Die Wanderung der Nachbarn – eine Fortsetzung

Wir haben uns für die Sache mit dem Zettel entschieden. Wer jetzt nicht weiß, worum es nochmal ging, kann hier die Vorgeschichte dazu nachlesen.
In eine regenfeste Klarsichtfolie eingetütet – sicher ist sicher – wurde der Zettel abends direkt unter dem Hinweis: „Privatweg – kein Hundeklo“ mit Reißzwecken ordentlich und sturmsicher befestigt. Am Morgen darauf entdeckte ihn der Sohn, als er hinüber zum Elternhaus ging. Kurz danach tagte der Familienrat vor dem Schild. Was besprochen wurde? Keine Ahnung. Dafür standen alle leider zu weit weg. Aber immerhin war direkt nach dem Meeting kein Pfahl mehr im Boden und somit hing weder Schild, noch Zettel.
Geht es um den Ruf der Familie, dann sind meistens die Frauen diejenigen, welche ihn vehement verteidigen, gegen jede Art von auch nur vermutetem Angriff und völlig unabhängig ob der Tatsache, dass vielleicht auch ein Gegner einmal Recht haben könnte. Das war schon bei meiner Oma so und überhaupt ist dieses Verhalten wohl universell.
So ist es: Wenn es gegen die Familie geht, werfen sich die Frauen in die Brust, wappnen sich gegen jegliche Unbill und ziehen mit einer Vehemenz in den Kampf, dass es graust. So auch hier. Die zornbebende Brust wogte wild, die Trägerin schnappte hörbar nach Luft. Wer in höherem Alter und zudem untrainiert ist, sollte größeren Anstrengungen schon deswegen aus dem Weg gehen, weil man bei ihnen so gnadenlos unvorteilhaft aussieht: „Der Schorsch, also der Schorsch hat gesagt, dass ich da langgehen darf!“ (Kurzer Einschub: Schorsch ist Familiensenior und einstiger Besitzer sämtlicher Grundstücke rund um Haus und Garten). Und überhaupt stünde ja ein Auto von uns auch immerzu auf einem fremden Grundstück, welches uns nicht gehöre. Das nenne ich trickreich abgelenkt. Nicht das eigene Verhalten zur Debatte bringen, irgendetwas dazu sagen, wie Tschulligung oder so, statt dessen in einer Art Vorwärtsverteidigung die Vergehen der anderen aufzählen. Als ob sich damit eigenes Unrecht aufwiegen ließe. Es dauerte übrigens nicht lange, bis sich die Nachbarin wieder in ihr schützendes Haus zurückzog, der frühsommerlichen Hitze sei dank.
Antoniuskapelle 042

Der Kirschbaum stand im Frühjahr in voller Blüte

Der Sommer hat ohnehin seine Vorzüge, es ist warm und es lässt sich entspannt bei offenem Fenster arbeiten, während ein laues Lüftchen durchs Zimmer streicht. Die Hitze des Sommers verleitete nun den Sohn der linken Nachbarn, welcher ja rechts neu gebaut hatte, ebenso wie seine Frau, mit luftigen Latschen auf dem altbekannten Weg zu wandern: Flappflapp. Flappflapp.
Nicht, dass ich an meinem Schreibtisch gesessen hätte und ab diesem Zeitpunkt eine Strichliste geführt hätte, auf der ich genau die Anzahl der Personen und der begangenen Wege notiert hätte. Mitnichten. Aber das regelmäßige Flappflapp, Flappflapp machte es doch schwer, nicht darauf zu achten. Es schien, als habe der Zettel dort nie gehangen. Hallo? Hier ist weder Privatweg, noch Wegerecht.
Ehe der Ärger allerdings überhand nimmt, kommt kühle Überlegung dazu: Wird der Zettel, also Plan A ignoriert, dann kommt Plan B zum Zuge: Wir gehen hin und bekakeln das Ganze persönlich. Möglichst in Ruhe. Punkt. Gesagt, getan.
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Wenn es Ärger mit Nachbarn gibt, mutieren manche Menschen schnell zu Drachen.

Die jungen Nachbarn öffnen, und bitten ins Haus. Wir sitzen am Tisch, fangen an zu reden. Und es stellt sich heraus: Es ist ganz einfach. Sie haben selbst das Schild hingehängt, das mit dem Hundeklo, damit das kleine Kind nicht ständig in derartige Überraschungen tritt. Darüber, was das Wort „Privatweg“ aber ausgelöst hat, darüber hatten sie sich keine Gedanken weiter gemacht. Wir schwätzen ein Weilchen, versichern, dass sie auch weiterhin, wenn es eilig ist, so gelegentlich mal zwischen Haus und Garten laufen dürfen und gehen wieder.
Zwar kam noch irgendwann der Familiensenior, stiefelte als alter Platzhirsch noch einmal zum Kirschbaum im Garten und pflückte sich einige davon, doch dabei blieb es. Jetzt nehmen die Nachbarn ihr Auto, weil auf der Straße der Weg zwischen den beiden Häusern so viel länger ist.

2 Gedanken zu „Die Wanderung der Nachbarn – eine Fortsetzung

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