Was bedeutet mir Wohnen?

Wenn ihr Lust habt, schreibt was – schrieb Stefanie auf KlunkerdesAlltags.

Und ich erinnere mich an einen Tag im November:

Die Arbeit war getan, das Wetter gut. Wir fuhren erst zum Stoffmarkt, dann weiter nach Plzen. Ein netter Mensch in der dortigen Tourist-Info rief bei verschiedenen Unterkünften an, der sechste Anruf war erfolgreich, wir sollten in einem kleinen Hotel in der Nähe der Innenstadt übernachten.

Erst ein Kaffee, dicht bei der Kirche, während es draußen dämmerte. Im Cafe wurde geraucht, das plüschige Cafe war recht belebt. Die Menschen unterhielten sich miteinander. Dann verabredeten wir, dass der Mitbewohner das Auto und Gepäck zum Hotel bringen würde, ich wollte mit der Lieblingshausziege noch ein bisschen bummeln, solange es nicht ganz dunkel war – und anschließend zum Hotel gehen. Falls wir es nicht finden würden, wären wir hier irgendwo rund um die Kirche. Diese war von allen Seiten gut zu sehen. Konnte ja nichts schiefgehen. Dachten wir.

Wir stiefelten los, überquerten sieben Brücken, schauten nach Schaufenstern, gingen zurück zur Kirche. Dort läuteten die Glocken den Feierabend ein, an einer Seite stand eine kleine Tür offen, hinter dieser führte eine Treppe nach oben. Wir gingen rund um die Kirche, über den Platz, schließlich fanden wir das als Ortsangabe für unseren Treffpunkt immer noch ausreichend. Auf der einen Seite wurden die Buden für den Weihnachtsmarkt aufgebaut, wir wollten erst zugucken, doch die Lieblingshausziege fürchtete, der Mitbewohner würde uns hier zwischen den Büdchen nicht finden. Er hatte nämlich als einziger von uns sein Taschentelefon zu Hause gelassen, war also für uns nicht erreichbar.

Wir warteten.

Eine Stunde. Eine und eine viertel Stunde. Uns wurde kalt.

Die Lieblingshausziege setzte sich auf eine Bank: Ist aus Holz, ist auch nicht kälter, als der Rest drumherum, sagte sie.

Noch eine Runde um die Kirche: anderthalb Stunden. Eine und eine dreiviertel Stunde. Längst waren alle Schaufenster beguckt und in gebotener Ausführlichkeit bekakelt.

Kein Mitbewohner in Sicht. Hat er sich etwa im Hotel aufs Bett gelegt und ist eingeschlafen?

Wir gingen in das gleiche Cafe, in dem wir schon am Nachmittag gesessen hatten, bestellten heißen Tee und Schokolade, fast so dick wie Pudding.

Planänderung. Wir hatten ja an zwei Hotels gefragt, das waren allerdings die falschen: Kein Mitbewohner hatte dort reserviert. Die Lieblingshausziege wollte noch einmal dorthin, aber vorsichtshalber alleine. Ich sollte warten, ob der Mitbewohner inzwischen auftauchen würde.

Wir warteten. Hätten wir uns doch ordentlich verabredet, der Mitbewohner sein Taschentelefon bei sich, ich mir den Namen des Hotels aufgeschrieben, wäre das alles nicht passiert.

Inzwischen liefen immer weniger Menschen über den Platz, es war bitterkalt. Wir bekamen Hunger, doch die Küche des Cafes war leider schon zu. Ja, ich hatte mir das entschieden anders vorgestellt. Als das Cafe gegen neun seine Pforten schloss, beschlossen wir, in einem der anderen Hotels ein Zimmer zu nehmen. Für eine Nacht auf der Parkbank war es entschieden zu kalt.

Ja, ein Zimmer sei frei, sagte die nette Concierge im Hotel, die vorher so lieb war, einige Hotels anzurufen, ob dort der Mitbewohner gemeldet sei. Prima. Wenigstens das. Sie brauchte den Ausweis. Ich kramte meinen aus der Tasche, und guckte zur Lieblingshausziege. Ihr Ausweis ist im Auto, erklärte sie. Die Concierge zögerte jetzt: Ohne Ausweis könne sie nur mir ein Zimmer geben, sagte sie.

Das ist nicht ihr Ernst. Doch. Das sei ihr Ernst. Das verlangte die Polizei so. Auf meine Frage, was wir dann jetzt machen sollten, wusste sie auch keine Antwort.

In dem Moment – auch wenn das jetzt wie eine erfundene Geschichte scheint – klingelte tatsächlich mein Taschentelefon und der Mitbewohner war dran. Er hatte sich daran erinnert, dass er eine meiner Visitenkarten im Portmonnaie stecken hat und konnte dann vom Hotel aus anrufen. Es hat nicht lange gedauert, bis wir uns an der Kirche trafen und schnell gemeinsam in das andere Hotel gingen. Es war nicht weit, tatsächlich nicht. Aber gesehen habe ich es trotzdem nicht.

Es waren zwar nur ein paar Stunden, die wir ohne ein Zuhause waren, aber es hat gereicht, um eine ungefähre Ahnung davon zu bekommen, was es heißt, bei Wind und Wetter, Regen und Schnee unterwegs zu sein und nicht zu wissen, wo das Zuhause ist.

2 Gedanken zu „Was bedeutet mir Wohnen?

  1. Eine schöne Geschichte, liebe Jaelle, die mich auch an Begebenheiten erinnert, wo man glaubte, dass man klare Absprachen getroffen hatte, es aber doch zu ärgerlichen Mißverständnissen kam. Aber Ende gut – alles gut. Liebe Grüße Edith

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