Stillen heißt: Jetzt ist Ruhe. Oder nicht?

Kaum lese ich krankheitsbedingt nur wenig im Netz, schon entgeht mir fast der neueste Aufreger. Aber dank der Großstädterin in der Oudewälder Provinz, die auf den Kiezneurotiker verwies, bin ich im Bilde. Danke.

Ein Cafebesitzer wagt es, die Mütter am öffentlichen Stillen zu hindern. Nun. Recht hat er. Ein Cafe ist schließlich zum Kaffeetrinken und Kuchenessen gedacht, vielleicht noch zum Zeitunglesen und sichunterhalten, nicht zum Tittenbegucken. Wie kommen Frauen darauf, so öffentlich zu stillen, dass jemand anders wiederum darauf kommt, sich selbiges zu verbitten?

Dabei finde ich die Sicht- oder Unsichtbarkeit der stillenden Mutter weniger wichtig, aber ich staune darüber, dass die Kinder das so mitmachen. Ich habe selbst drei Kinder bekommen und großgezogen, und ja, auch gestillt. Daher weiß ich aus eigener Erfahrung; Am Besten geht das Füttern in aller Ruhe. Das gilt für alle am Stillen beteiligten Menschen, die Mutter ebenso, wie das Kind. So irgendwo mittendrin zu stillen, im Schaufenster gar, das wäre überhaupt nichts gewesen. Da waren meine Liesen viel zu neugierig – und vielleicht auch nie so hungrig, dass nicht jede Ablenkung willkommen gewesen wäre. War irgendwo ein Laut zu hören, war Schluss mit schlucken. Statt dessen wurde der Kopf dorthin gedreht, wo etwas zu vernehmen und hoffentlich auch zu sehen war. Hatte das Baby die Brustwarze dabei nicht fest zwischen die Kiefern geklemmt, konnte ich mich glücklich schätzen. Ansonsten habe ich schnell dafür gesorgt, dass der Ort, an dem ich gestillt habe, so ruhig und ungestört wie möglich war.

Nebenbei: Einen solchen ruhigen Ort habe ich immer gefunden. Meine Mädels sind inzwischen alle groß und mussten zwischendrin auch nie und nimmernich hungern. Dafür bräuchte ich heute wahrscheinlich auch keine Petition, sondern würde – ob in der Hauptstadt oder Provinz ein dafür geeignetes ruhiges Eckchen finden. Und gleichzeitig dafür sorgen, dass sich auch niemand anders gestört wird. Sogar zu Kaisers Zeiten – und das ist wirklich lange her – wurde schon an stillende Frauen gedacht. Im Bahnhof von Bebra gibt es immer noch das Stillzimmer, dass in dieser Zeit als Refugium eingerichtet wurde. Ein Windfang hielt Blicke und kalte Luft fern, innen war alles hübsch holzgetäfelt, wie es damals so üblich war. Leider ist es – wie das alte Kaiserzimmer auch – gut verschlossen, da die Bahn nur einen kleinen Teil ihres Bahnhofes in Bebra noch braucht.

Könnte es sein, dass es eigentlich und überhaupt gar nicht so sehr ums Stillen geht? Sondern darum, in der Welt ordentlich Rabatz zu machen? Ob die junge Frau nun empört war, weil ihr bereits bei der Bestellung das Stillen untersagt wurde, oder ob sie auf ein ruhigeres Plätzchen verwiesen wurde, spielt dabei kaum eine Rolle, glaube ich. Natürlich ist es frustrierend, wenn Frau ein Kind bekommt, und sich ab dann alles nur noch um den Fratz dreht, egal, wie es ihr dabei geht. Und: Die Welt ohne Kinder dreht sich ebenfalls weiter. Und sie interessiert sich in den allermeisten Fällen weder für die Mutter, noch für das Kind. Das liegt in der Natur der Sache und ist auch nicht weiter schlimm. Erinnert sich jemand noch an „Dallas“? Da bekam in einer Folge eine der Darstellerinnen ein Kind, war himmelhochjauchzend und die fiese Böse kommentierte nur: „Dazu ist jede Katze in der Lage!“. Oder so ähnlich. Ich hab die Stelle auch nur deswegen noch in Erinnerung, weil wir damals, knapp zwanzig Jahre alt, ordentlich diskutierten, ob nun das Gebären von menschlichen Babys etwas Heroisches, etwas „Menschliches“ ist, oder ebenso kreatürlich, wie bei allen anderen Tieren auch. Hätte es damals schon Twitter gegeben, die Leitungen wären zusammengebrochen. Fürchte ich.

Böhmen 042

Ein Cafe.

Aber eines ist auch klar: So sehr wir Menschen uns möglicherweise vom biologisch-kreatürlichen Dasein entfernt haben, ein paar Reste davon sind uns geblieben. Eines davon ist das, was gemeinhin als „Stilldemenz“ bezeichnet wird: Hormone, Schlafentzug und das neue Leben mit dem Baby sorgen dafür, dass sich der Körper nur noch auf das Wesentliche konzentriert: Das ist die Versorgung des Kindes. Wunderbar. Doch ehe dann hysterisch auf jede noch so kleine mögliche Ablehnung reagiert wird, wäre es vielleicht besser, kurz durchzuschnaufen und dorthin zu gehen, wo Ruhe ist. Um dort zu stillen.

Ein Gedanke zu „Stillen heißt: Jetzt ist Ruhe. Oder nicht?

  1. Gähn? BerlinerInnen, die im Prenzlberg herumzirkulieren und das für den Nabel der Welt halten. Dann geht halt in ein anderes Café. Dass bereits bei der Bestellung das Stillen als unerwünscht eingestuft wurde, könnte man ja auch als Zeichen interpretieren, noch bevor man die Leistungen des Cafés in Anspruch genommen hat, eben ein anderes suchen zu dürfen. Gähn.

    Vielleicht bin ich auch nur neidisch und hätte gern ein Leben, in dem sowas mein einziges Problem sein darf.

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