Webmasterfriday: Die Sache mit der Meinungsfreiheit

Das Grundgesetz unseres Landes garantiert mir die Meinungsfreiheit, solange ich mit meiner Meinung niemand beleidige, nicht gegen Gesetze verstoße oder Jugendliche gefährde. So weit, so gut. Meinungsfreiheit. Warum erinnert mich bloß vieles, was ich wahrnehme, eher an die Witze von Radio Eriwan:

Gibt es bei Ihnen Meinungsfreiheit?

Im Prinzip ja. Sofern Sie den Zorn der Andersdenkenden aushalten.

Hupft ein Konrektor gänzlich von Schultasche unbeschwert in die Schule, weil er von den Hauptschülern, die er unterrichtet, ohnehin nichts hält und lieber darauf spitzt, dass er möglichst bald in ein angenehmes Amt gewählt wird – steht nichts davon in der Zeitung. Statt dessen lese ich begeisterte Elogen über diesen Menschen, der in seinem doch noch recht jungen Leben bereits so viele Ämter neben seinem Brotberuf bekleidet, dass ich mich frage: Wie geht das? Jedes einzelne Amt würde eigentlich den ganzen Menschen fordern, wenn man ihm denn gerecht werden wollte. Aber vielleicht ist er ja eine multiple Persönlichkeit, die sich zerteilen kann, CSU sei Dank.

Wenn die Parteien – die längst nicht die Mehrheit der Menschen in diesem Land vertreten – nur darauf achten, dass sie wiedergewählt werden und ansonsten möglichst alles tun, was die Wirtschaft von ihnen verlangt, dann kuscheln sie dort, wo eine klare Ansage und eindeutige Meinung besser wäre. Während der Bürgermeister von Rotterdam nach dem Pariser Anschlag klar sagt: „Wenn ihr die Freiheit nicht wollt, packt eure Koffer und geht!“, erinnert mich das „Der Islam gehört zu Deutschland“ von Frau Merkel auch ein bisschen an ein „Ich liebe euch doch alle!“.

Zur Meinungsfreiheit gehört auch die Versammlungsfreiheit. Ja, auch die Menschen in Dresden dürfen sich versammeln und ihre Meinung sagen, auch wenn das den Zorn vieler hervorruft. Warum redet hier keiner miteinander? Ach, die anderen wollen nicht zuhören? Vielleicht würde ja ein respektvoller Umgang helfen, auch wenn der jeweils andere eine Meinung hat, die nicht die meinige ist. Wer offen und ehrlich miteinander reden will, muss auch hören, was der andere zu sagen hat, selbst wenn es falsch sein sollte. Vorwürfe und Kränkungen helfen auf beiden Seiten wenig weiter.

In ihrer Meinungsbildung lassen sich die meisten Menschen stark von anderen Menschen beeinflussen: Dabei hat das direkte Umfeld, die eigene Familie, die Menschen, die ich kenne und von denen ich möchte, dass sie mich wertschätzen, die stärkste meinungsprägende Kraft. Weil sich Menschen nicht isolieren wollen, äußern manche ihre (wirkliche) Meinung nicht. Otto von Bismarck prägte für diejenigen, die sich gegen die Meinung der Mehrheit stellen, den Begriff der Zivilcourage: 1864 Ausgepfiffen wegen eines kritischen Beitrages im preussischen Landtag, stimmte ihm ein Verwandter, der dabei gewesen war, hinterher zu: „Du hattest eigentlich recht. Aber so etwas sagt man doch nicht.“ Bismarck entgegnete: „Wenn du meiner Meinung warst, hättest du mir beistehen sollen. Aber man wird es nicht selten finden, dass es ganz achtbaren Bürgern an Zivilcourage fehlt.“ (Singer, Kurt: Zivilcourage wagen – Wie man lernt, sich einzumischen; Piper Verlag 1992)

So ist das mit der Meinungsfreiheit. Im Prinzip haben wir sie ja. Solange nicht die Mehrheit dagegen ist. Das war mein Beitrag zum Webmasterfriday.

5 Gedanken zu „Webmasterfriday: Die Sache mit der Meinungsfreiheit

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  2. Den Vergleich mit PEGIDA verstehe ich nicht. Es verbietet denen ja keiner auf die Straße zu gehen oder ihre Meinung zu haben, sondern es gehen halt auch die auf die Straße und zu Gegendemos, die anderer Meinung sind. Meinungsfreiheit für die einen fordern bedeutet auch, Meinungsfreiheit der anderen zulassen. Muss ich mit Rassisten und Faschisten wirklich diskutieren? Nein! Das haben diese in den Jahren zwischen 1933 und 1945 auch nicht gemacht. Dürfen wir solche Tendenzen klein reden? Nein, nicht mit den Erfahrungen, die wir gemacht haben. Sich offen gegen PEGIDA zu positionieren ist eben auch eine Meinungsäußerung, und offen dagegen zu Demonstrieren eben auch.

    Ich sehe die Meinungsfreiheit eher an anderen Stellen eingeschränkt. Nämlich dort, wo man die Meinung lieber nicht sagt, weil man dann seinen Beruf verliert, oder man bei der Arbeitssuche Nachteile erleidet. Ich sehe sie dort eingeschränkt, wo JobCenter Erwerbslose in sozialen Netzwerken überwachen, die dann natürlich genau abwägen, was sie sagen, weil eine falsche Meinung eventuell Schikanen oder Sanktionen zur folge hat. Da sehe ich Einschränkungen in der Meinungsfreiheit und da sind sie auch absolut problematisch.

    • Zu eins: In Dresden laufen viele Menschen mit, die würde ich auf den ersten Blick nicht unbedingt als Rassisten und Faschisten bezeichnen, nur weil sie montags dabei sind. Was mich durchaus abschreckt, sind die Anti-Reaktionen, die kein Gespräch zulassen, sondern nur beschimpfen und verurteilen. Ähm. Davon wird es nicht besser. Denke ich mal.
      Zu zwei: Völlig d’accord. Und da gibt es bestimmt noch viel mehr Beispiele… Das fängt spätestens in der Schule an.

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