Soldaten so viel Glück.

Sein Anzug war alles, was ihm von seinen Habseligkeiten noch geblieben war: Handtuch und Seife, Decke, Kaffeebecher, Essbesteck, Rasierpinsel und Apparat, sämtliche Briefe Friedes – alles war im Panzer verbrannt. Gleich nach der Rückkehr der Spähtrupps zog ein Kampftrupp los, mit dem Auftrag, die Lumpen zu erwischen. Ja, Lumpen. Es waren keine Soldaten, die geschossen hatten, es waren Frauen oder Männer in Frauenkleidern, vermuteten die Soldaten, nach allem, was sie im Qualm gesehen hatten.

Glück muss man haben, resümierte Fritz später, als er am Abend mit Georg zusammensaß und noch einmal die verpassten Hasen bedauerte. Schließlich war nicht überall ein passender Graben am Weg.

Zwei Tage später ging es weiter, immer weiter nach Süden und so lange, bis der fehlende Treibstoff die Reise für kurze Zeit unterbrach.

Das ist mein Beitrag zu Dominiks Projekt, *.txt, mit dem fünften Wort: Habseligkeiten.

Kein Berg, nirgends. Nur Schnee.

Einmal, als G. nachts zwischen den Häusern lief, in denen seine Kameraden schliefen und seine Blicke weit über den Schnee schweifen ließ, immer in der Angst, dass sich Partisanen von hinten leise anschleichen, erinnerte er sich an ein Märchen, dass ihm seine Mutter erzählt hatte, als er noch klein war und unter ihrem Nähtisch gespielt hatte. Es handelte davon, dass ein junger Mensch in einen Berg hineinging, sich durch einen Spalt gezwängt hatte, der plötzlich offen vor ihm war. Drinnen lief er eine Weile umher, bewunderte das Glitzern an den Wänden, hielt die Kristalle für Edelsteine. Er raffte so viele, wie er kriegen konnte, in seine Taschen und legte sich, da er müde war, zum Schlafen nieder. Als er aufwachte, packte er alles zusammen und ging wieder ins helle Tageslicht zurück. Das Tal war grün, die Schmetterlinge torkelten nektartrunken von Blüte zu Blüte, die Bienen und Wespen summten eifrig und das Grün dünkte ihm so üppig, wie er es noch nie gesehen hatte.

Doch hier gab es rundum keinen Berg, G. ging den Pfad entlang, den er gemeinsam mit seinen Kameraden gegraben hatte. Zu beiden Seiten bildete der Schnee eine Brustwehr, über die er zwar weit über die Ebene sehen konnte, aber auch gut für die Russen zu sehen war. Gestern stand Fritz noch gegen den Schnee gelehnt, als hielte er Ausschau. Der Einschuss war kaum zu sehen. Der Spieß brüllte die Soldaten an, wachsam zu sein und jagte sie hinaus, in die Weite, wo sie auf der Suche nach Partisanen zwischen Birkenstämmen herumstolperten.

Das ist mein Februarbeitrag für das #txt-Projekt bei Dominik: Link

Kleider machen Leute: Die Uniform

Uniform, die: eine (besonders beim Militär und bei der Polizei) im Dienst getragene, in Material, Form und Farbe einheitlich gestaltete Kleidung.

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Uniform der Wehrmacht.

Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich Dein Bild in Uniform das erste Mal bewusst wahrgenommen habe. Zwar trägst Du auch auf dem Hochzeitbild eine Uniform, doch das Bild war viel zu klein, um sämtliche Details zu sehen.

Hättest Du doch nur etwas erzählt, wenigstens ein kleines bisschen. Dann hätte ich gewusst, dass der Totenkopf, der an Deinem Kragenspiegel zu sehen ist, keinesfalls auf eine Mitgliedschaft bei der SS deutete. Ich war übrigens nicht die einzige, die diesen Gedanken hatte, dass Du Mitglied der SS gewesen warst. Meine Mutter hat kürzlich in einem Gespräch erzählt, dass auch sie das glaubte. Bis jetzt.

Dabei wäre es so einfach gewesen.

Die schwarze Jacke zeigt: Du gehörst zu den Panzertruppen. Die Kleidung war so geschnitten, dass sie im engen Panzer genügend Bewegungsfreiheit bot, jedoch nirgendwo hängenbleiben konnte. Der Totenkopf auf dem Kragenspiegel ist ein altes Abzeichen: Bereits im 16. Jahrhundert trugen die Husaren einen Totenkopf auf ihren Pelzmützen. Erst die Ungarn und die Polen, später trugen ihn auch die preußischen Reitertruppen.

Die zwei ineinandergeschobenen Winkel zeigen: Du warst ein Obergefreiter.

Das Blitzsymbol: Du hast zum Nachrichtenpersonal gehört.

Das Band im Knopfloch dürfte ein EK II. Klasse sein.

So einfach wäre das gewesen. Wenn Du mit uns geredet hättest.

Stattdessen habe ich den Totenkopf am Kragenspiegel gesehen – und falsch geschlussfolgert. Wir wussten ja nichts. Für mich – wie für viele andere auch, nehme ich mal an, war der Totenkopf untrennbar mit der SS verknüpft. Wer diesen trug, gehörte zu den ganz Bösen. Ich habe mich gefragt: Wie konntest Du damit Lehrer werden? Was würde passieren, wenn das jemand herausfindet?

Übrigens: Die überlebenden Mitglieder Deiner Division haben sich noch lange in Kassel getroffen. Wenn es keine Grenze zwischen Euch gegeben hätte, wärst Du dort auch hingefahren? Bestimmt. Nehme ich mal an.

Mit diesem Beitrag steuere ich den Buchstaben „U“ wie Uniform zur Blogparade beim Wortmischer bei. Klick auf das Logo führt zu den anderen lesenswerten Beiträgen.
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#txt: ruhig

Ruhig bleiben, ruhig leben, ruhig laufen, ruhig fahren. Ruhe hatten erst diejenigen, die von einer feindlichen Kugel getroffen wurden, fielen und starben. Alle anderen mussten weiter, immer weiter nach Osten, dorthin, wo die Sonne jeden Tag ein kleines bisschen früher aufging.
Hans staunte über die Weite, die sie querten. Bis weit vor ihnen dehnte sich das Land endlos, während über ihnen ein ebenso endloser und blauer Himmel war. Die lichten Birkenwälder, in denen das Sonnenlicht in hellen Flecken auf dem Moos tanzte, kamen ihm jedoch wie die finsteren Tannenwälder der Räubererzählungen aus seiner Kindheit vor. Hinter jedem Busch, unter jedem Grasbüschel schien der Feind zu lauern, der in seinen erdbraunen Uniformen so schwer sichtbar war, da der Stoff denselben Farbton trug, wie das Land rundum. Die gelbliche Farbe auf den Feldern erinnerte Hans an den August, wenn sich das Gras verbrannt und gelb niederlegte, da der Regen über Wochen ausblieb und alles vor Hitze flirrte. Hier in Russland reifte das Getreide auf den Feldern, da sich aber niemand um die Ernte kümmerte, blieb es stehen und ließ die Körner auf den Boden fallen.
Am 22. Juni hatte Hans die Grenze zwischen Polen und der Sowjetunion überquert. Am Straßenrand lag der Schlagbaum, ein Schild sah er nicht. Erst zwei Wochen später hielt seine Einheit das erste Mal inne. Sie hausten drei Tage lang in fünf verlassenen Häusern, die Hans auf den ersten Blick für Viehställe hielt. Erst als er die Tische sah, die in den Stuben standen, den großen Ofen in der Ecke und die Teller auf den Wandborden ahnte er, dass das Leben im Osten anders war, als er es von zu Hause kannte. Der Spieß ließ nicht zu, dass in den drei Tagen Ruhe einkehrte. Er sorgte mit dem entsprechenden Gebrüll dafür, dass sämtliche Jacken wieder schwarz, sämtliche Uniformknöpfe glänzend, sämtliche Schuhe penibel geputzt und sämtliche Koppel wieder so aussahen, als kämen sie frisch aus der Kleiderkammer. In diesen zwei Wochen war die Kompanie um 18 vermisste und sieben gefallene Soldaten geschrumpft, 25 von gut 200, da blieb für jeden mehr zu essen und mehr zu rauchen übrig, konstatierte Fritz, der wie ein Feldhamster auf seine Vorräte achtete und selbst dann noch etwas zwischen den Backen kauen konnte, wenn alle anderen hungrig auf den Nachschub warteten.
Drei Tage später ging es weiter, sie fuhren Tag und Nacht, bis sie den Dnjepr überquert hatten, der Sprit alle und die Tankwagen noch weit hinter ihnen waren. Dafür kamen die Russen von vorne und die Artillerie feuerte von hinten, bis die Rohre glühten. In den Häusern, die dicht hinter den Feuerstellungen standen, lagen Matten. Die Soldaten fielen darauf, froh über die weiche Unterlage und schliefen wie besinnungslos, obwohl die Batterie pausenlos feuerte. Hans war durch den ständigen Mangel an Schlaf so erschöpft, dass er sofort einschlief. Ein lauter Schlag, mitten in der Nacht, weckte ihn. Es klirrte und die Scheiben aus dem Fenster über der Matte fielen auf seine Decke. Die Artillerie hatte ein solches Trommelfeuer begonnen, wie er sich an keines erinnern konnte. Er sah zu, wie der Putz aus den Fugen rieselte, und glaubte einen Moment lang, dass sich die Backsteine in der Wand bewegten. Dabei erlebte er bereits seinen dritten Krieg – und die Belagerung von Warschau war ja auch nicht ohne. Die Abschüsse schienen schneller aufeinander zu folgen, als ein MG schießen kann, und der Zinnober dauerte länger als eine Stunde. Erst danach konnten die Soldaten ihre Finger wieder aus den Ohren nehmen, schliefen, bis sie geweckt wurden und weiter ziehen mussten.

Ruhe. Wenn es endlich einmal ruhig wäre…

Das ist mein Beitrag zum siebzehnten Wort von: #txt. „ruhig“. Der Link führt zu den anderen Beiträgen.

Distanzen sind mehr als Entfernungen

Wie weit die Entfernung zwischen zwei Orten ist, kann nur der ermessen, der sie durchfährt. Der Zug mit den Soldaten, mit den Spähpanzern, den Gewehren, der Munition, der Feldküche, dem Lazarett und allem, was zu einem Krieg gehört, fuhr eines Tages mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 60 Stundenkilometern los. Er passierte Leipzig, Dresden, und es ging weiter, immer weiter in östlicher Richtung, durchfuhr Breslau, Litzmannstadt und die Räder rollten weiter, immer weiter, bis der Zug zwei Tage später im polnischen Niemandsland so laut quietschend hielt, dass sich alle, die in ihm saßen, die Ohren zuhielten: Endstation,  alles aussteigen, dieser Zug endet hier.

Die Türen wurden geöffnet, die Soldaten sprangen heraus, schauten sich um, zündeten sich eine Zigarette an und standen erst eine Weile herum, bevor sie sämtliche Holzkisten, Blechkästen, Säcke, Tornister und was sonst im Zug war, abluden, die Spähpanzer und anderen Fahrzeuge fuhren über die Rampe vom Zug. Weil nicht alles am Bahnhof in der polnischen Provinz einfach warten konnte, bis alle dort versammelt waren, wo sie aufmarschieren sollten, ging es weiter, in die Tiefe der polnischen Wälder, dorthin, wo fast nichts mehr war, außer Sonnenglut und Hitze und Mücken. So viele Mücken, dass an Sonnenbaden nicht zu denken war, obwohl es Anfang Juni war.

Irgendwo in Berlin oder auf dem Obersalzberg hatte ein Führer befohlen, Generäle Pläne ausgearbeitet und diese in einzelnen Befehlen immer weiter nach unten gereicht. Drei Millionen deutsche Soldaten, dazu 600.000 Verbündete mussten losziehen, mit ihnen 600.000 Motorfahrzeuge und 3.600 Panzer, wurden an den sowjetischen Grenzen verteilt, bis am 22. Juni die ersten Soldaten ohne eine Kriegserklärung die Grenzen überschritten. Sie fuhren auf den Straßen immer weiter, ostwärts. Lastwagen, Motorräder, Feldküchen, Tankwagen. Die Räder all dieser Fahrzeuge waren auf Straßen angewiesen, doch die russischen Straßen waren selten mit Asphalt belegt oder gar gepflastert, sondern einfache Pisten: Staubig, wenn es trocken war. Bodenlos schlammig, wenn es regnete.

Briefe hielten die Verbindung: Zwischen Söhnen und Eltern, zwischen Männern und ihren Frauen, zwischen den Liebsten. Doch sie überklebten nur die Sehnsucht nach etwas, was nie wieder so sein würde, wie es vorher war; zu viel gab es, was nicht mitgeteilt werden konnte, was nicht miteinander geteilt werden konnte, was denen, die es erlebten, noch lange den Schlaf rauben und ihre Träume bestimmen würde. Bis zum Schluss. Bis zum Tod.

Das ist ein Beitrag für das Projekt auf Neon/ Wilderness, zum sechzehnten Wort: „Distanz“. Die anderen Beiträge findet ihr, wenn ihr auf den Link klickt.

 

Von einem, der auszog.

Geboren werden, überleben, immer wieder geboren werden, um immer wieder zu überleben, jeden einzelnen Tag. Wer kann die Angst eine Kindes ermessen, das sich unter dem Tisch verkriecht, weil sich die Erwachsenen verkleiden, poltern und mit der Rute drohen? Unter dem Tisch ist Sicherheit, oben Gelächter, über die Dummheit des Kindes – und die Gläser klirrten: Prost!

Wer kann die Angst eines Mannes ermessen, der, in eine Uniform gesteckt lernt, auf Ziele zu schießen, wenn er den ersten Menschen sieht, der tödlich getroffen fällt – um nie wieder aufzustehen? Über diesen Schrecken half noch nicht einmal der Alkohol hinweg, kostete doch eine Flasche Bier in den russischen Weiten weit mehr, als der Sold vertrug.

Betrug ist das Anagramm von Geburt und so wurden sie um ihr Leben betrogen, lernten nur, wie sie überleben konnten – und das oft auf Kosten von anderen. Der Preis war hoch, es war der Preis des Nicht-Sehens, des Nicht-Spürens, des Nicht-lieben-könnens, nie mehr. Konnten die Soldaten bei ihrer Rückkehr noch ein liebendes Gegenüber sehen? Konnten sie ihre Frauen, ihre Kinder wahrlich lieben? Sicherlich nicht. Sonst wäre vieles anders geworden. Sicher.

Kein Wunsch mehr übrig

Er hatte überlebt – und dabei alle seine Wünsche aufgebraucht. Ein Mensch braucht nur wenig, eine Hose, eine Jacke, einen Stift und ein Blatt Briefpapier, gelegentlich ein Stück Brot und eine Decke. Alles andere war Glück, mit dem sich die kleinen Widrigkeiten des Lebens leicht stemmen ließen. Was war schon ein zerbrochener Teller gegen einen Lungensteckschuss, ein stumpfer Rasenmäher gegen blanke Finger beim Funken, während 25 Grad tiefer Frost biss, der selbst den Diesel der Panzer erstarren ließ. Nur Verschwendung ließ er nie wieder zu, brauste auf, wenn Brotkrümel fielen, Kartoffeln nicht hauchdünn geschält oder Frühstücksbrot nicht gegessen wurde.

Tagebuch am 5. November

Auf Sylt war der Tag sehr strukturiert, begann mit Aufstehen, Duschen und Frühstück im Speisesaal. Anschließend war noch Zeit, ich ging zum Watt. Vor einer halben Stunde war Hochwasser, alles war nass, ich lief links am Ufer entlang, immer weiter, bis vorne zur kleinen Landspitze. Da steckte tatsächlich eine Rose im Sand. Seltsam.

Ich kam etwas zu spät zum Schreiben und verpasste die kleine Gymnastik, was für ein Glück. Diese gefällt mir etwa so, wie Lyrik, also eher nicht.

Als Impuls gab es einen ersten Satz, den ich ein klein wenig veränderte:

„S. blickte auf. G.’s Finger tanzten über die Tasten, er stierte wild auf das Manuskript.“

Doch das war nur ein Traum. In Wirklichkeit hatte G. nie über das geredet, was er erlebt hatte, er hatte nur immer gelächelt. Wagte eines der Kinder zu fragen, verfinsterte sich seine Miene und sie verzogen sich, lernten, nie mehr zu fragen, nie nachzufragen, lernten, dass es Dinge gab, die beschwiegen wurden, die verschwiegen wurden und dass es Geheimnisse gab, die nicht am Heiligen Abend gelüftet wurden.

Nicht sprechen, nicht denken, nicht daran-denken. Die Kinder lernten gut und sie lernten so gut, dass sie auch in ihrem eigenen Leben Dinge fanden, über die sie nicht sprechen würden, die sie nicht wissen wollten, sie selbst nicht und andere schon gar nicht. Ein Sohn in der Psychiatrie? Ihm geht es gut, versicherte die Mutter, als sie von ihrer Schwester nach seinem Befinden gefragt wurde, weniger aus Mitleid, denn mit der Genugtuung, dass ihre eigenen Kinder besser und tüchtiger geworden.

Im Nichtsprechen waren alle großartig, die Zeit des Schweigens ist bis heute nicht vorbei. Als die Tanten vernahmen, dass die Nichte ihre Finger und Augen in die verborgenen Geheimnisse des Vaters steckte, gar dessen Briefe las, rüffelten sie diese in selten trauter Einigkeit, als sei sie ein unartiges Kind, das unerlaubt den Schrank geöffnet, in dem die Weihnachtsgeschenke versteckt.

Nach dem Text gab es erst einmal Pause und eine kleine Theorie über unterschiedliche Erzählperspektiven, es galt, noch einmal zu schreiben, bis endlich Mittagszeit war.

Mittagessen gemeinsam im Speisesaal, anschließend wollte ich mit einer Begleiterin nach Westerland fahren. Der Bus war gerade fort, doch eine Autofahrerin sah unser Winken, sie hielt und brachte uns zum Ziel. Dort wanderten wir zur Strandpromenade, an dieser entlang, bis Wenningstedt, wollten dort mit dem Bus zurück, sahen ein Schild „Friesenkirche“ und mussten bis dorthin noch ganz schön weit laufen. Die Begleiterin wurde schneller und schneller, als würde die Kirche plötzlich verschwinden, wenn wir nicht rechtzeitig wären. Doch sie war da, sogar offen, sehr nett (nein, es gibt keine Bilder, ich bin froh, dass das Internet überhaupt funktioniert).

Mit dem Bus kamen wir pünktlich zum Abendessen zurück nach Puan Klent, der Text von vor dem Mittag wurde besprochen, noch eine kleine Übung zum Abschluss, dann war der Tag geschafft. Und ich auch.

Die anderen Tagebucheinträge gibt es wie immer bei Frau Brüllen.

Knotenpunkte #1

Befehle sind zu befolgen, waren einst zu befolgen. Wer sie nicht beachtete, sich ihnen widersetzte oder gar mißachtete, wurde bestraft, oft mit dem Tod. Ganz ohne ein: das-hab-ich-nicht-gewollt, oder ein das-hab-ich-nicht-gewusst, auch ein das-hab-ich-nicht-so-gemeint. Gesagt war gesagt, getan war getan, wer vorher nicht überlegte, dem blieb anschließend nur selten Gelegenheit dazu.

Der Ring, der einst Gehorsam hieß, war bindender als jedes andere Versprechen. Den jungen Menschen, die als Soldaten ziehen mussten, blieben nur die Sehnsucht nach dem Weihnachtsbaum, die Erinnerung an warmen Kerzenschein, an den Kartoffelsalat und die Bratäpfel, die wenigen Geschenke, wie warme Socken und selbstgestrickte Handschuhe. „Ich denke an dich“ stand millionenfach in Feldpostbriefen, sie wünschten sich nichts lieber, als Weihnachten daheim zu sein.

Doch es lagen mehr als 1000 Kilometer zwischen ihnen, den Soldaten und denen, die zu Haus geblieben, es gab kein Entrinnen. Weder aus der russischen Kälte – es sei denn in die Wärme einer Bauernkate und um den Preis, dort gemeinsam mit Schweinen und anderen Tieren unter einem Dach zu hausen. Die Alternative war der Tod, allgegenwärtig und hinter jeder Ecke, jeder Schneewehe lauernd.

Keiner wusste, was kommen würde, sie wurden getrieben von den Befehlen, von dem, was anscheinend getan werden musste, und berauscht von allem, was bisher geschah.

Die Schweine, die mit in der Stube hausten, landeten bald im Kochtopf, für diese war das kurze Leben vorbei. Die Menschen, die hier ihre Heimat hatten und überlebten, wurden nur drei Jahre später verurteilt. Kollaboration mit dem Feind lautete der Vorwurf, Deportation war die Folge.

Feldpostbriefe

Am Wochenende war ich bei meinen Eltern. Das kommt gelegentlich vor. Als sie neulich bei mir in Franken zu Besuch waren, hatte meine Mutter erzählt, dass sie einen ganzen Karton mit Feldpost hat, den mein Opa – also ihr Vater – an ihre Mutter geschrieben hat. Meine Mutter selbst kann die Briefe nicht lesen, da sie in Sütterlin geschrieben wurden. Als noch nicht ganz Jugendliche, früher nannte man das Backfisch, habe ich einst so lange meine Urgroßmutter angebettelt, dass sie mir gezeigt hat, wie Sütterlin geschrieben wird. Ein erster Versuch zeigt: Ich kann die Briefe lesen. Also hat sich der Einsatz damals gelohnt. Als erstes habe ich den letzten Brief gelesen und übertragen, geschrieben am 3. Januar 1945. Und habe gemerkt: Ich verstehe nicht alles. Ich weiß oft nicht, was Spaß ist, und was ernst gemeint ist. Ohne mehr Informationen über das, was war, werde ich wohl nicht weiter kommen. Und werde trotzdem nicht alles verstehen können: Wann hat sich der Großvater Sorgen gemacht? Hat er wirklich geglaubt, im Januar 1945, dass es kurz vor dem Kriegsausgang noch zu einer Wende kommen wird? Oder schrieb er das in den Brief hinein, weil ja die Feldpostbriefe zensiert wurden? Und er einfach nur gehofft hat, dass er überlebt, dass er alles überlebt?

Er hat überlebt. Ja. Sonst hätte es meine Mutter und ihre Geschwister nicht gegeben. Aber er hat nichts erzählt. Fragen kann ich ihn längst nicht mehr, dort wo er ist, gibt es keine Antworten. Ich habe zwar meinen Urgroßeltern und auch meiner Großmutter Löcher in den Bauch gefragt und wollte vieles wissen, nur mein Großvater hat nichts erzählt.

Jetzt lese ich seine Briefe. Mal sehen, wie das wird. Was daraus wird.

Die ersten Briefe fehlen. Leider. Ich muss mal fragen, ob noch irgendwo welche stecken könnten. Wenn nicht, dann sind sie wohl weg. Vielleicht wurden sie verbrannt, wer weiß.

Es gibt einen ganzen Stapel von 1942, 1943, 1944 und einen einzigen Brief von 1945. Die Briefe von meiner Großmutter, auf die sich mein Großvater oft bezieht, sind auch nicht erhalten. Vermutlich gab es für ihn nicht so viele Gelegenheiten, sie aufzuheben und wieder mit nach Hause zu bringen.

Beim Kramen in den Briefen habe ich mich an ihn erinnert, an den Tabakduft, der immer da war, wenn ich die Schublade vom Tisch aufzog, der unter dem Fenster stand. Ich habe mich daran erinnert, wie mein Großvater in seinem grünen Trainingsanzug, genannt Fridolin, im Wohnzimmer saß. An das Frühstück am Sonntag, ebenfalls im Wohnzimmer, nach dem sich meine Großmutter ihre Fingernägel lackierte und zu dem klassische Musik vom Plattenspieler ertönte.