Die Muße auf Reisen

Inzwischen habe ich mir eigentlich alles in Cordoba angeguckt, was es so zu sehen gibt. Gut, ich könnte mir noch das Archäologische Museum angucken, wo es bestimmt Reste aus längst vergangener Zeit zu bestaunen gibt. Aber es ist irgendwann auch einmal gut damit. Ich muss nicht mehr jeden Tag durchplanen, Dinge machen, wichtige Bauwerke angucken und davon Fotos machen. Alles ist schon getan. Jetzt bleibt: Faulenzen, mich im Nichtstun üben, einfach durch Straßen schlendern, die nicht im Reiseführer erwähnt sind, um Ecken biegen, in denen es nichts zu sehen gibt und trödeln. Erst übermorgen geht es weiter nach Malaga, die Zeit bis dahin lässt sich weder abkürzen, noch beschleunigen. Langsam brauche ich keinen Stadtplan mehr, und finde trotzdem zum Quartier zurück, auch wenn es immer noch auf Umwegen geht. Ich muss ja nirgendwo pünktlich erscheinen, ich habe es nicht eilig, ich kann mich einfach treiben lassen.

Was mir hier gefällt, ist die Ruhe, die hier herrscht: Autofahrer warten einfach ab, bis die Fußgänger die Straße überquert haben, Radfahrer fahren auf dem Bürgersteig und umkurven ganz gelassen sämtliche Passanten und Cafehausstühle, selbst der Presslufthammer der Bauarbeiter scheint hier einen ruhigeren Takt zu schlagen.

Was mir gefällt, ist das morgendliche Frühstück, das wir inzwischen nicht mehr in der Unterkunft verputzen, sondern in einem der kleinen Straßencafes. Dort gibt es Kaffee mit Milch, getoastete Baguettes, wahlweise Olivenöl, Margarine oder Butter, Marmelade, Tomaten, was weiß ich. Das hört sich alles so großartig an, ist aber ganz simpel, fast wie am heimischen Küchentisch: Da kommt die Margarinepackung einfach auf den Tisch, oder die Ölflasche, zwischen dem getoasteten Weißbrot liegt schnöde der Rest. Kein Salatblatt als Deko, ganz einfach und frugal. Und nebenan sitzen spanische Frauen, schnattern und unterhalten sich, dass es eine wahre Pracht und Freude ist, auch wenn ich kein Wort davon verstehe.

Cordoba.

Cordoba. Graffiti.

Was mir nicht so gefällt, sind die Bettler, auch wenn sie in den meisten Fällen still und unauffällig sind. Gestern legte einer auf jeden Tisch ein kleines Zettelchen und sammelte es hinterher einfach wieder ein, mal mit und mal ohne Spende. Heute mittag spielte ein Mann neben dem Lokal Lieder aus den 60er Jahren auf seiner Konzertgitarre, wirklich gekonnt und wunderschön, hinterher ging er mit einer Keksdose von Tisch zu Tisch und bedankte sich auch bei denen, die ihm nichts gaben. Müssen wirklich in unserem reichen Europa Menschen bettelnd durch die Straßen ziehen? Wir haben genug, jeder hat genug. Wer aufhört, ständig „meins“ zu sagen, kann anfangen, den Fremden als Nachbarn willkommen zu heißen.

Während wir in Sevilla ein Haus (fast) für uns alleine hatten, einfach weil im August weniger Touristen in Spanien sind, schlafen wir in Cordoba in einer Wohnung. Dabei schien das für eine kurze Zeit nicht sicher, die Vermieterin antwortete zunächst nicht auf Mails, legte bei einem Telefonat einfach auf und nahm hinterher nicht mehr ab. Irgendwie klappte die Verständigung dann doch, wir erfuhren Hausnummer, Etage und Wohnung.

Ein großer Wohnblock, gutbürgerlich würde ich ihn nennen. Sozialer Wohnungsbau sieht anders aus, hat weder einen in Marmor gefasstem großzügigen Eingangsbereich, noch einen Portier, würde ich sagen. Die Wohnungstür dunkel, gediegene Kassettentür, eine ältere Frau öffnet, lächelt und bittet herein, den langen Gang entlang, bis in ihr Wohnzimmer, an lauter kleinen Tischchen und Schränkchen vorbei, auf denen Fotografien stehen. Die Möbel gediegene Eleganz, nicht mehr ganz modern, aber sehr gepflegt und gut. Unauffällig vor dem Fenster ein Bett, das Bett, in dem sie schläft, wie sich später zeigte, das einzige Zimmer, das sie – von fünf Zimmern – augenscheinlich noch selbst bewohnt. Alle anderen sind als Übernachtungsmöglichkeiten für Gäste wie uns hergerichtet und mit Betten ausgestattet.

„Setzen Sie sich“, sagt sie, auf Spanisch, ich verstehe es dank der universellen Handbewegung, die sie dazu macht. Auf dem Wohnzimmertisch der Laptop ermöglicht mit dem Translator ein wenig Verständigung. Sie tippt „Willkommen“ ein, langsam und mit zwei Fingern, spricht jeden Buchstaben mit. Wir fragen nach Küche, Kaffee, Kühlschrank, es dauert, weil der Computer lange braucht und nicht immer will. Sie zeigt uns unsere Übernachtungsstätte, das Bad, die Küche, die Schlüssel, erklärt etwas, das wir doch nicht ganz verstehen: Als wir unten aus dem Haus wollen, passt kein Schlüssel davon ins Schloss. Erst als jemand kommt – und ebenfalls hinausgeht, sehen wir, dass es dazu einen Schalter hoch oben an der Tür gibt, der den Riegel entsperrt. Diese Schalter kannte ich bisher nur aus dem Kindergarten. Der flache Plastikstecker öffnet die Tür dann tatsächlich auch wieder von außen, so dass wir beruhigt eine erste Runde durch die unbekannte Stadt drehen.

Warum sie sich so bescheiden muss, warum sie Zimmer an Reisende vermietet, die sie nicht verstehen kann, mit denen sie sich nicht unterhalten kann, ich weiß es nicht. Sicher ist: Die Wohnung ist groß, klimatisiert, die Möbel sind bürgerlich-feudal, es gibt große Gemälde und auf einem ist sie selbst zu sehen, als junge Frau, datiert mit 1974. Wir sehen sie kaum, sie sitzt meistens in ihrem Wohnzimmer, schaut fern, oder auf dem Balkon davor und raucht.

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