Die Wanderung der Nachbarn

Hinter dem Haus liegt der Garten, mit den Erdbeeren und den Gurken, dem Salat und den bald roten Kirschen. Der Garten ist so ganz ohne Zaun drumherum. Das hat einen Grund: Die Nachbarn von links nebenan gehen nämlich über das Grundstück, zwischen Garten und Haus entlang, wenn sie zu ihrem Kartoffelacker wollen, der dahinter eingeklemmt liegt. Sie könnten diesen zwar auch über die Straße erreichen, aber wozu der Umweg? Da gebe es ein eingetragenes Wegerecht für ebenjene – und nur für jene – Nachbarn, wurde mir gesagt, seit gefühlten Ewigkeiten schon.

Aus dem einen Teil des Kartoffelackers, dem hinteren Teil, oder, wenn man es andersherum betrachtet, dem Teil, der direkt an die Straße grenzt, wurde inzwischen ein Baugrundstück für das Haus für Sohnemann vom Nachbarn, nebst Frau und Kind. Schon während der gesamten Bauzeit nahm der Fußgängerverkehr zwischen Haus und Garten spürbar zu, aber, so ein Bau muss schließlich beaufsichtigt werden, also lassen wir sie mal, das wird schon wieder.

Kaum aber ist das Haus fertig, grillt der Junior alle zwei Tage auf seiner künftigen Terrasse, die zwar noch nicht gefliest, aber mit einem grünen Kunststoffrasen bedeckt. Dieser hebt sich grell und farbig vom braunen Erduntergrund ab und verhindert auch, dass Dreck ins neu gebaute Wohnzimmer getragen wird. So weit, so schön.

Ab jetzt nimmt der Wanderverkehr so richtig Fahrt auf. Es gibt Zeiten, da ziehen ganze Gruppen vor dem Küchenfenster entlang, so scheint es. Neben den bereits bekannten Familienmitgliedern befinden sich jetzt allerdings auch etliche Unbekannte unter den eifrigen Wanderern. Damit alles hübsch ordentlich bleibt und niemand auf dumme Gedanken kommt, pflanzen ebenjene linken Nachbarn an das eine Ende dieses Trampelpfades, der nahe ihrem Haus liegt, einen Pfahl und befestigen an diesem ein Schild. Auf diesem steht deutlich und klar geschrieben, dass hier ein Privatweg sei, kein Hundeklo. Aha. Das Schild als solches geht uns überhaupt nichts an, wir haben schließlich keinen Hund.Wunschzettel 071

Aber es macht durchaus neugierig. Kann aus einem lediglich gestatteten Wegerecht, selbst wenn das irgendwo eingetragen ist, ein richtiger Privatweg der linken Nachbarn auf einem Grundstück werden, der ihnen aber gar nicht gehört?

Ein Anruf beim Katasteramt wird weiterhelfen. Die müssen ja sowas wissen, schon von Amts wegen. Außerdem können die nachgucken, was wirklich im Grundbuch steht.

Die Überraschung ist perfekt: Es gibt überhaupt keinen Grundbucheintrag, somit auch kein Wegerecht.

Oh.

Also gibt es auch keinen Grund, über das Grundstück zwischen Haus und Garten entlang zu stiefeln. Schließlich gibt es zu diesem Zweck bereits eine öffentliche Straße, die den Weg wirklich nur unwesentlich verlängert, sagen wir mal, um fünfzig Meter, aber allerhöchstens.

Und jetzt?

Wie sagen wir das jetzt den Nachbarn, die dafür bekannt sind, dass sie niemandem etwas Gutes wünschen, dass die Wanderung zwischen Haus und Garten jetzt nicht mehr geduldet wird?

Sollen wir einfach hingehen, klingeln und mit ihnen reden, oder sollen wir über das Schild mit dem Privatweg ein neues Schild hängen: Jetzt ist aber Schluss damit?

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