Große Ereignisse und ihre Schatten

Der Jäger, der im Erdgeschoss wohnt, hat heute Geburtstag. Da er ein notorischer Einzelgänger ist, wäre es ihm am liebsten, er bliebe – ganz wie sonst auch – allein für sich in seiner Küche. Es gibt solche Menschen. Der Mitbewohner hat aus längst vergangenen Tagen berichtet, als der Jäger sich gleich nach der Arbeit und einem kleinen Imbiss in den Wald verzog. Es gab Zeiten, in denen sich Vater und Söhne so gut aus dem Weg gingen, dass die Söhne noch nicht einmal merkten, dass der Vater im Urlaub war.

Doch leider sagten sich andere Jäger an, wollten gratulieren und so wuselte er in den vergangenen Tagen vor sich hin, räumte hier etwas weg und putzte an anderer Stelle etwas sauber. Dabei ließ er oft genug die Haustür offen stehen, so dass es im ganzen Flur eiskalt wurde. Irgendwie scheint bei den Männern als solchen ja dieses Ich-machs-mir-hübsch-und-gemütlich-Gen nicht so ausgeprägt zu sein. Solange sich kein Besuch ankündigt, sieht der gewöhnliche Mann keinerlei Notwendigkeit, leere Flaschen zum Container zu schaffen oder gar den Staubflusen unter dem Schrank auf die Pelle zu rücken. Erst wenn der Besuch quasi schon am Horizont zu sehen ist, verfällt diese Sorte Mann in quirlige Betriebsamkeit, saugt und wischt, was das Zeug hält und kauft den nötigen Getränkevorrat ein.

Reh im Wildpark: Da passiert ihm garantiert nichts.

Dabei werden auch Dinge erledigt, die seit Wochen und Monaten auf ihre Reparatur warten: So ist beispielsweise neben der Garage eine Unterstellmöglichkeit. Dort steht der Traktor, hinter einer Plane versteckt. Die Plane ist seit dem Sommer zerfetzt und eingerissen, bietet ein Bild des Jammers. Doch erst jetzt fiel dem Jäger auf, dass er dringend etwas unternehmen muss, weil doch so eine kaputte Plane ein ganz schlechtes Licht auf ihn wirft. Er besorgte eine neue Plane und befestigte sie, auch wenn das für ihn nicht so ganz einfach war, schließlich ist er nicht mehr der Jüngste und es dauerte lange, bis er so weit oben auf der Leiter stand, dass er die Plane anhängen konnte.

Er hustete die ganze Zeit, als wollte er dem nicht vorhandenen Hofhund Konkurrenz machen, lehnte aber jede angebotene Medizin ab. Heute morgen entschloss er sich, doch noch einen Arzt aufzusuchen, setzte das Bad beim Duschen ordentlich unter Wasser und fuhr los. Kam zurück, hatte eine drei große Laib Brot gekauft, schließlich sollten die Gäste zur Brotzeit auch etwas zu essen kriegen. Der Mitbewohner hatte Wurst und Leber besorgt, ich hatte eine Schwarzwälder Kirsch und einen Rührkuchen gebastelt, diesen noch mit Schokoglasur überzogen. Die Leber wurde in der Pfanne angebraten und mit Cassis und Balsamico gewürzt, auch wenn der Jäger darüber zunächst die Nase rümpfte, getreu seinem Motto: Was ich nicht kenne, will ich nicht, das kann gar nicht gut sein. Doch die anderen Jäger waren neugierig, ihnen schmeckte es ausgezeichnet und von den karamellisierten Zwiebeln habe ich noch eine zweite Pfanne voll geschmurgelt.

Jetzt ist der Tag vorbei, unten sitzt der alte Jäger noch mit zwei von seinen fünf Söhnen, vielleicht hat er sich doch darüber gefreut, dass er seinen Geburtstag nicht so ganz allein verbringen musste, dass er Kuchen und Torte und überhaupt etwas leckeres futtern konnte.

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