Gehört: Die geschenkte Freiheit

Vera Lengsfeld war in der DDR eine einflussreiche Bürgerrechtlerin. In ihrem Buch „1989 – Tagebuch der Friedlichen Revolution“ erinnert sie an das Ende der DDR.

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Vera Lengsfeld erzählt von ihrem Buch: „1989 – Tagebuch einer Friedlichen Revolution“

Als das Jahr 1989 begann, ahnte niemand, dass am Ende des gleichen Jahres eine weitgehend friedliche und unblutige Revolution dafür sorgen würde, dass der Osten Europas frei und demokratisch wird. Vera Lengsfeld, die Menschenrechtlerin, Dissidentin und Politikerin aus der ehemaligen DDR hat ein Buch über jede Zeit geschrieben, in der der Weg der Deutschen und der Europäer zur Einheit und Freiheit geebnet wurde.

Mit den Worten: „Demokratie lebt von Rede und Gegenrede, Demokratie heißt nicht: Denkverbot“, erinnerte Lengsfeld daran, dass auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung die Demokratie nicht ein für allemal gegeben ist, sondern die Mitwirkung aller Menschen erfordert.

Vom Beginn der Montagsdemonstrationen über die ersten freien Wahlen in Polen bis zum 40. Jahrestag der Gründung der DDR – Lengsfeld skizzierte in ihrem Buch nicht nur das entscheidende Jahr des Umbruchs, sondern auch den langen Weg der ostdeutschen Friedensbewegung bis dahin: „Wer weiß denn noch, dass sich Mitte der achtziger Jahre die Blockmächte bis an die Zähne bewaffnet gegenüberstanden und im Fall eines Atomkrieges Deutschland der Boden war, auf dem dieser ausgetragen werden sollte“.

Der Friedensbewegung in der ehemaligen DDR blieb laut Lengsfeld nur ein einziger Freiraum: Die Räume der evangelischen Kirche – wenn denn die entsprechende Kirchengemeinde damit einverstanden war.

„Haben Sie geahnt, dass es so kommen wird?“, fragte einer der Zuhörer, die mit mir gemeinsam dem Vortrag lauschten und Lengsfeld entgegnete, dass mit dieser ganzen Entwicklung niemand gerechnet hatte.

Alexander Schalck-Golodkowski hatte in einem Interview einmal zugegeben, dass die DDR seit 1983 eigentlich pleite war. So wurden für Oppositionelle höhere Strafen verhängt – damit die Freikaufsummen, die der Westen zahlte, ebenfalls höher waren.

Ob das System der DDR ohne diese Zahlungen nicht eher zusammengebrochen wäre, fragte ein anderer Zuhörer. Dann hätte das Regime vermutlich nicht so friedlich abgedankt, mutmaßte Lengsfeld. Immerhin war selbst die Sowjetunion zu dieser Zeit pleite, Ende 1989 bis Mitte 1990 herrschten dort Hungersnöte, von denen kaum jemals etwas bekannt wurde.

Der Vortrag war spannend, die Zuhörer beeindruckt. Leider fiel mir meine Frage zu spät ein, um sie Vera Lengsfeld noch zu stellen: Wie viel sie von dem, was sie schildert, überhaupt selbst erlebt hat. Und: Muss man das selbst erleben, um darüber zu schreiben?

Sie wurde doch 1988 verhaftet, als sie mit einem selbst gemalten Plakat an einer staatlich organisierten Demonstration in Berlin teilnahm. Auf dem Plakat waren die Worte von Artikel 27 der Verfassung der DDR zu lesen: „Jeder Bürger hat das Recht, seine Meinung frei und öffentlich zu äußern“. Lengsfeld wurde ausgebürgert, war seit 1988 in England, in Cambridge, also auch 1989. Erst am 9. November, an dem Tag, als die Mauer fiel, kam sie aus privaten Gründen in die DDR zurück.

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Vera Lengsfeld beim Signieren.

Vielleicht klingt deswegen das Buch für mich doch ein bisschen distanziert: Lengsfeld war schließlich nicht direkt dabei, auch wenn sie die Notizen aus ihrem Tagebuch mit den öffentlichen Pressemeldungen verquickt. Dafür schildert sie die Ereignisse dieses Jahres, wie sie sich zunächst ganz banal ereigneten, bevor es zur eigentlichen Wende kam. Historische Exkurse schaffen dabei einen Rahmen, stellen alles in den entsprechenden Kontext. Schließlich waren die Lebenswelten der Menschen, die in der ehemaligen DDR lebten, oft völlig unterschiedlich, je nachdem, ob es einfache Bürger oder Apparatschiks waren.

 

(Erschienen im Fränkischen Tag)

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