Webmasterfriday: Gute Mädchen kommen in den Himmel?

Der Tanzstundenabschlussball der Lieblingshausziege ist glücklich vorbei. Sogar der Folgekurs ist bereits vereinbart. Weil wir auch über Erlebtes schwätzen, wie das so bei ihr und damals bei mir war, kamen wir drauf: Zu meiner Zeit gab es gratis zur Tanzstunde auch noch Benimmregeln vom Tanzlehrer. Dieses Vergnügen blieb der Lieblingshausziege erspart.

Daher kam auch meine Frage für den Webmasterfriday: Woher wissen wir eigentlich, wie wir uns offline oder online benehmen sollen? Oder anders gefragt: Gutes Benehmen und Netiquette: Kann man das von alleine oder muss man das lernen?

Zunächst ist der Mensch als solcher ein Nachahmungstäter, und zwar von Anfang an: Er sieht ein Verhalten – und kopiert es. Jeder, der ein eigenes Kind hat, kennt das: Kaum bringt der Fratz die ersten Wörter unfallfrei, spielt er Bushido auf der Rücksitzbank – jedenfalls dann, wenn er vom Fahrersitz die entsprechenden Stichworte geliefert bekommt. Wer hier einen Schreck kriegt, sollte sich selbst einmal zuhören.

Immer geht es um Aufmerksamkeit, wie beispielsweise offline: Lernt Hänschen, dass er von seiner Mutter erst dann beachtet wird, wenn er in den höchsten Tönen kreischt, nimmt er schnell die Abkürzung und spart sich sämtliche Zwischentöne. Auf Spielplätzen lässt sich das manchmal gut beobachten.

Wer online als Trollhans unterwegs ist, will auch gesehen werden. Da er gelernt hat, dass er mit sanften Tönen und verständigen Kommentaren weniger Gehör findet, als mit Provokationen und Beleidigungen, wird erst posten, bevor er denkt – wenn überhaupt. Wobei das schon so eine nicht ganz einfache Sache ist: Gerade das Netz verleitet dazu, direkter auf sein Ziel draufloszuschreiben, als mancher im Gespräch sich jemals wagen würde. Wer sich wundert, wenn die Antwort ausbleibt oder harscher ausfällt, als gedacht, sollte in einer ruhigen Minute mal darüber nachdenken. Vielleicht stellt er sich ja auch im richtigen Leben auf den Marktplatz und brüllt den nächsten Passanten an, dessen Outfit ihm nicht gefällt: „Ey, siehst Du sch… aus, Alder!“ Wenn nicht: Auch im Netz gilt ein einleitender Gruß und eine Verabschiedung als höflich. Trotzdem muss es – wie in einem Gespräch auch – nicht unbedingt bei jedem Post verwendet werden. Es kommt eben darauf an.

So, wie ich mich im richtigen Leben auf einem Tanzparkett anders bewege, als in einer Muckibude, bei einem Bewerbungsgespräch anders rede, als mit den Kumpels in der Kneipe, so unterschiedlich kann der Ton im Internet durchaus sein. Hier hilft: Erst gucken und lesen, dann mitmachen. Lieber zunächst etwas freundlicher als die anderen, so ist der erste Eindruck jedenfalls nicht der Schlechteste.

Dabei bietet das Netz sogar einen unschlagbaren Vorteil: Während ich mich im richtigen Leben während eines Gespräches nicht zurückziehen und erst mal über eine Antwort nachdenken kann, bevor ich mit beiden Beinen mitten in den Fettnapf springe, kann ich das online sehr wohl. Hier brauche ich nicht sofort zu antworten. Hier kann ich mir sogar richtig Zeit lassen. Oder ich antworte überhaupt nicht. Das ist besonders dann hilfreich, wenn mein Blutdruck auf 180 und der Adrenalinspiegel so hoch ist, dass ich lieber draußen Holz hacke, statt eine Antwort in die Tastatur zu hämmern, die beim Gegenüber Zornesadern schwellen lässt und ihn zum Gegenangriff aufruft. Zwar ist der Schlagabtausch online nur verbal, doch oft nicht weniger verletzend, als ein echter Schlag aufs, ja, wohin auch immer.

Doch im Netz ist die Kommunikation auf den schriftlichen Ausdruck beschränkt, weder Mimik, noch Gestik oder Tonfall lassen darauf schließen, ob etwas scherzhaft oder beleidigend gemeint war. Auch im Internet kann eine Beleidigung als Straftat geahndet werden. Zumal: Sie ist gespeichert und wieder abrufbar.

Wozu gibt es Regeln? Sie helfen. Wer sie beherrscht, hat einen Rahmen, in dem er sich sicher bewegen kann. Wer erinnert sich noch an die Stelle aus Pretty Woman, in der sie lernte, wozu dieses ganze Besteck und die Gläser sind. Und die – war es eine Schnecke? – wegflutschte und vom Ober mit der Hand gefangen wurde? Klar, man kann auch mit den Fingern essen. Wer aber das Besteck nur deswegen polternd verschmäht, weil er nicht gelernt hat, es zu benutzen, will vielleicht nur seine eigene Unsicherheit kaschieren. Mag sein. Er benimmt sich trotzdem wie ein Yankee an König Artus Hof.

Da es aber keine Schule für Benimmregeln im Netz gibt, muss jeder selbst probieren, wie er klar kommt: Trial and error, gewissermaßen. Manchmal geht das gut, ein anderes Mal nicht. So wie im richtigen Leben auch: Wer im Bewerbungsgespräch frech wird, kriegt die gewünschte Stelle selten.

Achja. Die anderen Webmasterfreitagsblogger haben sich auch ihre Gedanken darüber gemacht:

Hans

Alex

Henning

Breakpoint

Saphira

Melanie und Thomas

7 Gedanken zu “Webmasterfriday: Gute Mädchen kommen in den Himmel?

  1. Pingback: Die Sache mit dem “guten Benehmen”…

  2. Hallo Jaellekatz,
    ich hatte in der Tanzschule noch das Thema „Benimmregeln“. Gut, das ist auch mehr als 30 Jahre her. Ich kann mich aber noch erinnern, dass ich damals schon etwas darüber geschmunzelt habe. Eine Internet-Benimmschule wäre doch mal was, oder man erweitert den Lehrplan an „normalen“ Schulen, wo dann erzählt wird, dass es sich auch im WWW auszahlt, freundlich zu bleiben. Dieser Wunsch wird aber wohl noch lange ein „frommer“ Wunsch bleiben 😉
    LG Hans

    • Hallo Hans,
      Das wird die Schulen überfordern, fürchte ich :-), wenn sie den Schülern Benehmen beibringen sollen. Moderne Schüler trinken während des Unterrichts, gehen auf Klo, stehen auf, kämmen sich, schwätzen miteinander – alles nur, weil Lehrer lieber lieb sind, als sich durchzusetzen. Ach, und wenn das doch einer wagt, stehen die Eltern auf der Matte und beschützen ihr armes Kind. 😉 Was soll also gutes Benehmen…
      viele Grüße,
      Sylvia

  3. Moin,

    ein richtig guter Beitrag zu dem Thema, und dann noch mit Witz geschrieben. Bei dem Bushido auf dem Rücksitz musste ich herzhaft lachen, auch wenn das in der Situation vermutlich nicht lustig ist.

    Benimm Regeln habe ich in der Tanzschule auch noch gelernt, aber die kannte ich schon aus meinem Elternhaus. Da ich auch nicht wirklich Tanzen gelernt habe, war es also raus geschmissenes Geld.

    So Kurse für Internet-Benimm-Regeln wären doch glatt eine Marktlücke, wo man mal drüber nachdenken müsste.

    Ein schönes Wochenende noch,

    Thomas

    • Moinmoin,
      Bushido auf dem Rücksitz geht ja noch. Da hört ja kein Fremder mit. Stell dir das aber mal so im Supermarkt vor… alles schon erlebt :-), glücklicherweise nicht mit meinen eigenen.
      Mit den Benimm-Kursen wäre es wie mit Schreibkursen: Wer sie bräuchte, macht sie nicht, und diejenigen, die sie machen, bräuchten sie eigentlich nicht.
      Dir auch noch ein schönes Wochenende. Gleich geht es raus in die Fränkische.
      Sylvia

  4. Hi Jaelle,
    ein wirklich schöner Beitrag und ich sage mal auch so, dass man das gute Benehmen schon erlernen kann. Die Erziehung eines Einzelnen spielt dabei auch eine Rolle und wie man das Elternhaus verlassen hat, so benimmt man sich oft im wahren Leben.

    Später lässt sich aber schon einiges vom Benehmen erlernen.

    Wer im Netz sachlich, nett und freundlich bleibt, der kann auch sehr gut netzwerken und hat gute Karten und das Zeug dazu. Man begegnet auch viele Anfragen per Mail besser, wenn man freundlich bleibt und auch so antworten kann.

    • Hi Alex,
      ja, freundlich kommt man weiter. Das muss ja nicht gleichzeitig heißen, dass man damit alles abnicken und gutheißen muss. Es gibt auch ein freundliches „nein“. 🙂
      Dir noch einen schönen Sonntag,
      Sylvia

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