Liebeskummer

Die Lieblingshausziege hat Liebeskummer, und ich kümmere mit, logisch. Sie lässt sich gerne bekuscheln und streicheln, schläft mit bei mir im Bett und ist überhaupt wieder ein richtiges Gesellschaftstierchen, das nicht gerne alleine sein mag.

Vexierkapelle Reifenberg

So schön, wie die erste junge Liebe ist: Es prallen zwei Welten, zwei unterschiedliche Methoden der Erziehung, zwei unterschiedliche Ansichten über Werte aufeinander. Während einer der beiden bisher eher gelassene Freiheiten erlebte, vieles selbstständig entscheiden durfte und wenig kontrolliert wurde, waren die Eltern des anderen deutlich restriktiver, kontrollierten das Zimmer auf Bonbonpapierchen und bangten bei Fund derselben, dass der Sprössling künftig als Messie verwahrlose.

Alles ging eine ganze Weile ganz gut, jetzt trennen sich die Schul- und auch die Lebenswege.

Ja, doch, wenn das eigene Kind eine Zurückweisung und Ablehnung erfährt, das schmerzt auch mich. Was hilft?

Reden? Ich würde zwar manches gerne genauer wissen, aber die Lieblingshausziege mag schließlich nicht über alles reden. Logisch. Geht mich ja auch nichts an. Ich hätte in dem Alter auch nicht mit meinen Eltern über meine Beziehungen geschwätzt. Das mache ich übrigens auch heute noch nicht, aus Gründen.

Was tun? Wir haben ihr Zimmer gemeinsam umgeräumt, ausgeräumt, Razzia veranstaltet, es gab frische und ganz neue Bettwäsche, sie hat alle Andenken entfernt, in eine Kiste gesperrt und auf den Dachboden verbannt.

Ablenkung? Wir waren gemeinsam auf dem Annafest, haben den Festzug bewundert, waren auf dem Bierkeller, sind gewandert, haben Filme geguckt, ein neues Buch besorgt, die Friseurin durfte eine neue Frisur schneiden.

Da ich ja nur drei Hausziegen habe, also alles Mädels, fehlt mir somit die Erfahrung in der Erziehung und Haltung von männlichen Exemplaren. Ich kann es demnach nicht nachvollziehen, dass für diese die Mama einfach unfehlbar und immer die Beste ist. Jaja, ich weiß, Freud hat mal dazu was gesagt, aber das hat doch mit dem wahren Leben nichts zu tun, oder?

Sind Jungs wirklich so unkritisch und nehmen alles widerspruchslos hin, was ihnen die heilige Mama so um die Ohren knallt? Wagen diese wirklich nicht einen einzigen Versuch der Rebellion? Ich kann das eigentlich kaum glauben.

Also, Mütter von Jungs: Wie macht ihr das? Wie sorgt ihr dafür, dass Euer Nachwuchs selbstständig und frei in seinen Entscheidungen sein kann? Sicherlich wollen die Kinder uns als Mütter ohnehin weder enttäuschen noch etwas tun, was wir missbilligen. Doch: Wie frei dürfen sie über sich entscheiden? Dürfen sie frei wählen, welche Schule sie besuchen und welchen Beruf sie gerne ausüben möchten? Was würde passieren, wenn Sohnemann sagt, och, ich will nicht auf das Gymnasium gehen, ich will lieber Trecker fahren?

Achja: Auch bei Mädels ist es ein Balanceakt: Die Werte zu vermitteln, die mir wichtig sind – und trotzdem genügend Freiraum zu lassen, diese auch anders als gedacht umzusetzen. Es ist nicht einfach…

Da war eine Schraube locker: Für die Rostparade

Draisinenfahrt

Kanonenbahn Geismar-Leinefelde

Da ich für ein paar Tage meine Eltern besuchte, war es hier ein wenig ruhiger. Wir waren schließlich viel unterwegs und haben Dinge angeguckt, die ich zwar schon lange kenne, aber nichtsdestotrotz ganz gerne habe. Schließlich treffe ich mich ja auch mit Bekannten und Freunden, auch wenn ich diese bereits kenne. Oder vielmehr: Genau dann macht das Wiedersehen Vergnügen und weckt manches Mal auch alte Erinnerungen.

So fuhren wir beispielsweise mit einer Draisine auf der längst stillgelegten Bahnstrecke. Auf dieser fuhren auch einmal Züge, so weit, so logisch. Mit diesen bin ich hier als Kind gefahren, habe an einem Haltepunkt gewartet, von dem heute nichts mehr übrig ist, habe mein Ohr auf die Schiene gelegt, damit ich hören konnte, wann denn der Zug endlich aus dem Tunnel kommt. Oder einen Pfennig: Der Stahlkoloss fuhr einfach über das kleine Geldstück und walzte es völlig platt.

An dem Bahnhof, an dem wir mit der Draisine umkehren und wieder zurückfahren mussten, saßen wir ein wenig herum, unterhielten uns und inspizierten die Umgebung. An einem ungenutzten Nebengleis guckte einer der dicken Schraubenköpfe ein wenig hervor, hier war quasi eine Schraube locker.

Draisinenfahrt

Kanonenbahn Geismar-Leinefelde

„Lass die Schraube in Ruhe“: Mütter verlernen das Zurechtweisen des Nachwuchses wohl nicht, egal wie alt beide sind und werden. Was mich – wie schon als Kind – nie daran gehindert hat, trotzdem nachzugucken, was passiert, wenn… ich in diesem Fall an der Schraube ziehe. Und siehe da, sie ließ sich ganz widerstandslos aus ihrem Loch herausziehen. Ich brauchte gar nicht an ihr zu drehen.

Draisinenfahrt

Kanonenbahn Geismar-Leinefelde

Und jetzt? Ist die Schraube auf mir völlig unerklärliche Weise erst in meine Tasche und dann bis zu mir nach Bayern geraten.

Also: Ich sag’s ja. Ich hab eine Schraube locker. Und nicht mehr alle Tassen im Schrank, denn es steht immer mindestens eine auf dem Küchentisch oder in der Spülmaschine.

Das ist mein Beitrag zur Rostparade von Frau Tonari: (hier klicken) Über die Draisinenfahrt erzähle ich später noch mehr, die war nämlich interessant.

Die Ordnung und das liebe Kind

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Ordnung und Kinder – das scheint so unverträglich wie: Katzen und „An der Leine gehen“

Kinder zu erziehen ist ohnehin zwecklos, weil sie den Eltern alles nachmachen (Erich Kästner)

Ordnung. Ach ja. Da war noch was. Da ist etwas, über das ich jeden Tag stolpere, mal mehr, mal weniger. Was die Lieblingshausziege dazu bewegt, die Schultasche exakt in der Türöffnung zu platzieren, das weiß ich nicht. Aber eines weiß ich: ich will um mich herum einigermaßen Ordnung haben. Dazu hat auch der Teenie etwas beizutragen. Das gilt besonders in den Räumen, in denen sich alle gemeinsam aufhalten, logisch. Weil die Lieblingshausziege ein Gesellschaftstierchen ist, ist sie auch genau dort. Das ist in den meisten Fällen in der Küche, oder im Wohnzimmer. Dort wird gelesen, gemalt, genäht, gechattet, geschwätzt, gespielt, was auch immer.
Es ist weder in der Küche, noch im Wohnzimmer so wirklich ordentlich, es liegt überall etwas herum, aber das ist normal. Ich werde sauer, wenn ich merke, dass ich offensichtlich die einzige bin, die Dinge wieder dorthin räumt, wo sie ihren eigentlichen Platz gefunden haben. Oder vielmehr: Wo ich fand, dass sie dort gut und griffbereit untergebracht sind. Wenn ich am Morgen, sobald sich die Lieblingshausziege fertig geputzt hat und auf dem Weg in die Schule ist, erst noch ihre Kaffeetasse in die Spülmaschine räumen, ihren leeren Joghurtbecher in den Müllsack und ihre Haarbürste vom Küchentisch zurück ins Bad räumen muss, dann nervt das schon. Dann soll sie einfach weniger Zeit vor dem Spiegel verbringen, dann ist das auch ohne weiteres zu schaffen. Aber das ist ein anderes Thema.
Jedenfalls gibt es genügend Anlässe, dass ich das Zimmer der Lieblingshausziege betrete: Ich räume die gebügelte Wäsche, nein, nicht in den Schrank, das darf sie selber machen, aber in ihr Zimmer. Ich gucke nach, ob die armen Topfblumen auf dem Fenster mit etwas Wasser noch zu retten sind, oder ob ich sie lieber auf dem Kompost begraben sollte. Dabei sammle ich auch noch die Handtücher ein, hänge sie zurück ins Bad.
Sicher. Das wäre eigentlich die Aufgabe der Lieblingshausziege, das ist mir schon klar. Manchmal gucke ich auch im Zimmer nach, ob noch Wäsche herumliegt, die ich dann mit der anderen Wäsche in den Keller bringe, damit sie gewaschen wird. Ich mache das ja nicht, um die Lieblingshausziege zu ärgern, sondern eigentlich, weil ich sie schon ganz gerne mag und somit möchte, dass sie sich in ihrem Zimmer wohl fühlen kann.
Das war es aber auch. Mehr als das räume ich nicht auf. Sieht der Fußboden des Zimmer so aus, als könne sich nur noch ein Stelzenläufer mit zwei Quadratzentimeter Auftrittsfläche zwischen den Dingen bewegen, dann reicht es. Dann kriegt die Lieblingshausziege eine klare, deutliche und völlig unmissverständliche Ansage: Räum Dein Zimmer auf!
Der Witz dabei ist ja, dass sie überhaupt nicht lange braucht, bis das Zimmer ordentlich ist. Warum, zum Kuckuck, kann das nicht auch so bleiben? Aber nein, Unordnung ist der Normalzustand und Ordnung eine seltene Ausnahme.
Als echte Lieblingshausziege meckert sie ja darüber, dass ich mich in ihrem Zimmer einmische. Das wäre doch ganz alleine ihre Sache und dort könne sie Ordnung und Unordnung halten, wie sie wolle. Ich könne ja die Tür von außen zumachen.
Warum will ich eigentlich, dass sie in ihrem Zimmer Ordnung hält?
Das ist ganz einfach: Ich gehöre selber zur Gattung der Streuobstwiesen und lasse meine Dinge auch gerne irgendwo liegen. Das weiß ich und bin im Moment bei der Zähmung von Max, meinem inneren Schweinehund. Doch es geht bei der Ordnung um mehr, als nur darum, dass die Dinge irgendwo liegen und einsortiert sind, statt auf dem Fußboden herumzuliegen. Ich möchte mich wohlfühlen. Dafür muss es nicht perfekt ordentlich sein, aber ein wenig schon. Und weil sich das Zimmer der Lieblingshausziege in meiner Wohnung befindet, ich das Kind gerne mag und auch möchte, dass es sich wohl fühlt, erinnere ich sie immer mal wieder daran, dass das Zimmer dafür auch aufgeräumt sein muss. Wenigstens einmal in der Woche. Das aber mit Nachdruck.
Es gibt immer wieder auch schlaue Ratschläge anderer Menschen, ich solle die Unordnung einfach so hinnehmen, die Tür zumachen und die schmutzige Wäsche in ihrem Zimmer liegen lassen. Doch das hört sich für mich immer an, als würde ich damit nur eine Gleichgültigkeit kaschieren. Aber meine Lieblingshausziege und deren Wohlbefinden ist mir nun einmal nicht gleichgültig.

Das war die Antwort von mir, dem Muttertier, auf die Beschwerde der Lieblingshausziege, die da schrieb: Mein Zimmer, nicht deins!

Ein Spaziergang mit der Lieblingshausziege

Neulich. Ich hatte Zeit. Es gibt Tage, da kommt das nicht so oft vor. Und es war noch hell. Da ich weiß, dass die Lieblingshausziege gerne laufen geht, und ich viel zu selten mitkommen kann, schlage ich ihr vor, wir könnten ja heute mal. Laufen gehen.

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Der Rhein-Main-Donau-Kanal.

Doch die Lieblingshausziege verzieht ihr Gesicht: Sie habe Schmerzen im Bein, könne schlecht auftreten, was weiß ich. Ich hab noch nachgefragt, mich erkundigt, nach Sport und anderen Ursachen und ein letztes Mal die Mails abgerufen. Gesagt habe ich weiter nichts. Gedacht habe ich mir auch weiter nichts. Ich brauche eben mal noch ein kleines Weilchen.

Da hat sie es sich offensichtlich doch anders überlegt, jedenfalls zieht sich die Lieblingshausziege ihren schwarzen Mantel an und ihre Schuhe und will mitkommen. Wir fahren ein kleines Stück mit dem Auto, bis an den Rand des Dorfes. Von dort geht es erst einen Feldweg entlang, an Pferdekoppeln vorbei, bis zur Schleuse in Hausen. Dann ein ganzes Stück den Rhein-Main-Donau-Kanal entlang, immer geradeaus, in der Ferne sind die Hochhäuser von Erlangen zu sehen, und eine Brücke. Zwischendrin steht eine Bank und die Lieblingshausziege setzt sich. Mir ist es zu kalt dazu, ich bleibe stehen  und warte. Drei Entenpärchen schwimmen auf dem Kanal, bleiben aber hübsch weit weg. Wir haben ja auch kein Entenfutter dabei. Bis zur Brücke gehen wir dann heute doch nicht, sondern biegen wieder rechts ab, es geht ein bisschen durch den Wald und über einen Feldweg bis zum Auto.  Zwischendrin verrät mir die Lieblingshausziege, sie wäre mitgekommen, weil ich nichts mehr gesagt hätte, so von wegen: “Dann bleib hübsch auf dem Sofa, und ich gehe alleine spazieren”. Nein. Ich habe gar nichts gesagt, und auch gar nichts gedacht, weil ich schließlich meine Mails abgerufen habe. Doch sie habe das schlechte Gewissen geplagt und deswegen sei sie mitgekommen.

Kurz vor dem Wald steht noch eine Bank für eine Rast mit dem Hinkefüßchen. Damit mir nicht so kalt wird beim Warten, verspreche ich ihr einen heißen Kakao, wenn wir wieder zu Hause sind.

Das hat die Laufgeschwindigkeit deutlich erhöht.

Und die Lieblingshausziege hat auch was dazu gesagt: Hier